Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3010 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gell« 2 Wien. Freitag Wrener Morgenzettung 15. Juli 1627 Nr. 3010 Minorität in Sesterreich. —y, Wien, 15. Juli. Das MnorLtätsvecht konmrt imn auch nach Oesterreich. fS*x Lmidtag von Kärnten hat über rin Gesen zu beschUe^n, "daß den SÄvenen die Selbstverwaltung tu ihren kultuvel- «■len Angelegricheiöeit eintdumt, Sie erhalten als oberste nas^tümabe KÄPerschast rinvu Bolksrat, den über alle Möglicher 'der- MtLan ein Volksbuch führt bmd das Recht erhält, nach Ermessen öffentliche Schulen zu -errichten. Das ist!M^fehr gwffer Fortschritt in der Entwicklung! unseres öfservt- -süchw Rechtes und er ist 'vor allem aus außenpolitischen .-'DksWZPWKterr zu begrüßen. Es falten -viele Anlässe zu ür- -ZttlichM DGennzen zwischen Oesterreich und Jugoslawien weg und dyn Hchmm von» Mrit und drüben ivird viel Styff ihrer Agitation entzogen. Der Errtiourf ist auch eine sehr deutliche Msage an hie Vergangenheit, in der die slorvenischen Beschwerden einen sehr breiten Raum eingenommen haben. Die Gott sei Dank scharf vergessene Cillier Frage verschwindet endgültig in denk Augenblick, wo ein österreichisches Bmrdesland ^aran geht, dem Beispiel Estlands zu folgen, das dseine Minoritäten gesetzlich restlos befriedigt hat und ihnen dadurch den Weg öffnete, alle ihre Kräfte zum Gemeinwohl Mitwirken zu lass«!. Bedeutsam wird der Enttmrrs des Kärntner Landtages durch die Tatsache, daß damit der Bestand einer Mnerhkit offiziell mib von Gesetzes wegen anerkannt wird, Der Charakter des homogenen nationalen Staates erhält nunmehr ein entschiriwnes Den«nti. Es handelt sich irr Kärnten um eine sprachliche Minorität, aber die Feststellung ihrer Existenz ist rin sehr wichtiges Präjudiz. Tie Slowenen sind in Kärnten rin nkcht bloß politisch, sondern auch wirtschaftlich bedeutender Faktor. Mle Parteien müssen' mit ihnen rechnen fimb demgemäß müssen heute auch alle Parteien für das natürliche Recht her Slowenen auf freie Entwicklung von Sprache uch Kultur, aus freie Erziehung ihrer Jugend rintreten. Die Slowenen sind gut organisiert, sie HMn ihre Forderungen immer wieder öffentlich gestellt und so muhte man zu ihnen Stellung nehnmr und hex deutsche Nationalismus mußte sich daPt bequemen, eMich auch an die Verpflichtungen ans dem Friedensvertrag zu denken, die dort bezüglich derer stehen, die nach Mäste und Sprache . der Staatsnation nicht angehören. Run gibt es nutzer der stMemschen auch noch die jüdische Mncherheit in Oesterreich. Man verletzt wohl keine inatioMl« Empfindlichkeit der Slowenen, MMN man sagt, daß LPe soziale mch wirtschaftliche Bcheutung an die der Mwn nicht im entferntesten heranneicht. Man darf dies!..üm so Nkchesrsgter fkststellen, als ja einer der slowenischen 'Diaspypa-Mhrer, Dr. Wilsan als Präsident des Minorii)täterffsngke.sses warmherziges Verständnis für die jüdische 'IFragtz gezeigt hat. Die jüdische Minorität hat genau .so wie die Slowenen sich für Oesterreich entschieden und sie ist in allen Zweigen des Lebens der Mellfchast hervorgetrietm Daß sie an Zahl der slowenischen Minorität überlegen ist, Mollen fvir nur nebenbei bemerken. Denn für die Frage eines ‘ MechtspxiWps spielt die Kopsstärke imr in Mlitaristjschen MwäguMN eine Rolle. Die jüdische Minorität wich von niemandem geleugnet. Ast Partei^ wissen es und sagen es täglich, daß es,hier Juden gibt und .das solt doch nichts anderes bcheuten als der Ausdruck für eine Verschiedenheit. Die regierenden Parteien sind antisemitisch, sie geben pro- : igramnratstch, aber nur negativ ihrer Meinung Ausdruck. . Mes positiv zu gestalten wäre eine