Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3003 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982091--30603-3018841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nt. 300$ Men, Freitag Wiener MorgenzeiLung 3. Mi 1937 Seite v. Bühne und Kunst. steine Suadengabe für die Witwe des Iichte» Perer- Ein merkwürdiger Beschluß des Warschauer Kultusvorstandes. Au- Warschau wird uns berichtet: Einen peilt* sichere Eindruck erweckte der Beschluß des Vorstandes der kiesigen jüdischeit Gemeinde, durch welchen ein Antrag!er Witwe deS verstorbenen jüdischen Dichters I. L. Pe- «z, die sich in Notlage befindet, eine ausreichende manatliche Gnadengabe zu bewilligen, ab gelehnt wurde. Dieser Beschluß wirkt um so unangenehmer, als ja Perez bekanntlich eine Zeitlang auch Beamter der jüdischen Gemeinde von Warschau war. Der Antragsteller wies darartf hin, daß die Witwen-; Pension der Hinterbliebenen Gattin des Dichters völlig unzureichend sei. Die Erhöhung der Pension wurde rber mit der Begründung abgewiesen, daß die Witwe jelbst um eine Vergrößerung des Witwengehaltes nicht an- «srjcht habe. Bon Amts wegen zu untersuchen, ob die vattüi äyeS Jehuda Löb Perez mit ihrer Pension tatsächlich das Auslangen finde, fiel den Gemeindevätern nicht bei. * Das Werk des Dichters Jehuda Löb Perez hat nicht, nur im jüdischen Volke eine ganz außerordentliche Verbreitung gefunden. Seine Schöpfungen sind in alle Kultur- : sprachen übersetzt worden und gehören der Weltliteratur, in. Mit Scholem Alejchem und Bialik bildet Perez das - Dreigestirn jüdischer Dichter, welche vor der Kulturwelt. erweisen, daß das jüdische Volk lebt und daß seine schöpfe- rische Kraft ungebrochen ist. Neichtümer hat Perez nicht hinterlassen, aber sein Volk mit seinen Werken unermeß>- lich reich beschenkt. Wenn die Gemeinde Warschau, welche den großen Vorzug genoß, daß Perez ihr als Beamter diente — - man kennt die herrlichen Schriften, die er in Tagebuchform als Ergebnisse seiner BeamteNtätigkeit niederlegte —, wenn der Kultusvorstand dieser großen Judengemeinde die, Witwe eines der größten Juden unserer Zeit darben läßt, handelt sie unjüdisch und hat den schärfsten Protest der gesamte!» jüdischen Oeffentlichkeit zu gewärtigen. Ans dm Ämter». Burgtheater. Morgen, halb 8 Uhr „Adam und Eva". Operntheater. Morgen, halb 8 Uhr „DieIosephslegende" und „Die Jahreszeiten der Liebe". Theater in der Josef stadt. Heute wird die Sommerspielzett mit der Premiere, des Schwankes The od.or.e. u. (5 i e." von Nancey und Armani, deutsch von Erich Motz, eröffnet. Die Opernwoche. In iber kommenden Woche werden in der Staatsoper folgende Werke aufgeführt: Sonntag, den 10. Juli, „Die verkaufte Braut"; Montag „Die Fledermaus"; Dienstag „Coppelia" — ,/Schlagobers"; Mittwoch „Die Boheme"; Donnerstag Günsel und Gretöl" — „Die Puppenfee"; Freitag „Carnaval" — „Die Prinzessin von Tragant" — „Wiener Walzer". Von Samstag, den 16. Juli, bis zum 31. August bleibt die Staatsoper ebenso wie das Burgtheater ge schlossen. Ein Gastspiel Miscka Fischsobns in Wien. Mischa Fi schsohn, ein Hervorragender Tragöde der jiddischen Bühne, tritt, wie uns aus New Hovk gemeldet wird, eine Europareise an und wird demnächst in Wien ein Gastspiel absolvieren. Zwei große Wiener Kunstausstellungen im Herbst. Der Verein der Museumsfreunde in Wien wird seinem vor Jahresfrist gefaßten Beschlüsse zufolge anfangs Oktober im Künstlerhaus eine grobe österreichische Porträtausstellung eröffnen, die an einer Auslese von Bildern und Skulpturen in Politik, .Wissenschaft, Kunst ober im gsellsch'aftlichen Leben nam- DER ZEIT EINE SERIE MODERNER ERZÄHLER IN HERRLI¬ CHEN HALBLEDERBÄN¬ DEN, JEDER BAND IN GESCHENKKARTON S 4.