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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-13 · Heft 3008 (13.7.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3008 (13.7.1927)
Date
1927-07-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgerrzetturrg . Juli 1927 Nr. 3008 Henry Fords Absage an de« Antisemitismus. Kenterungen des B'nei B'rtth PrWenten Alfred M.8ohen. Der Präsident des Ordens B'nei B'ri-h, Herr Alfred M. Cohen aus Clmin-nati, weilt gegenwärtig in EurcPn und besucht überall die Logen seines Ordens und ihre Institutionen. Ein Mitarbeiter des „Prager TagAatt" hatte eine Unterredung mit Herrn Cohen, wobei hauptsächlich die überraschende Erklärung Henry Fords besprochen wunde. Herr Cohen sagte n. a.: Iedermairrl in Anrerika iveitz, daß Ford sehr u ngeürldet ist. Die Artikel, die in Amerika veröffentlicht wurden,- sind von Leuten geschrieben worden, die Ford bezahlt hat, und daher trägt Ford auch die Verantwortung für sie. Jetzt sagt Ford, er sehe, daß die gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen nicht auf Wahrheit beruhen und daß er daher um Verzeihung bitte. Sollen wir ihm glauben, so erwarten wir, daß Ford setzt von seinem großen Reichtum in der Richtung Gebrauch machen wird, die Intoleranz zu bekämpfen, sei es die Intoleranz gegen die Jude,: oder gegen andere. Wir wissen, daß es in der Welt noch viele ebenso ungebildete Leute gibt wie Ford, die dieselben Fehler macherr, für die jetzt Ford um Verzeihung bittet. Es ist schrecklich viel, was Ford überall den Inden angetan hat, denn die Artikel sind nicht nur Woche sü.r Woche erschienen, sondern dann auch noch gesammelt und in Buchform veröffentlicht worden. Und diese Pücher wurden dann an alle möglichen Stellen geschickt, insbesondere an Geistliche, damit die Gegner der Inden ans ihnen Material schöpfen. Obwohl diese Publikationen in Amerika großen Schaden angerichtet haben, so ist der Schade in Europa noch viel größer gewesen, insbesondere in denjenigen Länder«, wo die Juden es ohnedies schwer haben, und wo der Boden für solche judenfeindliche Ausstreuungen sehr günstig ist. Der Amerikaner hat eineu ausgesprochenen Sinn für fair Play, und daher haben die meistenAmerikaner nicht geglaubt, was in den Broschüren Fords zu lesen ist. Bei dieser geistigen Einstellung der Amerikaner Hat Ford nicht so viel Unheil anrichten können, als er im Sinne hatte, aber wenn der amerikanische Geist zu ehrlich ist, als daß er das glaubte, was Ford ausstreute, so gebührt nicht Ford der Dank dafür. Zehn Jahre lang hat Ford ungeheure Summen für diese geistigen Giftgase ansgegeben, jetzt mag er sich zehn Jahre lang bestreben gutzumachen, was er bisher Schreckliches getan hat. Tut er dies, so wird' man wissen, daß seine Bitte um Verzeihung ehrlich gemeint war. Ueber die Gründe befragt, die Ford zu diesem G esinnungsumschwung bewogen haben könnten, meinte Herr Cohen, jeder könne sich als Grund denken, was er wolle, er selbst wolle zufrieden sein, wenn dieser Ge-. sinnungswechsel ehrlich gemeint sei. Es ist nicht ausgeschlossen, fügte er hinzu, daß die Gerichtsverhandlung über die Klage Schapiros Ford überzeugt habe, daß er bisher auf falschen Wegen gewandelt fei. In diesem Prozeß wollte Schaprro Ford Gelegenheit geben, vor Gericht zu beweisen, daß die Inden der ganzen Welt international v erkunde n seien gegen die christliche Welt. Ford hätte beweisen sollen, daß der Inhalt der von seinen Leuten veröffentlichten Artikel auf Wahrheit beruhe. Aber diesen