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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-09 · Heft 3004 (9.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3004 (9.7.1927)
Date
1927-07-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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fi i\ 3004 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung Seite 3 9. Juli 1927 Der Riesenbrand in Altmannsdorf. Ne Meierei Mer und sechs Ssjekte vernichtet. — Katastrophaler Wassermangel. — Kaormer Schade«. Gestern um s^l2 Uhr mittags brach in Altmannsdorf, im Laden des Geflügelhändlers Anton Farkas, Khelselplatz 4, ein Brand aus, der in wenigen Augenblicken die angrenzenden Objekte ergriffen hatte, auf die Meierei Siller übersprang und derartigen Umfang angenommen hatte, daß die Feuerwehr bereits vor einem Flammenmeere stand. Die Meierei Siller und ihre Stallungen sind verachtet, ebenso die angrenzenden Häuser und Objekte. Unser Berichterstatter meldet folgende Einzelheiten: Wie der Brand entstand. Gegenüber dem Schlosse H e tz e n d o r f, in dem die Kriegsinvaliden Oesterreichs untergebracht sind, befindet sich ein Stück Alt-Wien. Hier stehen kleine niedere Häuser, die noch mit Schindeln gedeckt sind, unweit davon befindet sich die bekannte Meierei Siller mit ihren vielen Stallungen und Vorratschupfen. Im Hause Khelselplatz 4 betreibt der Geflügelhändler Anton Farkas sein Geschäft. Das Gebäude ist ein ebenerdiger alter Bau mit einem großen Hof, darin befindet sich eine Tischlerei. Fm Hofe liegen Bretter, Hobelspäne usw. umher. Um ^12 Uhr schlugen plötzlich aus dem Laden des Farkas Flammen empor. Ehe noch der erste Versuch unternommen werden konnte, das Feuer zu unterdrücken, hatten die Flammen bereits auf die Holzvorräte im Hof ü b e r g e g r i f f e n, der leichte Wind, der um die Mittagsstunde herrschte, setzte im Augenblick das durch die Hitze strohtrockene Schindeldach in Brand, und nun )ab es keine Rettung mehr. Eine riesige Feuersänle loderte auf, das Nebenhaus Nr. 5 begann ebenfalls zu -rennen und dann sprangen die Feuerzungen-auf das nächste Haus, auf die Meierei Siller, über. Während der Brander. Nach den ersten Meldungen entsandten die BerufsfeUerwehren der Stadt Wien starke Löschzüge auf den Brandplatz. Auch die freiwilligen Feuerwehren der Umgegend waren in kurzer Zeit alarmiert, aber die Löschmänner standen einer fast unlösbar erscheinenden Aufgabe gegenüber. Die enorme Hitze, die das Feuer verbreitete, machte ein N.ähe.r rück e.n an den Brandherd zur Unmöglichkeit.^^ ' ' Dazu kam noch, daß die Hydranten nicht fimktionierten. So mußten die Feuerwehren ihre Schlauchlinien kilometerweit legen, ehe sie an die Bekämpfung des Feuers schreiten konnten. Inzwischen hatte der Brand auch die Stallungen und die großen W i r t s ch a f t s g ebäude der Meierei ergriffen. Unweit von der Meierei befindet sich eine Schule. Durch die Hitze sprangen die Fensterscheiben, Funkenflug zündete in den Schulzimmern und auch aus dem Schulgebäude loderten alsbald die Flammen empor. Markerschütternd waren die Todesfchreie der zahllosen Tiere, die , lebendig verbrannt wurden. In der Meierei Siller befindet sich eine große Schweinezucht. Es war unmöglich, die Tiere aus den lodernden Ställen zu befreien. Im Hause des Geflügelhändlers verbrannten allein « 2000 Hühner. Auch Kühe und Pferde sind im Feuer umgekommen. Es war klar, daß hier nichts mehr zu retten war. Die Feuerwehren mußten sich darauf beschränken, die umliegenden Häuser und Gehöfte zu schützen, und