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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-13 · Heft 3008 (13.7.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3008 (13.7.1927)
Date
1927-07-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Mittwoch wiener Morgenzettung 13. Juli 1L27 Nr. 3008 vevvcnk. ircvcciim Gedenkblatt für Sr. Mach Braun. Bon Dr. Siegfried Plaschkes. Bcsclicidcn, anspruchslos und — fast möchte man ragen — geschmackvoll, wie er gelebt und gewirkt hat, ist vor Monatsfrist ein großer Wohltäter l>egraben worden. Nach seinem Wunsch wurde der Leopoldstädter Arzt D r. M ori z Braun in aller Stille bestattet. Er wußte wohl, daß Hunderttausend? seinem Sarge hätten folgen müssen, wenn alle, denen er in ''einer 50jährigen Praxis als Arzt und noch mehr als Mensch wohlgetan, gekommen rvären. Dr. Braun gehörte sozusagen überall zur Familie und es war selbstverständlich, daß er half, auch wenn es sich nicht gerade um eine Krankheit handelte. Er gehörte zu den setzt wohl schon sehr selten gewordenen „Hausärzten", der in allen Lebenslagen der Familie beratenden und oft bestimmenden Einfluß nahm, da man mit Recht von diesem warmsühlenden und scharfsinnigen Menschenkenner ein richtiges Urteil envarten konnte. Sein Wissen in fachlichen und allgemeinen Dingen nxuerstaunlich. Es nahm daher nicht Wunder und war bezeichnend für ihn, daß der gedrungene, eher Keine Mann ohne Hut, mit dem schönen Kopf, den volles, braunes Haar, eine edle, hohe Stirn/ kluge, gütige Augen un-d ein kurzer Bart zierten, immer — ob man ihn nun in seinem ziemlich scharfen Gang auf der Straße oder in der Straßenbahn antraf — in einem Buch oder Zeitung las. Pole«. Jugoslawen, inüarn, Bnmanen KMSnleutnmt Mike fliest nicht- Der Grundzug feines Wesens war, wenn man es bedenkt — Pietät. Er ist stets seiner Herkunft und sich treu geblieben! Er hat es — eine Lehre für viele Juden, die „etwas" geworden sind — nie vergessen, daß er vor 60 Jahren als armer jüdischer Student aus Raab nach Wien kam un-d nur unter größten Entbehrungen sein Ziel un-d Ideal erreichen konnte, Arzt und Helfer der Schwachen zu werden. Er hatte es am eigenen Leibe -erfahren, wie wohl es tat, daß Menschen sich gegenseitig Helsen — und handelte darnach. Auch seiner jüdischen Mutter und Abstammung blieb er eingedenk und nahm lebhaften freudigen, Lster aber betrübten Anteil an den Geschicken seines Volkes. Seine besonderen Schützlinge waren zur Zeit der -Pogrome und des Krieges die Flüchtlinge aus dem Osten. Er war, obzwar Jude und Ehrist in gleicher Weise bei ihm geborgen waren, Jude mit Leib und Seele und, soweit eS seine karg bemessene Zeit erlaubte, Förderer und Verfechter der jung-jüdischen Idee — ohne allerdings persönlich hervorzutreten. Wie wenig er es verstanden 'hat, aus seiner umfangreichen ärztlichen Tätigkeit Kapital zu schlagen, beweisen die letzten Jahre feines Lebens. Von schwerer Krankheit Heimgesuch.', hat -er, der so -vielen gab und schenkte, zuletzt in Kargheit gelebt. Trotz Armut hat er aber -im Tode noch geschenkt: fein Testament verpflichtet -den Uebernehmer seiner Praxis, seinen Freund 'Dr. Rosner, eine bestimmte Zeit hindurch nach seinem Ableben einen Teil der Einkünfte einer Stiftung zuzuführen, aus der arme jüdische Studenten Prüf-ungs- und Promot'.ons- [ gebühren erhalten sollen. £ Post nach Polen befördern Sie am sichersten und schnellsten als Luftpost. Ein Brief kostet 60 Groschen. Die Luftpost kann bei allen Postämtern und am Abflugtage bis 7.20 früh beim Hauptpostamtc aufgegeben werden. Bisher 305.000 Briefe befördert. WIENER™ ««WIENERIN alle, die Seidenstoffe gut und billig kaufen wollen, besorgen Ihren Einkauf in den 5. 