wichtige Ausgabe der jüdischen Minorität, die iipi so wichtiger wird, als doch jetzt in hiesc arre Mauer dev Staatsnation eine Bresche helegt ist. Das würde aber voraussetzen, haß dlst jüdische Minorität von ihrem Wert und von der Berechtigung ihrer Forderungen überzeugt ist. daß sie es zu erkennen gibt, wie sehr sie den Zustan ddsr Wehrlosigkeit empfindet,'und daß sie ihre Mrcher frei von dien Pöbelinstinkten antisemitischen Janhagels zu erziehen wünscht. . Sie nrgßte sich organisieren, Md zwar ja, daß sie zu keine? Zeit für Sozialdemokraten und Einheitslistler als Stimmvieh' in Betracht kommen kann- Sw muß in das politische Leben Oesterreichs als nationale Individualität eingreifen können. Das Mittel hierzu haben die Slowenen ge- Kigt, auf die man hören mußte, obzwar sie nur eine Minorität sirch. Die jüdische Bevölkerung Oesterreichs ist in dieser iGruNdsrage ihrer Existenz nicht einig. Mer von feie* positiven Beantwortung dieser Frage hängt hoch ihre Rechtsstellung ab Und Vas beweist uns jede Meußerung der negativen mrtisemitischen Beantwortung. Ter Judenhaß ist doch nur darum so frech geworden, mit er ftm uns nicht politisch behandelt wird. Wir haben keine Schulen, obzwar wir das Recht auf sie besitzen. Ja nicht einmal die jüdischen Kultusgermindkn dürfen sich zu einem technischen Verband zusammMchließßn, weil das bestehende Metz, das dies gestattet, unwidHriprachen gegen sie nusgetegt wechm darf. Wir haben -keine jüdische Organisation, die die Jugend sesthäft w# so mmdept sie. so weit sie öfstntliches Interesse hgt, in die lmksradikake Assimilation ab, Mr l-abben nicht einmal eine jüdische Organisation, die im Namen der jüdischen Gemetnschast gegen dis antijMsche Hetze auch nur protestiert und so haben wir keine jüdische Organisation, die die herrschenden Parteien uD die» Sozialhenwkraten an 'den 'Friedensvertrag erinnert. Wir zahlen willig \\\u gerne Steuepjl für den Bund, der keinen Juden anstellt, für die Stadt, dle für die jüdischen Vereine und ftir die jüdische Kultur absolut kein Verständnis sinken will, wir zahlen für die Majorität. Und sind dessen zufrieden. Die jtidische Minorität muß aber den Willen aufbringen, sich ihr Recht zu erkämpfen. Sie must sich ihre Organisation schassendann wird niemand über sie htmoeggeheu dürfen Autonomie der Kömtmer Slowenen. Rationaler Kataster. — Lestentlich-rechMcher äbaratter des " ‘ Bottsrates. Im Kärntner Landtag wurde gestern rin v o n a l l e n Parteien, Sozialdemokraten, Landbündlern, Christlichsozialen, Grotzdeutschen und Slowenen Unterzeichneter Antrag den: Schulausschutz zugcwiesen, der der Kärntner slowenischen Minorität volle Selbstverwaltung auf dem Gebiete des Schulwesens und darüber hinaus die Zusammenfasinng aller Volksgenossen Md eine gesetzlich anerkannte nationale Autorität, einen slowenischen BolkSrat, gewähren will. Der Gesetzentwurf sieht u. a. die Bildung eines slowenischen Volksrates vor, der van der slowenischen Volksgemeinschaft nach den Grundsätzen des Verhältniswahlrechtes gewählt wird. Der Volksgemeinschaft kann jeder LandeSbürger durch frei- Wjlltgnd Bekenntnis Seitreten. Die Abgabe des Bekenntnisses kann bei jeder Gemeinde Kärntens erfolgen und ist mit der Eintragung in daS slowenische Volksbuch verbunden. Das Recht zur Anfechtung eine? Eintragung in das Volksbuch steht nur dem Vylksrat selbst und auch nur gegen die Wiedereintxagung eines freiwillig aus der Volksgemeinschaft Ausgeschsedsnen zu. Die Volksgemeinschaft hat das Recht der Selbstbestimmung. Der wichtigste Bestandteil des Gesetzentwurfes ist die Regelung des slowenischen Schulwesens (Mmoritätsschule). Darnach erhält der Bolksrat daS Recht, überall im