Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3005 (10.7.1927)
- Date
- 1927-07-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982093--30626-3018866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
G-kte 10 Wien, Sonntag #0|iA4uyi M wiener wtorgengctiung 10. Juli 1927 Nr. 3005 der Mun&eiftünfilet und die liebe. Van Meinwidk 28, Mnanx. Tonis Baselli ist ein kleiner, schnmlbrüstiger, aber aufje.veckttr Mpothek«lehrling Lu Pistvja. Das ersteinal er- »lickt er Nimtta an einem glutheißen Junimittag. Sie beritt wiegenden Schrittes den Laden und verlangt für eine Tira Hustenbonbons. In diesem MugeMick sind sein Herz und seine Sinne -erkoren. Ninetta, träunren seine Mgen des Tages, Niretta, flüstern seine fieberheißen Lippen des Nachts. Eim Koche qualvoller Envartungen und schmerzhaften Herz- Hopfens verrinnt. Er fiihlt: Ohne Ninetta kein Leben. Aber — ivarum ist er eigentlich verztoeifelt? Vielleicht gelallt er ihr, vielleicht ist sie frei, vielleicht darf er zarte tzossnungsbanbe knüpfen! Seine Angebetete ist Stubenmädchen im Aquila b'oro, fern besten Albergo des Städtchens. Sie ist ein munteres, irisches Ding von achtzehn Jahren, mit runden, lachenden Augen und kleinen Fäusten, die aber klug zuzugreifen vertehen. Mit den Gästen weiß sie stets zu scherzen, ohim doch -«traulich zu tverden, und ihre Zunge ist beiveglich und jeck wie das Wasser der 'Gebirgsbäche in ihrer Heimat in stlemont. Da Tonio um sie herumzuschleichen beginnt, sie eines Abends anspricht, ihr dann bei jeder Gelegenheit auflauert, «n nur einen Blick zu erhaschen, lacht sie erst. Sie koketliert sogar ein wenig mit ihm, aber nicht nrehr, als jedes zesunde, unverdorbene Mädchen ihres Standes zu tun pflegt, rus Instinkt und spiel«ischer Freude. Dann aber, als sie »as drohende Feuer in seinen heißen Augen gewahr wird, ne krankhafte Verlegenheit, mit der er ihre Hand drückt, ^schrickt sie doch ein wenig. Was will dieser kaum zwan- Mährige Junge von ihr? Sie hat kein Gemüt für sentinentale Mbendpromenaden, um die sie Tonio bittet, oder iür die romantischen Deklamationen, mit denen er sie überschüttet. Sie ist nur ein einfaches, kluges Mädel aus den Sergen. Wenn sie es geschickt einfädeln kann, wird sie viel- Irfdjt Carlo, der Portier, ein stattlicher, vernünftiger und jeinahe wohlhabend« Bursche, zur Frau nehmen. Was soll Le nun mit diesem öerUc&tenf Träumer anfangen? Sie sieht jh« also nicht mehr an und zerreißt seine klagenden Liebestetese. Aber Tonio ist nun einmal 'verliebt in dieses Stuben- Mädchen. Als « das Hoffnungslose seiner 'Bemühungen -ckennt, wird er krank. Er magert ob, seine Wangen fallen Irn, die Hände, mit denen « Pulver und Mixturen wiegt, Gütern. Er verläßt den Dienst und reist ab. Doch drei Tage spät« ist er wieder da. An demselben Mend empfängt Ninetta einen Brief von ihm, in dem er Je nochmals bittet, ihn zu erhören. Aber nun zeigt sich ieveits die Krankheit, von der sein Verstand ergriffen ercheint. „Wenn Du mich nicht erhören willst," so heißt s in dem Briefe, „so werde ich Dich dazu zwingen. Ich verde im Hofe, unter Deinen Fenstern, auf ein Zeichen Darren. Und ich schwöre Dir: 'Ich werde solange nicht von m Stelle weichen, bis Du selbst kommst, um nrich zu umjrrmen. Und sollte ich vor Hunger sterben. Bis in den Tod Dein Tonio." . Ninetta wird, da sie dies liest, ein wenig ängstlich zunute. Sie läuft zu Carlo und zeigt ihm den Brief. Der acht höhnisch auf und geht mit ihr in den Hof hinaus. Wahrhaftig, da steht Tonio, die Augen zu den Fenstern Ihrer Kammer emporgerichtet, und wartet. „Er soll bis übermorgen watten," sagt Carlo, „mache« dir