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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-10 · Heft 3005 (10.7.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3005 (10.7.1927)
Date
1927-07-10
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Ne. 8005 Wien, Sonntag Wiener M-rgenzeiturrg 10. JuN 1927 Gelte S DAS dUGH LITERATURBEILAGE DER ."WIENER MORGENZEITUNG' Sowjetstern und Spinnrad. Renee Fülop-Miller: Lenin und Ghandi. Wien, Amalthea- Verlag. War es die Absicht des Autors, zwischen den zwei meistgenannten VoAsfichrern der Gegenwart eine Parallele zu ziehen, ihr Leben, Wirken und Streben unter den gleichen Gesichtswinkel zu stellen, so ist dieser Plan mißlungen. Er kann nicht gelingen, weil in jedem Falle das tertium comparationis fehlt. Die Verschiedenheit der historischen Entwicklung, des Milieus, läßt einen Vergleich Äevhaupt nicht zu. Der eine, Lenin, will die Autokratie in einer anderer: Gestalt. Den Monomachen hat die Diktatur abgelöst und es tväre höchstens pragmatisch, zu untersuchen, ob dies das Lebensziel Lenins gewesen ist. Aber auch dieser Versuch mutz gleich aufgegeben' werden. Denn darüber, was Lenin eigentlich im Herzen wünschte, wie sich in seinem Kopf das Bild nicht Rußlands, sondern der Welt gemalt hat, dafür bestehen keine Anhaltspunkte. Vor der Revolution nur Agitator, nur Kritiker, nachher ein eisenharter Vollstrecker, des Willens der Massen, den er nicht selbst gebildet' hat. Seine Biographen gehen' um diesen, wie es scheint, entscheidenden Punkt behutsam herum. Die Zerstörung der Monarchie hatte der Krieg vollendet. Hier fand der Träger der revolutionären Ideen schon eine fertige Tatsache vor. Er ging daran, das gesamte Gebäude, das die Bourgeoisie aufgerüttelt hatte, nicderzureißen. Das tvar die Voraussetzung, denn dieses Gebäude war von muffiger Luft 'erfüllt, hatte Kerker und geheimnisvolle Keller. Aber was ist aufgebaut worden? Was wollte Lenin aufbauen? Den Staat der Bauern und Arbeiter — so lautete die Devise. Aber das ist doch nur ein Wort von vielen. Sind die Probleme Rußlands als russische Probleme erfaßt worden, oder wurden sie ausgeweitet? Das ist auch heute nicht so klar zu beantworten, weil doch Lenin gestorben ist und von seinem Werk eigentlich nichts gerettet werden kann^ Der Bolschewismus als isoliertes System verdorrt. Die europäischen Staaten haben ihn abgelehnt, da ihre Völker ihn ablehnten. Es müßte also die Frage so gestellt werden, ob Lenin mit diesem negativen Erfolg gerAKnet."W.''MK'.'Wrt' über, wieder''auf den Punkt zurück," über den nichts in Erfahrung zu bringen ist. " Renee Fülöp-Miller trägt aber Diaterial in genügender Fülle zusammen, um die Person Lenins plastisch erscheinen zu lassen. Er zeichnet seine Entwicklung von dem schrecklichen Tage der Jugend an, an dem sein Bruder gehängt wurde. Wir verfolgen Lenin in der Sturmzeit der sozialistischen Agitation, sehen ihn in der Verbannung in Sibirien, wohin ihm seine tapfere Frau folgt, auf der Wanderung durch den Westen und schließlich im Kampf um die Macht. Aber er ist, wenn man das' alles durchgearbeitet hat, ein etwas patriarchalischer Lenin, der die Musik bis zur Wehrlosigkeit liebt, der darüber seufzt, daß er für die Beschäftigung mit der Kunst keine Zeit hat, der den Fuchs nicht schießt, weil er zu schön war. Er hält Gorki vor, daß er zu wenig für seine Gesundheit tut, will die Empfindlichkeiten Trozkis schonen und ähnliches mchr. Ist das aber der Lenin, der zornige Hasser, der Mann der Faust, der Diktator, der die Tscheka von den Romanows geerbt und ausgebaut hat? * Anders das Bild Mahatma Ghandis, des indischen Kämpfers, der kein Kämpfer sein «will und das Ziel durch die Anwendung der Gewaltlosigkeit erreichen will. Er ist