Lande öffentliche Schulen SU errichten. Wo Eltern von mehr als vierzig schulpflichtigen Kindern eS verlangen, muß eine öffentliche slowenische Volksschule errichtet werden» deren Persanalaufwand das Land übernimmt. Hiezu werden BuudeSüeiträge angefprochen werden. Für jede slowenische Schulgemeinde wird von den Gvmeinschaftsmitgliedern ein slowenischer OrtSschulrat gewählt. Die slowenische Bylksgemeiflschaft ist berechtigt, für ihr« Schulen einen eigenon Schulinspektor zu bestellen. Unav» hängig von der Schaffung autonome? öffentlicher Schn? len bleibt die Berechtigung S«r Errichtung von R r i - vfftfchulen mit slowenisch or Unterr i ch t s s p r a ch e nach den Gesetzen dos Landes und dem Friedensvertrag von St. Germain anfrecht. Schließlich erkennt der Gesetzentwurf allen slowenischen Selbstverwaltnngseinrichtungen auch das Recht deö ' Gebrauches der siowmischen Sprach? bei ihrer inneren Tätigkeit zu, * Hn hem MotivmbexiHt zu dem Gesotzentwuxf heißt es unter miderem: „Der Grund, warum der Antrag auf Gx§ lassung dieses Gesetzes gerade im gegenwärtigen Augenblick gestellt wirdist die Bedeutung, die der Vollen Befriedigung MsoM sprachlichen Minderheiten durch gesetzliche Verankerung alle? für ihre kulturelle Entwicklung notwendigen Voraussetzungen znksmmt. Kärnten soll unter allen deutschen Ländern den Vorzug genießen, die Frage des Schutzes hßr sprachlichen Minderheiten in günstige? Weise und restlos zu lösen. Kärnten wünscht die Beseitigung jedes 'Mißtrauens seiner l sl o w e n i s ch e n L a n d e § h ü? g e?. Es wünscht dt« Sicherheit des nationalen Friedens im Lande und ist bereit, dafür grotze Opfer zu bringen, Opfer, die auch in materieller Beziehung trotz der Armut des Landes weit über die durch den Vertrag von St. Germain auferlogten Verpflichtungen hinausgehen. In dem Bestreben nach kultureller Befriedigung seiner nationalen Minderheit hat Kärnten alle Stimmen beachtet, die auf dein europäischen Festland in der Minderheitsfrage laut geworden sinh. Namentlich waren eS die Entschließungen der verschiede neu Minderheitskongresse über die kulturelle Autonomie. Re slowenische Autonomie. Vorstehend teilen wir die wesentlichsten Be'' stimmnugen des Gesetzentwurfes mit, ^>er gestern von allen Parteien des Kärntner Landtages eingebracht worden ist. Noch sind die Triebkräfte nicht ganz ersichtlich, die die Kärntner Landespartsien zu dieser Weit« Herzigkeit veranlaßt haben, man wird aber kaum fehlgehen. wenn man annimmt, daß sämtliche Parteien Kärntens, da sie, nngoachtot des Umstandes, daß dis Slowenen im Landtag durch eigene nationale Abgeordnete vertreten sind, unter der flowenischen Bevölkerung Anhänger zählen, auch deren Stimmen in Hinkunft nicht missen möchten. Selbst die sehr deutschradikal tuenden Landbündler haben immer um flowenische Stimmen geivorben. Der verflossene landbündlerische Landeshauptmann von Kärnten, S ch n m v. soll, trotz seiner deutschen Erziehung, flowenischer Abstammung sein und daraus nie ein Hehl gemacht haben. In der deutschen Agrarpartei, aus der sich de? Landbund entwickelte, saßen schon vor dem Krieg Slowenen- Einer derseleben, namens Lutschounig, war sogar deutschagraxischer Reichsratsflbgeordneter und als solcher auch Mitglied des deutschen Nationalverbandes. Die Sozialdemokraten und die Chriftlichsozialen hatten hei den letzten Wahlen eine sehr star Agitation unter den Slowenen getrieben, während die Großdeutschen heute in Kärnten bedeutungslos sind, gbex, da sis doch als Einheitslistler' kandidierten, die slowenischen Stimmen gerne in den Kauf nahmen. Gewiß sprechen auch außenpolitische Erwägungen dafür, die Slowenen zu national zufriedmgestellten