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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-08 · Heft 3003 (8.7.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3003 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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DIE JÜDISCHE WELT (MITTEILUNGEN DES ZIONISTISCHEN LANDESKOMITEES FÜR ÖSTERREICH) ERSCHEINT JEDEN FREITAG IN DER „WIENER MORGENZEITUNG“ 8. JULI 1927 NUMMER 3 8. THAMUS 5687 «MM! Im dreißigsten Jahr des Kongreßzionismus, besten Gedanke von Wien seinen Ausgattg genommen hat, bringt die Wiener und die österreichische Judenschaft von 260.000 Seelen gezählte 4600 Schekalim auf und entsendet zwei Delegierte zum Jubiläumslongreß. Wie gering, ja beschämend diese Ziffern sind, wird noch deutlicher, wenn man erwägt, daß Wien allein ein jüdisches Massenzentrum von mehr als 200.000 Juden ist und daß in den großen Wischen Zentren Europas (Warschau, Berlin) weit stärkere organisatorische Erfolge des Zionismus zu verzeichnen sind, da diese Zentren eine viel erheblichere Schekelzahl und damit auch eine weit stärkere Kongreßdelegation aufzuweisen haben. Daß die zionistische Bewegung in Wien und Oesterreich weit mehr Anhang hat, als die aufgebrachte Schekelsumme ausdrückt, ist unbestreitbar. Bei den letzten Nationalratswahlen wurden in Wien allein mehr als 9000 Stimmen für die zionistische Liste abgegeben, wobei schon gegenüber den Wahlen des Jahres 1923. ein starker Stinnnenrückgang zu verzeichnen war, der hauptsächlich in wirtschaftlichen Dingen seinen Grund hat. Die prononcierte Stellung der zionistischen Partei in Fragen der nationalen Politik macht es bei der eigenartigen soziologischen Struktur der Wiener jüdischen Bevölkerung gewiß nicht leicht, viele dem zionistischen Gedanken Fernstehende für eine zionistische Vertretung im Nationalrat zu bewegen, und es ist daher nicht anzunehmen, daß von den 9000 Stimmen in Wien auch nur mehr als ein Drittel von Nichtzionisten abgegeben wurden. Nimmt man aber in Betracht, daß das Wahlrecht für den'Kongreß an ein niedrigeres Lebensalter (das vollendete 18. Lebensjahr) geknüpft ist als' das Wahlrecht für die politischen Vertretungskörper in Oesterreich, für das die Vollendung des 21. Lebensjahres erforderlich ist, so müßte der obenerwähnte Wegfall , von 3000 nichtzionistischen Stimmen politischer Mitläufer zum Teile wettgemacht sein. Schon nach dem Ergebnis der letzten politischen Wahlen in Oesterreich müßte daher in Wien allein ein Stock von rninde" stens 8000 Zionisten für die Schekelzahlung erfaßbar sein, wenn man davon absieht, daß die organisatorische Erfassung durch den Schekel viel weitere Kreise ziehen kann als die für den innerpolitischen - Wahlkampf. Man geht nicht! fehl, wenn man entsprechend der Durchschnittsstatistik anderer Landesjudenheiten annimmt, daß es in'Wien einen' sicheren Stock von 10.000 Zionisten gibt und in der österreichischen Provinz einen solchen von wenigstens 1000. Von diesen 11.000 zionistischen Juden wurden nur 4500 Schekalim aufgebracht; wo sind die übrigen 6600? Hier stimmt etwas nicht, hier ist ein Fehler, der gefunden und überwunden werden muß. Er liegt im organisatorischen . Moment. Es muß ausgesprochen werden: das organisatorische Fundament des österreichischen Zionismus ist kein schlechtes, aber in allen Kreiseil der Zionisten selbst fehlt es an dem Verständnis für daS Wesen der Organisation und für die Notwendigkeit der geradezu