Redner, Anerferer und — bei der berühmten Wiederbelebung des Spinnens — auch Vorarbeiter. Ihn bringt Fülöp dem Leser menschlich sehr nahe und es gelingt ihm auch, >Ghandis Anschauungen faßlich zu erläutern. Er strebt ein national und sozial freies Indien an und toill die Engländer durch die wirtschaftliche Unabhängigkeit ihres reichsten Besitzes zum Abzug bringen. Er predigt die Bedürfnislosigkeit, die Annäherung der .Kasten. Und hier.liegen, die Schwächen seiner Pläne. Nur Steigerung der.Bedürfnisse weckt die produktive Kraft und die soziale Evolution, und nur pie totale Ueberwindung der Kasten wäre die primäre Vorbedingung der nationalen Einigung. Und was die Gelvaltlofigkeit als politische Waffe anbelangt, so entspringt sie wohl nur der Notwendigkeit, mit einer in furchtbarer Unterernährung gehaltenen Unterschicht rechnen zu müssen. Es gibt schon Klassen von Indern, die Beamtenhierarchie, die die Gewalt und Gewaltlosigkeit gleicherweise ablehnen und eine volle Unabhängigkeit gar nicht wünschen. Denn über sie und ihr erworbenes Fett tvürde die soziale und die nationale Freiheit der von , unten Kommenden sehr rasch hinweggehen. Kiplings Babu lebt noch immer, und für England kämpfen die Streitigkeiten zwischen Hindus und Mohammedanern. Das Buch Fü'töps ist im ganzen eine verdienstvolle, anregende Leistirng, die sich dem „Geist und Gesicht des Bolschewismus" zweckentsprechend anschließt. l.' Hermann Hesse. Eine Biographie von Hugo Ball zum 30. Geburtstag des Dichters. ,Hermann Hesse ist ein jugeiMicheS Volkslied, in unendlicher Variation." Immer noch weht uns diese Impression an, sogar heute noch, da Hermann Hesse 50 Jahre alt geworden ist. Vom Jünglingsroman Peter Camenzind bis zur indischen Dichtung SiddHartha über d!« skeptisch-lyrische Geschichte von Demian blicken uns di« Augen eines verträumten, von der Welt zwar gekneteten, aber nicht abgeschliffenen Dichters an, der (im simpelsten Alltag) die blaue Blume der Romantik nicht suchen muß, weil sie ewig in seiner Seele duftet. Des Dichters Weg bleibt Mythos. Man kann ihn enthüllen, verständlich machen, man kann seine menschliche und dichterische Entfaltung bis zu einer gewissen Grenze Erstellen — und doch bleibt vom Menschen und Gestalter ein letzter Rest Geheimnis. Hugo Ball, dem Dichter nahe, seiner „Melodie und Tragik" verbunden, über Dokumente seines privaten Lebens verfügend, hat' nun in einem Buch Hermann Hesse, Sein Leben und sein Werk (S. Fischer Verlag A. G., Berlin), mit Takt, Klugheit und intuitiver Objektivität die erlebten und erdichteten Schicksale des Dichters geschildert. Zum erstenmal erfahren wir, daß Hesses Verbundenheit mit der Unendlichkeit der Welt geographisch und geistig 'begründet, ist. Ein Hamsunsches Leben, durch die Sonne und die weicheren Konturen der Landschaften gemildert, wird vor uns aufgerollt. Der Dichter läuft durch . verschiedene Berufe. und Schulen, immer im Begriffe, sich zu erfüllen im Drange nach Freiheit, Wahrheit und Verantwortungsgefühl. Was Hugo Balls Biographie über die Schablone 'heraushebt, ist die Darstellung der geistig-geschichtlichen Zusammenhänge und der autobiographischen Spiegelungen in den Werken des Dichters. Auch ist die Gefahr der Ueberschätzung vermieden. Ern ernster, geschulter, präzise denkender Kopf hat hier Wertvolles geleistet. Besondere Bedeutung gewinnt Balls Buch durch das sensitive Erfühlen des Religiösen, das in allen Werken Hermann Hesses waltet. Und das Resultat: der Dichter Hermann Hesse ist eine Gnade für den Jüngling und für den Weisen. Mit dem Abschluß -des fünfzigsten Lebensjahres beginnt eine neue Epoche -seines Schaffens, o. r. -rr?— Reiter von Familie Forstzie. John Galsworthy: Der silberne Löffel. (Roman. 