Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3001 (6.7.1927)
- Date
- 1927-07-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 4 Wien, Mttwoch Wiener Morgenzeitnng 8. Juki!S27 Nr. Swi Ane Liebestragodie. SMkWbftmok« mit mienmdso». Gestern abends tvurdcn der 26 jährige Straßenbahnschcrffner Mois König und eine junge Frau in einer Wohnung des Hauses Hugelgasse 12 leblos ausgefmrden. Intensiver K o h I e n o x y d g a s g e r u ch war im Zimmer zu verspüren, vor dem Ofen lagen Reste von verbrannter Holzkohle. König hat mit einem Schlüssel die Wohnung seiner Schwester in der Hugelgasse geöffnet, da er wußte, daß die Frau tagsüber nicht zu Hause sei. So ging er mit der 23jährigen Hausgehilfin Marie Schwarzmayer in die leerstehende Wohnung, und die beiden begingen dort einvcrständlich Selbstmord. König hatte mit den« Mädchen ein Verhältnis. Seine Gattin war ihm daraufgckommen, und so gab es bei ihm zu Hause fortwährend Streitigkeiten, da er von der Geliebten nicht lassen wollte. Man femb in der Wohnung Abschiodsbriefe, u. a. erklärt König in einem ergreifenden Briefe an seine Frau, daß er das Leben nicht mehr ertragen könne. Es tue ihm ungeheuer leid unr seine beiden kleinen Kinder, aber er könne nicht mehr weiter. Zum Schlüsse versicherte er, daß die Schwarzmayer vollständig unschuldig an der Tat sei, und seine letzte Bitte sei die, daß man ihre Photographie ihrem Vater senden solle. ' Auch an seine Schwester hat der Unglückliche einen Abschiedsbrief gerichtet, in dem er sie um Verzeihung dafür Met, daß er die Tat in ihrer Wohnung begangen habe. 7€FWW&€Mi CHINA-WlilN MIT BIS'E» _ ßsw&H&TgfYSs KRxmfiUMfiSMirrei Hilfe von mehreren Männern wurde er schließlich überwältigt, worauf er Volltrunkenheit markierte. Auf dem Kommissariate aber konstatierte der Amtsarzt, das; er vollkommen zurechnungsfähig war. Er ist der 30jährige Hilfsarbeiter Leopold P o h ob r a c k i, der durch das offene Gangfenster in die Wohnung der Hausbesorgerin eingestiegen war und bereits einen größeren Geldbetrag gestohlen hatte. Vas Warenhaus der Zentrvms. Der Milse Senno geller in der Schwel» »Mästet. Tas Wiener Sicherheitsbureau wurde gestern von der Züricher Polizei in Kenntnis gesetzt, daß dort der von den Wiener Behörden langgesuchte 36jährige Kaufmann Benno F e l l e r verhaftet wurde. Feiler hatte gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Schwager Max Bilgurai im Jahre(1923 in den Räumen des einmaligen Cafe Edison am Schwedenplatz mit großem Kostenaufwand und ungeheurer Reklame!das „Warenhaus des Zentrums" begründet, das aber bald darauf von der Wirtschaftspvlizei gesperrt wurde. Gegen die Inhaber des Geschäftes wurde das Strafverfahren eingeleitet, weil von den Lieferanten eine Unn^nge von SstriafanZeigen gegen sie erstattet worden war. Der Schaden, der durch den Konkurs angerichtet wurde, belief sich auf etwa 25 Milliarden Kronen. Israel Zeller und Max Bi lg u rai tmitfcm irrt November 1925 wegen fahrlässiger Krida zu fünf Monaten streng en Arrest verurteilt. Gegen Benno Feller mußte das Verfahren vorläufig eingestellt werden, weil er ins Ausland geflüchtet und nicht eruiert werden konnte. Nun wurde auch Benno Zeller in Zürich verhaftet und wird voraussichtlich döM Wiener Gericht ausgeliefert werden. Benno Zeller war nach bem Zusammenbruch des „Warenhauses des Zerrtrums" mit seinem eigenen'Mutv in die Schweiz geflüchtet, verkaufte dort den Wagen Und schickteden Chauffeur mnh Men zurück. Der Mödchenmord im WaldvieM. 