Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3003 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wkener 6. FM ' ^ekk» » > Ser MSdchenhSndler und feine Liebschaften. Sink SklEroWk IN M«>d. '! MS Rotterdam wird uns geschrieben: In! der RÄ-attion eines kleinen McheMattes in lAmsterdam erschien vor einem Jahr ein Mann, der sich als „guter Bekannter" des Herausgebers entpuppte. Er war nämlich mit diesem in einem bayrischen Zuchthaus gesessen. Der 'Herausgeber war ein früherer Mzt, der wegen lFruchtabtreibung verurteilt war, während der Eindringling wegen-verschiedener Hochstapeleien ein« fünfjährige Strafe abzubüßen hatte. Während der Mrzt Dr. L. nach einen: Jahr cirtlassen wuche und sich in Amsterdam niederließ, brach Velden aus dem Zuchthaus aus. L. war inzwischen mit einer angesehenen holländischen Dame in den EhebürÄ getreten und das Erscheinen Veldens, der sich noch dazu bei ihml vor der Polizei verbergen wollte, war ihm sehr unangenehm. Doch Hei, Erpressungen des Gauners war er nicht gewachsen. ' '• Er nahm ihn als Redakteur auf und Velden gab der Wochenzeitung eine neue Richtung: „Bekämpfung des Mädchenhandels." Er gab der Polizei in seinem Blatts t Richtlinien, wies sie auf Spuren und spielte selbst den l Privatdetektiv. Tatsächlich war er das Oberhaupt einer , Mädchenhändlerbande. Er erpreßte Belohnungen für den 1 Mädchenhändlern entrissene „Opfer". l . Die Frau des Dr. L. stand schon nach kurzer Zeit in seinem Bann. Daß er mit ihr ein Verhältnis hatte, war offenes Geheimnis. Velden hatte in Rotterdam eine frühere Geliebte, die jetzt Gattin eines Diamantenhändlers, früher sein Werkzeug war und es wieder wurde. Die beiden Geliebten Veldens mußten Zeitungsannoncen aufgeben mtb Dienstmädchen für das Ausland suchen und sie Veldens Bajnjdtz in die Hände spielen. ' Es kam oft zu heftigen Szenen zwischen dem sonderbaren Trio. Velden machte mit einer Pacht des öfteren Nachtausflüge und bei einer Kontrolle durch die Hasenpolizei traf man ihn und die zwei Frauen in einer Kabine im tiefsten Negligee an. , , Seine Hauptkomplizen hatte er in Marseille und Hamburg. "Verschwand irgendwo ein Mädchen, "schrieb er "in seinem Blatt bereits „Spezialberichte" und enthüllte — natürlich falsche — Sperren. Interessant ist, daß er: in verschiedenen Städten Hollands im letzten Jahre Väter von acht Unehelichen Kindern wurde. Dr. L. war, ohne es zu wissen, ebenfalls ein Werkzeug des Verbrechers geworden.- Ein tschechoslowakisches Mädchen wurde das Verderben Veldens. Sie erschien in der Wohlrung der Frau &, UM sich loegen der vermeintlichen Stellung zil erkundigen. Im Nebenzimmer hörte sie Velden mit Frau van H. streiten. Das Mädchen konnte zufällig sehr gut französisch und fing einige Sätze auf, die sie dann auf der Polizei wiederholte. Dkeff hob -das Nest auf, aber Velden war verschwunden. Nun erfährt man, daß er m Marseille von einem Komplizen im Streite Um ein „Lösegeld" erschossen wllrde. Lilanische Polizei zerstört einen Mischen Friedhof. MS Kownv meldet die I. T. A.: In der Gemeinde Piluschok bei Kownv, die meist von Juden bewohnt ist, zerstörte die Polizei unter dem Borwand, Raum für einen Promenadenweg zu schaffenin dev barbarischesten Weise den dortigen jüdischen Friedhof. Sämtliche Grabsteine wurden woggeschafft, die Gräber umgegraben und dve Totengebeine über die nahen Felder und Wege zerstreut. Wegen dieser unerhörten SchäiMng sagte das Rabbinat einen Fast- und Bußtag an. Männer, Frauen und Kinder verbrachten den ganzen Tag in den Bethäusern. Ler Ursprung der Mmimord-Legende. In dem soeben erschienenen Juniheft der Monatsschrift für Gesülchte