Beweis konnten seine Leute nicht liefern, diesen Be- weis konnte also auch er nicht erbringen. Da hat er nun das getan, Ivas jetzt die Welt weiß und wovon die Welt so viel spricht. „Es ist eine Schande," sagt Cohen, „baß Ford die . Gründe nicht vor der Drucklegung, also vor Jahren schon, untersucht hat, dann wäre nicht so viel Haß in der Welt." Und er unterstreicht, welches Verdienst um die Verteidigung der Juden sich Schapiro durch seine Klage gegen Ford erworben habe. * Herr C o h e u, der am Juli in Berlin eintraf, wurde mn 6. Juli in Gemeinschaft mit dem Großpräsidcnten des deutschen Distrikts tt. O. B. B., Herrn Rabbiner Dr. B a e ck, vom Reichskanzler Dr. Marx in längerer Audienz empfangen. Am Samstag wird Herr Cohen in Wien eintreffen. Sonntag abends findet zu seinen Ehren eine Festsitzung der Wiener Logen des Ordens Bnei Brith statt. Ford« Grttörnng an Land Marfhall. New Yprk. 10. Juli (I. T. A.) Henry Fords öffentliche Absage an den Antisemitismus kam auf folgendem Wege zustande: Ford entsandte als Mittelsperson den früheren Assistenzstaatsanwalt der Vereinigten Staaten, General Davis, und den Ehefdetektiv der Ford Motor Company, Joseph Palma, zu Louis Marshall, dem Präsidenten des American Jeimsh Committee, und ließ ihn fragen, was er i tt tt könne, um den Juden für das Unrecht, das er ihnen zugefügt hatte, Genugtuung zu verschaffen.. Marfhall erwiderte zunächst abweisend: „Worte allein können Wunden nicht heilen." Ford übersandte später durch eine Mittelsperson Herrn Marshäll eine von ihm Unterzeichnete, für die Oef - fentlichkeit bestimmte Erklärung, die folgendes besagte: „Ich habe mich im vollsten Maße von den Tugenden des jüdischen Volkes überzeugt, und halte es als ehrenhafter Mann für meine Pflicht, das Unrecht, das ich den Juden angetan habe, wieder gutzumachen, indem ich um Vergebung für das von mir unbeabsichtigterweise verursachte Unheil bitte. Von jetzt ab können die Juden meiner Freundschaft und meines guten Willens sicher sein " Marshall erwiderte: „Ich nehme Ihre Erklärung entgegen. Es liegt im jüdischen Wesen, zu verzeichen. Ich nehme davon Kenntnis, daß Sie die beleidigenden Beschuldigungen zurücknehmen und bereit sind, Genugtuung zu geben." Sie Kommentare der amerikanischen Presse. N e w Y o rk, 10. Juli. (I. T. A.) Henry Fords Erklärung bildet dqs Tagesgespräch in den Vereinigten Staaten. Die Kommentare der Presse sind meist farkastisch-ironisch. Ueber Fords Motive hat ein großes Rätselraten eingesetzt. In Wallstreetkreisen ist man geneigt, den Entschluß Fords mit wirtschaftlichen Tatsachen zu begründen. Ein Teil der Presse nimmt eine billigende Haltung ein. .„New Dort Times" erklären: „Was geschehen ist, ist geschehen. Wenn jemand erklärt, daß er verkehrt gehandelt hat und um Entschuldigung bittet, dann muß man die Hand ergreifen, die er ausgestreckt hat." „Herald Tribüne" sagt, die!Fordsche Erklärung zeige, daß er zurückgefunden habe zu den gesunden amerikanischen Prinzipien, nach denen der Mensch nach persönlichen Verdiensten bewertet wird, nicht nach seiner Rassezugehörigkeit. „World" wundert sich über Fords Unkenntnis des Inhaltes seiner eigenen Zeitung, fügt aber hinzu, man müsse Fords Entschuldigung, wenn sie auch recht spät gekommen ist, hinnohmen. Der Redakteur des „Dearborn Jydopendent", ein , gewisser William Cameron, der für die von Ford seit Jahren geduldeten antisemitischen Schmäh' artikel verantwortlich zeichnete, äußerte sein lebhaftes E r st a u n e n über Fords Erklärung, daß er die