- MAX BROD: Tycho Brahes Weg zu Gott, Roman KNUT HAMSUN: Unter Herbst* Sternen, Roman MAXIM GORKI: Drei Menfdien, Roman WELLS: Die Geheimkammern des Herzens, Roman FRANZ WERFEL: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig, Roman EMILE ZOLA: Der Totschläger, Roman Nur mehr ganz kleine Vorräte 1 BUCHHANDLUNG R.LOWIT/WIENl ROTENTURMSTRASSE 22 hast er Perjvniichkeitcn das verflossene Jahrhundert illustrieren und zugleich das Verständnis für die Entwicklung der Porträttunst in dem Zeitraum vom Wiener Kongreß bis zum Ansbruch des Weltkrieges fördern soll. Gleichzeitig findet eine Reihe von Vorträgen statt. — Ebenso wird der Verein in der Sezession gemeinsam mit dieser eine Ausstellung von Meister» w e r k e n englischer Kunst aus drei I a h r h u n» derten veranstalten, die noch in der ersten Septemberhälfte eröffnet werden wird. Das Tempo künstlerischer Arbeit. In der Zeitschrift' „Welt und Wissen" veröffentlicht Mar Pflüger einen interessanten Aufsatz über das Tempo der Schaffenden. Es gibt Künstler, die [enr langsam, und andere, die sehr schnell arbeiten. Leonardo da Vinci brauchte zur Vollendung seines „Abendmahls" vier Jahre (1404—1406), während Michel. Angela die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle mit ihrem Tausendfachen an Flächeninhalt in drei Jahren — und zwar fast ganz ohne Gehilfen — zum Abschluß brachte. Bei e:ner Arbeitsweise im Tempo Leo« navdos hätte er volle 120 Jahre auf dem Gerüst stehen müssen. Außerordentlich schnell arbeitete auch Rubens; zählt man doch die Bilder mit seiner Unterschrift auf dreitausend Stück; dabei sind es zum größten Teile Gemälde von sehr beträchtlichen Dimensionen. Auch Claude Lorrain, dessen Landschaften fast alle ein Ausmaß von ungefähr 70X100 Zentimeter zeigen, arbeitete mit unglaublicher Geschwindigkeit; er stellte oft täglich ein Gemälde her. Bon Malern aus neuerer Zeit sind vor allem Markart und Piloty als „Schnellmaler" bekannt. — In diesem Zusammenhänge könnte man unter den Schriftstellern die Schnellarbeiter Georg Kaiser und Pirandello nennen, welche ihre.Werke förmlich aus dom Aermel schütteln, und ihnen etwa Richard Beer-Hoffmann gegenüberstellen, der, gegenwärtig ein Sechziger, in seinem großen Verantwortungsgefühl bisher bloß zwei dramatische Werke („Der Graf von Charolaix" und „Jaakobs Traum") der Oeffentlichkeit übergab. Galgenhumor durchgefallener Dichter. In London ist ein Klub gegründet worden, dessen Mitglied jeder Dramatiker wird, der Nachweisen kann, daß sein Werk bei der Premiere ausgepfiffen wurde. Die Ehrenmitgliedschaft erhält derjenige Poet, dessen Opus einen solchen Skandal hervorrief, daß das Publikum das Geld zurückverlanate. — Natürlich will der „Klub der Durchgefallenen" auf diese Weise den Geschmack des Publikums verulken. j- Rotenturm-Kino— I I., Fleischmarkt 1 | Von heute bis 11. Juli: Alles Sdhwlndel I Amerikanische Komödie In 6 Akten | Beginn d. Vorstellungen an Wochentagen: 4,6, V,8 u. 9 Uhr j Sonn- und Feiertage: l/a4, J/45, Vs7, */,8 und 9 Uhr - CENTRAL-Kl NO — II., Taborstraße 8 Telephon 42-3-41 Von heute bis 11. Juli: Die Waise von Lowood mit Evelln Holt und Olaf Föns Musikalische Begleitung: Das neue Ufa-Konzertorchester mit Jazzband (Dirigent: Kapellmeister Karl Krall) Beginn um 6, Vi8 und 9 Uhr Serichtssaal. Sie Schlacht von Schattendors Fortsetzung des Zeugenverhörs. In der gestrigen Verhandlung wurde das Zeugenverhör fortgesetzt. Das Bestreben der Verteidigung geht immer mehr