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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-06 · Heft 3001 (6.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3001 (6.7.1927)
Date
1927-07-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8001 2Sk«n, Mittwoch Wiener Morgenzeitnng 6. Zütt m* «ttr, o Die Schlacht von Schattendorf. BurgenlSudische Geschworene in Me«. Auf dem Tisch vor dem Vorsitzenden steht ein kleines Modell aus Hartpapier: die Dorfstraße von Schattendorf; Häuschen mit roten Dächern und das Wirtshaus der Tscharmann. Dort sind am 30. Jänner dieses Jahres, einen: Sonntag, die Schüsse gefallen, die einem Kriegsinvaliden und einem achtjährigen Buben das Leben nahmen. Wie es an diesen Schüssen kam und wie sie sich aus der politischen Psychose des kleinen, an der ungarischen Grenze gelegenen Dorfes ergeben mußten, das soll der Prozeß erklären, der gestern vor den Geschworenen begönne/: hat. Landsleute der Angeklagten bilden die Richterbank. Bauernfigurcn mit derbgeschnittenen Gesichtern, schlauen Augen und festen Schnauzbärten. Eine Frau im Kopftuch ist dabei. Die Angeklagten stehen tu einem auffälligen Gegensatz zu ihren Richtern. Drei schlanke, schmächtige Burschen, die bieder und unschuldig dreinschauen. Aber auf einem Tischchen seitwärts liegen die Gewehre... Ueber die Vorfälle dieses 30. Jänners war im Nationalrat eine heftige Debatte geführt worden. Nunmehr hat das Gericht zu sprechen. Die Staatsanwaltschaft erhebt die Anklage gegen die Brüder Josef uni» Hieronymus Tscharmann und den Müllerburschen Johann P i n - t e r wegen des Verbrechens der öffentlichen Gelvalttätigkeit. Sie haben aus einem Fenster des Wirtshauses auf einen Zug des Republikanischen Schutzbundes toiedevholt Schüsse abgegeben, durch welche fi'mf Personen verletzt und zwei getötet wurden. Den Vorsitz führt Vizepräsident Hofrat Dr. G a n zw o h l, die Anklage vertritt Hofrat Dr. Sacher. In die? Verteidigung teilen sich Walter Riehl, Dr. Bleier und Dr. Foglar-Deinhardftein. Der Prozeß soll bis zum 14. dieses Monats dauern. Der Vorsitzende beginnt zunächst das Verhör des Angeklagten Josef Tscharmann. Er war zweimal auf dem Kriegsschauplatz und hat sich im vorigen Sommer den Frontkämpfern angeschlossen, die in seinem Wirtshaus ihr Lokal hatten. Emen. Monat später wuvde die Ortsgruppe des Republikanischen Schutzbundes gegründet. Am 30. Jänner sollte eine Frontkümpferlersammlyng stattfinden, in der der Oberst Hittl aus Wien sprechen sollte. Die Schutzbündler erfuhren davon, und es'wurde aus Loipersbach und Rohrbach Verstärkung herangezogen. Tschavmanns Freund Lampe! brachte fein* Gewehr und leere Patronen, die Tscharmann mit Schrot stillte. Um 2 Uhr nachmittags kamen Schutzbündler unter Führung eines Gewissen P r e s ch i tz, eines Kommunisten, in das Gasthaus. Sie wurden mit Herl begrüßt und antworteten mit Freundschaft! Auf Anregung seines Vaters lief nun Tscharmann in den ersten Stock und gab zwei Schüsse durch ein Fenster ab, um die Gendarmerie zu allarrnieren. Nach zehn Minuten erschien auch ein Inspektor mit sehn Mann, denen cS gelang, die Schutzbündler zum Abzug zu bewegen. Die Unruhe im Wirtshaus dauerte aber fort, und als wieder Schutzbündler gegen 4 Uhr emdringen wollten, schoß Tscharmann wieder zwei- oder dreimal, ebenso sein Schwager Pinter. Diesem schreibt der Angeklagte die tödlichen Schüsse zu. Nachher sind die im Haus befindlichen Frontkämpfer davongelanfen. Auf der Straße standen Schutzbündler, die angeblich auch schossen und Sterne auf die Fenster warfen. Josef Tscharmann ist deshalb ins Nachbarhaus gelaufen und hat sich dort versteckt gehalten. Er hat erst am nächsten Tag von den tödlichen Schüssen gehört. Er hat ans dem Gewehr seines BaterS geschossen, das aber, wie der Vorsitzende konstatiert, seither nicht aufzufinden war. Auf Befragen eines Verteidigers erzählt Josef Tscharmann, daß der Schutzbündler Preschitz unter der Räteregierung in Oedenburg Mitglied des Tribunals war und daß unter ferner Richterschast der Pfarrer N i k i t s ch