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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-09 · Heft 3004 (9.7.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3004 (9.7.1927)
Date
1927-07-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Dien, SamStag Wiener Morgenzeitung 9. Juli 1927 Nr. 8694 Tasche bedroht, sucht Ford wenigstens den Ausgleich mir en Juden. Er widerruft. So ekelhaft dies auch ist, so hat es doch seinen großen Wert. Tenn Henri) Ford ist doch die eiserne Kasse der Hakenkreuzler und der verwandten Gewerbe. Das; Forv> die Protokolle der Weisen von Zion abdrurkte. l)cU die,ein dreciigen Panrphlet eine gewisse Autorität verliehen. Er tat sich gbcr mit dern Abdruck allein nicht begnügt, sondern diese Protokolle mitsamt ihren hirnrissigen Paragraphen zu einem sehr gelehrt tuenden Buch „Ter internationale Jude" verarbeitet, in dessen Vorrede er seine absolute Unbef.mgcnheit betont irnd sich über die Nervosität der Inden beschwert, die ilmner ausbricht, so oft ihre Rolle in der Politik, in der Wirtschaft und ick Kunstleben objektiv besprochen wird. Tie Autorschaft dieses Bllchcs hat er später einfach abgeleugnet. Ford ist überhaupt der Typus des in den Tag hinein schwätzenden und lügenden Mtisemiten, den die Ei'elk it zu immer gewagteren Experimenten treibt. Jeder, der de» Haß bekennt — einerlei, ob gegen Juden, Deutsche, Katholiken oder Neger — ist ein wurmstichiges Subjekt itttb der Mtider sich ausschließlich von Lügen nährt und sehr gut nährt, hat kein Anrecht auf eine bessere ethische Bewertung. Tie Reklanic ist die Hauptsache. Als Ford auf seinem Friedensschiss nach Norwegen fuhr, sorgte er für die richtige Ausnützung. Er brauchte bald einen neuen Effekt, ließ die Expedition im Stich und fuhr unter den: staunenden Aufsehen der Welt wieder imch Amerika. Ter Friedensmissionär wurde einer der größten Mmitionserzeuger. Er raß sich am Kriegsgewinn dick, vertrug es aber nicht, unbeachtet zu bleiben. Also rvarf er sich auf die Judetl. Das 1t so neun Jahre lang gegangen; Hakenkreuzler, Erwahende, Cuzisten und ähnliches Gelichter pries den großen Amerikaner und lebte ans seiner Tasche. Noch vor zwei Monaten schickte Ford einem magyarischen Judenmörder ein paar tausend Dollars. Das tvar Reklanre. Ford muß etwas Neues haben, um wieder von sich reden zu machen. Also schickt er an Artur Brisbane, der ihn einmal lvegcn seiner antijüdischen Erfindungen hart angegangen hat, die selbst erteilte Absolution. Die Hakenkreuzler iverden sich nach einem anderen Geldgeber umsehen müssen. Wenigstens für die nächste Zeit. Tenn es ist nicht ausgeschlossen, daß Ford die Autorschaft seines Pauschalwiderruses ableugnen wird. Henry Ford widerruft. - SntschMignag an die Sr bedauert den Abdruck der „Protokolle der Welsen von Sion gnbeuschast. Ans N e w D o r k wird uns berichtet: Henry Ford hat tvieder einmal eine seiner berühmten Ueberraschungen ausgeführt. Er läßt tut „Newyork American" durch Arthur Brisbane, einen der führenden Publizisten Amerikas die Erklärung veröffentlichen, daß er alle Angriffe, welche von ihm in seiner Wochenschrift „DcarVom Independent" gegen die Juden erhoben wurden, auf das schmerzlichste V e d a u r e und daß er künftig sein Organ frei von raffenkämpferischen und intoleranten Tendenzen halten werde. An