Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3005 (10.7.1927)
- Date
- 1927-07-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 4 Wien, Sonntag Wiener Moegenzeitung 10. Juli 1027 Nr. 8005 Deutsche, Tschechen. Dolen, Jugoslawen. Ungarn, humanen fine' Mit'Snbtil. Schon einmal IM der ans Rußland zugereiste Balerian Ddrosdin versucht, damals in Budapest, durch einen originellen Gaunertrick leichtgläubige Gimpel auf den Leim zu lockn. Seine Erfindung mar höchst einfach. Er machte aus zwei Dollarnoten — drei. Er führte den staunenden zukünftigen Kompagnons einen Apparat vor, legte zwei Dollarnoten hinein, dann kanren drei heraus, und siehe da, eine war von der anderen nicht zu unterscheide!«. Die Fälschung war fabelhast gelungen — hatte aber nur einen Fehler, es war keine Fälschung! Nun versuchte der Gauner denselben Trick mit zir^i Komplizen auch in Wien. Er fand einen Gutgläubigen der von der Erfindung so begeistert war, daß er seinen — Rechtsanwalt davon verständigte und ihm die Finanzierung dieses lukrativen Geschäftes vorschlug. Der Anwalt ging zum Schein auf den Vorschlag ein und verständigte die Polizei. Richtig brachte Borosdin verschiedene Utensilien mit, baute daraus in der Anwaltskanzlei einen geheimnisvollen Apparat auf und erzeugte wieder — 1, 2, 3 — fabelhaste Dollarbanknoten. Der Rechtsanwalt gab ihm zum Schein als a conto 350 Schilling, aber dann erschien die Polizei und so ist es nichts aus den Dollarfälschungen geworden. WIENER«« me WIENERIN alle, die Seidenstoffe gut und billig kaufen wollen; besorgen Ihren Einkauf In den HILLHEIM I., TUCHLAUBEN 8 und I., BAUERNMARKT 2a WIR VERKAUFEN ZU FABELHAFT BILLIGEN PREISEN I Kieider-Foulard, prachlvollo Dessins .. . . ... ® $•—» Crepe de Chine unprimö .S 18.—, 12.—, 0.8fl Kleider-Alpaka-Seiae, herrliche Muster.. 8 7.60, 4.80, 8.00 Seiden-Gcorgette, alle Modefarben . ..S 14.*-, 12.—, 8.9C Crepe de Chine, alle Modefarben8 13.8ty 9.80, 6.8C Original Honan-Shantung, 90 cm breit.. 8 4.JX Japan Pongis, ■weiß und fflrbig. .»»»-»-»» S 2.0k Seiden-Wasch-Marokains, glatt und gemustert, 90 cm breit , , . S 4.80, 8.9C Mode-Voll-Marquisettc, 115 cm breit ... 8 2.60, 1.9C Ausnahmsongobot! — .180 Stück original - orientalische. Prima handgeknüpfte Tischdecken per Stück 8 120.—. Diese Tischdecken werden nur L Bauernmarkt 2 a verkauft Beachten Sie unser Prinzip; agjgasgss ot cmnt WQt* CtOllem MONGOL INI Haberdas Frauenbein oder die blamierte Gerichtsmedizin. Die unappetitliche Geschichte vom aufgefischten Frauenbein, das ein Männerbein ist, diese Geschichte von einem Verbrechen, das keines ist, diese Geschichte wird nur dadurch verdaulich, daß der Welt, dank Professor Haberdas „Unfehlbarkeit", ein himnüisches Lachen zuteil geworden. Man denke nur: Da sagt die Leuchte der Gerichtsmedizin — „es ist ein Frauenbein!" und dieses freche Subjekt erklärt, zum Trotz, daß es einst zu Lebzeiten einem Manne zugehörte. Und nicht damit genug — aus dem Verbrechen wurde nichts, ein Schaufelrad hat einer Wasserleiche ein Bein abgerissen. Also: Das Gegenteil ist wahr, das Gegenteil in jeder Beziehung, die Gerichtsmedizin ist wieder einmal' blamier!, bis auf die Knochen dieses Leichenteilfundes. - Professor Haberda aber erklärt einer Korrespondenz, daß er natürlich recht und justament recht hat. Die Schuld an dem Irrtum hat erstens das Bein und zweitens — die Polizei! Also sprach Haberda: „Ich wurde vorigen Sonntag von der Kriminalpolizei davon verständigt, daß wieder ein „F a l l W impass i n g e r" vorgekommen sei, man habe ein weibliches Bein aus der Donau herausgefischt. Am Montag wurde das Bein in mein I n st i t u t gebracht. E s war kein vollständiges Bein, es fehlte der obere Teil, der zur Hüfte gehört, der Unterschenkel war unvollständig, es fehlte die ganze Fußwurzel und der Fuß selbst. Auf den ersten Blick sah es tatsächlich wie ein Frauenbein aus (!), es hatte runde Formen, keine Behaarung des Oberschenkels, wie bei Männern usw." Also es war ein Frauenbeinl Weiter:.