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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-06 · Heft 3001 (6.7.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3001 (6.7.1927)
Date
1927-07-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8001 Wien, Mitttvoch Wiener Msrse«-ett»«s 6. Juli 1SS7 Seit« 7 VOLKSWIRTSCHAFT I Konstituierung des Verbandes jüdischer Kanfleute und Gewerbetteibender. die Generalversammlung. Gestern fand im Sitzungssaals der Handelskammer die konstituierende Generalversammlung des vor kurzem ins Leben gerufenen Verbandes der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden statt. Der Verband, welcher dazu berufen ist, den jüdischen Schichten in Handel und Gewerbe in allen wirtschaftlichen und Standesangelegenheiten beizustehen, vollzog seine formelle Gründung in feierlicher Weise. Der Leiter des Pvoponentenkomitees, Herr A. M. Ehrlich, konnte bei der Eröffnung der Generalversammlung eine Reihe von hervorragenden Vertretern des Handels- und Gewerbestandes begrüßen; auch eine Anzahl von Organisationen, so der Verband der Messeuui> Exportvertreter, des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, der Kreditorenschutzverband, der Verband der Agentenorganisationen und andere hatten Vertreter entsendet, ferner waren zahlreiche Delegierte aus der österreichischen Provinz erschienen. Der Generalversammlung wohnten ferner unter anderem Oberrabbiner Dr. Z. P. Chajes und der' Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Rechtsanwalt Dr. Leo G o l d h a m m e r, bei. In seiner Eröffnungsansprache erörterte Herr Ehrlich die bisherige Tätigkeit des Verbandes und seine Ziele. Der Verband zählt trotz der kurzen Zeit seines Bestandes bereits 482 Mitglieder. Er sieht sein Ziel darin, zu allen wirtschaftlichen und Standesfragen des jüdischen Kaufmanns- und Gewerbestandes Stellung zu nehmen, und seinen Mitgliedern durch die Beschaffung von Kredit, Hinweis auf Handels- und Arbeitsmöglichkeiten behilflich zu sein, die Handelsverbindungen auszubauen, dem Gewerbe in seiner bedrängten Lage die entsprechende Stütze zu geben. In dieser Hinsicht hat das vorbereitende Komitee schon seine Reihe von praktischen Arbeiten geleistet, die nunmehr erweitert und zu voller Wirksamkeit gebracht werden sollen. Zu diesem Behufs errichtet der Verband in jedem Wiener Bezirk eigene Gruppen und ebenso solche in den Provinzorten. Uebevdies soll ein Wirtschaftsrat gebildet werden, der die Aufgabe hat, die praktischen Möglichkeiten für die Erreichung der Ziele des Verbandes anzubahnen. Herr Ehrlich dankte allen Mitarbeitern, welche in der Zeit der Vorbereitung intensive und hingebungsvolle Arbeit geleistet hatten und sprach auch der Wiener Presse, die den Bestrebungen des Verbandes freundwillig gegenübersteht, insbesondere aber der ' „Mener Morgenzeitung", welche die Ziele des Verbandes bereitwilligst propagiert, Dank und Anerkennung aus. Die Generalversammlung, wählte sodann denVerbandsv o r st a n d, der aus siebzehn Mitgliedern und zwei Revisoren besteht^ E i n st i m m i g wurde über Vorschlag des Proponentenkomitees folgender Vorstand gewählt: Präsident: Kommerzialrat Max Markus; erster Vizepräsident: Kommerzialrat Theodor Jellinek; zweiter Vizepräsident: A. M. Ehrlich; dritter Vizepräsident: Herr M. Kohn; Revisoren die Herren Bernhard Me hier und Klein; Vorstandsmitglieder die Herren Max Z h l i n d e r, Moses S i nger, Max Schiffmann, Ignaz Szekely, Samuel Strauß, Samuel G e l t n e r, I. He ch t, Fürsorgerat I. Vortrefflich, Samuel Lichten st ätter, Obevbaurat Robert Stricker, Heinrich G u t f r e u n d, Jakob 5 p i tz e r. Der Präsident und die drei Vizepräsidenten dankten im eigenen Namen und im Namen des Vorstandes für