diese Erklärung schließt sich ein längerer Aufsatz Brisbanes, der von Ford inspiriert ist. Es heißt darin, eS sei nicht der Wunsch Fords gewesen, antisemitischen Strömungen zu dienen. Er sei durch Freunde aufmerksam gemacht worden, daß die Animosität, wenn nicht die Feindschaft, welche amerikanische Juden gegen ihn hegen, durch zahlreiche Artikel vorbereitet worden sei, die im „Dearborn Independent" erschienen find. „Ich bin überaus betrübt," fährt Foiw fort, „das/ das Blatt die „Protokolle der Weifen von Zion" veröffent- . licht hat, die, wie ich mich überzeugt habe, große Fälschungen find. Ich bedauro auch, daß das Blatt den Juden nachsagt, sie beabsichtigen, das Kapital der Welt und die Herrschaft über alle Industrien an sich zu . reißen, und bedaure die vielen Anklagen, die gegen die Sitten und die Moral der Juden erhoben worden sind. «Wenn ich die verallgemeinernde Natur dieser Angaben rechtzeitig erkannt hätte, würde ich ihre Ausstreuung sofort . unterbunden haben, da ich über die Tugenden der jüdischen Nation und ihrer beruh knien Vorfahren, ihre Zivilisation und ihren Fleiß und über ihre uneigennützigen Interessen .cm der allgemeinen Wohlfahrt nur zu gut orientiert bin." goccxxxxxxxx)oooooooooooooooooooooooooooo(xxx)Oooooocxx>ooooooooooooooooooooooooo Ae Hakenkreuzlügen gegen den Talmud. „Deutsche Mävchen als Freiwild". Aus Balberg meldet die I. T. A. vom 6. Juli: klnter starkem Andrang des Publikums fand heute vor rem Schwurgericht Bamberg ein Prozeß gegen die Schrift- Eiter des „Völkischen Beobachters" in München und des nationalsozialistischen Organs „Die Flamme" in Bamberg, Stolzing-Cerny und Mölter, unter Vorsitz des Landesgerichtsdirektors Gütlich statt. Die Anklage tautet auf Preßbeleidigung und Beschimpfung der israelitischen Religionsgemeinschaft -'und ihrer Gebräuche. In der Bamberger „Flamme" erschien im August 1926 ein, Aufsatz: „Deutsche Mädchen als Freiwild", In dein behauptet wurde, Talmud und Schulchan Aruch verpflichtete den Juden, llichtjüdische Frauen und 'Mädchen zu schänden. In Nr. 242 des „Völkischen Beobachters" vom 19. Oktober 1926 veröffentlicht Mölter einen Artikel mit der Ueberschrift: „Die Schändung nichtjüdischer Frauen ist keine Sünde". In diesem Aufsatz wird die Behauptung aufgestellt, die jüdischen Religionsgesetze machten verbrecherische Taten gegen Christen zur Pflicht. Im Zusammenhang hiermit steht eine Beleidigung des Distriktsrabbiners von Burgreppach, dem in einem Leitartikel „Rabbinerschutz für jüdische Verbrechen" Begünstigung jüdischer'Verbrecher vorgeworfen wird. Da Stolzing-Cerny sich m it Krankheit entschuldigt, wird gegen Mölter allein verhandelt. Der jugendliche Angeklagte stützt sich auf eine Menge Zitate, die er der antisemitischen Literatur.entnommen hat. Geheimrat Dr. theol. Adolf Johannes legt in einem mehr als zweistündigen Gutachter. klar, daß der Talmud kein Gesetzbuch, soildern ein literarisches Sammelwerk ist. Auch nach ialmudistischer Auffassung ist jede unsittliche Handlung an einer nichtjüdischen Frau sündhaft und strafbar. Die Berufung auf Ecker und R o hljng sei nicht zu empfehlen; beide Herren seien Täuschungen zum Opfer gefallen. In der Nachmittagssitzung setzte der Angeklagte die Verlesung von Zitaten fort. Sachverständiger Dr. Johannes erklärt wiederholt, daß