Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3005 (10.7.1927)
- Date
- 1927-07-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ne. 9005 Wien, Sonntag Wiener Mvkgenzettrmg 10. Juli 1987 Sette 8 Sine feine Firma Die Chefs stecken die Angestellten-Kautionen ei«. Von sechs Angestellten der Firma Erstes Wiener NahadressenverzeichniS „Mein Nachbar", 3. Bezirk, Bechardgasse 23. wurden gegen die Inhaber der Firma, den 34jährigen Kaufmann Anton Deutsch und seinen Kompagnon, den 41jährigen Kaufmann Josef Ha mp l, Anzegen wegen Betruges erstattet, weil die beiden Kautionen ihrer Angestellten veruntreut hatten. Die Firma nahm Inkassanten und Buchhalter ans und ließ sich von diesen Kautionen in der Höhe von 1000 bis 3000 S. ausbeza-hlen. Die Angestellten wurden lediglich zu untergeordneten Diensten verwendet und die Kaution steckten die Firme n« chefs ein. Als am 1. Juli die Löhne bezahlt werden sollten, war Deutsch verschwunden. Der Schade, der den Angestellten zugefügt wurde, beläuft sich auf ungefähr 10.000 S. Im Zuge des Verfahrens kam zutage, daß Deutsch und Hampl Ende April im Möbelgeschäft Herlinger in der Porzellangasse eine Herrenzimmereinrichtung im Werte non 2800 S. gegen Eigentumsvorbehalt erstanden und schon am nächsten Tage im Dorotheum verpfändet hatten. Deutsch ist flüchtig, Hampl konnte gestern verhaftet tvevden. SPBZIALHAUS BÜR STRICKMOBBN M. HOLZER VI, MariahllferStriäße Nr. 89 (neben Flottenkino) — II., Tabor- Straße Nr. 18 (Hotel National) — Karlsbad, Alte Wiese WOLL*TRfKOT- JUMPER-KL EID IN ALLEN FARBEN S 35 - WASCH3EIDBNSTRUMPFE s 3*90 Er behauptet, daß er dem Deutsch blind vertraut habe und sein Opfer geworden sei. Äon den Kautionen habe er nichts erhalten. Deutsch und Hampl, die beide seinerzeit Funktionäre 'der Gewerblichen Genosscnschaftskasse waren, standen im Vorjahre wegen Verdachtes der betrügerischen Krida in landesgerichtlicher Untersuchung. ooooooooooooooooooocx%x)ocx)booooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo Der Schattendorfer Prozeß. Mangelhafte Vorsorge «er Sicherhettrbchörden. S>er wichtigste Zeuge der gestrigen Verhandlung im Schattendorfer Prozeß war der Postenkommandant Witwer, aus einer kleinen Ortschaft an der ungarischen Grenze. Es ist bezeichnend für die Sicherheitsverhältnisse in dem von ungarischer Jrredenta -stark durchsetzten Burgenland, daß die Aufrechtevhaltung der Ruhe und Ordnung in einer von. politischen Kämpfen .stark beunruhigte«: Ortschaft an der Grenze auf den Schulten: eines einzigen Gendarmen. ruht, der sich dann, als ihm bekannt wurde, daß Frontkämpfer und Schutzbündler Parallelversammlungci: abhalten, ä w e i weitere Gendarmen aus benachbarten Ortschaften für den Nachmittag ausborgen mußte. Diese drei Mann waren natürlich gänzlich außerstande, die Katastrophe zu verhindern. Ist es Absicht oder falsch angewendete Sparsamkeit? Die burgenländischen Behörden werden Aufklärung geben müssen. In Fortsetzung des Zeugenvevhöres trnlrde als erster der Munitionshändler Leo Schwarz aus Mattersburg einbernommen, bei dem die Tscharmanns ihren Munitionsbedarf deckten. Die zuletzt gelieferten Patronen mußte er. mit stärkerem Schrot füllen, weil in seinem Geschäft Schrotmängel eingetreten war. Diese stärkeren Patronen haben dann auch den'Tod der beiden Angeschossenen herbeigeführt. Der Hilfsarbeiter Martin F r an k, ein Schutzbündler, erzählte, daß Csmarits an eincnBaum ge lehnt dem Aufmarsch der Schutzbündler zusah. Plötzlich wurde er durch einen Schrotschutz in den Rücken getroffen und fiel leblos nieder, Der Vetter des erschossenen Csmarits, Franz Csmarits, erzählt dasselbe über dessen Tod. Vors.: Haben Sie gesehen, daß Mitglieder des Schutzbundes geschossen