8er röter verhaftet. Schüsse aus die Straße. Gestern nachts wollte ein Wachmann den aus Wien abgeschafften Kutscher Karl Br an dl meyer wegen verbotener Rückkehr in der Wohnung seiner Gattin verhaften. Als der Wachmann in die Wohnung trat, ritz sich Brandlmeyer die Kleider vom Leibe, beschimpfte den Beamten und versuchte, sich plötzlich aus dem Fenster zu st ü r - z e n. Er gebärdete sich so rasend, daß der Beamte nicht imstande war, ihn abzuführen, allein lassen wollte er den Tobenden nicht, und so schoß der Polizist viermal aus die Straße, um Sukknrs herveizuholen. Zwei Polizisten eilten in die Wohnung, und ihren vereinten Bemühungen gelang es schließlich, Brandlmeyer zu verhaften. Der Vorfall hat naturgemäß großes Aufsehen erregt. Eine dichte Menschenmenge belagerte das Haus. * 8in Gewalttäter. Die Hausbesorgerin Franziska Sperkhoser kam am Sonntag abends nach Hause und mutzte mit Entsetzen bemecken, daß in ihrer Wohnung ein fremder Mann anwesend war. Die Frau schlug Lärm und der Mann wurde von einem Wachebeamten festgenomm e'n. Auf dem Wege zum Kommissariat Jofefstadt versetzte er plötzlich dem Oberwachmann Josef Madner einen Faust schlag, so daß er den. S äb el ziehen mußte, um sich der Angriffe erwehren zu können. Der Verhaftete aber entwand d em Polizist en die Waffe und bedrohte ihn und die Passanten. Mit von ihrem Geschick, allein feiner wußte ihr Antwort zu geben. Da stieg sie auf das Gebirge Telag, und hier erschien ihr der Herr in der Nacht und sprach zu ihr: Ich habe den Mund der Weisen meines Volkes verschlossen, daß sie keine lAntwort zu geben wußten der Tochter Jephtahs; mm soll ihr durch mich Antwort werden: ihr Tod ist mir ein liebes Geschenk, denn die Weisheit aller Weisen wohnt ihr inne. Danach ging Seela, die Tochter Jephtahs, zu ihrer Mutter und warf sich in ihren Schoß. Sie Zog weinend fort in das Gebirge Telag Und klagte und ries: Hört, ihr Berge, das Seufzen meiner Trauer; ihr Hügel, seht hin auf die Tränen meiner Augen; ihr Felsen seid Zeugen des Jammers meiner Seele, der Seele, die dem Tod geweiht ist. Doch nicht vergeblich wird nrech Tod sein. Meine Morte werden im Himmel ihre Sühne finden und meine Tränen werden droben abgewischt werden. Tenn der Vater hat kernen Streit geführt mit der Tochter, die er opfern wollte, mrd hat der Stimme der Fürsten nicht gehorcht, als er sein einziges Kind umzubringen beschloß. Ich aber soll meinen Brauthimmel nicht schauen und die Hochzeitskrone nimmer tragen; nie werde ich in den Gewändern prunken, in die die Jungfrau gehüllt wird am Tage, ihrer Vermählung. Nie wird Myrrhe mein Zelt dUrchdusten und Salböl meine Stirne streichen. O, meine Mutter, umsonst? hast du mich geboren! Deiner Tochter Trauung wird im Grabe vor sich gehen; umsonst ist die Mühe, die du mit mir gehabt Haft. Meine schönen Kleider werden die Motten fressen und die Blumen meines Kranzes werden welk und trocken tverdem. Die Bäume werden ihre Wipfel über meine