„Die Polizei wollte von vornherein in dem Falle ein Analogon zum Falle W i m p a s s i n g e r erblick c u. Ich konnte aller, sofort mit Bestimmtheit, durch bloßen Anblick der Trennungsflächen sagen: Das Bein ist n i ch t a b s ich t l i ch abgetrennt worden." Sorgen, was. die Polizei, hat, sie sucht, egal, nach einem Wimpassinger Nummer 2, sie will einen Mord, einen schönen Mord, einen guten Mord — schrecklich! Und das Bein, sagt Doktor Haberda, das Bein ist nicht absichtlich mit einem Hackerl transchiert worden, i wo! Professor Haberda erkannte sofort, daß es jemand unbemerkt verloren hat, ohne die Verlustanzeige zu erstatten. „... sondern, daß die Abtrennung des Beines in der Donau durch das Schaufelrad eines Schiffes oder eine Baggermaschine erfolgte.' Das war im Moment das W e s e n t l i ch e, n i ch t d i e F r a g e, ob es sich um das Bein einer Frau oder eines Mannes handelt. Eine genauere Untersuchung wurde zunächst noch nicht vorgenommen, sondern erst später, wo sich sofort heraus stellte, daß es zweifellos ein M ä n n e r b e i n ist." Wunderbar: Zuerst war es ein Franenbein, so sah es aus, sofort, auf den ersten Blick, und dann war es daher logisch und klar, und es stellte sich sofort heraus — ein Männerbein, natürlich ein Männerbein l Und nun wird die Gerichtsmedizin grob: „Unter diesen Umständen ist es eine Gehässigkeit, von einer Blamage des gerichtsärztlichen Institutes zu sprechen. Es wird seit einiger Zeit v e rs u ch t, da oder dort Stimmung gegen die Gerichtsärzte zu machen. .Ich kann nur erklären, daß d c rartige Kritiken nieine Kollegen und mich n i ch t t a n g i e r e n!" Daß es grobe Gehässigkeit ist, das geht aus den Aeutzernngen des Herrn Professor Haberda wohl einwandfrei hervor. Oder nicht? So ein klares Gutachten zu bekritteln ist natürlich Gehässigkeit. Aber so was kann an den ältesten Lehrer der gerichtlichen Medizin nicht heran, er hat recht, recht und immer recht, wenn auch aus dem Frauenbein ein Männerbein wird, und überhaupt ist an allem'Unglück ausnahmsweise nicht „dar Jüdl", sondern die Polizei schuld. —eit. Set Wiener Sbotttlut verliert ln Mlrrkolri' Der ungarische erste Prosessionalverein Attila i:t Miskolcz konnte gestern den dort gastierenden Wiener Sportklub 3:2 besiegen. Heute spielen die Dornbacher in Debreczin. Schwimme« in Bndnpeft. Budapest, 9. Juli. (U. T.-K.-B.) 100 Meter: 1. A n t o s (Prag) in 14 Minuten 43.8 Sekunden (tschechischer Rekord); 2. Halasy (Budapest) in 15 Min. 6.16 Sek. 200-Meter-Brustschwimmen: 1. HolIosh in 2 Min. 57.6 Sek.; 2. Schäffer (Wien) in 3 Min. 8 Sek. Fräulein Klara Bornett (Wien) rief durch Leistungen itn Kunstspringen große Begeisterung hevvor. Ser Savis-Knp Dänemark—Tschechoslowakei 2:1. Prag. 9. Juli. Am zweiten Tage des Tenniswettkampfes um den Davis-Cup siegte das Paar Petersen-Ulrich (Dänemark) über S e m I a - Kozeluh 3 : 6, 4 : 6, 8,: 6, 7 : 6, 9 7. Von den Dänen war Ulrich infolge seines ruhigen Spieles der Bessere. Die Gesamtklassifizierung ist.1 : 2 für Dänemark. ' Sas