ermordet worden sei. Nach dem Verhör trat die Mittagspause ein. * Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wuvde der zweite Angeklagte Hieronymus Tscharmann vorgerufen.Er ist wie sein Bruder Josef Mitglied der Frontkämpf erv er einig ung. Wie er angab, hatte er die ganze Nacht vor dem Blutsonntag an einer Tanzunterhaltung teilgenommen und darum den Sonntag«Vormittag verschlafen. Um Uhr nachmittags kam er aus der Wohnung in das Gastlokal. Es drangen etwa 60 Schutzbündler hier ein. Darauf wurde die Türe zugesperrt. Josef eilte in die Wohnung und gab von dort einen -Alarm schuß ab. Später kam der Frontkämpfer Guttmann und erzählte, . auf dem Bahnhof seien Frontkämpfer geschlagen und zwei sogar erschlagen worden. Bald darauf drangen Schutzbündler ins Gasthaus ein. Nunmehr sei er beim, Fenster niedergekniet und habe einen Schuß Unsere Kreuzworträtsel« Konkurrenz. Hfemit werden die Einsender verständigt, da-3 die Verlosung M i 11 w o c h, dei^ 2 0.- Juli, stattfindet. Ort und Stunde werden noch bekanntgegeben werden. Die Rätseiredaktlon der „Wiener Morgenzeitung“. ei m b 0 0 ej 1 Er ca ö □ 00 hinausgefeuert. Getroffen habe er aber niemanden. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärte Hieronymus Tscharmann, er habe deutlich das Pumpern von Steinwürfen und Schießen gehört. Er haße Angst gehabt, weil es doch am Bahnhof schon ein paar Tote gegeben habe. Uebrigens sei er von dem Wirbel ganz „teppert" gewesen. Der Schwager der Bruder Tscharmann, der dritte Angeklagte Johann P i n t e r, auch ein Frontkämpfer, gab an, er habe sich den Frontkämpfern angeschlossen, j weil es von diesen geheißen habe, daß sie gegen die Kammunisten Vorgehen werden. Wir sind — sagte er, im Jahre 1919 durch die Kommunisten drangsaliert worden und im Nachbarort haben sie ein paar Leute erschossen. Das hat, wie ich gehört habe, der Preschitz getan. An dem kritischen Sonntag sei Josef Tscharmann zu ihm gekommen und habe ihm mitgeteilt: „Josef läßt dir sagen, du sollst gleich mit dem Gewehr kommen, weil die Schützbündler im Anmarsch sind." Daraufhin nahm er sein Gewehr, steckte Patronen zu sich md> lief ins Wirtshaus. Aber nicht in die Gaststube, sondern gleich in die Wohnung, wo er sein Gewehr erst zusammensetzte. Dann eilte er in d-ie Gaststube, wo er hörte, der Preschitz sei da, der schon ein paar Leute umgebracht hat. Unter seinen Leuten seien etwa 90 Prozent Kommunisten. Dann kamen wieder Frontkämpfer ins Lokal, die erzählten, beim Bahnhof gehe es schrecklich zu, die Frontkämpfer werden geprügelt, zwei seien schon erschlagen. Gleich darauf marschierte der Zug der Schattendorfer Schutzbündler am Hause vorbei, die Leute schimpften, dann kamen aber die Fremden, die „Krowoten". Sie stürmten ins Gasthaus. Ich eilte ins Wohnhaus und verriegelte die Tür hinter mir. Wir nahmen die Gewehre, der Josef schoß zuerst, ich gab dann noch zwei bis drei Schüsse durchs Fenster ab gegen die Mauer. Hieronymus hat dann auch noch in dem Wirbel ein paar Schüsse zum Fenster hinaus abgegeben. Auch er will gehört haben, wie vor dem Hanse von den Schützbündlern geschossen wurde. Der Vorsitzende verlas dann aus einem Akt über den Frontkämpserkommandanten Schefberger, daß dieser mit einem Begleiter im sozialdemokratischen Gasthaus ®alcc verprügelt und an die Lust gesetzt wurde. Die beiden bewarfen dann das Gasthaus mit Bierflaschen, Moser schoß aus dem Wirtshaus heraus. Schefberger eilte nach Hause und beschoß von dort aus das Wirtshaus Moser. Der Äorsitzende fügte dieser Verlesung die Bemerkung hinzu: „Das Schießen scheint in Schattendors landesüblich zu sein." (Heiterkeit.) Hierauf wurden noch die Sachverständigen im Schießfäch angehört, worauf die Verhandlung uu, heute vertagt wurde. Das Schachturnier in Kerskemet. Aus Budapest wird berichtet. Die neunte Runde des Schachturniers in Kecskemet, mit der die erste Hälfte abgeschlossen ist, hatte folgende Ergebnisse: Grünfeld schlägt. Szekely, Vukovic schlägt Berndtson, A l j e ch i n schlägt Asztalos. Remis wurden'die Partien