Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3001 (6.7.1927)
- Date
- 1927-07-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 300! Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung 6. Juli 1927 Seite 5 23. März 1332 an der Wiener Universität zum Doktor Ser Philosophie promoviert, hielt er seit seiner am 26. Juli 1885 erfolgten Zulassung als Privatdozent für mathematische Physik an der philosophischen Fakultät Wien vielbeachtete Vorlesungen aus diesen Fächern, die von seinen Zuhörern mit lebhafter Teilnahme angehört wurden. Nach einem vergeblichen Vorschlag secundo loco von der Universität Cernowitz 1891 als a. o. Professor für mathematische Physik, wurde Gottlieb Adler am 14. Mai 1892 auf Antrag seines Lehrers Josef Stefan und Beschlich des philosophischen Professorenkollegiums für die Ernennung zum a. o. Professor für mathematische Physik und für theoretische Mechanik vorgeschlagen, cm: 31. Dezember 1892 mit der Supplierung der Lehrkanzel des physikalsschen Institutes während der Erkrankung und nach dem bald darauf erfolgten Tode Stefans beauftragt. Als solcher entfaltete er eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit, über deren Umfang auch der Laie sich im „Biographischen Handwörterbuch zur Geschichte der exakten Wissenschaften von Poggendorf" Aufklärung verschaffen kann. Welch hohe Wertschätzung Gottlieb Adler in Fachkreisen, von seinem edlen Charakter abgesehen, genoß, betveißt die Tatsache, daß Helmholtz bei seinem Wiener Besuche als Gast Siegmund Cxners 1892 ihn vielleicht als den einzigen, zu einer eingehenden wissenschaftlichen Besprechung durch »seinen Gastgeber einladen ließ. Nach Ueberwmdung namenloser Schwierigkeiten — wie eine Ironie des Schicksals — endlich' totkrank zum a. o. Professor in Wien ernannt, brach Gottlieb Adler bei seiner Antrittsvorlesung am 13. August 1893 buchstäblich zusammen, um am 14. Dezember 1393 nach langem Krankenlager, seelisch gebrochen, aus dem Leben zu scheiden. Ein schlichter Grabstein (Zentralfriedhof, Gruppe 20, Grab 23, Reihe 2) mit der Inschrift: „Mit ihm schied der beste und aufopferungsvollste Bruder, ein streng rechtlich denkender, bescheidener Mensch, der aufging in der Erfüllung seiner Pflichten, aus dem Leiben — doch nicht tot ist er, er lebt fort in der treuesten Liebe und steten Erinnerung seiner Schwestern —V gibt nur der Wahrheit die^vollste Ehre. Es kann nicht Aufgabe dieser durch Raum und Ort beschränkten, bescheidenen Zeilen sein, eine ausführliche Würdigung der als Mensch, Kollege und Wissenschaftler gleichbedeutenden Erscheinung zu geben. Sie sollen nur den Zweck erfüllen, zunächst seinen ehemaligen Kollegen und Freunden die Erinnerung an den so früh Dahingeschiüdenen zurückrufen. Wien, 6. Juli. . Sin Todesurteil. Aus Gotha wird uns berichtet: Der Schlächter Becker, der gemeinsam mit der Ehefrau Hartmann deren Ehemann ' ermordet und die Leiche zerstückelt hat, ist vom Schwurgerichte wegen Mord zum Tode verurteilt worden. Frau Hartmann wurde zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Dr. Martin Mohr gestorben. :l5B:e aus Verirr gemeldet wird, ist der Direktor des Deutschen Instituts für Zeitungskunde, Dr. Martin Mehr, gestern im 61. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Die deutsche Zeitungswissenschaft verliert in ihm einen der besten Vertreter. Die eigene Tochter dreißig Jahre gefangengehalten. Aus Göding tvird der „Ostrauer Morgenzeitung" gemeldet: Die Gendarmerie in Göding hat dieser Tage einen geradezu unglaublichen Vorfall aufgedeckt. Im Hause des Kaufmannes Weinberger stieß sie .in einer dunllen Kammer auf die 43jährige Tochter Klara des Kaufmannes, die dieser seit 30 Jahren gefangengehalten hat. Als Weinberger vor acht Jahren nach Göding kam, meldete er die Tochter nicht an und hielt sie streng verborgen, so daß selbst die unmittelbaren Nachbarn keine Ahnung davon hatten, daß er eine Tochter habe. Weinberger gab beim Verhör an, daß seine Tochter vor dreißig Jahren irrsinnig geworden sei und ha er sie nicht in eine Anstalt geben wollte, habe er sie zu Hause gesangengehalten. Klara Wemberger mußte 20 Jahre rn einer engen Kiste liegen und konnte weder ihre Füße noch ihre Arme ausstrecken. Der Zustand dieser Unglücklichen ist grauenerregend. Sie ist zum Skelett