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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-07 · Heft 3002 (7.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3002 (7.7.1927)
Date
1927-07-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wiener Morgenzeirnng 7. Juli 1S37 Seite 3 h. 3002 Wien, Donnerstag Susskaiastrophe im Harr. Viele rote und Verletzte. Magdeburg, 6. Juli. (Wolfs.) Heute abends ent« .eiste ein Zug der Harzerbahn infolge des Hochwassers. Die Bahn hatte bereits alle Vorsichtsmaßnahmen ge« troffen und zur Beobachtung der Strecke einen Regierungsbaumeister und einen Techniker auf der Lokomotive mitfahren lassen. Die Lokomotive und einige Wagen stürzten den Abhang hinunter. Der Lokomotivführer, der Heizer, der Regiernngsbanmeister und der Techniker sind tot. Man kann jetzt schon annchmen, daß auch einige Reisende ums Leben gekommen [fllhaus’ $ir jWcfanodeit Wen,\MB^oM?e^asye 89 EC&bcn&trasse 18 Q000000000ß000(xx)0000000000a00t0000sxxx)0000000000000000000000000000000000000000 Ermordet und ans dem äuge geworfen. Sin tcfttMsMOtt SeltDenfuno in zrnnveich. Paris, 6. Juli. (Hava- Heute vormittags faut man bei der «Ankunft des n» Gs.enoble eingetroffenen Zuges cm der Lokomotive Gj ^.nteilchen und Blutspuren. Much an einem Waggon wurde B.ut bemerkt. Nach einer Depesche aus Dijon ist die Leiche des in Frage kommenden Ermvrdeten auf offener Strecke ausgefunden worden. Es handelt sich um einen etwa 65 Jahre alten Mann, der mit der Rosette der 'Ehrenlegion sowie mit dem Kriegskreuz dekoriert war. Er war, während er im Eoupe schlief, nnt einem Hammer, den man neben der Leiche fand, erschlag en worden. GlSnzeuder Ergebnis der Festwochen. kill großer wirtschastlicher krsolg. — Rekordzifferu i« Fremdenverkehr. Jetzt erst liegt das Ergebnis der Wiener Festwochen vor. Um es gleich zu sagen: Sowohl die Wirtschaft Wiens als auch die ideellen Institute weisen im Monat Juni eine Lebendigkeit auf, wie sie bei uns seit dem Kriege nicht zu verzeichn e n g e w e s e n i st. Insgesamt waren im Juni 52.000 Fremde polizeilich gemeldet, durchschnittlich um ein Viertel mehr als in den vergangenen Jahren. Aus Amerika kamen dreimal soviel Besucher wie vor dem Kriege, ebenso ist der Zustrom auS den anderen Ländern stark gewachsen. Dabei kann man die genaue Zahl nicht seststellen, da viele infolge der Werbebriefe als Gäste bei Freunden und Bekannten gewohnt haben. Wenn man einen Vergleich mit dem Jahre 1908 zieht, in dem der große Festzug veranstaltet wurde, so weist der ' Monat Juni des Henrigen Jahres gegenüber dem Monat Juni des Jubiläumsjahres 1908 einen weit höheren Fremdenverkehr auf. Was vke Geschäftsleute sagen. Das österreichische Handelsmuseum teilt mit, daß bedeutend mehr Einkäufer als gewöhnlich Vorgesprächen haben. Das Interesse für die österreichischen Exportartikel ist stark gewachsen. Auch die Generaldirektion der Tabakregie verzeichnet ein unerwartetes Ansteigen der Umsätze. Ebenso berichten die Warenhäuser und Modesalons, daß sie außerordentlichbefriedigt sind. In der Ansichtskart e n b r a n ch e gab es Hochkonjunktur und die Rauchrequisitenfabriken konnten große Aufträge buchen. Sehr stark fühlbar war natürlich der Erfolg in den Nachtlokalen. Zufrieden sind vor allem die Heurigenbesitzer, die bekanntgeben, daß seit der Inflationszeit ihre Lokale noch nie so gut besucht