nur keine Sorgen." Er tätschelt Ninetta auf die Wange und eilt vor die Tür. Ein deutscher Professor ist mit viel Gepäck an-;ekommen und fragt nach dem bestellten Zimmer. Mitten in d« Nacht erhebt sich Ninetta von ihrem Lag« — sie kann heute nur schlecht schlafen — und blickt in den Hof hinab. Es ist eine helle Mondnacht. Tonio steht unbeweglich wie eine dunkle Statue auf einem glänzenden Spiegel und warttt. Nun erschrickt sie wirklich. Ihr Herz beginnt zu klopfen. Ter Junge ist verrückt! Was soll sie tun? Ab« schließlich siegt ihre Müdigkeit, sie schläft wieder ein. In der Früh hat sie den armen Tonio bereits vergessen. Ihr Dienst ist sehr anstrengend, sie hat zwanzig Zimmer in Ordnung zu bringen. Doch zu Mittag, als sie eben mit ein« Menge Tücher und Schüsseln über den Hof in die Küche läuft, lähmt Entsetzen ihren Schritt. Da ist Tonio noch immer, in der glühenden Mittagssonne, gerade unter ihrem Fenster. Nun sitzt ex aber auf einem Sandhaufen. Er blickt sie sehnsüchtig an. Mt einem Schrei, als hätte sie einen Geist gesehen, läuft sie davon; beinahe wären ihr die Schüsseln aus den zitternden Händen gerutscht. Carlo beruhigt sie aber dann: „Laß ihn nur dasitzen innd warten," sagt ex, „ex wird Hunger bekommen und nachgeben. Tenn ich glaube nicht, daß « es lange aushält. Er ist ohnedies mager genug." Aber Tonio gibt nun einmal nicht nach. Gr hungert wirklich. Er sitzt tagsüber unbeweglich auf dem Sandhaufen, des Nachts legt er sich daneben schlafen. Das dauert nun schon drei Tage und drei Nächte. Die Geschichte wird langsam im Städtchen bekannt. Die Karabinieri wollen Tonio, zu dem die Kinder und die Fremden in Scharen strömen, mit Gewalt entf«nen. Aber Carlo ist sehr schlau. Er flüstert dem Besitz« des Hotels in? Ohr, daß eine Sehenswürdigkeit vom Range Tonios nicht von Schaden für sein Hans! Und seine Küche sei. Eins.bessere und billigere Reklame gibt J es nicht. Vielleicht wird nran «bald» in ganz Italien vom Aquila d'orv und dem verrückten Liebhaber sprechen, der den Hungertod für ein Stubenmädchen stirbt. Der Besitzer spricht insgeheim mit dem Sindaoo und den Offizieren der Karabinieri. Man läßt also Tonio ungeschoren weiterhungern. ' Mm siebenten Tage — Tonio ist trotzig ltrtc vor einer Woche — steigt eine Schauspielertruppe im Aquila d'oro ab, um drei Abende eine Operette vorzuführen. Die Primadonna, nicht inehr die Jüngste, aber noch immer «ine verführerische Blondine mit stattlichen Formen, ist die erste, die sich den hungernden Amant näher ansieht. Sie ist entzückt. Ein rasender Romeo in Pistojal In ihr«: besten Jahren ist ihr kein derartiger BetveiS von großer Liebe unterbreitet worden. Treue ist also doch kein leerer Wahn. Wie reizvoll nmß es sein, diesen Jungen aus den Klauen deS unscheinbaren, klein«: Stnbenkätzchens zu befreien und vor ihren eigenen Lrebeswagen zu spannen. Diese Rivalin sollte sie nicht übertrumpfen können l Sie hat zwanzig Jahre Liebeserfahrung voraus! Sie spricht mit dem Impresario. Er ist ihr guter Freund, durch viele Gunstbeweise verpflichtet. Marco Seroja, ein fetter, kurzatiniger Herr mit tvallenden Locken, besieht sich vorerst den verrüAen Burschen. Wirklich — sorgsam gefüttert, in gut sitzende Kleider gesteckt, gibt er einen passablen jungen Mann ab. Mb« er, Seroja, ist doch nicht so dumm, sich selbst einen Nebenbnhl« ins warme Nest zu setzen. Er bedauert daher, nichts tun zu können. Die Primadonna tobt, rast, weint. Tonio muß ihr gehören. Ihr weiblicher Stolz verlangt diesen Triumph. Endlich kommt ihr eine' Idee. Wie, wenn man dieses Wunder von Hungerkünstler nach Mailand brächte und dott für