die Wahl, die sie anzunehmen erklärten. Hierauf hielt Rechtsanwalt Dr. Leo G o l d ha m me r einest' Vortrag über die Rolle der Juden im Wirtschaftsleben Wiens. Cr wies darauf hm, daß in Wien von 100 Berufstätigen bei den Juden in der Industrie und im Gewerbe 24 Prozent, bei den Nichtjuden 50H Prozent tätig waren, im Handel und Verkehr dagegen be> den Juden 43.2 Prozent, bei den Nichtjuden 25 Prozent. In der Großstadt also, deren Basis und Zukunft Handel und Gewerbe bilden, nehmen die Juden m.t einem DurchschnittSprozentverhältnis von 18& an diesem Wirtschafts-; zweige teil. Bon den ln Wien aufgebrachten Einkommen- und Gewerbesteuern werden 29.2 Prozent von der jüdischen Bevölkerung geleistet, die 10.8 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht; die Steuerloipung beträgt also ungefähr bas Dreifache des BevölkerungSanteils der Juden. Diese Daten beweisen, daß die Juden in Wien kraft beruflicher Gliederung un>d Steuerleistung eine wirtschaftliche Sonderstellung J innehaben, die in der Tatsache begründet erscheint, daß die wirtschaftlichen Entwicklungstendenizen in den letzten Jahrzehnten den besonderen Fähigkeiten der Juden günstig gewesen sind wie nie zuvor. Die besondere seelische Veranlagung hat den Juden von jeher zum Mittler aller Werte vorzüglich geeignet gemacht. Und mit Recht wird die Wirtschaftsgesch'.chte des jüdischen Volkes als die Geschichte des jüdischen Kaufmannes bezeichnet. Gerade die besondere kaufmännische Fähigkeit-der Juden Nun kam mit dem Aufblühen der Industrie zur Geiltung. Je mehr sich die Menschen vom natürlichen Boden ihrer Ernährung und Versorgung entfernten, desto notwendiger wurde ein Mittler, und dazu war der seit langem zum Stadtbewohner gezwungene Jude am geeignetsten. Er konnte auch in der beginnenden Kommerzialisierung des Wirt« , schastSlebens seine Fähigkeiten voll entfalten. Inzwischen aber sind bereits drei neue Erscheinungen des Wirtschaftslebens aufgetreten, welche den Beginn des Abbröckelns der glänzenden Front des jüdischen Wirtschaftslebens bedeuten. ES sind der G r o ß b e t r 0 e b, die Kartellierung und die Gemeinw i r t s ch a f t. Diese drei Erscheinungen tun viel zur Schwächung der wirtschaftlichen Position des Juden. Doch andererseits bergen sie eine Reihe von Möglichkeiten in sich, in denen gerade wieder der Jude seine spezifischen kaufmännischen Fähigkeiten entfalten kann. Wie die Dinge heute liegen, kann man sagen: Beim Wiederaufbau unserer Volkswirtschaft, besonders in Wien, wird der Jude sehr notwendig fein. Hier heißt eS, alle Vorkehrungen -f\ treffen, um bereit zu sein. Und Las kann die Parole aller Wirtschaftstätigkeit der Juden Wiens bilden, damit auch die Aufgabe des Verbandes. D:e Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Es folgten sodann einige Anregungen aus der Mitte der Versammlung, so des Herrn Vortrefflich, der eine besondere Förderung deS EskomptekreditwesenS durch den Verband anregte, deS Herrn Popper vom Exportvertreterverband, der rege ZHammenavbeit des neuen Verbandes mit dieser Gruppe wünschte, und des Herrn Morz, der die Aufmerksamkeit des Verbandes auf die schwere wirtschaftliche Lage der jüdischn Gewerbetreibenden lenkte, deren Organisierung von > besonderer Wichtigkeit sei. Unter lebhaften Beifallskundgebungen. schloß die Versammlung. Bon der österreichischen Metallindustrie. Die Firma Neurath. — Das Verkaufssyndikat der österreichischen Metallwerke. — Fusionsabsichten. Nach Feststellung des Status läßt sich nunmehr ein Ueberblick über die Verbindlichkeiten der insolventen Metgllfirma Jakob Neurath gewinnen. Die englischen Gläubiger haben insgesamt zirka 900.000 Pfund Sterling zu fordern, davon das Haus Schröder allein 120.000 Pfund. Die Forderungen