waren. Ser Besuch in den Museen uuö KunftftStten. Die Wiener Sammlungen, das Naturh i st o r i s ch e Museum, die, Albertina, die Harrachsche Gemäldegalerie und die Sammlungen der Akad'emie hatten einen Besuch aufzuweisen, wie seit langen Jahren keiner gewesen ist. Auch die Kunstausstellungen im Künstlevhause und im Hagenbund hatten großen Erfolg. Der Direktorenvevband der Theater stellt fest, daß das Interesse für das Theater außerordentlich gewesen ist. Es gibt fast keine Branche, die nicht mit den Wiener Festwochen sehr zufriedengestellt ist. Aber auch die Länder, die Ausflugsorte usw. wurden von einer großen Anzahl von Fremden besucht. Obwohl die letzten Ziffern noch ausständig sind, so kann man schon heute sagen, daß diese Veranstaltung alle Erwartungen übertroffen hat. Es zeigt sich also, daß man nur den Willen zur Durchführung und zur Tat haben muß, um auch in Oesterreich Erfolge zu haben. Arbeiterolhmviade und Hmfeier. FA ne» Mltlriede» und für DtafatUL Prag, 6. Juli. Die heurige Hus-Feier nahm einen glänzenden Verlauf. Den Höhepunkt der Feier bildete eine machtvolle Manifestationskundgebung auf dem Altstädter - Ring vor dem mit Blumen geschmückten Hus- Denkmal. Nach der Hus-Feier traf auf dem Altstädter-Ring der Zug der Teilnehmer der Arbeiter-Olympiade ein. Der Festzug umfaßte Mitglieder der tschechischen, deutschen und polnischen Turnvereine aus der Tschechoslowakei und starke Vertretungen der Avbeitertnrnvereine und Sportorganisationen aus sechzehn ausländischen Staaten, darunter auch Oesterreich. Bor dem Altstädter Rathause fand dann eine Massenkundgebung statt, die in eine Kundgebung für den Weltfrieden, die Verwirklichung der sozialistischen Ideen und zugleich in. eine spontane Huldigung für den Präsidenten Masarhk ausklang. Auf dem Stadion wurden heute nachmittags vor $5.000 Zuschauern die Schlußübungen der Arbeiter-Olympiade veranstaltet, zu denen sich mehrere Minister und der österreichische Gesandte Marek eingefunden hatten. Heute traten die Gäste aus Oesterreich sowie die Gäste aus Polen die Rückreise an. Schweres Autounglück. Bei Maria-Brunn. y Wie wir kurz vor Blattschlnß erfahren, ereignete W gestern nachts bei Maria-Brunn ein schweres Autounglück.^'. Schwer verletzt wurden der Chauffeur Franz S i m o ü, der Private Bnrghart, der Gießereileiter Johann Schwab und der Restaurateur Franz Schneider. Aellh Grosavescu verzichtet auf das Erbrecht nach ihrem Gatten. Rur die Wohnung will sie behalten. Beim Bezirksgericht Josefstadt fand gestern vordem Richter Hvfrat Dr. Perwein die Berlassenschaftsabhandlung nach Trajan Grosavescu statt. Für die minderjährige Tochter Pia Myra und für die Mutter und die Schwester Grosavescus war Rechtsanwalt Dr. Preminger erschienen. Der Vertreter der Frau Nelly Grosavescu, Rechtsanwalt Dr. Leopold Blechs war nicht erschienen. Er Hot dem Gericht mitgeteilt, daß seine Klienttn auf das Erbrecht verzichte. Dieser Verzicht berühre jedoch nicht die Mietrechte der Wohnung in der Lerchenfelderstraße, die gemeinsames Eigentum des Ehepaares bildete. Auch auf die Wohnungseinrichtung will Frau Grosavescu nicht verzichten. lieber diese Ansprüche wird in. einer erstreckten Tagsatzuns verhandelt werden. Schweres AratzenbahmmgM in Szernowih. Wie man uns aus Czernowitz schreibt, hat sich dort am Samstag abend ein schweres Straßenbahnunglück ereignet, bei welchem