Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-07-08 · Heft 3003 (8.7.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3003 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982091--30596-3018834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sekte 2 Gien, $retiuy -attene» Morgenzeirvng s. ^uli 1927 Nr. 8Ü6S Die Konferenz zum Schutze der Rechte dxr jüdischen Minderheiten m u ß zusammentreten, und wir haben allen Anlaß, Dr. Motzkin und Rev. Stephen 2. Wisc tief dankbar zu sein für die von ihnen ausgegangene Initiative zur Einberufung einer Konferenz von Vertretern aller jüdischen Organisationen, Parteien und völkischen Richtungen für deu Schutz der Rechte der jüdischen Minderheiten. Tie Konfereuz hätte die Aufgabe, ein auf demokratischer Basis gewähltes Komitee zu schaffei,, welches unsere Kräfte vereinigen soll in dem schweren jüdi- "chen „Kampf ums Recht". Kein Wahlrecht für französische Soldaten. Paris, 7. Juli. (Havas.) Die Kammer setzte heute vormittags die Debatte über die Heeres-Nekrutierungsvorlage fort. Ein Artikel untersagt sämtlichen Militärpersonen die Ausübung des Wahlrechtes. Der Sozialist R e u a u d e I und der Kommunist Duclos treten für Zusatzanträge ein, wonach den Militärpersonen dieses Recht zugestanden werden soll. Kriegsminister Painleve stellt die Vertrauensfrage gegen die Z u s a tz a n t r ä g e, die sodann von der Kammer mit 355 gegen 200, beziehungsweise 400 gegen 31 Stimmen abgelehnt werden. Neue Swdentenexzeffe in Bukarest. Ae Milche» Studenten dürfen feine Prüfungen machen. Bukarest, 7. Juli, (U. T. K, SS.) Anläßlich der Abhaltung der Rigorosen kam es an der m e d i z i n i s ch e n und an der Rechtsfakultät zu schweren Ausschreitungen. Die rumänischen nationalistischen Studenten verhinderten jüdische Studenten, vor die Prüfungsj kommifsi'on zu gelangen und mißhandelten ste schwer. „Las gewaltige neue geistige Regen." Kultusminister Dr. Becker über das zionistische Werk. Anläßlich der Amvest.chrit drs Präsidenten der zionistischen Organisation, Prof. Dr. Wetz- „t a ii n, in Berlin veranstaltete das deutsche Pro« Palästinakomltee, dem Persönlichletten au» allen Schichten der deutschen Gesellschaft und der deutschen politischen Parteien angehören, eine große Kundgebung, über die bereitin der „Wiener Morgenzcitung" eingehend berichtet wurde. Wir können eS jedoch nicht unterlassen, die Ansprache des sozialdemokratischen preußischen Kultusminister» Dr. Becker, eines Nichtjuden, in vollem Wortlaute wiederzugeben, weil sie durch ihr tiefes Verständnis für ten hohen sozialen, ethischen unc. kulturellen Wert der zionistischen Volksarbeit be« sonders bemerkenswert ist. Dr. B e ck e r führte laus: Ms Mitglied des Ehrenausschusses ist es mir eine besondere Freude, Sie alle und insbesondere unseren verehrten Gast, Herrn Professor Dr. Weizmann, am heutigen Abend zu begrüßen. Mir liegt in erster Reihe die kulturelle Seite am Herzen. Die ganze Zielsetzung meines Lebens war bestimmt von den Erlebnissen, die ich beim Studium des Alten Testamentes empfing. Dann weiter hat mich immer das wunderbare Schicksal des jüdischen Volkes und des Judentums beschäftigt, so daß es mich auf das tiefste betroffen und innerlich bewegt hat, als ich Zeuge des gewaltigen neuen geistigen Regens werden konnte, das in der großen Bewegung zum Ausdruck kommt, die uns heute hier zusammengefivhrt hat, eine Bewegung, die so stark und