Geld sehen ließ. Mit dieser Sehenswürdigkeit ließe sich eine nette Summe Geld verdienen. Dies leuchtet dem Impresario ein. Ms Hungerkünstler, als Skelettgestalt hält er den verliebten Jungen für ungefährlich. Aber wie bringt man Tonio nach Mailand, fort von seiner geliebten Ninetta? Auch hier läßt weiblicher Spürsinn die in Begierde entbrannte Primadonna einen Ausweg finden. Die Frage lautet: Warum verschmäht Ninetta ihren Anbeter? Weil Carlo, der. Portier, eine gefüllte Börse hat. Man muß also Tonio viel Geld versprechen. Als reicher Mann mag er dann nochmals werben. Ninetta würde dann nicht mehr zögern. Mitten in der Nacht geht d« Impresario zu Tonio, der einsam aus seinem Sandhaufen sitzt, und enthüllt ihm seinen Plan. Bon der Primadonna, die im Hintergrund lauett, spricht er natürlich nicht. Der unglückliche Liebhaber ist bereits apathisch, eine halbe Stunde erregter Werbung genügt, er geht mit dem Versucher. Am nächsten Morgen ist die Sensation PistvjaS zugleich mit der Truppe Schauspieler verschwunden. Sechs Monate hött man in Pistoja nichts von Tonio. Endlich findet eine Zeitungsmeldung ihren Weg auch »zu Ninetta. Es heißt da, ein Pistojeser namens Tonio trete eben in Mallaud in einem großen Varietee als Hungerkünstler auf. Achtundbreißig Tage und Nächte würde er ohne feste Nahrung bleiben. Die Zeitung spricht von Riesensummen, die der Mann verdiene. Ninetta, die inzwischen in Carlos starke Arme gefallen ist, ohne daß er Miene gemacht hätte, sie in die Kirche zu führen, fühlt, rme ihr Herz bei dies« Nachricht zu klopfen beginnt. Tonio, der gute Junge! Er hungett — für wen anders als für sie! Und nun ist er eine Berühmtheit' urü» reich. Sie packt ihren Hvlzkoffer und setzt sich kurz entschlossen auf die Bahn. ' I Als sie dann den langen Saal betritt, in dem Tonio bereits den dreißigsten Tag lebt, bleibt sie freilich mit aufgerissenen Äugen an der Schwelle stehen. Dies« bleich^ krankhaft magere, grauenhaft alt ausfehende Mann ist Tonio, ihr Anbeter? Donio sitzt in einem geräumigen Glaskäsig, der oben mit einem dünnen, pyramidenförmigen Drahtgitter ab- WIR bitten unsere Leser und Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen! gesperrt ist, in einem ledernen Klubfauteull, zusammengesunken, apathisch, und starrt hinter großen schwarzen Brillen in die Lust. Eine Zigarette steckt zwischen den blutleerer: schmalen Lippen. Er trägt ein goldgelbes, seidenes Pyjama. Ein Messingbett mit einer giftgrünen Decke ist zu sehen, eine Menge Flaschen Mineralwasser, Bürsten, Wäscht Schachteln Zigaretten, Zeitungen, Bücher und Parfüm - flaschen. Die Luft im Saal ist süßlichs-schvül. An den Wänden kleben Plakate: Es wird «sucht, vor Tonio nicht zu essen. Bitte leise spreche«. Rauchen verboten. Es ist wie in einem Krankenhause. Ninetta wagt erst kaum näherzutreten. Sie lieft auf einer Tafel an der Wand: Schlaf unregelmäßig, starke Kopfschmerzen, Puls 101, Temperatur 35, Gewicht 83 Pfund. Sie erblaßt, ihre Knie werden schwach Er würde sterben, der gute Junge, e« richtete sich jämmerlich zugrunde. Aber zugleich denkt sie an das viele Geld, das er verdient, und tritt näher, schon entschlossen, ihm vor die Augen zu kommen. Sie muß ihm doch klar machen, daß sie gekommen ist, um dem allen ein Ende zu bereiter: und ihn zu umarmen. Er würde natürlich sofott überglücklich aus dem Glaskasten springen. Und dann würden sie von seinem Gelde eine Apotheke kaufen oder irgendein Hotel, ganz wie er wollte. Nun hatte e r zu bestimmen. Donio ettennt sie durch seine schwarzen Gläser, er erkennt sie sofort, sie sieht es an dem Aufzucken seiner mageren Hände. Doch