sind völlig ungedeckt. Von den Wiener Banken hat die Kreditanstalt ungedeckte Forderungen von 23.000 Pfund und gedeckte (durch Aktien der Enzesfelder Munitionsfabrik) von 2.2 Millionerl Schilling. Der Wiener Bankverein fordert 76.000 Pfund, davon 65.000 durch Effekten gedeckt, die Bodenkreditanstalt 80.000 Pfund, davon die Hälfte durch Effekten gedeckt. Völlig ungedecktsind die Forderungen des Kreditinstituts für öffentliche Unternehmungen und Arbeiten (60.000 Pfund), des. Bankhauses Gutmann (90.000 Pfund), der Firma Liebig (70.000 Pfund), der Länderbank (10.000 Pfund), der Zivnostenska Banka (12.000 Pfund) und der Firma Efrusst (10.000 Pfund). Ueber die Aktiven und den ganzen Stand der Masse wird ein klarer Ueberblick erst zu gewinnen sein, wenn eine Reihe schwebender Verpflichtungen geordnet ist. Das bis zum 10. Juli laufende M o r a t o r i u m wird daher voraussichtlich weiter verlängert werden müsse». Das von der Firma Neurath patronisrerte Berkausssyndikat der österreichischen Metallwerke, das in der letzten Zeit durch Austritt« mehrerer Mitglieder in seiner Wirksamkeit beeinträchtigt wurde und auch, durch den Zusammenbruch der Firma Neurath beeinflußt ist, dürfte, wie wir erfahren, demnächst seine Auflösung beschließen. Dagegen bestehen gegenwärtig, wie eine gut unterrichtet« Quelle augibt, Fusionsabsichten zwischen den Metallwerken A. G. Chaudoir, der Nadelburger Messing- und Metallwarenfabriks A.-G. M. Hainisch, der Metallfirma L. Stein und der Spezialbronzen« und Metallwerke A.-G. Diese Fusionierungspläne werden von der deutschen M a u n f e.l d - Gruppe gefördert. Feilbietungen. Beim Bezirksgericht Hernals» Zimmer Nr. 8, findet am 20. September, 10 Uhr vormittags, die Zwangsversteigerung der Liegenschaft Haus Konskr.-Nr. 676, Wien, 16. Bezirk, Lerohenfeldergürtel 21 (Schätzwert 61.600 S., geringstes Gebot 25 750 S.), statt. — In der gerichtlichen Aukttonsyalle (1. Bezirk, Jakovechässe 1) werden am 7. Jul:, nachmittags 3—7 Uhr, versteigert: Wohnungseinrichtung, G. Z. E 12, 3612/27; Wohnungseinrichtung, Klavier, Teppiche, Bilder, Ziergeräte, Jagdtrophäen usw., G. Z. E 12, 2870/27; Wohnungs¬ und Bureaueinrichtung, Klavier, Radioapparat samt Zubehör, Kassen, Schreibmaschine, Tisch- und Silberaeräte, Spagat, Mloer, Schuhcreme, NachtlichÄerzen rchv„ G. Z. E 21, 867/27. Kn Schlag gegen die palästinensische Zndustkie. Der neue Handelsvertrag Mchea Syrien aav -aWaa. Bon Rafael Ben Suffan (Haifa). Wie bekannt, besteht zwischen Syrien und Palästina eine Handelsvereinbarung, wonach Produkte beider Läivder ohne Einhebung von Einfuhrzöllen frei importiert werden können. Zwar hat sich bisher in der Praxis diese Vereinbarung mehr zugunsten Syriens ausgewirkt, da der syrische Export nach Palästina bedeutend größer war als der palästinensische nach Syrien (das Verhältnis ist ungefähr 8:1), aber dennoch sind die palästinensischen Wirtschaftskreise daran stark interessiert, diese Lage weiterhin aufrecht zu erhalten, besonders nach der Erhöhung der Einfuhrzölle, die (mit Ausnahme derer für die palästinensischen Erzeugnisse) voriges Jahr in Syrien eingetrcten ist. Nun erfahren wir aus sicherer Quelle, daß der Abschluß eines neuen Handelsvertrages mit Syrien unmittelbar bevorsteht. Der projektierte Vertrag sieht einen Zoll auf Artikel vor, die nicht mindestens aus 75 Prozent einheimischer Rohprodukte bestehen. Bekanntlich gehört die palästinensische Industrie in ihrer überwiegenden Mehrheit zur sogenannten Veredlungsindustrie, deren Rohprodukte aus dem Ausland importiert werden. Zu dieser Kategorie gehören die Textilindustrie, die chemische Industrie (mit Ausnahme des Zements) und viele andere Industriezweige, die Exportartikel Herstellen. Und gerade diese