dahin, die tödlichen Schüsse den Schutzbündlern zuzuschieben. Die sonst so verpönten und' strenge gerügten Suggestivfragen mehren sich. Das Auditorium, in dem sich nur Frontkämpfer befinden, liefert die psychologische Unterstützung. Der Landwirt Trimmel, ein Vetter der Brüder Tscharmann, bringt ein neues Detail. Er hat drei oder vier Schutzbündler gesehen, die die Türe eingestoßen haben sollen. Sie hätten Revolver gehabt und einer habe ihm die Waffe vor die Brust gehalten. Im Laufe seiner Aussage werden aus den drei oder vier plötzlich fünf. Der Bauer Andreas Adrian erzählt über den Sturm der Schutzbündler. Ob sie bewaffnet waren, weiß er wicht, aber schießen haj er l--?hört. Dann kommen Mei Kinder als Zeugen, der 11jährige Johann Pint er und der 12jährige Josef Pinter. Bon Belang ist nur die Aussage des zweiten, der deutlich den Josef Tscharmann schießen gesehen hat. Die weiteren Zeugen haben nichts Besonderes auszusagen, nur der Bauernsohn Hieronymus Graffl glaubt, daß der B ü rgermeiste r und der Schutzbund-Komma ii< dant an dem Unglück schuld waren. Bei der Nachmittagsverhandlung führte Riehl darüber Beschwerde, daß ein Abendblatt die Bilder der beiden Geschworenen veröffentlicht habe, die während der Aussage sozialdemokratischer Zeugen gelacht hätten. Er'>bezeichnete dieses Vorgehen als Terrorisierung und Einschüchterung der Geschtvorenen und bat den Staatsanwalt um Verfolgung, des Blattes. Der Vorsitz e n d e erinnerte die Geschworenen neuerlich a u. i h r e n E i d and ersuchte' sie, während der Dauer der Verhandlüng, ebenso wie s er selbst, dies tue, keine Zeitungen zu lesen, um. nicht beeinflußt zu werden. Sodann erfolgte die Fortsetzung des Zeugenverhöres. Der erste Zeuge, der '13jährige' Johann' Graffl,' antwortete auf die Frage nach seiner Konfession „Christ". Äer Vorsitzende wollte wissen, ob Katholik oder Protestant, und da antwortete der ISjchrige: „A Roter bin i!" was große Heiterkeit auslöste. Ter Zeuge will Josef T'charmann mit einem Gewehr beim Fenster gesehen haben. Der Zeuge Ignaz G r a ß l gibt an, daß von der Straße aus gegen da- Tor geschosien wurde. Die Zeugin Theresia Bernhard hat gesehen, wie Schutzbündler aus ihren Taschen Revolver gezogen haben. Einmal seien Schutzbündler in ihr Haus eingedrungen und hätten ihren Mann, der Frontkämpfer ist, beschuldigt, abfällige Acußerungcn gegen die Republik gemacht zu haben. Auf die Frage ihres Mannes, was die Schutzbündler eigentlich wollen, sagten sie: „Dich um bringen!" und verprügelten ihn dann. Die Zeugin Elisabeth Pinter erklärte, sie habe mit Bestimmtheit gesehen, daß der Schutzbündler Bernhard Johann einen Rovolverschuß abgefeuert habe, wovon aber die neben ihr gestandene Zeugin Elisabeth Graffl absolut nichts gesehen haben will. Der Zeuge Andreas Graßl erzählt, daß die Schutzbündler in das Haus der Frontkämpfer eingedrungen seien und mit Revolvetn oder Karabinern in den Hof geschossen hätten. Die Verteidiger stellten sodann Anträge auf Einvernahme elf weiterer Zeugen, die bekunden sollen, daß die Frontkämpfer durch Terrorakte die Schutzbündler bedrohten. Der Privatbeteiligtenvertreter Dr. R e i ch a r d t beantragte die Einvernahme des Landeshauptmannes des. BurgenlandeS Rauhofer sowie seines Stellvertreters Leser und des früheren Landeshauptmannes Dr. Wahlheim, die über eine systematische hochverräterische Bewegung, im. Burgenland ß' Auskunft geben sollen. Weiters sollen die Zeugen darüber/K?. aussagen, daß die Frontkämpfer den mit den Sozialdemokrater ■ geschlossenen Burgfrieden gebrochen hätten. * Riehl beschwert sich. Der