das Wort' Hil lels: „Was du nicht rvittst, daß inan dir tu, das füg' auch keinem anderen zu!" Grundlage der jüdischen Sittengesetzgebung ijr. , Der Staatsanwalt beantragte 1060 Mark Geldstrafe, eventuell 30 Tage Gefängnis. Me Verhandlung habe ergeben, daß der Angeklagte nicht aufklären, sondern hetzen wollte. Rechtsanwalt Levinger unterstreicht die leichtfertige und gewissenlose Art der Angriffe und beantragt Freiheitsstrafe. Das Gericht verurteilte - den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 500 Mark anstelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 50 Tagen. Friede bei den Postlern. Ein Ueberelnkommen mit der Technischen Union. Gestern fanden Besprechungen über die im Gefolge der letzten P ers o n alv e rt r e t u n g s w a h l e n der Telegraphen- und Fernsprechangestellten ausgebrochenen Differenzen zwischen der Technischen Union und dem Gewerkschaftsbunde statt. Bundeskanzler Dr. Seipel und Generalpostdirektor Hoheisel nahmen an diesen Besprechungen teil. Nach mehrmaligen Unterbrechungen tvurden diese heute nachmittags durch eine Vereinbarung über die Zusammensetzung der provisorischen Arbeitsgemeinschaften, die auf Grund einer schon vor längerer Zeit erfolgten Abmachung die Funktionen der Personalvertretuugskörper "rbernehmen sollen, abgeschlossen. * Bekanntlich wurden die Wahlen in die Personalverretung so ausgeschrieben, daß die Technische Union überhaupt nicht wählte und der deutschnationale Gewerkschaftsbund „Sieger" im Alleingang geblieben ist. Die Farce ist nun zu Ende. Parlelenverhandlungen in der Schnlresorm» srage. Amtlich wird gemeldet: Nachdem der Ausschuß für Erziehung und Unterricht die Beratung der beiden Schulreformgesetze so weit beendet hat, daß nur noch über die letzten Di ffe re nzpunk te, die allerdings von einschneidender Bedeutung sind, zu entscheiden ist, wurde zwischen der Regierung und den parlamentarischen Parteien vereinbart, daß diese Differenz- Punkte zum Gegenstand besonderer Parteienverhandlungen gemacht werden sollen. Bundeskanzler Dr. Seipel hat, die Vertreter «der Parteien für Mittwoch, den 13. Juli, zu diesen Parteienverhandlungen eingeladen. Roch einmal eine Wahldebatte. Im Wiener Gemeinderat. Jit der gestrigen Gemeinderatssitzüug wurde die Debatte über einen NachtragÄredü von 165.000 S, zu den Kosten der Wahl fortgesetzt. „ Die Opposition wirft der Mehrhen vor, daß sie den Wahlsieg in W-en durch Mißbrauch errungen habe. Dann sagt Ford: „Schtviarze Schafe gibt es in jeder Herde, unter den Angehörigen jeder Rasse, jedes Glaubens und jeder Nationalität. Aber eS ist falsch, ein ganzes Volk nach wenigen Individuen zu beurteilen, und aus diesem Grunde nehme ich ohne Rückhalt allch Denunziation en imd Angriffe zurück, soweD sie genereller Natur sind. Ich gebe zu, daß ich beim StudiuG des Archivs des „Dearborn Independent" sehr er« s ch r o ck e n bin und stehe als Mann von Ehre nicht an, Entschuldigungen, für all das Unrecht auszusprechen, das ich den Juden, m e i n e n Geno ssen und Brüdern, angetan habe. Ich bitte sie um Verzeihung für den Harm, den ich ihnen unabsichtlich bereitet habe, bedaure, soweit es in meinen Kräften steht, alle Anklagen, welche ich gegen ihre Türen geschleudert habe, und versichere sie fürderhin meines guten Willens und meiner Freundschaft." Brisbane