palästinensische Veredlungsindustrie hat die Möglichkeit, die Oricntmärkte zu gewinnen. Wenn nun der projektierte Handelsvertrag mit Syrien die oben angeführte Zollbestimmung äufnimmt, so schneidet er diesen aussichtsreichen Industrien Palästinas. Mit einem Schlage den wichtigsten Exportmarkt ab. Da muß man sich fragen: Welche Interessen haben den neuen Handelsvertrag mit Syrien diktiert? ©btien hat gegenwärtig kern Interesse an einer Aenderung des Status quo. Daran kann nur die Palästina Legierung, und zwar aus fiskalischen Gründen interessiert sein. Bei dem Import von Waren aus Syrien in der Höhe von einer Million ägypttschen Pfund (das ist die ungefähre Durchschnittsziffer des letzten Jahres) gewinnt die Regierung bei Einhebung von 12 Prozent Einfuhrzoll (das ist der übliche Zollprozentsatz, der in Palästina von importierten Waren eingehoben wird) die runde Summe von 120.000 Pfund. Also wegen dieser Summe geht die Regierung daran, die Existenz der palästinensischen Industrie zu untergraben. Angeblich wurde diese Maßnahme von London aus diktiert. Diese Argumentierung der Regierung sucht nur ihre antiprotettionistische Fndustriepolitik zu decken. Denn Londoner Verordnungen und Diktate werden nur auf Grund der Berichte ans Palästina, die im Kolonialamt einlaufen, ausgegeben. Es ist mit restloser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß Mr. Stead, der Leiter des palästinensischen Zollwesens, der Urheber dxs neuen Handelsvertrages mit Syrien ist. Es ist der gleiche Versuch, dem Fiskus neue Einnahmen zuzuführen, um den „Erfolg" einer Verwaltung zu zeigen, wie im Falle „Port Fuad", wo Mr. Holmes, der Leiter des Eisenbahnwesens Palästinas, auch fiskalischer Rechnungen zufolge das Haifaer Hafenprojekt durch das von Port Fuad ersetzen wollte. Damals wurde durch energische Gegenmaßnahmen von jüdischer Seite diese Gefahr von London aus vorläufig beseitigt. Die Gerüchte über den neuen Handelsvertrag mit Syrien datieren erst seit einigen Tagen. Die palästinensische Industrie steht völlig unter dem Eindruck dieser Gerichte und sucht Mittel und Wege, um diesen lebensgefährlichen Vorstoß gegen sie zu beseitigen. Für die nächste Woche ist Mr. Stead nach Haifa eingeladen, um ihm jdie ablehnende Stellung zu diesem Projekt seitens der Haifaer Industriellen zu übermitteln. Andere an dieser Frage interessierte Jndustriekreise tragen sich mit dem Gedanken, die Intervention des Colonel Symes anzurufen, der den auf Urlaub befindlichen Oberkommisfär Lord Plumer vertritt. Es ist freilich sehr zu bezweifeln, ob Colonel Symes die nötige Energie und vor allem den pötigen Witten zu einem energische» Eingreifen hat. Darum dürste wohl eine direkte Jnterventton in London der sicherste Weg zur Abwendung der Lebensgefahr sein, welch" der palästinensischen Industrie droht. Schutz von Aktien gegen Fälschungen. Die Wiener Börsekammer mit: Die von der Zulassungsstelle an der Börse zu Berlin neu herausgegebenen Richtlinien örtressend Neudruck von Wertpapieren können.m Bureau der Wiener Börsekammer eingesehen werden. Die neuen Vorschriften enthalten das Mindestmaß, das auch an ausländische, an der Berliner Börse zu kotierende Wertpapiere hinsichtlich der Ausstattung gestellt >vivd. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung": Monatlich Wien und Oesterreich.8 5 — Tschechoslowakische Republik.K£ 22*— Jugoslawien.Dinar 60'— Polen.Zloty 6 — Deutschland ..Goldmark 4'— Palästina ...». .sh 4 — England. sh 4 — Frankreich, Belgien.Frcs. 35 — Italien. Lire 20 — Rumänien . Lei 170 — Bulgarien .. . Lewa 100'«« Amerika. Dollar 1*— Schweiz und das übrige Ausland . . . . , Pranken 5'-» Oesterr. Postsparkassenkonto lbu.693«

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