lächerlich geringen Arbeit, die innerhalb derselben geleistet werden muß. Bei allen äußeren Anlässen, die der Zionismus bietet, sind weit mehr Menschen in Wien und Oesterreich aufgeboten als die Zahl der aufgebrachten Schekalim ausdrückt. Für die innere Arbeit, die keinen prunkenden äußeren Rahmen hat. ist nur ein Bruchteil dieser Masse zu haben. Sie ist jedoch entschuldbar: denn Erziehung zur Organisation ist Sache des B e i s p i e l s, und das Beispiel, das dieser zionistischen Masse (sie besteht in Oesterreich) gegeben wird, ist kein gutes. Dies liegt wieder an den individuellen und an den sachlichen Kräften, welche dazu berufen sind, eine Organisation mit Durchschlagskraft zu erfüllen. Die individuellen Kräfte haben eine zu geringe aktive Dynamik, sind zu sehr kritisch, abseitig eingestellt; und daraus ergibt sich zum Teile auch jene geringe sachliche Anziehungskraft des organisatorischen Gedankens bei uns. Die allgemeine Erscheinung im Zionismus, daß zufolge ideologischer Verflachung die organisatorische Kraft der Bewegung schwächer geworden ist, reicht noch nicht aus, um das krasse Mißverhältnis zwischen dem Jdeenanhang und seinem ziffernmäßigen organisatorischen Ausdruck, wie es.in Oesterreich besteht, zu erklären. Zur Erklärung dieses spezifischen Mißverhältnisses muh eben auf die obenerwähnte geringe Kraft des Beispiels gegriffen werden. Kritik ohne wirkliche Aktivität sinkt zum Kaffeehausklüngelivesen herab, aus dem -niemals, auch nicht bei den günstigsten ideologischen und soziologischen Vorbedingungen die organisatorische, also organisch aufbauende Kraft erwachsen kann, welche einer Bewegung eine dauernde Menschengrundlage (was vielleicht viel mehr ist als die materielle) in jedem Augenblick und für jeden Augenblick sichert. Wenn demnächst die Kongreßwahlen stattfinden und die österreichischen Zionisten zwei Mandate zu vergeben haben werden, können wir das beschämende Schauspiel erleben, daß in Oesterreich kein Delegierter direkt gewählt wird, sondern alle Stimmen der Reststimmenliste zufallen und daß so die Stadt, von der der Kongreßzionismus ausgegangen ist, auf dem nächsten Kongreß keinen eigenen Delegierten haben wird. Denn entsprechend dem heutigen Zustand der österreichischen Organisation fehlt es auch an der Kraft zur zionistischen Willensbildung für den stärkster: politischen Augenblick, für die Tagung des zionistischen Weltparlamentes; der Mangel an Aktivität bringt auch im Verhältnis zum Kongreß nur kleine kritisch nuancierte Abseitigkeiten und Abwegigkeiten hervor, nicht mehr. Wir werden organisatorisch ganz anders denken l e r n e. n müssen, um solchen Zustand zu übertvinden. Vor dem Baseler Kongreß Das zionistische Budget. Bon Ernst Davis. II.*) Es gibt einen zweiten Einwand gegen die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Finanzierung von Erwerbsunternehmungen, den man noch öfter hört und der auf den ersten Blick richtiger erscheint, obwohl er in Wirklichkeit ebensowenig stimmt. Das ist die Behauptung, bei öffentlichen Arbeiten könnten mit 1000 Pfund mehr Arbeiter beschäftigt werden, als durch Kredite für Industrie oder Pflanzungen. Man übersieht dabei eine Kleinigkeit: Die Arbeiter, die durch die Gewährung eines Darlehens von tausend Pfund in der Fabrik oder in der Orangerie beschäftigt werden können, sind dauernd untergebracht, für die bei öffentlichen Arbeiten Beschäftigten ist dagegen jedesmal nach Beendigung der Arbeit, etwa, der Chaussee oder