Schachturnier in Kerrkemet. Steiner schlägt Nicmzowitfch. Kecskemet, 9. Juli. (U. T. K. B.) Die 13. Runde des Schachturniers brachte folgende Ergebnisse: Steiner schlägt Niemzo witsch, Takacz besiegt Vukovic, Brigmann gewinnt gegen Gölte, Tartakower schlägt Dates. Remis wurden die Partien Gilg-—Asztalos, Ahnes—Kmoch, Berndsohn—Gründfeld. Die Partie Vajda—Aljechin wurde unterbrochen. Reue jüdische Maturanten. Als in diesem Jahre der Herzl-Tag begangen wurde, hatte sich in den Zug zum Döblinger Friedhof ein Fähnlein von Jünglingen und Mädchen eingeordnet, das, ohne durch ein sichtbares Zeichen aufzusallen, doch ganz besonderer .Aufmerksamkeit wert war. Bestimmt eine ganz neue Gruppe junger jüdischer Menschen bei der stummen Defilierung an der teuren Gruft, wie sie nicht durch eine beschlossene Vereinsgründung, durch Anlegen von SonidertracE - oder Knopsabzeicheu entstehen und durch Fahnenweihe besiegelt werden kann. Tie ersten Maturanten des Wiener jüdischen Realgymnasiums kamen zu Theodor Herz!, und wenn es Wirklich ein „Hinabschauen" gibt, dann mußte der große <rrwecker des jüdischen Volkes von jenen Höhen auf diese „Triarier" mit Ergriffenheit blicken, und hat sich wohl gar, verborgen hinter einer Wolkenwand (denn er war, wie man weiß, zeitlebens nicht dafür eingenommen, seine Gefühle den Menschen preiszugeben) die Augen gewischt. * Wenn ich nach durch eine Sorge recht gedrückt fühle, rir/e ich mir die Fahre in Erinnerung, in denen ich Obergymnasiast war, wäge den damaligen Alpdruck in Perinanenz gegen den Augenblickskummer ab und erfahre durch das probate Mittel solchen Vergleiches unverzüglich die angenehmste Erleichterung. So übel kann es mir gar nicht ergehen, wie damals in Septima und Oktava. 'Dieses ewige Balancieren auf schmalem Grat zwischen zwei Abgründen — hie Professorenkollegium, hie Schülerschaft -mit kräftigem, jugendlich-frischem Haß gegen die jüdischen Mitschüler! War das ein jubelndes Echo auf allen Bänken, wenn der Klassenvorstand dem Schüler Kohn den ehrenden Auftrag gab, den Einkauf der Mathematikhefte zu besorgen, weil sich doch die Israeliten! ausgezeichnet auf vorteilhafte Geschäftsabschlüsse verstehen. War das ein H'eiterkeitserfolg, wenn wir an den „hohen Feiertagen" nach dem Jugendgottesdienst um eine Stunde später als die andern in den Schulsaal kamen und der Historiker lächelnd bemerkte: „Bon acht bis neun, beim Deutschunterricht, war es hier weit ruhiger." Wie wäre man doch so gerne im Boden versunken, wenn der noble Fabrikantenssohn sich bei denen, die Kornblumen trugen, mit allen erdenklichen Freundlichkeiten schön und angenehm zu machen t suchte, mit welch ohnmächcigec Wut ging man an die Arbeit, wenn das Thema der deutschen Schulaufgabe etwa so lautete: „Die Schlacht bei Cannä, ein Sieg der Arier über die Semiten." Und da man doch „Stunden geben" mußte, wie bitter war doch die Mitteilung des wohlmeinenden Herrn Professors, es sei ganz selbstverständlich, daß er jüdische Hauslehrer nur jüdischen Eltern empfehlen könne. — Nach der Matura: Die Nichtjuden, die natürlich unverzüglich „Waidhofener" geworden waren, kannten oich nicht mehr. Und unter.den jüdischen Miturienten, die nach diesen erquicklichen acht Jahren recht ramponiert, ihrer selbst unsicher, angekurbelt zur Streberer (weil man doch gelernt hatte, was nötig sej, um sich zu behaupten), in zynischer Wurstigkeit oder (das waren die Besten) „in ewiger Fechterposition", wie der junge Jude in Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie", das