Juttgsrauschast und die Tiere des Feldes werdm sie zertreten, denn tmeiner Jahre Lauf wird gehemmt und die Zeit meines Lchws soll im Dunkel vollendet werden. Nach zwei Monaten kehrte die Tochter Jephtahs zurück Zu ihrem Vater, und er tat an ihr, wie er getobt hatte. Dia kamen die Jungfrauen in Israel und begruben sie und beklagten sie. Und es ward eine Gewohnheit in Israel, daß die Töchter Israels Jahr um Jahr hing rügen, zu kt—en um die Tochter Jephtahs des Jahrs vier Taae. Wie wir gestern beruhtet haben, wurde in einem Walde bei S i e g m u n d s h e r L e r g ein Mädchen an einem Baume hängend Lot aufgefunden. Die polizeiliche Untersuchung ergab, daß die h o ch s ch w a n g e r e 30jährige Magd Leopold ine Wagner zuerst erwürgt wurde und dann, um einen Selbmord vorzutäuschen, an einen Baum aufgehängt wurde. Erwürgt und erhängt. Nun gelang es, den Täter zu verhaften. Es ist der 20jährige Gastwirtssohn Alois Niel aus Siegmundsherberg, der mit dem Mädchen ein Verhältnis gehabt hat. Als ihn das Mädchen wegen des zu erwartenden Kindes zu einer Aussprache Lat, trafen stch die beiden im Walde. Es kam zu einem Streit, doch söhnten sich die beiden scheinbar aus, und die Versöhnung fand unter heißen Umarmungen statt. Kurze Zeit später würgte Riel seine Geliebte, so daß sie zwar bewußtlos, aber nicht tot war. Dann packte er ihren Körper und knüpfte das Mädchen auf einen Baüm auf, so daß die Unglückliche den Tob durch Erhängen fand. Feuer in ReuW am Walde. Gestern früh brach im Landhaus des Baurates Pittel in Neustift am Walde ein Dachfeuer aus, das für den ganzen Ort sehr bedwhlich wurde. Sowohl dieses Haus wie die umliegenden der Nachbarn sind durchwegs mit Schindeln gedeckt, und nur dem raschen Eingreifen der Feuerwehr ist es zu danken, daß kein größeres Unglück geschehen ist. >: Gegen 4 Uhr morgens schlugen aus dem Dache des Hauses plötzlich mächtige Flammen gegen hm Himmel. In wenigen Minuten rückten die Feuerwehren Döbling und Heiligenstadt aus, auch die freiwilligen Feuerwehren Neustift am Wald, Obersievering und Pötzleinsdorf kamen herbeigeeilt. j Branddirektor Wagner übernahm die Leitung der Löschaktion, die sich sehr schwierig gestaltete. Beim Eintreffen der Feuerwchr standen 160 Quadratmeter in Flammen und die Dächer dev niedrigen Häuschen der Umgebung glosten und rauchten bereits da und dort. Die Bewohner des brennenden Hauses hatten sich noch, rasch in Sicherheit gebracht, aber' auch die Leute der Nachbar- Wohnungen räumten bereits ihren Hausrat auf die Straße. Die Flammen wurden auf zahllosen SchlauMinen niedergekämpft, und so sonnte das größte Unglück verhütet werden. lDie Entstehmlgsursache des Brandes ist unbekannt, der Sachschaden ist sehr bedeutend Furchtbarer Unsall. Sal zbNrg, o. Juli. Ein 15jähriger Radfahrer wurde, als er aus einem.Feldweg Ms die Bundesstraße bei Bischofshosen mit seinem Rad einbog, von seinem Personenauto erfaßt und zwanzig Meter weit mit geschleift. (Er war auf der Stellet ot. Hellumsunüe io Boriflaw. Wie aus Boryslaw gemeldet wird, wurde dort das Borkommen von Helium aufgedeckt. Bisher hatte bekanntlich Amerika das Monopol für Helium. Die Heltumbestände in Boryslaw sollen ziemlich groß sein. Ser Mer. Alois Riel ist der Sohn des