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Der auf dem äußersten völkischen Flügel stehende frühere Kommandant der „Ayesha", Kapitänleutnant Hellmuth von Mücke, richtete an den Ozeanflicger Ehamberlin während dessen Anwesenheit in Berlin ein sehr umfangreiches Schreien, in welchem dem Amerikaner' empfohlen wird, gewisse republikanische Einrichtungen, rvie Reichstag usw„ zu boykottieren. In dem Schreiben leistete sich Herr von Mücke den folgenden Satz: „Gehen Sie auch nicht in Kaffeehäuser. Der Deutsche hat kein Gxld mehr, in Kaffeehauser zu gehen. Was Sie dort treffen, sind meistens Leute, die vom Osten hergekommen sind, nachdem in Polen die Wehrpflicht eingeführt wurde." Levine tvird in dem Schreiben nicht mit Namen, sondern als der „Mitflieger ' erwähnt. — Das Schreiben wird jetzt durch v. Mücke in der völkischen Presse veröffentlich. Daß sich Mücke entschlossen hätteso wie Levine als Mitflieger zu fungieren, davon steht in seinem Briefe Jas englische Weißbuch über Palüftina. Lao ziel der englische« Politik. — Per Wische Bodenbefih. London, 11. Juli. Der Bericht der britischen Regierung an die Mandatskommission, der als Weißbuch erschienen ist, geht nach Abschluß des allgemeinen Teiles (siche „Wiener Morgenzcitung" vom 8. und 11. Juli) auf die in dem Fragebogen der Kommission berührten Angelegenheiten ein. Die Frage, -die zuerst gestellt ' ird, lautet: „Welche Maßnahmen sind ergriffen worden, um das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen zn stellen, daß die Errichtung des N a t i o n a l h c i m s für das jüdische Volk gesichert werde?" Die englische Regierung antwortet auf di-ese Frage: „Die Politik der Regierung in Palästina zielt darauf, alle Einwohner des Landes, ohne Unterschied der Nasse und der Religion, auf eine Basis der Gleichheit zu bringen. Das Wirken einer guten Negierung schafft von s e l b st Bedingungen, die für die Entwicklung der jüdischen Siedlung in Palästina günstig sind." 13.081 jüdische Einwanderer wurden 1926 in das Land gelassen, 64.000 Dunam Boden zn einem Gesamtkostenüetrag von rund 100.000 ägyptische Pfund wurden von jüdischen Käufern zu Zwecken der jüdischen Siedlung erworben. 3308 Bürgerschaftszertifikate wurden 1926 an Juden gegeben. Die Enteignungsvorschriften der Bodenordnung tvurden angewandt, um die Erwerbung von Terrain für die Bibliothek der hebräischen Umiverfität und für die Jordan-Werke der Pale st ine Electric Corporation zu ermöglichen. Jüdische Industrien und jüdische GiedlungScrrbeit wurden durch Wschaffung oder Reduzierung der Zölle auf Weizen, Baumwolle, Seide, Kunstseide, Woll- und Kammgarne, Säcke, Faßreifen, Oelsanieu, Dränageröhren usw. gefördert. Die Aktivität in der Gründung Mischer kooperativer Gesellschaft ist ungemindert. Verfügungen gemäß der G e m e i n d e o r d n u n g für die weltliche und religiöse Organisation der jüdischen Gemeinden sind entworfen worden. Die Palästina-Regierung gewährte den Schulen der Jewifh Agency für das Jahr 1926/27 eine Beihilfe von fast 10.000 ägyptischen Pfund. Die Beihilfe für das jüdische Schulwesen pro 1926/26 belief sich auf nur 3679 ägyptische Pfund. In Beantwortung verschiedener Fragen betreffend die Funktionen der