Gymnasium verließen — nicht der leiseste Ansatz zu einer Verbundenheit, ja nicht einmal kameradschaftlicher Verkehr. Dafür zu Hause trostloser Unverstand für solche Vereinsamung. # Hier beim Wmarsch des Zuges, als ich die Maturanten dieser betvußt-jüdischen Mittelschule, diese kleine Schar 'hinter den Jugendbünden mit einigen ihrer Lehrer sah, dachte ich an. die Armut, an die leeren Hände, mit der, wie damals, die Jünger Herzls geworden sind, durch nichts dem Judentum nahegebracht als durch die rohe Kraft der Feinde, die uns zum Judentum hinstieß. Diesen hier — leicht 'spricht sich aus, was die Errettung einer Generation bedeuten kann'—, ist ihr Judentum Selbstjverständlichkeit. Durch Bildungsgang, jüdisches Gemeinschaftsleben, durch acht Jahre'Schulzeit, in welcher ei'-' durchaus neues, noch nicht ganz entwickeltes und erpr.,: »er jedenfalls herzhaftes Verhältnis zu ihren Erziehern u j Lehrern jede beim Schulbetrieb erdenkliche und gestattet-: Freiheit gewährt wurde, treten mit Selbstsicherheit hinaus. Mit jenem klaren tapferen Auge, in dem sich das Glück spiegelt, ein Fundament zu besitzen, das jüdische, in dem sie wurzeln, von dem aus sie sich mit jedermann verständigen Und ihni die Hand hinstrecken können, daß er ihnen Genosse werde, wenn er es vermag und wenn es will. Es muß eine gute Gabe' sein, welche die zionistische Bewegung diesen jungen Leuten bereitet hat, als sie das jüdische Schnlwerk schuf, eine gesunde und heilige — auch wenn man von der Tendenz absieht, die man mit Recht verfolgt — denn diese jungen Menschen lieben ihre Schule. ' Ein Novum, in unserem Reifejahr, weiß Gott, noch nicht entdeckt gewesen: Sie kanten auch nach der Reiseprüftmg alltäglich in das Schulgebäude Wir hätten gerne Lethe getrunken, unr alles zu vergessen, diese kommen nicht los. - Es ist, jüdische Eltern, eine bemerkenswerte Schule. Als in diesem Jahre einer der 'Oktavaner durch unglücklichen Zufall bei sportlicher Schlvimmübung ums Leben kam, trug sich in der Anstalt folgendes zu: Der Lehrer wollte den.Unterricht beginnen, setzte sich zu seinem Tisch am Podium und schwieg. Schwieg zwei Stunden lang, blätterte in Büchern, ging ans und ab und setzte sich wieder hin. Die Schüler schwiegen mit ihm. Ich glaube, sie werden jenen Vormittag nicht vergessen. Ein Leben lang. Sie ginge!» ja auch nach beendeter Maturitätsprüfung, 'bevor sie eine Wschiedsseier veranstalteten, zunächst zum 'Grabe dieses Kameraden. Von ferne her habe ich sie beobachtet während dieser acht Jahre, und ich glaube, man hat ihnen, diesen neuen jungen Juden, für mancherlei zu danken. Zunächst dafür, daß sie bei allen Differenzen, die sich — man weiß, daß das uit* vermeidlich ist — zwischen Eltern Und Erziehern, Initiatoren der iAinstalt und Lehrkörper - mitunter ergaben, aus innerem Drang zu der Lehrerschaft hielten. Nicht minder, daß sie eine Zahl jüdischer Erzieher, die doch zum ersten Male jüdische Jugend als solche um sich sammelten und von «Prima bis Oktava hinauf führten, daß sie eine Zahl von Mittelschullehrern dem Judentum näher brachte», in t^ut Pionierwerk jüdischer Erziehung 'förderten. Und nicht zuletzt für ihre ganz hervorragenden Studienersolge. Die schriftlichen «Arbeiten, die sie anläßlich der Reifeprüfung verlegten, müßte ein Berufener zum Gegenstand vergleichende Studien machen. Einer der Maturanlen entwickelt die Grundgedanken der Emsteinscheii Relativitätstheorie, In der Beurteilung seiner Arbeit heißt es: „In richtiger und klarer 9 55591552