haben? Zeuge: Wo sollen's g'schossen haben? Wir dürfen ja gar keine Waffen tragen. Weise erörtert er jene Grunderscheinungen, die historisch die Veranlassung zur «Aufstellung der Theorie geworden sind. Die Mleitung der Transformationsgleichungei: gibt der Kandidat auf einen: eigenen Wege, der, wenn er auch logisch nicht ganz einwandfrei erscheint, doch zum richtigen Ziele führt. Das Verzeichnis der von den Schülern gewählten Reiseprüfungsarbeiten ist übrigens nicht nur für den Fachmann interessant. Es spiegelt den universellen Geist der Schule, der sich wohl hütete, durch Einseitigkeit das Weltbild zu verengen. Neben technischen Stoffen humanistische «Abhandlungen. Neben „Chemische Eigenschaften des Rohrzückers und seine Fabrikation" eine „Darstellung des goldenen Zeitalters in der römischen Literatur", neben „Unterrichts- und Schulwesen zur Zeit des Talmuds" und „Stellung des Jesajas znm Kultus und zu den Sitten seiner Zeit" Studien über den Nibelungenstoff und über Ibsens Dramen. # Wer kann prophezeien, was ans diesen neue» jüdischen Maturanten werden wird, wohin sie ihr Schicksal, ihr Geist, wohin sie das stärkere Leben führt? Ob sie ihrem Volke, ob sie der jüdischen Erneuerung dienen iverden? Sie sind am Start. Niemand kennt ihr Ziel, sie selbst natürlich kennen es auch nicht. Mer sie sind die ersten jüdische^ Maturanten des Westens, die ein günstiges Geschick ins Judenunt zurücksührte, bevor sie zum Start ins Leben antraten. Dafür haben sie dankbar zu sein. Einer ihrer Lehrer ist ihnen vor zivei Jahren nach Erez Israel vorausgezogen. Ich traf ihn dort am Karmel, ich fuhr mit ihm nach Jerusalem. Er mußte hin, so schwer ihm der 'Abschied von den Wiener Schülern wurde, die ihm mit herzinniger Neigung ergeben sind, mit denen er, wie ich weiß, in kameradschaftlichem Briefverkehr steht. Ich glaube, sie werden ihm Nachfolgen, oder, wo iminer sie ihre Bestimmung festhült, mit ganzer Kraft für Erez Israel wirken. Der Gang zum Grabe Herzls konnte bei diesen nicht bloß schöne Geste sein. Otto«Aibelrs. ' Bors.: Es ist manches verboten und wird doch getam Die Zeugen Paul Czikovits, .Johann Bernhard und Josef Sch aller, durchwegs Schutzbündler, sagten konform aus, daß die Schüsse aus dem Gasthaus Tscharmann gefallen seien. Der Zeuge Simon St e fan erzählt, daß die alte Frau Tscharmann beim Vorbeimarsch der Schutzbündler höhnisch gelacht habe, tvas unter den Vorbeiziehenden Erregung ausgelöst habe. Vors.: Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich 150 Mann über das höhnische Lachen einer alten Frau sehr aufregen. Der Zeuge erzählt dann weiter, er habe sechs bis acht Schüsse aus dem Hause Tscharmanns beobachten können. Vors.: Wo stand Johann Bernhard, von dem behauptet wird, daß er geschossen habe? Zeuge: Düs ist eine ganz gemeine Lüge. Er ist die ganze Zeit in meiner Nähe gestanden. Der Vorsitzende rügt diese Ausdrucksweise und fragt, ob die Möglichkeit bestanden habe, daß Bernhard geschossen hätte. Zeuge: Nein, ich hätte es hören und sehen müssen. Vors.: Haben Sie gesehen,, daß Steine gegen das Haus geworfen wurden?! Zeuge: Nein, dort sind ja gar keine gelegen. Vors.: Mann kann sie ja mitgebracht haben, sowas kommt ja manchmal vor. . In der Nachmittagsverhandlung wurde der 38jährige Gendarmerierevierinspektor Johann W t tw e r, Postenkommandant in Schattendorf, einvernommen. Er wurde, wie er erzählte, Samstag von der Bezirkshauptmannschaft Mattersburg von der sonntägigen Fwntkäinpferversammlung, deren Anmeldung ordnungsgemäß erfolgt sei, durch einen Boten verständigt. Cr hat daraufhin die beiden ihm unterstellten Gendarmen, die in einer anderen Ortschaft bequartiert sind, für Sonntag um 3 Uhr nachmittags nach Schattendorf