antisemitische Haltung seines Organs nicht gekannt habe. Der Justizmord an Frieders. Antrag auf Mderaasmhme des Aerladren». B-rlin, 12. Juli. (Wolff.) Die Blätter melden, daß beim Landgericht ein Antrag auf Wiederaufnahme des Meineidverfahrens gegen den früheren Oberstaatsanwalt Dr. Frieders, der zu fünf Monaten G e f ä n g- 11S venrrteilt worden war, vingereicht wurde. * Frieders war aus Grund der Aussagen des Staatsanwaltes Flöl, eines Hakenkreuzlers, vom Jenaer Schwurgericht des Meineides schuldig erkannt worden. Er hatte als Oberstaatsanwalt in W e i m a r die Untersuchung gegen den gewesenen thüringischen Reichsbankpräsidenten Lob, eilten von der Dintergruppe fanatisch verfolgten Juoen, geführt. Als er die Unstichhältigkeit der gegen Löb erhobenen Beschuldigungen erkannte, beantragte er die Einstellung der Untersuchung. Sein Antrag wurde nun von Flöl in einem Beschluß abgeändert. Frieders unterschriebden ihm von Flöl vorgelegten Akt, ohne oie neue Fassung zu lesen. In Unkenntnis des Inhaltes machte er dann in einem Prozeß gegen einen s o zi a l d e m o k r a t is che-n Redakteur eine Aussage, die von Flöl zu einer Meineidskampagne benützt wurde und die Verurteilung Frieders zur Folge hatte. Frieders wurde dann krank und suchte ein Wiener Sanatorium zu seiner Herstellung auf. Der Tabakfteuerprozeß in Dresden. Schwere Strafen. D r e s d e n, 12. Juli. (Wolff.) ImBand erolen- Fälschungsprozetz wurde heute abends das U r t e i'l verkündet: Wegen Tabak- und Materialstener-Hinterziehung und Gebrauch gefälschter Banderolen wurden der Angeklagte Belkoff zu sechs Monaten Gefängnis und 7200 Mark G e l d st r a f c, der Angeklagte Schmie dgen zu zwölf Monaten und 7200 Mark Geldstraf? verurteilt. Der Angeklagte Bolten erhielt ein Jahr acht Monate Gefängnis. Der Angeklagte Buell vier Monate Gefängnis, die übrigen Angeklagten jeeinJahr. Außerdem wurde bei den Angeklagten Belkoff und Schmiedgen auf je 7900 Mark Wertersatzstrafe oder 76 Tage Gefängnis erkannt.!Die Ausschaltung des Parlaments. zrnitaii! «n» eauigcfcftr. Heute will Dr. Seipel wiederum einnral mit den Sozialdeurokraten verhandeln, tmt sic zu bewegen, wenigstens die beiden Schulgesetze, das üb§er die Mitte.lfchulreform und das Ger di« Neuvrganisativn dev Bürgerschulen, noch vvr den Svmmerferien vom Parlament erledigen zu lassen. Tie Durchberatung der Zolltarifnovelle wird von der Opposition hartnäckig verweigert: und strikte erklärt, im September oder Oktober sei noch Zeit genug zu prüfen, ob es dem: notwerchtg sei, die Getreiden und Mehlzölle und einige JndustrieMe hinanfzusetzen. Mehr als die beiden Schulgesetze lvvllen hie Sozialdemokraten überhaupt vor den Ferien nicht Mehr in Beratung ziehen, aber sich die Zustimmung zu ihnen von der Majorität doch durch Zugeständnisse in der Schulfrage selbst Mausen lassen. Für den Herbst beketten sie den Hauptfchlag gegen das Kabinett hrnnehmen könne. Dr. Weinberger beantragte nun einq vor, well sie der Meinung sind, Dr. Se ip«t werde um diese Zeit schon mit seiner eigenen Mchcheit ins Gedränge gekommen fein, da bis dahin weder die Agrarier die ihnen zugesagten Hochschutzzölle noch d^r großdeutfche Führer Dr. Diughvfer das chm versprochene Justizministerium haben werden. , 'j Die Obstruktion der Sozialdemokraten ging heute in den Ausschüssen weiter. Wie alle die Wochen, seit das Kabinett Seipel-Hartleb ins Amt getreten ist,wuüre im Zollausschuß von den Sozialdemokraten die ZpNtarlfnvvelle sabotiert. Der Sozialdemokrat Müller gab die dritte