Hakenkreuzanwalt Dr. Riehl, der bei der Verhandlung gegen seinen Schützling Rothstock von seinem Rechte, Geschworne abzulehnen, ausgiebig Gebrauch gemacht hat, hat cs für notwendig befunden, gegen den Staatsanwalt Hofrat Dr. Sacher beim Justizministerium Beschwerde zu erheben, weil diesmal auch der Staatsanwalt von diesem in der Straf- Prozeßordnung verankerten Rechte der Ablehnung von Geschwornen Gebrauch gemacht und Leute abgelehnt hat, die ihm angeblich von dem Privatbeteiligtenvertreter, dem sozialdemokratischen Anwalt Dr. Reichardt, als „bürgerlicher Gesinnung verdächtig" bezeichnet wurden. Sr will „Herr" fei». Ein Prozeß, der in der Oeffentlichkeit viel Aufsehen erregt hat, gelangte gestern zum Abschluß. Es handelte sich nämlich um'die Frage, ob ein Patient in einem Spital als „H e r r" oder nur mit seinem Vor- oder Zunamen anzusprechen sei. Der Kanzleidirektor in der Bundeskanzlei für Aeußeres, Arnold Gleisner,' stand durch längere Zeit hindurch bei dem Assistenzarzt am L y s s a i n st i t u t Dr. Fritz Schwein bürg zur Vornahme von Schutzimpfungen in Behandlung. Direktor Gleisner hielt sich darüber auf, daß er von dem Arzt nur als „Gleisner" und nicht mit Herr aufgerufen tvurde. Als er den Arzt deshalb , zur Rede stellte, erklärte dieser: «Als Patient im Ambulatorium werden Sie sich angewöhnen müssen, mit Ihrem Namen angesprochen zu werden. Sie können sich ja, wenn es Ihnen nicht paßt, bei der Vorgesetzten Behörde beschweren." Direktor Gleisner erstattete hierauf mehrere Anzeig e n, an das Bnndesministerium für soziale Fürsorge, an ' die Direktion des Krankenhauses und an den Verband der Akademiker, in denen er ehrenrührige Redewendungen gegen den-Arzt gebrauchte. So sprach er in den gleichlautenden Eingaben von einem zynischen Gebaren des Arztes, warf ihm Mangel an Takt und Standesgefühl vor und erklärte, daß er die akademische Würde durch sein Vorgehen geschädigt, habe und die notwendige Verständigung und „Einigung des deutschen Volkes" behindere. Weiters machte er dem Arzt zum Vorwurf, daß er seinen Dienst tviederholt verspätet angetreten habe, während der Ambulanz rauche und private Telephongespräche führe. Wegen des Inhaltes dieser Eingabe erhob der Arzt gegen Herrn Gleisner die Ehrenbeleidigungsklage, über die gestern in fortgesetzter Verhandlung OLGR. Dr. Fuchsig zu verhandeln hatte. Es wurde eine Reihe von Zeugen, die ebenfalls in dem Lyssa-Institut in Behandlung standen, einvernommen, die teils für, teils gegen den Arzt aussagten. Die einen fühlten es als entwürdigend, daß ihnen die Titulatur „Herr" abgesprochen wurde, andere wieder fanden daran nichts Ehrenkränkendes. Dr. Schweinburg gab an, daß es im Ambulatorium üblich sei, die Patienten nur mit ihrem Namen aufzurufen, weil diese Namen in einer fortlaufenden Liste, auf der auch die Dosis des Impfstoffes verzeichnet sei, enthalten waren und man doch nicht gut wissen könne, ob der Träger irgendeines Namens nicht vielleicht ein einige Monate altes Kind sei, das man doch nicht gut als Herr ausprechen könne. In demselben Sinne sagte der Impfassistent Rudolf Haiden aus. Nach durchgeführtem Beweisverfahren verurteilte der Richter den Beschuldigten Direktor wegen Ehre'nbeleidigung in allen Punkten,, mit Ausnahme eine». - einzigen, zu einer Geldstrafe von 100 Schilling, eventuell zu einer Arreststrafe von fünf Tagen. In der Begründung führte der Richter aus, es sei selbstverständlich jedermanns Recht, Mißstände der kompetenten Behörde zur Kenntnis zubringen, doch dürfen diese Eingaben nicht ungerechtfertigt? ' Beleidigungen enthalten.