und Wissenschaft des Judentums untersucht E. B ickermann den Ursprung des Borwurfes des Ritualmordes, der zum ersten Male im Altertum in der Form auftaucht, daß die Juden in ihrem Tempel einen Griechen mästeten, um ihn dann zu töten. Er weist nach, daß diese Fabel auf die Umgebung des Ksöuißgjs Aultzivchvs Epiphanes zuMckgehi, der den Tempel geplündert hatte und ihn dann verleumdete, um die Mißbilligung abzuschwächen, die im Altertum jeder Tempelraub nach sich zog. Rirardo Corte» — 3akob Kranh. Die kanadische Zeitung „Ottawa Citizen" «meldete vor kurzem, daß der neue Filmstar in Hollywood, Ricardo Korten, der als der Nachfolger Valentinas und seines Ruhmes gllt, aus dem Ghetto stammt und eigentlich Jakob Krantz heißt. Das Blatt betont, daß Corten seinen Künstlernamen nicht deshalb angenommen, iveil er sich seines Judentums schämte, er führe vielmehr ein gut jüdisches Haus und leistet seine Beiträge zu allen allgemeinjüdischen Aktionen. Aber die Manager! waren unerbittlich. Man könne, erklärten sie, als Jakob Krantz wohl etn hervorragenderer, aber kein berühmterer FilmdarsteUex als Balentino werden. Und sie tauften ihn auf Moardo Corten um. Das klingt spanisch. Poetisch, feurig, mit einem Wort Valentins sch. DaS war ausschlaggebend. Umi so mehr, als sich kein Originalspanier für daS Erbe Valentinas gesunder hatte. , - , " ein hebräischer Rechtskoder für Valöftim. Aus Tel Awiw wird uns berichtet: Zu der vor kurzem yiev^abgehaltenen zweiten Tagung dev Delegierten der hev-rHischeil FriDensgerichw waren Vertreter der jüdischen FrledsrsgejkW^ Preisgerichte und des Obersten Gerichtshofes erschienen. WS. Präsidium ivurden Vre Herren Dr. S^ Rosenbüum, A. Beyölon, Mordechai Ben Hittel Hakohen und der Kolonist Gisenberg aus Rechoboth berufen, Mn der "GröffnunWsitzung nahmen Staatsanwalt Dr. KorkNWy, Richter Dr, pH ach, der Mzepräsident des Waad Leumi, Dr, Thon U, teil. Unter den Referaten -ist besonders der mit großem BelW aufgenommene Vortrag des Richters Leon Bnbkvw über W Schaffung eines genauen hebräischen Kodex für (Dfe Wischö RAM' pflege in Palästina hervorzuheben.!! Nr. 3V03 Wien, Freitag Sugskatastrovhe in Me. 10 Tüte, 4V Verletzte. Buenos Aires, 7. Juli. (Havas.) Gin Zug, in welchem die Professoren und Schüler der chilenischen Milit ä r s ch u l e zur Teilnahme an der argentinischen Nation a l f e i e t fuhren, stieß bei Mondora mit einem anderen Zuge zusammen. Zehn Personen wurden getötet, darunter der Direktor er Schule, und vierzig Personen verletzt. Professor Lesfler gestorben. Stockhol nt,-7. Juli. (Wolfs.) Der bekannte Rethamatiker Professor Dr. Mittag-Leffler ist heute gestorben. Er war 1846 in Stockholm geboren. 1,100.000 Fafcisten. Rom, 7. Juli. (Stefani.) Das .Amtsblatt Eber Fasersten veröffentlicht den letzten Stand der Parteimitglie- , der. Es wurden 960.690 Männer und' 170.081 Frauen gezählt. 8in Erdbeben in Syrakus. Ms Rom wird gemeldet: Ein starker Erdstoß, begleitet von unterirdischem Rolle«, wurde in Syrakus verspürt. Schaden wurde keiner angelet. Sie Lote in rrauerkleidmg. Wie wir berichtet haben, hat sich am 30. Juli eine uMekannte Frau in TraNerklesidern in einem GaschauS in der Bnjattigasse mit Lysol vergiftet und starb npch vor Eintreffen der Rettungsgesellschaft. Bei der Toten fand man keinerlei Jdentitatspapiere, so daß man deren Namen nicht feststeklen konnte. Nun hat sich, bei der Polizei dev Hausbesorger des Hauses Burggasse 114 gemeldet und angezeigt, daß seit einigen Tagen eine alleinstehende Partei seines Hauses, die 49jährige Bu^desbahninspektorswitwe Berta Wiesner, abgängig sei. Bei der Perfonsbeschreibung