Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3005 (10.7.1927)
- Date
- 1927-07-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 6 Gien, Sonntag Wiener Morgerrzettmrg 10. Juli 1927 Nr7 3008 Start m Erholungsreise" aus dem Westbahnhof. Krim von M. Wem Gott will rechte Glinst erweisen, den schickt er jetzt nicht in die lveite Welt. Wenigstens vom Wiener Westbahnhof nicht. Dort wurde gestern mittags eine förmliche Schlacht ausgetragen. Friedliche, harmlose Mensch'n, die keinem Stencrexekutor etwas zuleide tun können, cntrvickclterr erneu Kampfgeist und gebärdeten sich als entfesselte Dransgänger, lvie es eben nur bei der Abfahrt von einem Wiener Bahnhof — beispiclslveise irrs Salzkanrmergut — geschahen kann. Es gab einen wilden Sturm über Kinder und Franen hinweg, von denen übrigens viele auch eine Durchschlagskraft entwickelten, die zu Danrenweltrekorben prädestiniert. Nach langem Warten in der aitgestelltcn Menge öffnet sich endlich die Tür. Ter Mann mit der Kappe nimmt eine Tafel herunter und hängt eine andere auf. Bald wind jedoch der Eingarrg srcrgegeben. Ein wildes Schieben, Drängen, Stoßeir, man wird rechts und links geboxt mtd gezwickt, überflüssigerweise auch vom Beaniten in die Fahrkarte und nach einem schrecklichen Tohubawohn findet man sich endlich — in einem ztveiten Warteranm. Die frühere Placierung scheint etwas geändert, die letzter: sind jetzt die ersten. Marc wartet unruhig. Tie Nerven narben immer erregter. Man entwirft einen Feldzugsvlan für diesen Kleinkrieg. Meine Taktik: Bor nur steht eilte Dame, die ein für solche Situationen anscheinend unentbehrliches Hündchen an: Arm trägt. Zu ihr gehört ein großer Korb, der sich, wie ich als alter Plänkler >veiß, beim Sturnlangrifs für mich als schtvere Hürde eriveisen wird. Was tun? Ich setze den rechten Fuß vorsichtig neben den Korb. Tie Spannung steigt, einige alte Tanren lehrte,: erschöpft an der: Wänden des übervollen Raumes und die erhitzte Phantasie der Wartenden sieht als kühnsten Traunr eine,: freien Sitzplatz. Endlich erscheint der kompetente Mann vor dem Gitter, ruhig, teilnahmslos; drinnen ist alles bis zur Siedehitze aufgepeitscht. Ter Zwinger tut sich aus. Ein jäher Start setzt ein, mein Fuß schiebt den tückischen Korb ein wenig zur Seite, ich habe zwar die Bahn frei, aber noch keiner: Matz. Im Finish sehe ich mich auf der Treppe zum Waggon, dessen Tür sogar offen ist. Durch eine mehr instinktive „Körpertäuschung" — das Ergebnis jahrelar:ger: Fußballspieles — stelle ich den gefährlichsten Konkurrenten ettvas „offsioe" (ich bitte den Herrn hiermit feierlich um Entschuldigung) und bleibe Sieger. Ter „Gegner" kommt aus der: ztveiten Platz, das heißt, er kriegt keinen nnchr, da ich gerade noch den letzten freien Sitz erobert habe. Irrwischen gibt es zwischen den Geleise,: eii: vcrziveiseltes Chaos. Kinder wimmern, Mütter irren, alles remret. Etttsetzen und Berziveiflung in allen Mienen. Ter schönste Landaufenthalt kam, die Folgen einer solchen Panik nicht inehr glltmachen. Die Nacht Byrds im Nebel der Lüste karur kamn grausiger geivesen sein. Jetzt kann ich es jq sagen: Ich habe beit Platz für eure nur sehr nahe stehende, 72jährigs Frau besetzt. Mittels einer Perrottkarte, auch wenn dies vielleicht nicht „erlaubt" sei,: sollte. Für nlich selbst hätte ich mich nicht in dieses Kampsgetümmel gestürzt. Nebrigens, bis zum nächsten Jahre rverdc ich trachten, mir entsprechendes Reisegeld zusaminenzuspar^l und, tvcnn der „kaufmännische Betrieb" der Burchrsbalneii in dieser Weise noch andaucrn sollte — in Wien bleiben. Kleine Nachrichten. Gestern wurve der 20iährige Karl Oberländer in der Siarubahnhaltestelle Meidling