Jewifh Agency und deren Zusammenarbeit mit der Palästina-Regierung teilt die britische Regierung mit, daß die Jewish Agency ihre Beobachtungen. und Ansichten über den Entwurf des Arbeiterentschädigungsgesetzes, über Verbesserung des Bodeuregisters und über die Organisation der jüdischen Gemeinden ausgedrückt hat. Es tverden in der Antwort auch Zahlen mitgeteilt, über die Leistungen der zionistischen Organisation für wirtschaftliche Zwecke und im sozialen Dienst. Zum Schluß wird mitgeteilt, daß seitens des Präsidenten der Zionistischen Organisation erfolgreiche Verhandlungen betreffend die Teilnahme der amerikanischen Judenheit an der Jewish Agency geführt worden sind. Der in jüdischen Händen liegende palästinensische Bodenbesitz beträgt gegenwärtig rund 260.000 Acres." Sur Geschichte jüdischer Bolksbröuche Von I. Bergmann, Berlin.*) HL WachnaA. In allen Religionen finden sich im Kultus Reste uralter Brauch. Noch in der Kaiserzeit, als in Rom jeder Halbwegs - wohlhabende Haushalt bronzenes und silbernes Gerät hatte, verwendete man beim Opfer tönerne Gefäße. Im lesbischen Tempel war noch in späterer Zeit der Gebrauch von Eisen und Bronze untersagt: eine deutliche Erinnerung an die Zeit, in der Eisen und Bronze noch unbekannt waren. Die gleiche Erscheinung beobachten mir auch im jüdischen Gotteshause, wenn in der Gegenwart noch der Schriftabschnitt aus einer geschriebenen Thorarolle verlesen wird. Auf allen Gebieten des Lebens muß das Alte dem Neuen weichen; im religiösen Leben jedoch heiligt der religiöse Inhalt auch die Form, und das Alte gilt als ehrwürdig und ist dem Herzen heilig. Zuweilen geschieht es sogar, daß sich im religiösen Leben eine Sitte in ihrer äußeren Form erhält, auch wenn sie ihren Bedeutungsinhalt längst verloren hat. Um den Toten zu besänftigen und freundlich zu stimmen, wurde bei den heidnischen Völkern in alter Zeit ein Btutopfer dargebracht. Als Ersatz für das Blutopfer kam später die rote Farbe zur Verwendung. Noch im fünfzehnten Jahrhundert war es in Florenz üblich rote Bahrtücher zu verwenden, die Totenkapelle rot auszuschlagen und den Toten in einen roten Mantel zu kleiden. Ebenso wurden bei den Juden des Mittelalters neben weißen auch rote Leichenkleider verwendet. Die Verwendung der roten Farbe hat bis in die Zeit sortgedauert, in dxr an die Opferbedeutung des Rots oder überhaupt an das Opfer für den Toten nicht mehr gedacht wurde und der Bedeutungsinhalt der Sttte verloren gegangen war. Religiöse Sitten haben ihre Geschichte wie die Wörter einer lebenden Sprache. Wie diese ihre äußere Form *) Siche „Wiener Morgenzeitung" vom 9. Juli 1927, Nr. 3004. zwar bewahren, aber Sinn und Bedeutung fortdauernd verändern, so ist auch der Bedeutungsinhalt der religiösen Sitten Wandlungen unterworfen, ohne daß sich die äußeren Formen wesentlich ändern. Bei allen Völkern wurden die bösen Geister durch Lärmen verscheucht, wie durch das Läuten der Glocken bei dem Leichenbegängnisse, durch Trommelschlag bei (bier Hochzeit und durch das Zerbrechen von Gefäßen am „Polterabend" vor bcr Hochzeit (daher der Name „Polterabend".) Die letzte Sitte findet sich auch im Judentum. Als R. Aschi bei der Hochzeit seines Sohnes bemerkte, daß die Gesetzesjünger ihrer heiteren Laune die Zügel schießen lassen, zerbrach er ein kostbares Gefäß, um dadurch die übersprudelnde Heiterkeit der Hochzeitsgäste zu dämpfen. Bei den deutschen Juden im Mittelalter warf der Bräutigam eines der