bestellt. Sonntag um 12 Uhr erfuhr er, daß auch eine sozialdemokratische Versammlung im Gasthaus Moser stattfinden solle. Darauchin sei er zum Bürgermeister gegangen und habe gefragt, ob die sozialdemokratische Versammlung angemeldet sei. Der Bürgermeister habe erwidert, er wisse es nicht, glaube aber, daß die Anmeldung durch die Parteileitung erfolgt sei. Auch wisse er nicht, ob ein Aufmarsch geplant sei, ihm sei nur bekannt, daß auch Schutzbündler aus fremden Ortschaften kommen werden. Witwer sei dann zu dem Frontkämpfer Graffl gegangen, um Erkundigungen einzuziehen, und wollte von dort zum Obmann der Frontkämpfergruppe, Pinte r, gehen. Als er Trompotensignale beim Gasthaus Moser hörte, eilte er hin, und der Bürgermeister teilte ihm mit, daß die fremden Schutzbündler eingetroffen seien. Gleich darauf seien die beiden Schüsse gefallen, die die Tscharmanns abgegeben haben. Im Tscharmannhof habe er dann Schutzbündler mitPreschitzan der Spitze gefunden und es wurde ihm mitgeteilt, daß aus dem Hause geschossen worden sei. Er mußte die Schutzbündler mehrmals energisch auffordern, den Hof zu verlassen, bis sie Folge leisteten. Er habe dann Preschitz um Mitteilungen über den Vorfall ersucht, doch dieser habe erklärt, ergebe keine Erklärung, und marschierte daraufhin mit seinen Leuten ab. Während er einige Leute im Tscharmannhof eknbernahm, brachten Leute plötzlich das Gerücht, daß sich am Bahnhof ein Zusammenstoß ereignet habe, wobei ein Mann erschlagen worden sei. Der Zeuge habe sich sofort mit den beiden Gendarmen auf den Bahnhof begeben, um die Unrichtigkeit deS Gerüchtes festzustellen. ' Nach Einvernahme dieses Zeugen stellte der Privatbeteiligtenvertreter Dr. Reichardt den Antrag, den burgenländischen Landtagspräsrdenten Hoffenreich, den Abgeordneten T o m s ch i tz und den Nationalrat Probst über die Bersammlungssprengungen durch die Frontkämpfer einzuvernehmen. Weiters beantragte Dr. I Reichardt die Einholung der Strafkarte des Frontkämpfers Feßl. Dagegen stellte D r. Riehl eine Reihe von Bersammlungssprengungei: der Sozialdemokraten unter Beweis, Ivas den Vorsitzenden zu der Bemerkung veranlaßte: „Sind wir froh, daß w ir das Burgenland erst seit 1919 haben." (Heiterkeit.) Die Verhandlung ivurde sodann abgebrochen und w:V Montag vormittags fortgesetzt. Sar „Jüdische wissenschaftliche gnstttitt". Zwei Jahre Arbeit. Voraussetzung für eine jede Tätigkeit im Interesse und zum Nutzen des eigenen Volkes ist dessen genaue KenNlnkS. Sonst ist alles, ivas man für das Volk tun will, „ein Tappen im Dunkeln, ist alles, was man über das Volk sagt, bestenfalls Lyrik, schlimmstenfalls leeres Geschwätz", wie Max Nordau in seiner bedeutungsvollen Rebe an: fünften zionistischen Kongreß mit Recht hervorgehoben hat. Es ist daher selbstverständlich, daß mit dem Einsetzen der zionistischen Bewegung das Bestreben aller von der zionistischen Idee Durchdrungenen dahin ging, genaug Kenntnis der Vergangenheit, Beherrschen der Entwicklungsgeschichte des Volkes auf kulturellem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, zuverlässiges Ermitteln dessen, wie das Volksmaterial beschaffen ist, womit wir zu arbeiten haben, zu fordem. Es wurde untersucht, wie das jüdische Volk körperlich beschaffen, wie groß es durchschnittlich ist und welsches seine anatomischen Eigentümlichkeiten sind, wie hoch die Erkrankungs-, Geburts- und Sterblichkeitszifser ist, wieviel Tage im Jahre der Jude-durchschnittlich krank ist, wie lange er lebt, an welchen Krankheiten er stirbt, wie groß die «Anzahl der Eheschließungen und'Ehescheidungen ist, welches seine Kinderzahl ist, wieviel Verbrecher, Irrsinnige, Taubstumme, Krüppel, Blödsinnige, das jüdische Volk zählt, ob