von so gewaltigem Glauben getragen ist, daß sie sogar eine Sprache, die man tot geglaubt, wieder zu einer lebendigen Sprache umgeschaffen hat. All das ist geschehen und möglich gewesen, ohne daß sich die geistigen Leiter und Träger des Unternehmens von den nationalen Kulturgemeinschaften lösten, in denen sie wurzelten. Die jüdischen Studenten haben um neue Termine angesucht. Die Dekane der beiden Fakultäten haben auf Intervention des Unterrichtsministeriums beschlossen, die Angelegenheit dem akademischen Senat zu unterbreiten. Sec üingetlogte zweimal zum Tode verurteilt. — Antrag 'ml Begnadigung. t Aus Harburg wird uns gemeldet: Am Mittwoch ist der Prozeß gegen den Schuhhändler David Straßer zu Ende geführt worden. Straßer war beschuldigt, seine Frau und einen seiner Söhne ermordet zu haben, um sich die Versicherungssummen zu sichern. Er wurde in beiden Fallen als schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Das Gericht hat e i n st i m m i g beschlossen, beim Staatsminister mm die Begnadigung des Verurteilten zu beantragen. ■ Das Urteil und der Begnadiguugsbeschluß stehen in einem Widerspruch zu einander. Hielt das Gericht Slraßer für schuldig, so konnte es ihn nicht der Gnade empsehlen. Ist er aber zu begnadigen, dann sagt das Gericht damit, daß der Indizienbeweis nicht gelungen ist. Das Gericht konnte nicht darüber hinwegiommeu, daß die wich i st? Aussage, die Straßer entlastete, die seines toten Sohnes war, der auf dem Krankenbett von einem unglücklichen Zufall 'prach, aber nichts gegen den Vater sagte. Zyklon in Sdeffa. Sadlrtifle lenfiljenodler. Moskau, 7. Juli, lieber Odessa und die Umgebung brauste ein furchtbarer Wirbelsturm dahin, der ungeheuren Schaden, vornehmlich in der Umgebung der S'adt, anrichtete. Die Bäume wurden entwurzelt, zahlreiche Häuser abgedeckt. Eine Reihe von Ortschaften wurde gänzlich zerstört. Bisher sind 20 Menschenopfer sestgestellt. Die Bewohner der Odessa umgebenden Ortschaften flüchteten mit Benützung der Tramy:a!ylinien in die Stadt; dabei entgleiste ein überfüllter Tramwaywaggon und stürzte in voller Fahrt um; sechs Personen wurden getötet, zehn schwer verletzt. »er Scharsrichl ausgefunden. erwürgt Wilna, 7. Juli. Die hiesigen Blätter melden aus Charkow, daß der Scharfrichter der sowjetrussischen Tscheka, Gotlewski, im Charkower Stadtpark erwürgt aufgefumden wurde. Gotlewski stand sechs Jahre hindurch bei der Tscheka tn Charkow und sodann bei dev G. P. U. als Scharfrichter in Diensten und soll während seiner Amtstätigkeit nicht weniger als 8000 VeruvteiltehiNe richtet haben. Sie taten das alle aus Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit der jüdischen Ideen. Wirtschaftlich, sozial, karitativ und kulturell ist die Aufgabe gewesen, die man in Angriff genommen hat. Wahrlich, ich kann nur den größten Respekt vor dieser Leistung aussprechen. Gewiß, ich weiß, daß Meinungsverschieden, heilen bestehen, Meinungsverschiedenheit auch in jüdischen Kreisen, aber wir leben in einem Lande, wo man frei seine Meinung bekennen kann, wo Toleranz besteht, eine Toleranz, die selbstverständlicherweise nur aufgebaut sein kann auf dem Glauben an die Anständigkeit des anderen im politischen Leben. Im Leben der Welt ist es nun einmal so, daß Spannungen zwischen Ideen und Praxis, Spannungen zwischen Idealismus und Politik bestehen. Aber wir wollen uns doch alle darin zusammenfinden, daß niemand den anderen