bot Ford im Namen von Heärst an, den „Independent" für den Preis von einer Million Dollar zu übernehmen. Hearsts Kaufangebot wurde aber von Ford äbgelehnt, der erklärte, er wolle das Blatt nicht verkaufen, sondern zu seinem Hausorgan machen; er werde alle Artikel unterdrücken, die geeignet sind, die Gefühle irgendeines Menschen zu verletzen. Auch in der gestrigen Sitzung wurden diese Beschuldigungen wiederholt. GR. Zimmert erklärte, daß dem soziakdemokratischen Verein „S o c i e t a s" nur deshalb ein mwerz-nsl-.ches Darlehen von 25.000 S. prolongiert wurde, weil dieser Verein durch Veranstaltung von Gratisjausen für Pfründner wirksam Wahlpropaganda gemacht habe. In seinem Schlußwort widerlegte der Referent Stadtrat Richter d'e Anwürfe und bszeichnete das Vorgehen der Wahlbehörden als durchaus korrekt. Die Debatte wurde wohl in Anbetracht der drückenden Hitze in staunenswerter Schnelligkeit beendet, zumal Bürgermeister Seitz zu Beginn lder Sitzung an die Opposition die Mahnung richtete, sich kurz zu fasten, da er sonst zu anderen Mittel* greisen müßte. Hitzferien.täten dringend not. Ser Irak will völlige UnabbSnMett Ein Konflikt zwischen England und Feislll. London, 8. Juli. „Morning Post" mldet aus Bagdad: Die Tatsache, daß der Oberkommissär des Irak uner« rvartet nach England a 6 g e r e i (ft ist, wird' auf eine politische Krise zurückgesührt, die dadurch entstanden ist, daß es der Irak-Regierung nicht gelungen ist, ihre Friedenspolitik durchzuführen. König Fei sä l wünscht, daß der Irak im nächsten Jahre Mitglied des Völkerbundes werde und daß im Zusammenhänge damit eine weitgehende Revision' des Vertrages mit England vorgenommen werde, insbesondere in der Richtung, daß" der Irak völlige U n - abhängigkeit in seinen eigenen Angelegenheiten.erhalte. Bor dem Zusammenbruch der Marinekonserenz. London, 8. Juli. Die englischen Zeitungen geben einen düsteren U eberblick über die F l o t t e n abrüst u n g s k o n f e r e n z i u Genf, obwohl die Optimisten die Hoffnung hegen, daß die heutige Sitzung der Exekutive zu einem Abkommen gelangen könnte oder daß die zwischen dem Staatssekretär Kellogg, und dem britischen Gesandten in Washington täglich gepflogenen Besprechungen zu einem Kompromiß führen könnten. Meldungen aus Washington besagen, daß die meisten amerikanischen Zeitungen die Oeffentlichkeit auf den Zusammenbruch vorbereiteten. , SchUieriskeiten für ein enMch-SMtischrr 1 Madnlo. London, 8. Juli. Der ägyptische Ministerpräsident Sarwat Pascha gewährte dem Berichterstatter der Daily Mall" ein Jntervietv, in dem er dev Hoffnung Ausdruck gab, daß es zwischen Aegypten und England zu einem Bündnis kommen werde, das die englisch-ägyptische Freundschaft vergrößern würde. $ In einflußreichen britischen Kreisen ist man sehr mißtrauisch hinsichtlich der Möglichkeit eines derartigen Bündnisses tvegen der Schwierigkeiten, die ihm von sei-, ten der Anhänger Zaglul Paschas in den Weg ge-' legt werden. Der Vorschlag Sarwat Paschas wird als ein Ballon d'essai betrachtet. Srneral Hoffman« gestorben. Reichenhall. 8. Juli. (Wolfs.) Heute ist hier der gewesene General der Infanterie Hoffmann, der durch seine Teilnahme au den Brest-Litowsker Friedensverhand« lungen bekannt ist, gestorben.

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