Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3007 (12.7.1927)
- Date
- 1927-07-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Geile 4 Wien. Dienstag Wiener Morgenzettnng 12. Juli 1627 Skr. 3007 Sie LerdiichtiWMn gegen einen Wiener Arzt. Auf Grunv fraglicher Angaben wird ein hervorragender Primarius in llnterfnchnng gezogen und feine Sriftenz vernichtet. Großes Aufsehen erregten die Nachrichten von dem Verfahren, daß von der Polizei gegen den ehemaligen Primarius des Spitals der Barmherzigen Brüder, Dr. K., cingeleitet ist. Der alte und verdienstreiche Mann wird auf Grund von fragwürdigen Aussagen kleiner M ä d ch e n beschuldigt, sich an ihnen sittlich verfehlt zu haben. Denn — er habe Lei der orthopädischen Massage die Leiber der Patienten über das notwendige Maß hinaus berührt. Und darum ivurde Primarius K. seittcs Amtes enthoben, finanziell an den Ruin gebracht, moralisch vernichtet. Nachstehend veröffentlichen wir einige Stimmen und Meinungen, die geeignet sind, diesen Fall aufzuhellen. „-böswillige Verleumdung!" Prior P. O s z m a y e r erklärte unter anderem: „Die Angelegenheit spielte bereits vor zwei Monaten und wurde merkwürdigerweise erst jetzt bekannt. Warum bisher ein Ergebnis der eingeleitetcn polizeilichen Untersuchung noch nicht bekanntgegoben wurde, entzieht sich ganz meiner Beurteilung. Ich war vom ersten Momente an davon überzeugt, daß Dr. K.', der seit zwölf Jahren bei uns als Wien, 12. Juli. Eine Hitler-Amazone. In Klosterneuburg haben Hakenkreuzler den repuölikaruschen Schutzbündlern wieder einmal eine der jetzt so beliebten Sonntagsschlachten zur Hebung des Fremdenverkehrs geliefert. Klosterneuburg war um diese Zeü von tausenden Badegästen besucht, die durch wilde, meist stark übertriebene Gerüchte arg in Unruhe versetzt wurden. Eine kleine Szene sei hier herausgegrissen, um zu illustreren, wer hierzulande rrrsseirrerne Politik macht. Halb zehn Uhr abends, Bahnhof Klosterneuvurg-Weidling. Eine Rotte halbwüchsiger Burschen mit Hitler-Hemden und dicken Stöcken (Revolver, Hirschfänger und Schlagringe konnten äußerlich nicht wahrgenommen werden) zog unter Gejohle und Gebrüll nach Nußdorf. Einer aus der Gruppe, er mochte etwa 17 Jahre zählen, entfernte sich von seinem „Truppenkörper", wollte sich sachte zur Bahnstation schleichen, eine Karte lösen und nach Wien fahren. Da schrien ihn die anderen an: „Du willst a Ha-kenkreuzler sein und traust di net m'ttgehenl" Und dann geschah dos, weshalb die ganze, an sich herzlich belanglose Begebenheit erzählt wird. Mit den Burschen zogen auch einige halbwüchsige Mädchen, Marketenderinnen, die aus Freude am Radau den wackeren Streitern Mut einzwslößen haben, wenn sie die Hose vollzukriegen drohen. Auch jener Jünger Riehls, der unbemerkt desertieren wollte, schien es mit der Angst zu tun gehabt zu haben. Da packte ihn auch schon so eine Amazone beim gelben Hitler-Hemd und suchte ihn mit allen Hr zu Gebote stehenden weiblichen Reizerl zu beweget,, zu seinem Kader zurückznkehren. „Geh', Ferdl, du wirst do net feig sein, .schäm' di, du willst a Hitler-Bua sein?" „Schau, loß mi," sagte Ferdl, „t hob g'Hört; es san sch o d re' Las Frankfurter Musikfeft. 