so muhte man zusehen, wie das Riesenobjekt der Sillerschen Meierei und die angrenzenden Häuser bis auf die Grundmauern niederbrannten. PanMenen. Auf dem Brandplatz spielten sich aufregende Szenen ab. Die Bewohner der umliegenden Häuser rannten s ch r e i e n d auf die Straße, warfen Hab und Gut aus den Fenstern und nur mit Mühe gelang es, die Verzweifelten zur Besinnung zu bringen. Immer wieder versuchten die Armen, die in den brennenden Häusern ihr Heim hatten, durch die Flammen einzudringen und zu retten, was noch zu retten war. Es bedurfte des eneögischen Einschreitens der Polizeiorgane, um ein Unglück zu verhüten. Nähere kinzelhetten. Auf die erste Meldung rückte die Filiale . der städtischen Feuerwehr Altmannsdorf aus, doch waren auch inzwischen die Zentrale und die anderer: Feuerwehren durch die Meldung „Großfeuer" .alarmiert worden. Brandrat Deutscher meldete, daß für die gairze Ortschaft infolge des Windes eminente Gefahr bestünde. Branddirektor Wagner, begab /sich mit Stadtrat Richter auf den Brandplatz und übernahm die Oberleitung der Löschaktion. Abgesehen von den freiwilligen Feuerwehren arbeiteten 22 Automobil-Spritzwagcn mit 932 Mann an der Bewältigung des Brandes. Die polizeiliche Aktion stand unter dem Kommando des Polizeivizepräsidenten D r. P r a m e r, der sich mit .Hofrat Tauber eingefunden hatte. Der Brandplatz befindet sich im sogenanten „alten" Altmannsdorf, sämtliche Gebäude haben Schindeldächer, in den Scheunen liegt Heu und Stroh. Die Leute, die in den abgebrannten Häusern gewohnt haben, befassen sich zum größten Teile mit. Kleintierzucht. 'So kommt es, daß die Flammen hier durch die eingelagertc Streu reiche Nahrung fand. Neunzehn Schlauchlinien Ivaren im Betrieb, jede Stichflamme, die auch oft weit entfernt aufzuckte, mußte im .Keim erstickt werden. Da die Hydranten zum größten Teile nnbrackibar ivaren, — zum Unglück wurden an der Rohrleitung Ausbesserungsarbeiten vorgenommen, die Leitung war gedrosselt — mußte vor allem ein halb zugeschütteter Brunnen für die Löschaktion dienlich sein. Am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen tvurde das Objekt Hetzendorferstraße 7. Hier i st a l l e s v erbrannt. Der Brand dürfte dadurch entstanden sein, daß beim Anheizen eines Ofens durch F u u k e u f l u g das Hausdach zu brennen begann. Die Leute waren im ersten Augenblicke derart kopflos, daß sie kostbare Zeit verstreichen ließen, ehe sie die Feuevivehr verständigten. Der enorm hohe Schaden ist nur zum geringsten Teile durch Versicherung gedeckt. Die Rettungsgesellschaft hatte eine fliegende Ambulanz errichtet, die in einigen leichten Fällen intervenieren mußte. Viele Hunderte von Neugierigen umstanden den Brandplatz bis in die tiefen Abendstunden. Um 6 Uhr nachmittags war der Brand soweit lokalisiert, daß nur mehr eine starke Brandwache zurückbleiben mutzte. Die Untersuchung wurde eingeleitet. Re Teuerung in Ungarn. Ae Polizei veranstaltet Razzien. B u d a p e st, 8. Juli. Die von der Polizei auf den öffentlichen Märkten veranstalteten Razzien nach P r e i s t r e i b e r n hatten.das Ergebnis, daß bisher zweihundert Händler zur Polizei vorgeladen und einvernommen worden sind. Gegen 146 von ihnen wurde das Strafverfahren eingeleitet. Heute haben weitere 200 Händler eine Vorladung erhalten. Wie die Blätter melden, wollen die Marktverkäufer in einer für Sonntag einberufenen Versammlung gegen die Razzien protestieren. Heute hat sich auch der M i n i st e r r a t mit der Frag? der Teuerung befaßt. Verbannte Hausherren. Well sie die Mietzinse erhöht haben. R o m, 8. Juli. (Stefani.) Nachdem gestern jenen Hausherren, die. sich .gegen die Verordnung betreffend, die Erhöhung der Mietzinse vergehen, schwere Strafen bis zur Konfinierung angedroht worden sind, wird heute aus Turin berichtet, daß dort der Prätor zweiHausherren tatsächlich zur Verbannung verurteilt hat. Infolge der neuen Verordnung sind in Neapel etwa 8000, in Turin mehr als 7000 Klagen von. Mietern bei den Gerichten eingebracht worden. Die Stabilisierung der Frone. 