zahlreiche Personen zu Schaden gekommen sind. Zwei Wagen der Elektrischen gerieten auf der Strecke vom Bahnhof zum Springbrunnenplatz infolge Versagens der Bremse ins Rollen. Die Wagen waren wegen des eben eingetretenen Gewitters überfüllt, und es kam eine arge Panik zum Ausbruch. Biele Leute sprangen ab, Mütter warfen ihre Kinder auf die Straße hinaus. Unter den Verletzten befindet sich auch Stadtrat Dr. Kaßner. Er stürzte von der rückwärtigen Plattform des ersten Wagens ab und erllitt schwere Verletzungen am Kopf sowie einen Schlüsselbeinbruch Außer ihm meldeten sich noch mehrere Personen als vorletzt. Herr Rittmaier mb Frau Maier. Wie Lenin von seiner Gattin in München aufgefuntten wurve. Nach der Gründung der „Jskra", des bedeutendsten revolutionären Organs Rußlands, mußte Lenin im Jahre 1901 ins Ausland gehen. Erft 1905, knapp vor dem Ausbruche der ersten Revolution, kehrte er zurück. Er verbrachte diese Jahre in Prag, München, Paris, London und Genf. Seine Frau K r u p s k a j a, die nach Sibirien verbannt war und deshalb lange ohne Nachricht von ihm geblieben war, reiste ihm nach. Ihre Darstellung des Zusammentreffens finden wir in dein kürzlich erschienenen Buche Rene Fülöp-Millers „Lenin und Gandhi" (AmalthecEerlag, Zürich, Leipzig, Wien). „Lenin wäre, knapp vor seiner Mveise ins Ausland,- beinahe noch einmal ins Gefängnis gewandert; er war gerade aus Pskow nach Petersburg gekommen und diort mit Martoff zusammengetvofsen, wobei er von Polizeispitzeln entdeckt und verhaftet wurde. In seiner Weste fand man zweitausend Rubel' sowie verschiedene, mit sympathetischer Tinte geschriebene revolutionäre Dokumente. Glücklicherweise war Lenin vorsichtig genug getvesen, auf diese Papiere auch mit gewöhnlicher Tinte fingierte Rechnungen zu schreiben, so daß die Gendarmen nicht auf den Gedanken kamen, diese Rechnungen näher zu untersuchen und über eine Flamme zu halten. So konrtte man ihm nichts Nachweisen und mußte ihn nach zehrt Tagen Untersuchungshaft wieder freilasstn- Er reiste hierauf zu mir «nach Ufa, um sich von mir zu verabschieden. ■ Nach etwa einer Woche fuhr er dann aus Rußland ab, von rvv er mir in Büchern, die geheime Mitteilungen enthielten, regelmäßig schrieb. Ms seinen Berichten ging 'hervor, daß b(e Gründung der Zeitung nicht so einfach vonslatten ging, wie er erwartet hatte, weil sich in den BerindlUngen mit Plechanoff besondere Schtvierigkeiten er- - rben. Die Briefe Leniils mtS dem Auslande waren zumeist lurz und zeugten von seiner mißvergnügten Stimmung. Fast immer endete er mit den Worten: „Ich tverde Dir alles erzählen, wenn ich wieder bei Dir bin." Eine Zeitlang erhielt ich dann überhaupt keine Nachrichten von ihm und wartete mit Ungeduld, bis auch meine Verbannung zu Ende gehen sollte. Endlich war ich wieder frei und reiste mit Mama nach Moskau zu Lenins Mutter. Ich hatte diese Frau sehr gern, denn sie war überaus gefühlvoll und aufmerksam. Sie hat auch später, als wir iml Ausland lebten, nie an Lenin, allein geschrieben, sondern immer an uns beide gemeinsam. Mch Lenin liebte seine Mutter sehr. Oft meinte er, sie verfüge über einen eisernen Willen, ohne der: sie das schreckliche Ende Mexcmder Uljanoffs (Lenins älteren Bruders) kann: überlebt hätte. Lenin selbst hat wohl von seiner Mutter diese Energie, aber auch das Feingefühl geerbt, das ihn in den Stand setzte, jedeir Menschen