3. Chor- und Kammermusik. Das -in Deutschland viel ausgesührte Chorwerk „Magni-- fieat" des Deutschen Heinrich Kaminski ist in erster Linie für einen deutschen HörevkreiS berechnet. Seine Schwärmerei für alles Barocke paart sich mit mysteriösen Klängen, ein geheiinnisvolles Raunen geht oft durch das vielfach transparente Orchester, über dem eine ekstatisch jubilierende <Nngstimme zu den höchsten Höhen emporsteigt. Der Tondichter wünscht, man möge Lei diesen Klängen einen Geschmack de? Ewigkeit auf dev Zunge verspüren. Man verspürt ihn auch in den stärksten Momenten, in denen Kaminskis Glaubensstärke seine technische Meisterschaft überwindet. Bon geistlichen erbaulichen Dingen erzählt auch das große abeÄfÜllende Chorwerk „Leben und Werke der heiligen Cyril und Methodius" des jungen Südslawen Bezidar Sirvla. Hier liegt so etwas wie eine südslawische Nationalmusik vor. Mt Hilfe älter Kirchentonarten schildert Sirvla in herben Klängen Leben und Schicksale der beiden Slawenapostel auf Grund alt^r Legenden. Dieser legendäre Ton ist vielfach auch in der Musik glücklich gewahrt, welche die Apostel nach Saloniki, nach Byzanz, nach Mähren und nach Rom begleitet und in der Erfassung der verschiedenartigen lokalen Milieus fein zu differenzieren versteht. Es würde wohl die Mühe lohn««, das a capella geschriebene Werk gründlich zu kürzen und damit der südstawischen Nationalmusik zu erhalten. Bon den kammermusikalischen Merken dxs Musikfestes 1 war wohl da- Kammerkonzert für Klavier und Geige mit I Primarius wirkte, das Opfer einer böswilligen Verleumdung wurde. Dr. K. ist ein äußerst zuvorkommender, liebenswürdiger, exakter und pflichtbewußter Mensch, und als Arzt wie als Mensch vollkommen einwandfrei. Nachdenl Dr. K., um die vollkommene Haltlosigkeit der Gerüchte zu erweisen, seine Stelle niedergelegt hatte, mußte die Stelle neu besetzt werden. Interimistisch leitet Assistent D r. P e k a r e k das Institut, und in den allernächsten Tagen ivird die definitive Besetzung der Stelle erfolgen. Dr. K. ist in Ehren grau geworden, und ich wiederhole, daß nach meiner vollsten Ueberzeugung eS sich tatsächlich nur um b ö s w i l l i'g e Verleumdungen Handel t." Auch der Rechtsanwalt des Konventes der Barmherzigen Brüder, Dr. Hermann W e i d i n g e r, der seinerzeit auch Dr. K. wiederholt vertrat, erklärte dem Herausgeber der.„Korr. Herzog", daß es sich seiner Meinung und Einpfindung nach, um einen haltlosen Tratsch handelt. Es sei selbstberständlich, daß ein Orthopäde Kinder beim Massieren an Körperstellen berühren mutz, die wie zum Beispiel bei Beckenertrankungen, durch Massage behandelt toerden müssen. gestochen worden!" wagte der tapfere „Bekämpfer der asiatischen Rasse" schüchtern zu erwidern. „Pfui, du Feigling, schau,, mir zu Lieb'!" animierte ihn die personifizierte weibliche Güte und eS dauerte nicht lange, bis „Ferdl" im Chorus das Hitler- Lied brüllte. „Seht's, was i imsiand' bin!" sagte stolz die Kleine. Jedenfalls eine deutsche Jungfrau, die zu allen Hoffnungen Anlaß gibt. „Trrton" sst unverkäuflich. Schätzungswert 28.470 Schilling, Mindestangebot 9440 Schilling sagte gestern wieder der Volkstreckungsbeamte an Bord des stolzen Schiffes, das, statt das Schwarze Meer nrit wehender Flagge zu durchsegeln, bei der Ferdinandsbrücke brach darniederlieat, gestochen an der Metamorphose in ein bümerliches Gasthaus. Eisiges Schweigen. Fünf Minuten Wartezeit. Kein Anbot. Warum? „DaS Geld ist sofort 6er mir zu erlegen," sagte doch der Herr Exekutor, der die für sein Amt so charakteristische Glocke in der Riemergasse vergessen zu haben schien. „Triton" kann nicht freihändig verkauft werden. Die Saison schreitet fort und „Triton" verliert stündlich an Wert. Selbst auf die Gefahr hin, daß der stolze Dampfer nie wieder zu neuem Leben erwacht, das Geheimnis muß gelüftet werden. „Triton" war nie im Schwarzen Meer, sein in Konkurs geratener Eigentümer war nie sein Kapitän — altes Lüge. „Triton" hätte erst ins Schwarze Meer fahren sollen, wenn er nicht schon an der Ferdinandsbrücke Schisfbruch erlitten hätte. Es Mrd wieder schön. Gestern herrschte tagsüber etivas kälteres Wetter. Zeitweise regnete es leicht. Die Voraussage kündigt