rer ch stenG a st w i r-. tes von Siegmundsh evberg. Sein Onkel'ist Bürgermeister von Eggenburg. Man wußte, daß er mit der Leopoldine Wagner in Beziehungen gestanden ist, und schließlich wurde er von der Gendarmerie verhaftet. Fünf Stunden lang wurde er ins Verhör genommen und erst mit Hilfe von 18 Zeugen wurde derart belastendes Material gegen ihn vorgebracht, daß seine Tat außer Zweifel war. Endlich gestandRi elf eine Taiweinend ein. Als man den bei einem Kirtag verhafteten Täter mit Handschellen durch das Städtchen führte, wurde die Eskorte von einer großen Menschenmenge begleitet, die für Alois Riel Stellung nahm und die Tote mit Schimpfwörter: bedachte. Die Leute schrien: „Derhatnichts anderesgebührt.Ganz recht hat er g'habt. Wir hättens auch g'macht!" Viele Bekannte und Freunde des Verhafteten weinten und versuchten, Riel den Gendarmen zu entreißen. Er wurde schließlich dem Bezirksgerichte Horn eingeliefert, wo er vor dem Untersuchungsrichter sein .Geständnis wiederholte. sirinneruug an Gottlieb Adler. Von Hofrat Dr. Michael Holzmann. Wer kennt nicht wenigstens vom Hörensagen jene trügerische Luftspiegelung, welche dem müden, erschöpften Wanderer in der Wüste schattige Oasen mit fruchtbeladenen Palmen, mit kühlen, rieselnden, erquickenden Quellen vorzaubert, trügerische Bilder, die den Pilger zur - höchsten Krastanstrengung anspornen; das heitzersehnte Ziel zu erreichen. Es ist eine optische Täuschung. Je mehr er sich dom ersehnten Ziele zu nähern glaubt, desto weiter entschwindet cs immer in der Feme, bis er gänzlich ermattet und erschöpft zusammenöricht. Dieses Sinnbild der Täuschung rufen uns auf das lebhafteste die Manen jenes großen, idealisttschen Forschers vor unsere Augen, denen die folgenden Zeilen am fünfzigsten Gedenktage seiner in Gemeinschaft mit 38 anderen Kollegen, u. a. mtt Gustav Mahler, am 6. Juli 1877 in Jglau stattgefundenen Matura gewidmet sind. Gottlieb Adler, geboren am .7. März I960 in Stecken (wohnhaft Jglau, Quergasse 480) als Sohn des in der Schule von S.J.L.Rapoport herangebildeten Talmudisten, Buchhändlers und späteren Kaufmannes Josef Mer und seiner Gattin Anna, geborene Pichler, wurde im Oktober 1877 in der philosophischen Fakultät d« Wiener Universttät immatrikuliert, hörte 1877 bis 1Y81 die physikalischen Vorlesungen Josef Stefans, die mathemattfchen Leo Königsbergers und nahm an den Uebungen des Physikalischen Institutes, wie an jenen des mathemattfchen Seminars eifrigen Anteil. Während des Studienjahres 1881—'1982 saß er an der philosophischen Fakultät der Berliner Universität zu den Füßen der Mathematiker Karl Theodor Wilhelm Weier st raß umb Ernst Eduavd Kummer, sowie der Physiker Gustav Robert Kirchhofs und nicht zuletzt Hermann Helmholtz'. Mir emsigem Fleiß an dm Uebungen des von Weiersttatz geleiteten Seminars tättg, unternahm er gleichzeitig unter Leitung Helmholtz' im Physikalischen Institute experimentelle Untersuchungen über galvanische Polarisation. Oktober 1881 auf Grund der abgelegten Lehramtsprüfung aus dm Fächern Mathematik und Physik für das ganze Gymnasium approbiert (1882—1883 als Supplent am Wiener akademischen Gymnasium tätig), auf Grund einer Dissertation «Ueber die Theorie der Wärmeleitung" am