25-Francs — 1 Dollar. London, 8. Juli. Nach amerikanischen Berichten ist auf der Internationalen Bankierkonferenz die Hoffnung ausgesprochen worden, den französischen Franc auf der Goldbasis von 25 Francs für einen Dollar zu stabilisieren. Zur Geschichte jüdischer Bolksbrüuche. Von I. Bergmann, Berlin. Dem soeben erschienenen neuesten Doppelbest der ausgezeichneten „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (I. Kaufmann-Verlag, Frankfurt a. M.) entnehmen wir diese sehr anregenden Parallelen zu einer Reihe jüdischer Volksbräuche und bemerken, daß wir die Fußnoten, welche wohl nur für den Fachwissenschaftler von Interesse sind, fortgelassen haben. Ein Hochzeitsbrauch der ägyptischen Juden. Dkannonides tadelt die ägyptischen Juden, die' bei ihren Hochzeiten fremden nichtjüdischen Bräuchen huldigten und eine Art Mummenschanz aufführten. Dabei bedeckte die Braut ihr Haupt mit einem Turban oder Helm, nahm ein Schwert in die Hand und führte, in dieser Verkleidung tanzend, den Zug der Hochzeitsgäste an; der Bräutigam ließ sich dagegen von Toilettenkünstlerinnen nach Weiberart aufputzen, unid auch den bei der Hochzeit anwesenden Knaben wuvden Frauenkleider angelegt und die Nägel mit Henna gefärbt. Maimonides erzählt, daß er diesen Hochzeitsbrauch, an dem bedeutende Männer in Aegypten festhielten und , von dem auch das Volk nicht lassen wollte, beseitigt habe. Der Hochzeitsbrauch, den Dkaimonides bei den ägyptischen Juden rügt, findet sich bei verschiedenen Völkern. In Sparta erwartete die Braut den Bräutigam in männlicher Kleidung. Die argivischen Bräute trugen falsche Bärte. In Kandesch in Indien reitet die Braut zwei Stunden vor der Hochzeit in Manneskleidern durch das Dorf. Bei den Esten tvird die Braut am Hochzeitstage mit einem Mannesgurt umgürtet und dem Bräutigam ein Weibergürtel ynl den Hut gebunden. Wie bei den ägyptischen Juden auch den Knaben, die bei der Hochzeit anwesend waren, Frauenkleider angelegt wurden, so setzt bei den Esten nicht nur die Braut, sondern auch die Brautjungfer einen Männevhut auf. Der Kleidertausch bei der Hochzeit ist aus einer abergläubischen Vorstellung hervorgegangen. Bei allen Völkern war der Glaube verbreitet, daß Braut und Bräutigam am Hochzeitstage von neidischen Dämonen bedroht werden. Durch die Verkleidug aber wollte man die Dämonen täuschen und das Brautpaar und die bei der Hochzeit anwesenden Knaben und Brautjungfern vor ihnen schützen. Der Brauch der Verkleidung bei der Hochzeit wurde von den heidnischen Völkern auch auf die Feste und Prozessionen übertragen, die zu Ehren der Ehe- und Hochzeitsgötter gefeiert wurden. Im syrischen, phönizischen und anderen Heidentum gab es Prozessionen, bei denen Männer in Frauengetvandung und Frauen in Männertracht einherzogen. Bei dem argivischen Feste Hybristika legten die Männer Fraüentracht und die Frauen Männerkleidung an. In Cypern opferten dem bärtigen Bilde der Aphrodite die Männer in Frauenkleidung und die Frauen in Männerkleidüng.'In Kos opferte dem Herakles ein Priester in