Landeskindern zu' machen und auf diese Weise jener Agitation entgegensuwirktzn, die zeitweise von Laibach aus ch?e Wellen über die Kärntner Grenze wiest. Ein Teil Kärntens kam auf Grund der Bestimmungen des Friedenßtzoxtrages erst nach einer Bslksghsttmmung im Jahre 1920 wieder zu Oesterreich. Es ist dies das Gebiet um den Wörthersee bis zur Grenze. Schon vor der VoMabstimmnng wurde den Slowenen versprochen, wenn stf sich für Oesterreich entscheiden, würde ihnen eine weitgehende nationale Selbperw a l t n n g gewährt werden, Die Slowenen haben sich s Oesterreich entschieden, und nun geht de? Kärntner Landtag daran, das VeresPrechen etnzulösen, unbekümmert darum, daß die Alldeutschen verlangen, im Königreiche S. H. S. mühten vorerst die Deutschen dieselben Minherheitsrechte wie die Kärntner Slowenen erlangen. 8er österreichisch-tschechische Handels, vertrag abgeschlossen. Prag, 14. Juli. Im Bußenaußschutz des GenÄs erklärte Außenminister B e n e s ch in Beantwortung - vexs schwdenex Anfragen unter anderem, daß die Berdandlungm mit Oesterreich eben beendet wurden und daß der entsprechmde Vertrag in der kttrzesterr Zeit unterzeichnet werden wird, Die Frage der Aufhebung der Pätzvtsa begegne mancherlei Gchwierigkeiten, maic stoße hiebei auf finanzielle, administrative, politische und syzialwixtschaMche Hinderniffe. Nach und nach gelange man auch in dieser Angelegenheit zu einem Uebereinkommen und in Kürz? dürfte vielleicht das Problem ganz erledigt sein. GegeMväriig werde diesbezüglich mit Q e st e x r e i Ä und Deutschland verhandelt. In Beantworiung andere? Anfragen besprach der Auhenministev auch die intornatianals Lage und sagte unter anderem, es seien Versuch» zur HervppMsung von Konflikten in Mittelouropa, die sogenannte Aktivität der ungarischen Politik, und Versuche zur Schwächung de? Minen Entente tlnternymmeu worden. Trotz einer geringen Entspannung sei das alles noch nicht überwunden. Der Konflikt aus dm Balkan, wegen des Bertrages von Tirana sei bisher nicht e r?- bech i-g t uird bleibe tzarlänfist im Stadnun des Auwartens. Fords SrklSrunsen -ewilm« SMein Mt bk Me »ifflt ziM. Rew Voxk, 14. Juki. Dor Herausgebe? dsr „Aewifti xribune" Herr Hsrmann B 8 r n st e i n den Henry Ford im „Jnternationalm Anden" angegriffen hat, läßt durch feinen Rechtsanwalt, Hrmr N n t e r m y e r, erklären, daß er seine Klage nicht zurttckziehe. Es verlautet, daß der Berireter von New Aork im Kongreß, Nathan Perl man, an dm Zustmchekommen der Fordschen Erklärung maßgebend beteiligt war, Er steht jedoch auf der Forderung, daß die antisemitischen Redakteure des „Dearborn Independent" entlasten Werden, 8vrßs Rswvyrk. 14 Joli. Me HgMksksmmM des NM»hst«lsv Hst«nS, kmen WtMdek mW Anden sind, Mut W Veranstaltung tim gschsn PtzpföhnungSfsisr, zu de? anch Hsmtz Ford ringelsden mrdm soll und auf der ein natu* haster Führer de s Judentums dm GesiNNUNgsWßchsil Fords preisen soll. steotior geitiiB glouBt nliBtf. Vtzpktn, 18. Juli. (SU. %, QL) Ditz ptzotschnatwnqd'BMschv ,,Deutsch«» Ztzitvflg" drückt ihre Zwsistl st her die Mtstilungen von Fords Abktzhr vom Antisemitismus aus. M Mt der Wt" thilung, daß Ford dir Anwsisung Weben Hätte, seine Schrift „Do? internationale AM" suS dm Buchhandel zurüchuzsthen. dis SMärnng Meodgr FritfchS rvm „HammE^Msg in LeWst gegsntzher, der als d?, HprguWbx? der dWtschm Ausgstbtz des genannten Werkes mitstilt, daß ihm wn ein« der» artigen Zurückziehung nichts bekannt sei. W Wist darauf hin. daß Fords „Desrhym Independent" sicherst vor kurzem in ganz eindeutiger Weise über die LuMfrage geäußert hat, Per „Hqmmer"^6erlag hat sich an dtzn amerikanischen WßMki Verlag um AnWrnng gewandt- ^13534