Aufheiterung und Abflauen der Mnde an. Die Lebensmüden. Gestern früh wurde der Kaufmann Mols Nissim, Chef der, Tcxtilftrma S. Schein, Mpplingerstratze 3, von seinen Angestellten im Lokal mit einer Einschutzwunde in der rechten Schläfe leblos aufgeflmden. Man dermutzet, daß finanzielle Sargen die Ursache des Selbstmordes mapen. — Gestern früh hat sich die 7Äährige HilMtveiterSwitwe Antonie Rechka, die sich seit kurzer Zeit in Pflege des Lainzer Bersorgungshaus befindet, aus einem Fenster deS zweiten Stockwerkes in die Tieft gestürzt und buev auf der Stelle tot liegen. Die Frau war schwer herzleidend und dürste deshalb Selbstmord verübt haben. — Der Kohlenhändler Ludwig Halla bat sich in feiner Wohnung erhängt. Trunflucht soll die Ursache der Tat sein. Eine Liebestragödie in Favoriten. Gestern vormittags wurde in der Wohnung seines Bruders im Hause, 10. Bez., Favotitenstratze 169, der Äjährige arbeitslose Hermann Polutzkv leblos und dessen Geliebte, die 20jäyrige Hilfsakbeiterin Mtzzr Sestak, bewußtlos in der mit Leuchtgas erfiillten Küche aufgefunden. Dre Rettungsgesellschaft konnte bei Politzkh nur mehr den Eintritt des Todes feststellen, die Sestak wurde in bewußtlosem Zustand in das Franz Josefs-Spital gebracht. In der Küche stnd man einen Wschiedsbrief, der von der Hand der Sestak ju stammen scheint, in dem! una/ücklrche Liebe als Ursache der Tat abgegeben wird. Tödlicher Unfall eines Radfahrers. Bestem abends wurde die 14jährige BÜrgerfchMerin Franziska Wottawa, Favoritenstraße 172, voom Rade, das der Student Ludwig Hanak lenkte, niedergestoßen. Während das Mädchen anscheinend unverletzt blieb, erlitt Hanak, der sich mit dem Rad überschlug und mit dem Hinterkopf auf einen Randstein auffiel, schwere Verletzungen mit Schädelgrundbruch, denen er gestern vormittags erlag. Mutmaßkrcher Selbstmord. Am 10. d. M. hat der Schiffmann Anton Rischka bet der Schiffswerft „Eos" die Leiche eines Mannes aus dem Donaukanal geborgen. Sie wurde als die des Versicherungsbeantten Alois Goger, Berndlgasse 18, erkannt. Goger hat wiederholt Selbstmordversuche unternommen. Durch die Erhebungen wurde auch ermittelt, daß die Gattin des Toten Anna Goger seit der Abgängigkeit ihres Gatten spurlos verschwunden ist. Ihre Ausforschung wurde eingeleitet. Arische Sommerfrischen. Das Verzeichnis der Sommerfrischen und Pensionen, ^in denen Juden nicht erwünscht sind und die sie deshalb meiden sollen, ist durch die folgenden Angaben zu ergänzen: Niederösterreich: Hinterbrühl, Hauptstraße 120: EmmetSdorf Pension Vergani. Overösterreich: Micheldorf, Pension Haindl: Altmünster, Pension Dr. Müller. Steiermark: Puch, Zentralverband: Alt-Aussee, Edlauer. 'Tirol: Hall, Gasthof Gold. Engbk. Dritte Kwsse gefahren, zweite verrechnet. Der Disziplinarhof in Berlin hat däS Urteil» durch das der sozialdemokratische braunschweigische Landesschulrat Dr. Stoelzel aus dem braunschweigischen Staatsdienst entlassen werden sollte, weil er u. a. bei Dienstreisen ein Billett zweiter Klasse verrechnet, aber nur die dritte Wag entlasse benützt und bezahlt hatte, im BerufungSverftrhren aufgchoben und ihn zu einem Verweis und zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. Gme arabische Tageszeitung in Palästina. In den nächsten Tagen beginnt unter der Redaktion deS Advokaten Fahmi al Husftini in Jaffa eine arabische Tageszeitung „Samt Al Har" (Stimme der Wahrheit) zu erscheinen. ES wird dies die erste arabische Tageszeitung in Palästina sein. Kleine Nachrichten. Am 27. Mai wurde bei Komorn die Leiche eines Mannes aus der Donau geborgen, die nunmehr als der 40jährige Wiener Draihtstiftensäbvikant Ludwig Larsen, Kaiserstraße 119, erkannt wurde. Er dürfte