gab er an, daß die Frau stets Trauerkleider zu tragen pflegte. lJm gerichtlich-medizinischen Institut agnoszierte der Hausbesorger mit Bestimmtheit in dev Toten die vermißte Wohnpartei. Durch die polizeiliche Erhebungen wurde festgestellt, daß Frau Wiesnev seit dein im März 1926 erfolgten Tod ihres Gatten, den sie erst im April 1924 geheiratet hatte, vergeblich versucht hat, di« Pensionsberechtigung nach ihrem Gatten zu erlangen. Sie hat sich dem Hausbesorger gegenüber geäußert, wenn sie keine Pension erhalte, so werde dies ihr Tod sein. Die Frau hat offenbar wegen dev Aussichtslosigkeit der Durchführung ihrer Ansprüche Selbstmord begangen. zu ihrem kv. Geburtstag. Unter den Repräsentanten der Gegenwartskunst ragt ein Name weit hervor, der Name einer Frau, Käthe Kvllwitz. Schon das ist ein Ereignis. Denn in der schöpferischen Kunst sind Frauen, deren Genius sie emporhebt über die Durchschnittsleistungen, etwas völlig Neues. Es gibt Nutzer Käthe Kollwitz keine Frau in allen Ländern unseres Planeten, die an ihr Können, au ihre bezwingende, mitreißende >Ajrt auch nur irgendwie heranveicht. Diese Frau ist härter, strenger, männlicher als die meisten Männer in der Kunst. Ihre Werke sind so lebendig, daß sie zünden wie ein Funke in einem Faß von Dynamit. Nicht angenehme Stilleben sind es, leichtverkäusiiche Wandbilder, die Käthe Kollwitz schafft — es sind Mrftuse zur Empörung, es sind Fahnen des revolutionären Geistes, es sind Manifeste der geknechteten Kreatur! ' Das, dieser Wille, das macht Käthe Kollwitz so groß; ihre Krmst ist nicht „L'art pour l'art", sie ist.Leben,- ist Tendenz! Jawohl, Tendenz. Denn Kunst, die nicht tendenziös ist, ist im besten Falle ein gNtgemaltes Bild, aber nicht Kunst in ihrem ureigenen Sinne, die die Mitmenschen znnngen Muß zur Andacht oder Liebe oder zur Revolution. Kunst ist rmn einmal die Konzentration des Zeitgeistes, ist nun einmal die Projektion des Fühlens und Derckens' 'den Massen auf die geniale Ebene. Was hat die Menschheit davon, daß Blumen und iAllepfel statt in Natur auf dem Tische in Oel und Firnis unter Glas Und Rahmen hängen? Das ist (zu wenig, viel zu wenig. Michelangelo schuf das gigantische Wandgenrälde in der Sixtinischen Kapelle — noch heute fühlen wir die Tendenz, die Liebe und den Haß, den dieses Freskowerk ausstrahlt. Grünwald gab den"Zügen des Gekreuzigten den ganzen Jammer der Menschheit, wild, aufrührend, revolutionär ist das Hauptftück des Jsenheimer Mars.!Jede Epoche hat die ihr zugehörige Kunst, revolutionäre Zeitzabschnitte gebären Kunstwerke der Empörung, Dezennien des geruhsamen Bürgertums, heimelige, ruhige oder schöne Bilder und Skulpturen. Ja, ehe noch die andere Zeitströmung einsetzt, verkünden ihre Herolde — und das sind die Künstler — das Kommen einer neuen Mt. Das muß gesagt werden, um Käthe Kollwitz ganz verstehen zu können. Was schassen denn eigentlich unsere zeitgenössischen! Künstler?. Zeigen sie uns himmelstürniende, atemberaubende Objekte? Zeigen sie uns Krieg, Revolution, zeigen sie uns die neue Jugend, den Sport oder bas Elend pder die Schönheit unserer Zeit? Nein! Bon ganz toenigen Ausnahmen abgesehen, malen auch die „Jüngsten", die „Neuerer", die „Neorealistiker" dieselben Modelle ab, wie es die Künstler, vergangener Epochen getan haben, als, zu dieser Zeit, die Vorwürfe im Mittelpunkt des Interesses gestanden sind. Nur die Zeichen- und Malweise würde geändert, nannte sich „Ex-, pressionisnlUs" usw., also das Sekundäre, der Rahmen für das Wesentliche. Daher der Mstand von Künstler und Publikum, daher das Nichtverständnis der Menge für Kunst und künstlerische Fragen! Wenn