Drainage, ein neuer Geldaufwand nötig, um ihnen weiterhin einen Erwerb zu sichern. Es kommt aber noch etwas hinzu: Es ist schon oftmals darauf hingewiesen worden, daß die palästinensische Industrie im Verhältnis zu dem bereits in ihr steckenden Kapital nur relativ wenig Arbeiter beschäftigt, jedenfalls kaum mehr als die Landwirtschaft. Das ist formell richtig, liegt aber nicht daran, daß die Industrie wegen ihrer organischen Struktur nicht mehr Händen Beschäftigung geben kann; der Grund ist vielmehr die Tatsache, daß die meisten unserer Fabriken nur über ein mehr oder minder genügendes Anlagekapital von ..Maschinen, Gebäuden usw. verfügen, daß ihnen aber die gewöhnlich nur einen bestimmten Bruchteil davon bildenden Betriebsmittel fehlen,..-um dieses stehende Kapital auszunützen. Daher können sie nicht so viele Arbeiter einstellen, wie ihre technische'Produktionsfähigkeit im Rahmen der Absatzmöglichkeiten zuläßt. Würde das Kapital der .Industrie um 33% Pro-. .zent erhöht werden, und zwar in Form flüssiger Gelder, so könnte die Ärbeiterzahl vielleicht um-50 Prozent, wenn nicht mehr vergrößert werden. Um ein extremes Beispiel aus der Praxis heraüszugreifen: Ein bestimmtes Unternehmen, in das nach der Statistik des Handels- und JndustriedepartementS der Exekutive. 12.000 Pfund investiert sind und das damit fünfzig Arbeiter beschäftigt, könnte bei Gewährung eines Kredites von zweitausend Pfund dreißig neue Leute einstellen, Verkaufs-Möglichkeiten für die entsprechende Mehrproduktion sind vorharrüen. In dieser Lage ist es einfach ein Gebot rationeller Wirtschaft, die schon vorhandenen Anlagen durch Zufuhr des nötigen „Schmieröls" voll in Betrieb zu setzen, ., bevor man neue, noch dazu bei aller produktiven Nützlichkeit kaum rentable in öffentlichen Arbeiten macht. Möglich, daß irgendwelche Entsumpfungen oder Chausseebauteu für das Land als Ganzes wertvoll, vielleicht sogar noch wertvoller sind, als Jndustriekredite; aber hier kommen wir zu dem entscheidenden Punkt: Wir müssen uns von der Vorstellung befreien, daß wir - für die Wohlfahrt ganz Palästinas zu sorgen haben. Das ist die Aufgabe der Regierung, der ihre Gosetzgebungs- und Steuergewalt auch die Mittel dazu in die Hand gibt. Die Zionistisch« Exekutive hat sich nicht als Regierung, sondern als Leitung einer Kolonisationsgesellschaft mit einem politischen Ziele zu betrachten. Sie hat jede Geldausgabe nur daraufhin zu prüfen, ob sie der direkteste Weg zur Unterbringung einer möglist großen Anzahl von Juden in Palästina in möglichst kurzer Zeit ist. Sollte dabei, wie zu ver- *) S'.ehe „Die jüdische Welt", Nummer 2, vom 1. Jul: 1927. kür di© Veröffentlichung in der Beilage „Die Jüdische Welt“ bestimmte Manuskripte, Ankündigungen etc, müssen bis längstens M111 w o c b mittags ln Händen der Redaktion sein, da sie sonst keine Aufnahme mehr finden können. muten ist, auch daS Wohl des Landes gefördert werden, umso besser. Die Exekutive hat ebensowenig Gelder für irgendwelchen kulturellen oder sozialen Zwecke auszuwerfen, die zwar in der Hauptsache Juden zugute kommen mögen, aber doch nicht unmittelbar der Ansetzung von Immigranten auf schnellstem Wege und im größten Dtaßstäbe dienen. Mittel für solche Zwecke hat eine Regierung bereitzustellen, nicht ein Siedlungsunternehmen, das einen möglichst großen Kapital- Umsatz machen muß. Es geht nicht an, daß wir den größten Sanitätsdienst im Lande unterhalten und in unseren Krankenhäusern 40 Prozent