Fortsetzung seiner ObstruktimrSrede zum besten. Zit Mittag verzichtete dev Ausschuß auf eine Wetbürführung der Beratungen. Herr Müller ist noch immer am Worte. Der Berfassuugsausschuß, dev in der Generaldebatte Über das Gesetz betreffend die Errichtung des Dinghvferschen Justizministeriums steht, war ausdauernder. Er hörte sich mtt anerkennenswerter Geduld die xte Fortsetzung «Mer Obstruktionsvede des Sozialdemokraten. Leurhner cm. Am Freitag wird das Spiel Durch diese Taktik schaltet sich das Parlamertt langsam selbst aus. An dem Fingerziehen stoischen Schwarz und Rot ist der überwiegende Tell der österreichischen Bevölkerung nicht interessiert und schließlich erreicht die Reaktion in Oesterreich das, was sie will: Sie kann durch Dr. Seipel ohne Parlament regieren. Nicht einmal von den primitivsten Befugnissen einer Volksvertretung, Tribüne für das, was allen Leuten auf der Zunge liegt, zu sein, wird Gebrauch gemacht. Die Wahlen haben noch mehr jenes System gestärkt, das sich als Regierung eines Parteiführerklüngels nun schon seit Jahr und Tag hier etabliert hat. . Die breite Oefsentlichkeit ist von allen Entscheidungen . ausgeschlossen. Wochen- und monatelang geht aus nicht ganz durchsichtigen Motiven ein Intrigenspiel der Führer von rechts und links um Regierungsvorlagen, die vielleicht wichtig, aber meist höchst belanglos sind, denn schließlich und endlich kommt es darauf an, wer das geltende oder eben erst geschaffene Gesetz in der Praxis ausführt. Wenn dann aus ebenso undurchsichtigen Gründen die Herren Dr. Seipel und Dr. Bauer in camera carllatis ein Abkommen treffen, dann sagt der Nationalrat und der Bundesrat ohne viel Federlesen Ja und Amen, und die solcher Art administrierte ^Bevölkerung hat das. Nachsehen.. Das Zwischenspiel der sozialdemokrattschen Obstruktion darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß. die Sozialdemokraten selbst an der Mundtotmachung der österreichischen Bevölkerung die Hauptschuld tragen. Das geltende Wahlgesetz nimmt alles, was nicht auf Schwarz oder Rot schwört, von der wirksamen Geltendmachung seiner Anschauungen aus. Das Parlament hat keine Opposition, welche ein Sprachrohr aller der Kreise iväre, die mit dem herrschenden Kurs und mtt der sehr zur Kritik herausfordernden Administrative nicht einverstanden sind, wohl aber die permanente Obstruktion des Herrn Dr. Bauer und.seiner Gewerkschaftsbeamten. Es ist darmn^kein Wunder, daß sich um dieses Parlament auch niemand kümmert. Man spricht nicht mehr von ihm.. Es ist ständig auf Ferien, auch wenn diesmal nach den Wünschen dev Landbündler die Sommerferien entfallen sollten, um "den Versuch zu wagen, vielleicht doch noch die Zolltarifnovelle durchzudrücken. Lindbergh fliest surr durch Amerika. Rewy»ork, 11. Juli. (Reuter.) Kapitän Lindbe-rgch >ist hiev!mn HM 9 Uhr abends auf fernem Transozeanflugzeug zu einem Flug durch sämtliches 48 Slaaten der Union gestartet, für den eine Dauer von drei Monaten vorgesehen ist. , ( Lindbergh wiH hiebei! 73 Städte besuchen. Der Flug wird zu dem Zweck unternommen, um dqs! Interesse der Bevölkerung für di« Luftfahrt zu erhöhen. Ae «merlkaflleger — ekngefchifft. Paris, 12. Juli. (Wolfs.) Heute nachmittags haben sich an Bord des „L e v i a t h a u" der Ozeanflieger Byrd und seine drei Begleiter sowie CH amüe rlin und die deutsche Fliegerin Nasche nach Amerika eingeschisst. Mit dem gleichen Dampfer wird das Wrack von Byrds Wvgseug, „Amv-eirckoa* werden» )

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