von Grund auf zu verstehen. Noch zur Zeit seiner Verbannung, im Jahre 1897, hatte Lenin einmal in einer Moskauer Zeitung die Parte einer Marja Uljanowa gelesen; er wurde leichenblaß und sagte zu seinem Genossen: „Soeben erfahre ich, daß meineMutter gestorben ist!" Erst später stellte sich heraus, daß die Verstorbene eine andere Marja Nljanvtva gewesen war. Lenins Mutter hat irr ihrem Leben viel Unglück mitgemacht: ihr ältester Sohn wurde hingerichtet, ihre Tochter starb und auch die anderen! Kinder tvaven fast andauernd im Gefängnis. Als Lenin im Jahre 1895 erkrankt war, ettte sie sogleich herbei, bereitete ihm die Mahlzeiten und pflegte ihn aufopfernd. Auch als er verhaftet worden war, erschien sie sogleich, wartete stundenlang in der Kanzlei des Untersuchungsgefängnisses und vermittelte den Schmuggel geheimer Briefe an den 'Arrestanten. Ws ich nun, von Sibirien zurückgekehrt, in Moskau eingelangt war, brachte ich zunächst mein?. Mütter nach Petersburg und reiste dann ins Ausland ab, zuerst nach Prag, wo Lenin, lvie ich glaubte, unter dem Namen Moldvatschek lebte. Ich hatte ihm telegraphiert, fand aber auf dem Bahnhof niemanden vor. Ettvas beunruhigt, nahm ich einen Wagen, ließ' meine Koffer aufladen und fuhr zu Modralschek, der in einer Zinskaserne des ^Arbeiterviertels tvohnte. Ich lief vier Treppen hinauf und läutete; die Tür öffnete sich und vor mir stand eine blondgelockte Tschechin. „Moüratschek?" fragte ich verlegen. „Nein, das ist mein Mann!" Frau Modratschek sah mich an unjd rief dann: „Ah, Sie sind wohl die Gattin des Herrn'Rittmaier, der in München lebt! Ich habe Ihnen alle Mcher, die! er uns zugefchickt hat, nach Ufa weitergesandt!" Ich verbrachte dann den ganzen Dag nnt Herrn Modratschek. Ich erzählte ihm von der russischen Bewegung, während er mir von hier österreichischen berichtete; seine Frau zeigte mir ihre Handarbeiten unjd bewirtete mich mit tschechischen Knödeln. Ich reiste nach München und traf dort, in Pelze gehüllt, ein, während alle'anderen Damen bereits leichte Kleider trugen. Ich ließ meine Koffer auf dem Bahnhof und fuhr zu Herrn Rittmaier, dessen Wohnung sich als Bierhalle erwies. Ich ging auf den' Schanktisch zu, wo ein dicker Mann stand, fragte zaghaft nach Rittmaier und fühlte dabei instinktiv, daß ich wichier an eine falsche Wvesse geraten wttr, Der Mann antwortete: , „Rittmaier? Das bin ich!". Verwirrt entgegnete ich: ,-Wer Nein,' das ist doch mein Mann!" < Wir starrten einander verlegen'än^ bis Rittntaievs Gattin hinzutrat und ausrief: „Wahrscheinlich ist das Frau' Maier, deren Ankunft aus Sibirien erwartet wird. Bitte, kommen Sie mit mir!" Sie führte mich quer über einen Hof bis zu irgendeiner Wohnung und öffnete die Tür: hinter einem Tisch saß Lenin. Ich vergaß in der Aufregung, mich bei der Wirtin zu bedanken, uck»,schrie Lenin an: ,Mui Teufel! Warum hast du mir denn nicht geschrieben, wo ich dich'finden kann?" „Was soll das heißen, nicht geschrieben? Ich gehe jeden Tag dreimal auf den Bahnhof! Woher kommst du?" Später stellte sich dann heraus, daß jener Mann, der Lenins Brief hätte rveiterbefördmil sollen, diesen verlegt hatte Md ich daher ohne Verständigung geblieben war. Es lvar der reine Zufall, däß ich Lenin in München antraf; er hätte ebensogut inzwischen nach >Londvn aögereist sein können "

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