1. bis 30. Tausend. Verlag Paul Zsolnay, Berlin, Wien, Leipzig.) Die meisten Leser haben gewiß die Chronik der Familie Forsyte, welche John Galsworthy in der „Forfyte-Saga" und im „Weißen Affen" begonnen hat, mit dem Genuß verfolgt, den solche liebevolle Schilderung Englands aus der Perspektive der englischen Familie bereitet. Die die Forsyte- Bände noch nicht kennen,- mögen es rasch nachholen, die Bekanntschaft mit dieser englischen Familie zu machen. Um ein Stück weiter in dieser Chronik führt der neueste Roman Galsworthys „Der silberne Löffel", den Leon Schalit für den um Galsworthy aufrichtig bemühten Zsolnay-Verlag mit gewohnter Akribie ins Deutsche übertragen hat. Der silberne Löffel ist für Galsworthy das Symbol' des heutigen England, das er mit dem Kinde vergleicht, welches schon von den ersten Lebensjahren an mit einem silbernen Löffel essen kann. Das heutige England ist in Galsworthys Augen schon mit dem silbernen Löffel des Wohlergehens geboren und bedürfte solcher Menschen und Ideen, die daran denken, daß man auch mit hölzernen Löffeln essen mutz. Galsworthy schildert in seinem Roman, wie ernste Gefahren für ein Land das Wohlergehen und die Sorglosigkeit birgt. Doch ist diese Schilderung in so viel liebevolles Eingehen.auf die Nichtigkeiten, die für die heutige englische Gesellschaft wichtig sind, eingehüllt, daß der Ernst dieser Mahnung eben denen, die es angeht, in der angenehmsten Dosierung gereicht wird. Die köstlichsten Bilder entwirft Galsworthy vom Parlament und vom Gerichtsleben; besonders das gerichtliche Verfahren mit den Rücksichten auf die gute englische Gesellschaft verquickt, ergibt lustige Szenen. Ueber diese feinen satirischen Lichter hinaus aber gibt das Buch, welches das neueste England im Stamm der Familie Forsyte behandelt, guten Einblick in das Wesen einer Gesellschaft, die sich von der kontinentalen nicht nur durch andere Sitten unterscheidet, sondern vor ihr ein Großes voraus hat: das Heimatbewußtsein, das Englands Bürgern jene machtvolle Lebenssicherheit gibt, welche ein Weltreich begründet und bis heute erhalten hat. -h. Ein nachgelassenes Werk Israel Zangwtlls. Der vor einigen Monaten verstorbene verMmte englisch-jüdische Schriftsteller Israel Zangwill hat in seinen letzten Lebensjahren an einen: Roman „Der Baron von Offenb a ch" gearbeitet, der unvollendet geblieben ist. , Nunmehr haben die Hinterbliebenen Zangwills beschlossen, das Fragrnent im Manuskript dein britischen Museum zu übergeben- ES soll nicht in Druck'gelegt werden. Annie von Drabenetz: Brettlfliegen. (Roman. — Eigenbrödler-Verlag A. G., Berlin.) Die Evlebnisie auf der Fahrt des Löbens wären so intensiv, daß sie sich zu einem Werke verdichten konnten. Man lächelt: der Roman einer Frau. Ein Frauenroman also. Und in natürlicher Gedanke ns olge ein Bukett von Sammet und Seide, Blumen und Kleidern, Salons und Lustern. Auch -der Umfang dieses Buches, wiegt man es kennerisch in der Hand, scheint verdächtig. Doch gleich am Beginn ein starker Akkord, Gesehenes plastisch geformt, Erfühltes in Dialogen gestaltet, Erdachtes mit dem Ruch der Wirklichkeit durchtränkt. Der das Thema umreißende Titel des Buches: „Brettlfliegen" macht an Unterhaltungsromane erinnern, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen. Ein Dutzendroman ist es nicht. Obgleich zeitweilig Dichtigkeit vermissen lastend, formt es doch Natur u-nd Milieu in Dialogen, und bei aller Pointilliertbeit besitzt eS doch den langen Atem, den jedes epische Werk erfordert, und die Art, wie die Figuren gestaltet und einander gegenübergestellt werden, bezeugt — es ist ein Erstlingswerk — die Kenntnis der Romantechnik, wie sie die neueren rustischen Erzähler besitzen. Das'Aufsteigen aus einer muffigen, von Alkoholdunst und Plüi'chgeruch umflorten Erotik zu einer Reinheit des Herzens, die seltener ist als Leidenschaft, ist mit echt weiblicher Zartheit und Empfindsamkeit gezeichnet. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird Drabenetz' ,>Brettlf>I':egen" das Buch der Srison werden. Und manche ,-Saison" dauert recht lange. o. r. Ein neuer Roman. Der neue, im Frühjahr vollendete Roman von Max B r o d : „Die Frau, nach der man sich sehnt" wird im Herbst dieses Jahres im Poul-iZ s o l n a y-Verlag, Berlin und Wien, erscheinen. Eine Gottlober-Ausgabc- In Kürze erscheinen die jüdischen Werke des bekannten jüdischen Schriftstellers der Aus- Wrungsepoche A. D. Gottlober in einer Neuausgabe gefem'mett. Der Band, welcher von A. Fridkin und S. Reisen herausgegeven wird, umfaßt oie Lreder und Prosa-Arbeiten Gottlobers. „Krrjaih Scpyer". Soeben erschien das erste Heft des 4. Jahrganges der von der jüdischen National- und Universitätsbibliothek hcrausgegebenen bibliographischen Vievteljahresschrrft „Kirjath Sepher". Das Heft umfaßt außer der Bibliographie Aufsätze von F. Bodenheimer, I. Sonn«, Jrzchak Rivkind, Menasche Unger, Meir ben Abraham Halevh, B. Dinaburg u. a. Tie Zeitschrift ist durch die jüdische National- und Universitätsbibliothek Jerusalem SV: beziehen. Abonnementspreis 10 englische Schilling pr, BÜCHEREINLAUF. Heinz Anders: „Mensch und Tier". Phylax-Verlag. Berlin SW. 68. CUanoch Mbeck: „Untersuchungen über die halakischen Midraschim" (Veröffentlichungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, 3. Band). Akademie-Verlag, Berlin. Carry Brachvogel: „Die Schauspielerin" (Roman). Verlag I. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Wilhelm Bölsche: „Lichtglaube". Verlag Philipp Reclam jun., : Leipzig. HiUnre Belloc: „Millionär wider Willen" (Roman). Verlag Dh. Knaur Nachf., Berlin. John Erskme: „Das Privatleben der schönen Helena". Verlag Kurt Wolfs, München. „Ethos", Zweimonatsschrift für Soziologie, Geschichte :md KulturMlosophie (2. Jahrgang, Heft 2). Verlag G. - Braun, Karlsruhe). Bruno Frank: „Zwölftausend", Schauspiel in drei Akten. Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin. „Frag mich was" (ein neues Spiel), mit einer Einleitung von Artur Rundt. Verlag E. P. Tal u. Co., Wien. Srredrich Freksa: „Ein Mädchen reist ins Glück". Sietäbe-Venags- und Druckerei G. m. v. H., Berlin- Zehlendorf. Rene Fülöp-Miller: „Lenin und Ghandi". Amalthea- Verlag Wien. Dr. Uno Hammarlöw: „Ter wirtschaftliche Informationsdienst der Exportstaaten". Verlag Hallmag A. G. Bern. „Ha-isihah", Monatsschrift für die palästinensische Frau, hlerausgegeben von der jüdischen Frauenorganisation Palästinas und der Vereinigung zionistischer Frauen Amevlkas „Hadafsa", Heft 3. Im Selbstverlag Jerusalem (Hebräisch). Hans E. Kinck: „Herman Ek" (Roman). Verlag H. Haessel, Leipzig. „Ein Industriebau von der Fundierung bis zur Vollendung". Bauwelt-Verlag, Berlin. C. A. Loosti: „Die schlimmen Juden". Verlag Pestalozzi-Fellenverg-Haus, Bern. Maria, Königin von Rumänien: „Die Stimme vom Berge" (Roman). Renaissance-Verlag, Wien. „Hamischpach hrriMi", 2. Teil, herausgegebcn von M. Elia sch und P. D i kstin. Selbstverlag der Bereinigung „Haniischpachhaiwri". „Die Sagen der Juden zur Bibel" (6. Band, Juda und Israel), herausgegeben von Rnhel und Emanuel bin Gorion aus dem Nachlaß von Aticha Josef bin Gorion. Verlag Rütten und Loening, Frankfurt a. M. Gmik Sanbt: „Die Schmiede" (Roman). Sieben-Stäbe- Berlag G. m. b. H., Berlin-Zehlendorf. Dr. Ing. W. Thttm: „Ekmvandfteies Trinkwasser?" (Heft 3 vvn Thiems Hydrologischer Sammlung). Alfred 'Kröner-Berlag, Leipzig. M "'«L' T^ ' ud: „Wo Israel herrscht". Ainalthssä. Verlag, Wien.

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