Selbstmord wegen finanzieller Schmierigkeiten begangen haben. Am 0. Juli nahm der Aütobeisitzer Dr. Fritz Moor auf der Fahrt auf der Triester Bundesstraße im Gemeindegebiete Baden eine Autofalle, bestehend aus einem von der Teilcgraphenleitlwng abgeschnrttenen Telegraphendraht, der in etter Höhe von 1.82 Meter über den StraßenWrper gespannt war, wahr und, erstattete bei der Gendarmerie die Anzeige. * Bläserbegleitung von Alban Berg das bedeutendste, zugleich bas schwierigste und am wenigsten eingängliche. Immerhin wußten die vorgebildeten Fachleute sein« klanglichen Werte und feine unerschöpflichen kontrapunktischen Satzkünste zu schätzen. Starkem Beifall begegnete auch daS Concertino für Klavier, zwei Violinen, Viola, Klarineltq, Horn und Fagott von Leos Janacek, ein für den tschechischen Altmeister überaus bezeichnendes Werk, das Yen Tonfall seiner heimischen mährischen Umgangssprache ins Musikalische überträgt und kleine lMotivpartikelcheN immer wieder wiederholt und frei variiert. Ein Streichquartett des jungen Russen A. Mossolvw ist noch nicht recht ausgereift, ringt mit der Form wie mit der Technik, stellt Fragen und Probleme, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen. Ausdruck des jungen Russentums! Weit klarer sind zwei aus deutschem Geiste geschaffene Streichquartette: Wladimir Vogel treibt ein reizvolles Spiel mit Pizzikato- und Glissarüwkünsten unter Einbeziehung aller Vierteltöne, der Schweizer Conrad Beck schlägt in seiner dreiteiligen Fuge und in einem Basso- Ostinato-Satz ernstere Töne an. Gne Sonate für Klavier und Flöte des Holländers Willem Pijper fleht im Ausdruck und in der linearen Tonsprache Schönberg nahe, eine Klavierparaphrase „Der Tanz deS Königs David" von Mario Castelnuvva- Tedesco weiß mit Erfolg traditionelle jüdische Melodien dem Konzertsaal Nutzbar zu machen, ohne wie so viele andere Paraphrasen in unzeitgemäße schablvnenhastleere Virtuosität zu verfallen. Der Tondichter verdichtete polyphon die motivische Anlage, er vermeidet die Klippe der Tonika-Dominanten-Harmonik und vermag so ettvas wie einen orientalischen Stil zu gewinnen» der gleichwohl den Klavierviruiosen reichste Gelegenheit zur Entfaltung technischer Bravour gibt. Die /Internationale" hatte — wie stets Lek ihren Mustkfesten — die besten Interpreten für ihre Konzerte gewonnen. Dirigenten wie Furtwängle« und Hermann Schorchen, Pianisten vom Range GiesekingS, Claudio Ar raus und Walter FreyS, ferner daS Amar- Hindemith-Quartett und daS Wiener Kvlisch- Quartett, welches mit seinem neuen Cellisten Bednar Hetzfez gleichsam die Feuerprobe bestand, trugen dazu bei, den Glanz des Musikfestes zu erhöhen, welches neben manchen Nieten doch auch Volltreffer zu verzeichnen hatte. Daß auch Nieten gezogen werden mußten, ist in der ganzen Organisation der „Internationalen Gesellschaft für neue Musik" begründet, welche eben alle musikalischen Nationen in sich zusammenschiließt und infolgedessen nicht Nur die vollausg-roiften Musikvölker, sondern auch junge aufstrebende musikalische Kulturen durch Aufführungen fördern muß, wenn sie auch die technische und geistige Vollreife noch nicht errlricht haben. Aber gerade darin liegt ein Reiz mchr dieser Internationalen Musikfesto, daß man hier Ln das mannigfache musikalische Leben der verschiedenen Völker, in -ihre musikallsche Persönlichkeit und in iih» uinterbewußtes vilfngen um Verselbständigung und künstlerischen Nationalismus Einblick erlangt und daß man hier förmlich an dev Quelle erlauschen kann, auf wie verschiedenen Wegen — je nach Temperament, -Alter und allgemeiner Kultur einer Nation — das Problem der Mufikmoderne da nnd'd.-r; seiner Lösung entgegen - geht. Erwin FelbÄk.