bei den Juden eine eigene Kriminalität vorhanden ist Und welcher «Art sie ist, wieviel Juden in den Städten, wieviel an: Lande wohnen, welchen Bernsen sie nachgehckr, wieviel selbständig, wieviel unselbständig beruflich tätig sind, wie der Jude arbeitet, welches seine Steuerleistung, wie groß fein Vermögen ist; was ißt und trinkt das jüdische Volk, wie sind seine Wohnungsverhältnisse, wie kleidet es sich, wieviel gibt es für Ernährung, Wohnung, Bekleidung und geistige Bedürfnisse aus, welches sind seine Gewohnheiten, welche Redensarten.gebraucht es usw. «Alle diese Benrühungen vermochten noch nicht die in, Betracht kommenden Fragen erschöpfend zu behandeln«. ,D>er ideologische «Aufstieg der jHischen Volksmassen im Osten und, soweit sie aus dem Osten stammen, in den anderen Ländlern, hat neue kulturelle Bedürfnisse hervorgerNfen, zN deren Befriedigung neue Methoden und neue Organisatüms formen notwendig geworden sind. «Ns eine dieser Organisationsformen ist das im Jahre 1925 in Berlin begründete jüdische wissenschaftliche Institut", welches tvährend feines ziveijährigen Bestandes vier «Sektionen insLeben gerufen und soweit ausgebaut hat, daß es heute mit Stolz ans die Resultate Hinweisen kann. (Diese Sektionen sind'; die philologische, historische, svzialökonomische, eine statistische und pädagogische; au stechen: besitzt es eine bibliographisch^ Zentrale, welche fast alle Erscheinungen 'in jüdischjer und hebräischer Sprache fast der ganzen Welt enthält, ein «Archiv und eine Bibliothek, deren Jnventarbuch 4588 NUmnrern aufweist. Mehr als 1200 verschiedene Jahrgänge von Zeitschriften, unter den«: Seltenheiten aus Galizien, Ungarn und Rumänien sich befinden, sind registriert. Die philologische Sektion hat zunächst einen Band ihrer Schriften, das Landaubuch herausgegeben, welches in diesen Blättern bereits gewürdigt worden ist. Ein zweiter Baust ist in Druck. Die ethnographische Kommissiosn, die mehr als 20.000 Nummern gesamUrelt hat, veranstaltete eine Reihe von Enqueten, deren Resultate publiziert wrd dadurch der Grundstock für das« Museum geschaffen wurde. Die ökonomisch-statistische Sektion bereitet die Veröffentlichung eines Sammelbuches vor, in welchen: auch bemerkenswertes Material über die Juden Oesterreichs enthalten ist. Das für die nächste Zeit Kn erwartende bibliogra-, phische Jahrbuch für das Jahr 1926 wird sicherlich jedem Wissenschaftler Nutzen bringen und ein unentbehrliches Handbuch für jeden intelligenten Leser 'bilden. Das Ergebnis der Enquete über die Feiertage, der Band Folkloristik sowie die geplante Theatergeschichte werden unauslöschliche Denknräler des Wissenschaftlichen Instituts" bilden. «Auch Oesterreich steht bei den «Arbeiten dieses Institutes, an dessen Sjütze der bekannte jüdische Philologe Tr. M. Weinreich, der Sozialökonvm Jakob Leschezynski sowie der Historiker «A. T s ch e r i k o w e r stehen, nicht abseits. Ein historisches Seminar, geleitet von Herrn Dr. R. M. Gelber, sowie ein ökonomisch-statistisches unter der Leitung des' «Autors dieser Zeilen wollen versuchen, das in Betracht kommende Material Oesterreichs zu sammeln und zu verarbeiten. Herr Stallek sowie Dr. Rudolf Glanz haben bereits wertvolle «Arbeiten sertiggesteltt; erstever Volkskundliches Werl die Juden des Burgenlandes, letzterer über die Gaunersprache. Die «Arbeiten des Jüdisch-Wissenschaftlichen Instituts verdienen jegliche Förderung und sind größter «Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Welt würdig. Dr. Leo Gvldhaminer Ile ewige ÜffiTn Rosen. Berlin, 9. Juli. Wie das „8 - Uhr - Abendblatt" aus Breslau meldet, wird die Wirtschafterin des ermordeten Professors Rosen, Frau Neumann, ihre Erinnerungen schreiben-