aller überhaupt in Spitälern untergebrachten , Kranken liegen und daß die Dorfkliniken der „Hadassa" zu 20 bis 26 Prozent Arabern dienen, während sich umgekehrt in den Regievungskrankenhäusern nur 9 Prozent Juden befinden. Es ist unmöglich, daß wir auf eigene Kosten ein vollständiges Schulnetz unterhalten und außerdem durch unsere Steuern reichlich die Hälfte der ausschließlich für Araber bestimmten Regierungsschulen bezahlen. Sind wir so reich, daß wir allein unter diesen beiden Rubriken der R egierung eine Subvention von 130.000 Pfund jährlich gewähren können, laut den Ausgaben für die Erziehung und Hygiene im letzten Jahre, ungerechnet die Subvention durch den Jischuw in Form eines vierfach höheren Schulgeldes als es die Araber zu zahlen brauchen? Und ungerechnet auch einen großen Teil der öffentlichen Arbeiten, die wir der Regierung ab« .nehmen, so daß unsere Jahresunterstützung der Landesverwaltung aus Mitteln des Budgets und der Schulgelder reichlich mehr als zweihunderttausend Pfund ausmacht? Hätten wir ein Fünfmillionen-Budget, dann könnten wir uns das vielleicht erlauben, bei einem 0.44-Millionen-Etat aber auf keinen Fall. Sowohl alle mit Gesundheitswesen wie mit Erziehung zusammenhängenden Posten und die betreffenden Departements müssen so schnell wie möglich gestrichen, beziehungsweise aus das Maß reduziert werden, in dem uns die Regierungsüberweisungen ihren Unterhalt ermöglichen. Aus eigenen Mitteln darf kein Pfennig dafür verausgabt werden. Ebenso muß das Departement für öffentliche Arbeiten verschwinden; sein Budget ist zur Finanzierung von Industrie und Pflanzungen zu verwenden, genau so, wie die Mittel, die bisher für Gesundheits- und Schulwesen ausgeworfen wurden. Man wende dagegen nicht die Verdienste ein, die unser Sanitätsdienst sich um die Versöhnung der Araber erworben hat, und man betone nicht die kulturellen und nationalen Gefahren, die uns eine Aufgabe oder Einschränkung unseres Schulwesens verursacht. Was das erste angeht, so glaube ich, daß die versöhnende Wirkung der Krankenhäuser etwas übertrieben wird, ich weiß aber bestimmt, daß die Araber es viel wichtiger nehmen würden, wenn wir die für den Sanitätsdienst bestimmten Mittel zur dauernden wirtschaftlichen Bereicherung des Landes verwenden würden, von der sie nach ihren eigenen Erfahrungen sehr stark profitieren. Was die Gefahren einer Aufgabe oder Einschränkung unserer Schulen angeht, so sind sie zu selbstverständlich, als daß sie ausdrücklich erwähnt werden müßten. Mer ein armer Mann — und wir sind sehr arm — muß leider auf die Befriedigung unbestreitbar wichtiger Bedürfnisse verzichten und sich mit der Befriedigung der allerdringendsten begnügen. Unsere kulturelle Erneuerung durch Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist zwar wichtig, aber sie kommt doch erst nach der Erreichung unseres politischen Zieles, von der letzten Endes ihr Erfolg bedingt ist. Danach hängt sie schließlich nur von unserem Willen ab. und wir können sie bis dahin verlangsamen, ohne ft die Möglichkeit zu verlieren, sie am Ende doch durchzusetzen. Die Gefahr, die aus der Einschränkung der nationalen Beeinflussung unserer Jugend durch die Schulen entsicht, muß durch eine vollständige und straffe Z n s a u: m c nfassung der Jugend in nationalen Jugendorganisationen und ihre Erziehung durch diese ausgeglichen werden, wie das auch bei anderen Völkern erfolgreich

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