abgemagert, ' der Körper voll mit Ungeziefer bedeckt. Die Hände sind verkrümmt und bewegungsunfähig. Der unmenschliche Vater befindet sich vorläusig noch auf freiem Fuß. Der Vorfall selbst hat in Göding unerhörtes Aufsehen erregt. Einbrecher, die selbst die Polizei herüeirufen. In Mansfield in England war der diensthabende Polizeibeamle auf der Wache nicht wenig überrascht, als er am Sonntag abends telephonisch angerufen wurde und dre Worte vernahm: „Wir Mo in das Lebensmittelgeschäft Rainworth eingebrochen. Holen Sie uns, bitte, dort ab." Der Diensthabende glaubte zuerst an eine Mhstiftkatton, schickte dann aber doch zwei Beamte mit dem Auto nach Rainworth. Diese fanden tatsächlich den Levensmittelladen erbrochen und zwei Leute darin, die friedlich ihre Zigaretten rauchten. Auf dem Tisch vor ihnen lagen geleerte Konservendosen, Brot und Käse. Einige geleerte Flaschen zeigten an, daß sie über dem Essen auch das Trinken nicht vergessen hatten. Auf die erstaunte Frage der Beamten, was denn daS eigentlich bedeuten sollte, erklärten die beiden sonderbaren Einbrecher: „Wir hatten Hunger und kein Geld, um uns etwas zu kaufen. Da sind wir eben eingebrochen. Auf alle Fälle haben' wir sehr gut gegessen." Einwanderung nach Oesterreich. Die Bewilligung zur Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in Oesterreich wurde im ersten Quartal dieses Jahres in 907 Fällen, und zwar für 530 Männer und 377 Frauen, erteilt. Won Viesen, ausländischen Arbeitnehmern waren Meichsdeutsche 388, Tschechoslowakm 209, Ungarn 96, Italiener 60, Jugoslawen 50, Polen 18, Franzosen 19, Schweizer 82 und 55 Angehörige anderer Staaten. tzevzikFerer in Akland. , Me man uns aus A l l a n d schreibt, veranstaltete dort am 3. d. M. der Tempelverein eine Herzl-Mdenkfeier, an der zahlreiche Patienten der Heilanstalt Alland teilnahmen. Dte Gedenkrede hielt der derzeitige Tft inpslvorsteher Herr Kapellmeister Max B l u m e n s ch e i n. Unter Mitwirkung des Herrn Blumenschetn (Harmonium) und Herrn Adolf Bott (Gesang) rezitierte Herr Hermann Hanak zwei MlMN. & Herrn Walter Schüt>- und ein in jiddischer Sprache gehaltener Vortrag des Herrn Hochmann schlossen die erhebende Feier. Unentgeltliche Vorführungen im Rettungsschwimmen und Wiederbeleven finden am Samstag um halb 5 Uhr nachmittags im Döblinger und am Somibrg u» Halb 11 Uhr vormittags im Htetzinger Strandbad durch die Kritzendorfer RettungGnege statt. 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Uever dte bereits kurz gemeldete Eröffnung der achten zionistischen Landeskonferenz in Kongreßpolen wird uns noch aus Warschau berichtet: An der Tagung nehmen 132 Delegierte, und War 71 Vertreter der Gruppe „Eth Lüvnoth" 50 Delegierte der Gruppe „Al Hamischmar" (Grünbaum-Gruppe) und 11 Revisionisten teil, Der Präsident der zionistischen Organisation in Polen Leon L e - vite, der sein allgemeines Referat in hebräischer Sprache begann und dann jiddisch fortsetzte, bedauerte es, daß in der zionistischen Weltorganisation in der letzten Zeit st a r k e Innere Konflikte zutage traten, deren Beilegung zu den wichtigsten Aufgaben der verschiedenen Landesorganisationen gehört. Gewiß kann Leute niemand mit den erxMen Resultaten Lpftieden Lein, und es sei nur berechtigt. wenn man ihnen kritisch gegenüberstehe, daraus dürfe jedoch nicht der Schluß gezogen werden, daß irgend eine größere oder kleinere Gruppe in der Organisation befähigt wäre, die Lage zu beherrschen und allen Aufgaben gerecht zu werden. Besondere Pflichten erwachsen in diesem kritischen Augenblick dem Zionismus in Polen, der berufen ist, unter anderem auch die Lücke auszufüllen, die das russische Judentum in der jüdischen Nationalbewegung Unterlassen hat, seitdem es unter den Verfolgungen des Bolschewismus so schwer zu leiden, hat. Im Namen der westgalizischen Zstsnisten Uelt Doktor Schwarzbarth ein allgemein politisches Referat, in welchem er (gleich dem Vorredner) die traurige Feststellung. macht, daß die jüdische Jugend dem Zionismus abwendig gemacht wird und sich immer mehr links orientiert. Schuld daran sei, daß die zionistische Organisation die Jugend vernachlässigt habe. Zum Präsidenten des Kongresses wurde Herr Dr. Noe Davidson gewählt. In der zweiten Sitzung des Kongresses wurde, wie uns ein Telegramm aus Warschau berickitet, das von Grünvaum eingevrachte Mißtrauensvotum gegen die Exekutive mit 80 gegen 68 Stimmen (bei vier Stimmenenthültungen) avgelehnt. Die Wahle« znr Reprüsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde bestätigt. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat der Polizei-Präsident von Berlin entschieden, daß den gegen die Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde, die am 16. Mai 1926 stattgesunden haben, erhobenen Protesten nicht stattgegeben wurde und daß das Wahlergebnis somit die amtliche Bestätigung erhält. < Die neue Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde setzt sich aus zehn Mitgliedern der liberalen Bereinigung, sieben Vertretern der jüdischen Volkspartei, zwei Mittelpartsilern, einem Konservativen und einem Vertreter der Poale Zion zusammen. Set Gründer der größten Mische« Srdenr gestorben. In New Jork starb vor einigen Tagen im Alter von 68 Jahren der Gründer und Großmeister des größten jüdichen Ordens Milch Abraham Max Stern. Der Verblichene spielte in den letzten vierzig Jahren' im jüdischen gesellschaftlichen Leben von Arnerika eine hervorragende Rolle. Er war einer der Gründer des jüdischen unabhängigen Ordens B'rith Abraham und wurde zehnmal hintereinander »" dessen Grotzmeiits»: gewählt. Stern stammte aus V a r a n n o in Ungarn, wunderte als junger Mann nach Amerika aus. Ihm ist auch die Schaffung von jüdischen Kinderheimen und Waisenhäusern durch den Orden zu danken. ' Er'hinterläßt sieben Kinder, deren ältestes AdolfStern schon seit vielen Jahren einer der geachtetsten Richter New Docks ist. Sein Leichenbegängnis fand unter außerordentlich großer Beteiligung jüdischer Organisationen statt Gerichtspräsident kardoza khrendoltor der Harward-llniversktiit. Anläßlich des Jahresschlusses der berühmten Harward- Universität in Cambridge wurden 14 hervorragende Juristen, Politiker und Diplomaten mit dem Ehrendoktorat für Rechtskunde ausgezeichnet. Unter ihnen befindet sich auch der Präsident des Appellsenates in New Aork, Benjamin Nathan C a r d o z a, einer der angesensten praktischen Juristen und Rechtsgelehrten der Vereinigten Staaten. Gleichzeitig mit Cavdoza erhielt auch der amerikanische Botschafter in London das Ehrendoktorat der Rechtskunde. Von den Hörern der Universität, welche in diesem Jcchr graduiert wurden, haben sechs alle ihre Prüfungen summa cum laude bestanden. Unter ihnen auch die zwei jüdischen Studenten I. L. Bleiweiß aus Clevelcmd und M. I. Katz au? Brooklyn. güdisches Frauentum. Ein Vortragsabend des Kontinentalbundes zionistischer Mädchen. Anläßlich seiner Wiener Tagung veranstaltete der Kontinentalbund zionistischer Mädchen am Montag im Saale des Gewerbevereines einen öffentlichen Vortragsabend. Das erste Referat Uelt Herr Rabbiner Dr. David Feuchtwang, der tiefgründig und formvollendet über „Jüdisches Frauentum" sprach. In unserer historischen Tradition, führte er aus, werden im Vergleich zu anderen Böllern überraschend viele hervorragende Frauen genannt. Dies komme daher, daß unsere hebräische Antike Familiengeschichte ist. In der nachhistorischen, insbesondere in der Ghettozeit waren die Frauen nicht minder bedeutend wie in der klassischen Leit. Nur wirkten sie inatürgemäh nicht mehr in der großen Oeffentlichskeit. Ihr Geist lebte sich im Religiösen aus, sie wirkten in der lFamilie und in der Gemeinde als ethische Persönlichkeiten > und Kulturträgerinnen. Die Frauenemanzipation hat bei den Juden lange auf sich warten lassen. Bor 50 Jahren konnte 8 SOEBEN ERSCHIENEN: Der fofkn des Moses Mautner Roman von LEOPOLD HICHLER Das Wien der Neunzigerjahre des verflossenen Jahrhunderts wird als buntes, überaus lebendiges Bild vor dem Leser , aufgerollt, eine Fülle von Gestalten, von Leopold Hichier ausgezeichnet gesehen, ist in Bewegung gesetzt, die Zeichnung des Wiener kleinbürgerlichen Milieus, insbesondere des jüdischen, außerordentlich geglückt Hohes Können und reife Menschlichkeit vereinigen sich zu einem von köstlichem jüdischen Humor erfüllten Buch Ein gemütvolles» volkstümliches Werk, mit viel Liebe und Lebensweisheit geschrieben Preis S 5*50 broschiert, S 7«SO in Leinen geh. Buchhandlung und Verlag R. LÖWIT . WIEN I Rotenturmstr. 22 Fleischmarkt 1 'S ■ iiiiiiiiiiiiiiiiianiiiiiiftiiiiiiiiiii