beim Versuche auszuspringen, Mischen Perron- und Waggonwand geklemmt. Der Unglückliche erlitt derart schwere innere Verletzungen, daß er während des Transportes ins Spital starb. » Der 52jährige Juwelenh-ändler Moses Mols Gorge, Zirkusgasse 23 wohnhaft, wurde gestern auf der Fahrbahn von dem Auto A All 615 niedergestoßen und mußte durch die Rettungsgcsellschast in das Spital der Barmherzigen Brüder gebracht werden. Gestern nachmittags hat sich der 28jährige Schlossergehilfe Friedrich Gaudir beim Baden in einer Lache der Siedlung Hermes der einem Kopfsprung durch 'Aufschlagen auf einen Steiir eine Verletzung am Kopse zugezogen und wurde bewußtlos geborgen. Die Hietzinger Rettungsgesellschaft brachte ihn in das Krankenhaus der Stadt Wien. * Gestern abends ist der Privatbeamte Leon Klüger, Klosterneuburgerstraße 86, beim Baden im Donaukanal beim Steinlagerplatz ertrunken. Die Leiche konnte noch nicht geborgen werden. Am 8. Jul: fand man eine Zeltblatthose und ein blauwciß-gestrciftes Leibchen am Ufer bei der Alten Donau. Die Kleider dürften einem sechs- bis siebenjährigen Knaben gehörender zweifellos beim Baden ertrunken ist. CESCHKÄ die Marke de 5 eleganten Herrn Vif., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 (■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■Bl I £ Das neue Problem: Ein teures Telegramm ober ein billiger ausfllbrlicher Luftpastbrlefr Ein Telegramin nach Polen kostet für zehn Worte 3.70 Schilling, ein Expreßbrief 1.10 Schilling; der Luftpostbrief, der in einigen Stunden nach Aufgabe in Wien dem polnischen Adressaten zugestellt wird, nur —.60 Schilling. Aufgabe bei allen Postämtern; am AbflugStage bis 7 Uhr 20 Min. morgens beim Hauptpostamt. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung": Monatlich Wien und Oesterreich.8 5 — Tschechoslowakische Republik.Kö 22 — Jugoslawien.Dinar 60 — Polen . . ..Zloty 6— Deutschland.Goldmark 4*— Palästina. sh 4 — England . ..sh 4'— Frankreich, Belgien. Frcs. 35'— tallen 1.Lire 20 — Aumäniea ................. Lei 170'— Bulgarien . ..Lewa 100'— Bmerika . ‘. Dollar!•— Rchwelz und das übrige Ausland ..... Franken , 5 — Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. Der Kampf gegen das Paßwistim Der VerBcefor rwlsclren Desterrceficfi« und dem ^uropttlschen Ausland. Die hier nebenstehende Kartenskizze gibt eine anschauliche Uebersicht über den gegenwärtigen Stand des Visumzwanges im Verkehr zwischen Oesterreich und dem Ausland. Die Staaten, mit denen der Reiseverkehr ganz frei ist, sind voll von links nach rechts schraffiert. Es sind dies: Deutschland, Dänemark mit Island. Liechtenstein, Niederlande, England und Nordirland (ab 1. August d. I.), Portugal und Lettland. In die Schweiz kann man ohne Bisumzwang gelangen, wenn man keine Stelle antreten will. (Schraffierung von rechts nach links.) Wegen der allgemeinen Aufhebung des Sichtzwanges bestehen Verhandlungen mit Schweden und Finnland. Mit der tschechoslowakischen Republik wird gegenwärtig über die teilweise Aufhebung de- Visumzwanges (unter den gleichen Bedingungen wie in der Schweiz) verhandelt. Diese Besprechungen sollen dem Abschlüsse nahe sein, stehen jedoch in Verbindung mit den gleichzeitig -wischen der Tschechoslowakei und Deutschland schwebenden Verhandlungen. Der kleine Grenzverkehr zwischen Oesterreich und der Tschechoslowakei soll in der rächsten Zeit erleichtert werden. eya/xe WefAIRfN* & § > Stcktvermepkxwd Sjchti/errnerhjkuanarfün' wtgexmn aufge Ste/tewntpf&t 6 ' ‘K.W wS!m^eehiaßnel/angen wegen allgemeiner VerfrancHungeh wegen teil'weisen Beseitigung desSicbtver^ , Aufhebung des Sichtvermenhzwanges. Xws/yÄ meekzw.anges.f Beibehaltung für SteUenantHtb)