er bewegt sich nicht. Sie gibt ihm nun zu verstehen, daß sie, Ninetta, gekommen sei, weil sie ihn liebe und ihr Unrecht einsehe. Er blickt sie einen Augenblick wie nachdenklich an, steht langsam auf und legt sich mit geschlossenen Augen auf das Bett, wobei er vorher vorsichtig die Brille abnimmt. Ninetta wird blaß und rot vor Scham und Entsetzen. Neben ihr beginnen die Leute zu tuscheln und zu lachen. GS ist doch nicht möglich! Tonio verleugnet sie? Er ist sicherlich krank und hat sie nicht erkannt. Nur so konnte eS sein. Sie beschließt daher zu watten. Aber es vergeht eine Stunde, zwei, drei, endlich fünf Stunden. Donio bewegt sich nichjt. Inzwischen ist es Mitternacht geworden. Der Saal wird geräumt. Ninetta muß nun schweren Herzens gehen. Morgen aber will sie wiederkommen und ihm einen Brief zustecken, in dem sie alles erklärt und ihn beschwött, seinen Trotz aufzugeben. Der Impresario fängt aber diesen Brief auf. Er gibt ihn dann Tonio zu lesen, nicht, phne chinzuMügendaß Ninetta nur des Geldes wegen gekommen sei — es wäre doch klar. Aber nun könne er, d« berühmte, reiche Donio sich für die Liebe solcher Keiner Stubenmädchen bedanken. Die vornehmsten Damen ber Gesellschaft seien doch wie verrückt hinter ihm her. Und die vielen Heirate anträge. Erst gestern seien wieder achtzehn solcher Briefe gekommen. Donio liest den Brief und zerreißt ihn vor den Augen der entsetzten Ninetta. Sie steht keinen anderen Ausweg, als auszuharren und selbst zu hungern. Sie schreibt ihm dies auch. Der Impresario gibt auch diesen Brief weiter und schreibt darunter: Du hast lange genug um sie gehungett, laß sie auch einmal das Vergnügen kennen lernen. Donio ist einverstanden. > Am achtunddreißigsten Tage verläßt Tonio feine» Käsig, um in einem Sanatorium neue Kräfte zu gewinnen. Er hat den Weltrekord geschlagen. Am selben Tage wird Ninetta ohnmächtig vor Schwäche und Hunger aus dem Saale getragen. Carlo, der Pottier, kommt, sie zu holen. Vier Wochen spät« heiraten sie. Da der Impresario Donio diese Nachricht überbringt, beginnt dieser zu zittern wie ein Kind. Dann schließt er sich zwei Tage lang in seinem Zimmer ein. Eine Woche später reist er nach Paris. Er will dort seinen eigenen Rekord brechen. Nun aber tritt etwas Unfaßbares ein. Tonio kann nicht mehr hungern. Diese Geschichte mit Ninetta und Carlo — was hat nun das alles für einen Zweck? Nach acht Tag«: bereits verlangt « stürmisch zu esse». D« Impresario bekommt einen Tobsuchtsanfall. Doch alles Brüllen und Drohen hilft nichts. Tonio zahlt eine hohe Konventionalstrafe und beginnt zu essen. Er ißt ununterbrochen. Mit derselben Zähigkeit und Ausdauer, mit der er früher gehungert hat, verschlingt er nun alles, lvas ihm zu Gesicht kommt. Tag und Nacht sind seine Kinnbacken unermüdlich in Bewegung. Nach zwei Monaten wiegt er bereits hundert Pfund, nach weiteren drei Monat«: hundettvterzig, nach sechs Monaten hundettundachtzig und am Ende des Jahres zwechundettvierunddreißig. Schließlich entdeckt ihn eine- TageS Sevoja bei einer Begegnung auf der Straße, und von ihm kommt die Idee, Tonio könnte als Komiker viel Geld verdienen. Tonio hat nichts dagegen. Man muß leben, und das Essen allein verschlingt ein Vermögen. Er findet auch sofott ein Engagement. Man lacht aber nicht üb« seine kleine, heisere Stimm« oder seine platten Witze, sondern üb« seinen Leibesumfang. Denn er ist jetzt eine einzige, wackelnde Fettmasse, ein rollendes Faß, ein Riesenballon im Smoking, erschreckend gut genährt, beinahe ein achtes Weltwunder. Wer erkennt noch den Hungerkünstler in ihm? Ja, das macht alles di« Liebe! lirinh&i