verdächtigen oder verketzern darf, weil er eine andere Meinung hat. Es handelt sich um ein Werk und um eine Idee, zu der sich jüdische Kreise der ganzen Welt zusammengefunden haben. Möge auch die Palästina-Arbeit für ihren Teil der Zusammenarbeit der Völker dienen und damit dem gegenseitigen Verstehen. Magdeburg, 7. Juli. (Wolfs.) Zu dem Unglück auf der Harzbergbahn wird von amtlicher Stelle mitgeteilt: Es wurden bis 10 Uhr an der Unfallstelle sieben Reichen gefunden. Es wird aber vermutet, daß noch Tote im Wasser liegen. Da das Wasser die Toten vollständig entkleidet hat, war es bisher nicht mögliche die Personalien festzustellen. Man hofft aber, daß es im Laufe des Vormittags möglich sein wird, mit Hilfe der Angehörigen die Verunglückten zu identifizieren. Der Mord im I-gog. Dijon, 6. Juli. (Havas.) Es ist gelungen, die Identität des Mannes, der im Schnellzüge Grenoble— Paris ermordet worden ist, festzustellen. Es handelt sich um den pensionierten Generalintendanten Devevt, der in Grenoble zum Sommeraufenthalt geweilt hatte und nach Paris zurückgereist war. ßinreiseerlaubnis fflt Soetbelg. Der Berliner Hakenkreuzler Goebbekö hat die Einreiseerlaubnis nach Oesterreich erhalten und wird in der kommenden Woche itt Wien in zwei Versammlungen sprechen. Goebbels hat im Mai in Berlin die nationalsozialistischen Exzesse auf dem Kursürstendamm geleitet. In einer feiner Versammlungen wurde ein Pfarrer, der gegen die Pogromhetze protestierte, schiver verletzt, ein Redakteur de- „Berliner Lokalanzeigers" mißhandelt. Infolge der Gvebbelschen Reden sah sich die Regierung zur Auflösung der nationalsozialistischen Verbände veranlaßt. Goebbels sollte verhaftet werden, flüchtete aber nach Oberschlesien. Bon dort darf er jetzt nach Wien kommen. Das Verbot gegen Hitler bleibt bis auf weiteres aufrecht. Bor der Auslösung des polnischen Landtages. . Warschau, 7. Juli. (Wolfs.) Heute vormittags hat der Rechtsausschuß deS polnischen Landtages das Pressedekret, das vom Staatspräsidenten am 10. Mai d. I. erlassen wurde, annulliert. Die bedeutungsvolle Tatsache, daß gestern das Dekret gegen die Verbreitung falscher Nachrichten und heute das genannte Dekret vom Rechtsausschuß des Sejm verworfen worden sind, muß als Zeichen des Anwachsens der gegen die Regierung gerichteten oppositionellen Strömung aufgefaßt werden. i Diese oppositionelle Haltung wird noch dadurch vn- .schärft, daß bei keiner Vollsitzung der gegenwärtigen Tagung ein Mitglied des Kabinetts auf der Regierungsbank erschien, was als deutlich zur Schau getragene Mißachtung gegen die gesetzgebenden Körperschaften auSgelegt wird. Man rechnet deshalb in Abgeordnetenkreisen mit der Möglichkeit der Schließung oder Auslösung des Landtages. Die Warschauer Stadtvertretung. Warschau, 7. Juli. (Wolfs.) Gestern wurden zwei Sozialdemokraten und ein Anhänger des Rechtsblocks zu Vizepräsidenten der Stadt Warschau gewählt. Sie jüdische Mederausbaugesellschaft in der' Bukowina. Die im Jahre 1920 dank der moralischen und materiellen Unterstützung des American Joint Distribution Committee gegründete „Wiederaufbaugesellschast für die jüdische Bevölkerung der Bukowina" in Czernowitz hielt am 19. und 20. Junr l. I. untA dem Vorsitze des Senators Karl Klüger und in Anwesenheit des Generalsekretärs Noel Arorrovtet als Vertreter der A. I. R. F. ihre sechste ordentliche Generalversammlung ab. Die dringendste Ausgabe der