Gläser, die zu den üblichen Segenssprüchen über den Wein benützt worden waren, an die Wand, daß es zerschellte. Das Zerbrechen des Glases bei der jüdischen Hochzeit hatte jedoch nicht die Bestimmung, die Dämonen von dem Brautpaare fernzuhalten, sondern die Freude der Fröhlichen zu mäßigen und an die Zerstörung Jerusalems zu erinnern. So hat sich ein magisches Abtvehrmittel, das gegen die Dämonen gerichtet war, zu einem religiösen Symbol gewandelt. Die römische Braut legte einen As, den sie am Fuße oder unter dem Fuße hatte, auf dem Herde als dem Altäre der Laren nieder und erwarb durch diese Opfergabe dxn Schutz der Hauslaren und die Ausnahme in die Kultgemeinschaft des Hauses. Einen zweiten As, bett sie in der Tasche trug, ließ die Braut an dem benachbarten Kreuzweg erklingen, um durch ihn den Schutz der Götter, die ihre neuen Bezirksgenossen beschirmten, und die Aufnahm« in die größere Kultgemeinfchaft ihres Stadtbezirkes zu erwerb-ctn. Bei anderen Völkern gab die Braut eilte Geldmünze nicht den Hausgöttern, sondern den bösen Geistern, um sie zu besänftigen. So hielt in Franken die Braut bei der Trauung ein Geldstück heimlich unter dem Oberarm und ließ es beim Verlassen dev Kirche fallen, um sich, vor Behexung zu schützen. Diese Sitte erhielt bei den deutschem Juden eine andere Wendung. Ans b^m Synagogenhof zu Mainz wurden Braut und Bräutigam mit Weizenkörnern bestreut, unter die Weizenkörncv aber wurden Grldmünzerr gemischt, die von den Armen aufgelesen wurden. Nicht als Opscrgäbe zur Besänftigung der bösen Geister dienten die Geldmünzen, sondern als Spende für die taten. Aus einer gegen die Dämonen gerichteten Zauberhandlung ist ein Brauch geworden, der einen ethischen und idealen Sinn hat. Wie die äußere Form eines Brauches bleibt, während das Motiv, ans dem er hervorgegangen, und dgr Zweck, auf den er gerichtet gewesen ist, sich wandeln, zeigt sich noch an einem anderen Beispiel. Die Nacht galt überall als die Zeit der Geister, und dev Schlafende galt als besonders gefährdet. Denn die Seele des Schlafenden weilt außerhalb des Leibes, und die Gefahr ist um so größer, daß die Geister der Seele habhaft werden. In Venedig stand neben der Wöchnerin eine Dienerin, unr sie vom Schlaf abzuhalien und die Hexe von ihr fortzutreiben. Bei den Juden des Mittelalters füllten Freunde M Hauses die „Wachnacht" vor der Beschneidung eines Knaben mit Thorastudium aus, um die Mutter vor Behexung zu schützen. In Jerusalem wachen noch in der Gegenwart in der Woche nach der Geburt eines Knaben Freunde des Hauses, die jede Nacht im Zimmer der Wöchnerin Thora lernen. Im Zimmer der Wöchnerin wachen dort auch Frauen, die auch nach der Geburt eines Mädchens in das Haus gerufen werden, um die Mutter vor Bösem zu schützen. Die Sitte in der „Wachinacht" finden wir aber auch an einer Stätte, wo vom Dämonenglauben keine Rede sein kann und an die Furcht vor bösen Geistern nicht gedacht worden ist. „Am Vorabend des Versöhnungstäges ließ man im jerusalemischen Tempel den Hohepriester nicht viel essen, weil das Essen den Schlaf bewirkt." Der Hohepriester mußte di« ganze Nacht wach bleiben. „Wenn er ein Gelehrter war, hielt vr einen Vortrag, sonst trugen Gelehrte in seiner Gegenivart vor; wenn er des Lesens kundig war, las er selber vor, sonst wurde ihm vorgelefen, und zwar aus den Büchern Hiob, Esra und der Chronik." Die Vornehmen in Jerusalem 79^02554

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