das Ding an sich nicht packt, der breite Pinselstvich oder der schmale, kubische Formen vder lineare, werderr gewiß nichts sagen können. Und Nun zu der Künstlerin. Dia ist kein Strich, und wäre es die kleinste SkiW, der nicht durch das geistige Leben, durch die HaMung allein schon, zwingt und begeistert. Da lebt die Masse, da schreit das Elend, dai flarn-. men die Feuerzeichen heißer Herzen. Mit Blut und Hirn sind diese Werke gelvovden, mit der Kraft einer ragenden Persönlichkeit, mit dem Können eines gottbegnadeten Genies. Da fragt man nicht nach Richtung und Zugehörigkeit zU Verein und Bund, da steht man beglückt vor dem Fluidum des Künstlerischen, da lebt man mit, mit den dargestellten Personen, versteht ihre -Wünsche und Flüche, ihre Rüfe und Tränen! Mas ist Kunst! Mieses Gepacktwerden von den Ereignissen aus der Fläche, dieses Verspüren von Einheit des Könnens Und' des Willens, dieses Versenken in die Lieder von Dunkel und Hell das ist «S! - Heute wird Käthe Kollwitz sechzig Jahre alt. Unfaß^ bar diese ewige Jugend dieser seltenen Frau, unbegreif-. ltch die irmner neu schöpfende! und schaffende Kraft. Die Biographie der Künstlerin? Ihr Vater war am Ende Maurergeselle, sie besuchte —* nein! Man soll zu Lebzeiten eims Menschen keine nachrufarttgeN Aufzählungen des Woher Und Wohin und aller jener Daten bringen, bie ohne Einfluß sind auf das geschaffene Werk. Nur dieses, und nur das Werk allein, soll sprechen. ' Es gibt nichts, das besser reden könnte, als die grapM scheu Blätter dieser Künstlerin. D-ies, ihr Werk, das zählt uns vom Leben und Werden der Käthe Kollwitz' als viele Seiten des Künstlerlexikons. Nicht die Eigenart täglichen Lebens darf zur Wertung dienen, sondern Unaussprechliche, das Nichtschilderbave, das ans dem W-. schaffenen in Fülle verströmt. L; Käthe Kollnntz meistert die .Magie! der'Kunst. ' Irr ihren Zeichnungen, m ihren Bildern, spiegelt sich unsere'Zeit. Darm finden wir uns und unsere Brüder, darin sindonl toir den Sinn unseres Daseins. Groß und getvalttg ist Licht, das ausgeht vom sÄrbeitstisch der Käthe . Kollwitz, os> leuchtet grell in die Abgründe des Lebens und in die Abgründe der Seelen. So rein und klar ist dieser Schein, dlüchj. man sich davor beugen muß und die Lippen schließen. Nur Unser .Herz und unser «Geist jubelt und dankt,, haß wir! bisse Kunst erleben dürfen. Nun geht hin und seht! . . , •-•! Versenkt euch in diese künstlerische Leistung. Freilich wird dann das ganze Getriebe der Mnstkerischen Zeitgeiwssen, Und wenn ihre lliamen noch so geläufig sind, verschwinden Und diese Werke werden verblassen, vor d«m go-. ringsten graphischen Blatt, das die Meisterin geschaffvr hot. Dann! merkt man ja erst die trostlose OedniS im künstlerdschen Leben unserer Zeit; aber dann weiß man auch, dH Käthe Kollwitz, die Sechzigjährig«,'die jüngste, flümMenidstü Und mitreißendst« schaffende Erscheinung ist, die unter' uns lebt Und arbeitet. Zum Schluffe seien nur einige Daten erwähnt. Da sind vor allem die Illustrationen zu Gevhart Hauptmanns „Webern", ohne die der junge Hauptmann nW vorstellbar ist. Im Jahre 1897 erschien dieser Zyllus, und von tfo an war Käthe. Kollwitz berühmt. ES folgten „Gvetchen" und daS aufwühlende Epos „Aufruhq/^. Dann kam der „Tanz um die Guilottine", der „Bauernkrieg" u. v. a. Rinnsteinkunst nannten die geeichten Kunstprvsessoren die Arbeiten M genialen Frau. Verspottet und verfemt von allen offiziellen 'Kreisen über ging 'Käthe Kollwitz unbeirrbar ihren Weg. i Jenen Weg, der erschütternd ist, jenen einzigen Weg, der auf die Höhe der Kunst führt. '; | Käthe Kollwitz hat den Gipfel erreicht.