Frauentracht. Gegen diesen Ritus der Verkleidung bei den Festen wendet sich offenbar das Verbot der Tora: „Keine Frau darf Männertracht anlegen und kein Mann Frauenkleider, denn ein Greuel für den Ewigen ist solches Tun" Dt 22. Dieses Verbot der Tora führt auch Maimonides ins Treffen gegen den Hochzeitsbrauch der ägyptischen Juden. Auf diesem Verbote beruht auch die Stelle in seinem Mischne »Tora: „Eine Frau darf nicht Mannesschmuck, wie Turban, Helm oder Panzer, anlegen oder ihr Haupthaar entblößen; ein' Mann dagegen darf nicht Frauenschmuck, wie buntfarbige Gewänder oder Gowgeschmeide, in den Orten anlegen, wo diese Gegenstände nur von Frauen getragen werden." Daß aber bei den ägyptischen Juden die Verkleidung bei der Hochzeit zur Tlblvehr der Dämonen vorgenommen wurde, beweist noch folgende Tatsache. Nach'einer weit verbreiteten Vorstellung können unheilbringende Geister durch Waffengslvalt vertrieben werden. Zu diesem Zwecke setzte auch bei den ägyptischen Juden die Braut einen Helm auf und nahm ein Schwert in die Hmrd. Die Juden in Aegypten haben den Brauch des Kleidertausches bei der Hochzeit von ihrer nichtjndischen Umgebung entlehnt und an diesem Brauch festgehalten, bis ihn Mai» | monides durch seinen Einfluß beseitigt hat. Wie Maimonides über die verschiedenen Formen des Aberglaubens gedacht hat, hat er wiederholt ausgesprochen. „Alle diese Dinge," so schreibt er an einer Stelle. „sind eitel Lug und Trug, womit die Völker sich irreführten; Israel aber sollte ein weises Volk bleiben und von solchem Spuk sich fernhalten, der nicht nützt und nicht schützt." Die Beseitigung des von den ägyptischen Juden geübten Hochzeitsbrauches zeigt, daß Maimonides sich bemüht hat .seine Gedanken über den Aberglauben in die Tat umzusetzen,' und daß er nicht nur ein großer Denker, sondern auch ein Erzieher seines Volkes gewesen ist. - n. Kerze und Fackel. Aus Furcht vor bösen Geistern wagt ein Mann im südlichen Indien nur in äußerster Not nach Sonnenuntergang auszugehen; mutz er sich aber in die Dunkelheit hinauswagen, so führt er einen Feuerbrand mit, um die feindlichen Gespenster abzuhalten. Auch im Talmud findet sich die Dtahnung, daß ein Einzelner in der Nacht nicht ausgehen solle: wenn aber Einer mit einer brennenden Fackel ausgehe, dann ist es nach der Meinung eines babylonischen Amoräers, als wenn Zwei zusammen ausgingen; der Dämon aber, der Zweien begegne, vermöge ihnen keinen Schaden zuzufügen. Der Mensch einer primitiven Kulturstufe glaubt sich in der Dunkelheit der Nacht, aber auch in allen wichtigen Momenten des Lebens von Geistern bedroht; vor allem jedoch in den drei wichtigsten, das sind Geburt, Hochzeit und Tod. Darum spielen bei Geburt, Hochzeit und Tod Kerze und Fackel eine wichtige Rolle, weil ihnen die Kraft zugefchrieben wird, die Dämonengefahr abwehren zu können. In Rom wurde bei der Geburt eines Knaben eine Kerze angezündet, um Mutter und Kind vor den im Dunkeln schwärmenden Dämonen zu schützen. Dem Brautpaare wurden dort Fackeln aus Weißdorn vorangetragen, weil man glaubte, daß der Weißdorn dämonische Einflüsse abguwehren vermöge. Aus der Darstellung einer Aufbahrung im heidnischen Rom befinden sich neben dem Bette, auf dem der Tote liegt, außer kleinen Räucherpfannen brennende Fackeln. Ueberall galt das Licht als ein Schutzmittel gegen die Dämonen; überall war der Glaube verbreitet, daß die lichtscheuen Geister, die den Menschen bei Geburt, Hochzeit und Tod bedrohen, vor dem Lichte zurückweichen.

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