Gesellschaft war der Wiederaufbau der kriegszerstörten Wohnstätten. Die Leistung der Gesellschaft auf diesem Gebiete hat inner- und außerhalb der Landes höchste Anerkennung gesunden. In den Jahren 1920 bis 1925 wurde mit relativ geringen Mitteln der Wiederaufbau von nicht weniger als 1700 jüdischen Wohnhäusern durchgeführt. Auch aus dem Gebiete der Förderung des jüdischen Handwerks, des Kleinhandels und des Kleingewerbes hat die Gesellschaft die günstigsten Resultate erzielt. Nebenher wurden, unter besonderer Mitwirkung der A. I. R. F. die notwendigen Vorarbeiten zur Organisierung von Genossenschaften geleistet. Es wurden vier bestehende jüdische Kreditgenossenschaften zeitgemäß umgestaitet und sechs neue Kooperative!: in sechs verschiedenen Orten der Bukowina errichtet, die ihre Tätigkeit schon in der nächsten Zeit — bis 1. September l. I. — entnehmen werden. Diese Umstellung der bisher immerhin von einem gewissen karitativen Geiste beherrschten „Wiederaufbaugesellschaft für die jüdische Bevölkerung der Bukowina" in ein soztalwirischastliches Institut bedingte eine Reihe grundlegender Aenderungen des Statuts, die von der Generalversammlung einhellig genehmigt wurden. Die Gesellschaft wird von jetzt ab den Namen „Banea Central« evreeasca tn Cernauti" führen. Bei der am 21. Juni stattgefundenen «Konstituierung des Vorstandes wurden gewählt: Zum Präsidenten Senator Karl Klüger, zu Vizepräsidenten die Herren Jakob Wiznrtzer und Nathan Trapper. Sie gewish Agemd als Schiedsgericht. Aus Jerusalem wird unS berichtet: In dem soebe. herabgelangten, von der englischen Regierung bestätigten Wortlaut deS Statutfür die jüdischen Gemeinden in Palästina findet sich auch ein Artikel über di« Jewish Agency. Das Statut bestimmt nämlich, daß bei Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Waad Leumi und dem Großvabbittat von Palästina in Fragen des Budgets der jüdischen Gemeinden die Jewish Agency in Palästina als Schiedsgericht anzurufen sei, deren Entscheidung in der Streitfrage maßgebend ist. Stillegung der Antwervmer Diamontenschleiserei. 18« Weiter brotlos. Wie aus Antwerpen gemeldet wird, haben die Diamantschleifereien in Antwerpen beschlossen, vom 11. Juli angefangen bis auf weiteres ihre Betriebe zu schließen. Sie begründen ihren Schritt damit, daß die Riesenvvrräte an geschliffenen Diamanten das Geschäft fast gänzlich zum Stillstand gebracht haben. Durch diesen Beschluß der Schleifereibesitzer werden etwa 15.000 Arbeiter, die in diesen Betrieben angestellt sind, arbeitslos. bitten unsere Leser und Freunde, in Kurorten u. Sommerstischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen! Bertretmrg der jüdischen Geistlichkeit im englischen Lberhaus. In der Diskussioi: über die geplante Reorganisation deS Hauses der Lords wird, wie auS den englischen Blättern zu ersehen ist, auch die Frage der Vertretung der nicht anglikanischen! Geistlichkeit >itp Oberhaus «ingehend erörtert. „Spectator" fordert, daß im Oberhaus auch die katholische Kirche und die Judenschaft des Reiches durch ihre geistlichen Oberhäupter eine gesetzliche Vertretung im Oberhaus erhalten und daß es der modernen Au Fassung von der Gleichberechtigung aller Konfessionen nicht mehr entspreche, wenn diese beiden auch als Kultursaktor so wichtigen konsesstonellei: Gruppen schlechter behandelt blieben als die anglikanische Kirche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.