Pakocs— Bringmann, Ahnes—Steiner, Przepiorka—Vajda, Tartakower—Dates, Niemzovitsch—Colle, Müller—Kmoch, Sarkolzy—Gilg. ‘ . An der Spitze stehen sornit Aljechin und Steiner mit je 8 Punkten. zwei jüdische Bolkssage«. Bon den „Sagen der Juden", der von Mischa Joses bin Gorion vor vielen Jahren begonnenen Sammlung, die ein Standard» . iwrt geworden ist, erscheint soeben im Verlag .Aütteu u. Loening, Frankfurt a. M., unter den: Titel „Juda und Israel" der Schlußband, besorgt von Rahel und Emanuel bin Gorion. Wir entnehmen den: volkskundlich bedeutsamen und umnderschönen Buche zwei Proben. MW. Und Josua, der Sohn Runs, hatte zwei Kundschafter Ms Sittim heimlich abgesandt und sprach zu ihnen: Zieht hin und beseht das Land und Jericho. Unsre Lehrer meinten, diese zwei Boten das seien Pinehas und Kateb gewesen. Sst zöge:: aus und gaben ihre (See!« hi» für die Sache, und das Vorhaben gelang vollauf. — Sie verkleideten sich als Dovfhändler Und riefe» überall aus: Hier sind Töpfe; wer oa )M, komme und. kaufe! Das taten sie aber, damit kein Mensch merke, daß Kundschafter ms Lcmü gekommen waren. Rahab, das Hurenweib von Jericho, zu der die zwei Späher gekommen waren, wollte die beiden verstecken, allein Pinehas sprach zu ihr: Ich bin ein Priester und ein Priester ist einem Engel gleich; will er, so wird er gesehen, will er, so bleibt er unsichtbar. Wso verbarg sie nur den Kalev. Ehe die Männer eingeschlasen waren, stieg sie auf das Dach des Hauses und sprach zu ihnen: Ich weih, daß Gott euch das Land gegeben hat; denn euer Gott ist der Herr des Himmels da oben und dev Erde da unten. — Da sprach der Herr zu dem Weibe Rahab: Du hast von nnr gesprochen, ich sei ein gar mächtiger Gott im Himmel und auf Erden; du hast von Dingen gesprochen, die du mit Augen nicht gesehen hast. Bet deinem Loben! Dein Sohnessvhu wird aufstehen und wird Dinge schallen, die kein Prophet vor ihm gesehen hat. — Damit wurde auf Jeremia hingewiesen. ch tAcht Propheten, welche Priester lvaren, sind der Hure Rahab entsprossen. Diese sind: Neria, Barnch, Seria, Mabasia, Jeremia, Helkia, Hanalel und Sallum. Mairche fügen/ auch di? Prophetin Hulda sei von den Kindeskiudern der Rahab eins gewescil. Es gab keinen Fürsten und keinen Bornehmen, der zu der Hure Rahab nicht eingegangen wäre. Man erzählt: Zehn Jahre war sie alt, als Israel aus Aegypten zog, und all die vierzig Jahre, da Israel durch die Wüste wanderte, trieb sie Hurerei. Fünfzig Jahre alt, bekehrte sie sich zum Gott Israels und sprach: Mir möge vergeben sein zum Lohn für das rote Seil, das ich zum Fenster in Jericho heraushängen ließ. . Rahab war Jüdin und vermählte sich dem Josua. * In Josua, dein Sohne Runs, ivard Joseph, der Sohn Jakobs, lebendig. Und lveil dieser sich gescheut hatte, die Genurhlin seines Herrn, Potiphar, zu nehmen, sollte Josua die Hure Rahab ehelichen, in welcher die Meghpterin aufs neue auf die Welt kam. # Rahab verführte jeden Mann, dev nirr ihren Namen aüssprach; Jael machte die Männer gefügig durch den Klang ihrer Stimme;' Mrgail riß hin, lvenn man an sie dachte; Michal damr erst, we:m man sie sah. Wer den Namen Rahab ausspricA, dessen Samen ergrcht sich. i Dies sind die vier schönsten Frauen, die es ans der Welt gegeben hat: Sara, Rahab, Migail und Esther. Die Mage der rochier gephtads. Nach Jair kam Jephtah, der Gileaditer, auf, welcher Israel von der Halld der Ammoniter aevett.< ihai't. Gr betete zu Mizpa und sprach: O 'Herr, erhöre ulls, laß dein Erbe nicht umkommeu und deine,: Weinberg nicht zertreten werden, sondern nimn: dich der Rebe an, di« du gepflanzt hast. Und er sandte Boten zu Giteel, dem König der!?Üumornter, und ließ ihm sagen: Was sind wir nnteinander, daß du zu inir kommst und Streit anfängst? Aber der Geist Gottes geriet über Jephtah, als er in der: Krieg zog, uiü> er tat ein Gelübde den: Herrn und sprach; Wenn du die Kinder Ummon in meine Hand fallen läßt, so soll das erste, ivas zur Tür meines Hauses mit entgegenkommt, wem: ich mit Frieden henNgekehrt bin, Gott geweiht sein und als Brandopfer dargebracht werden. Und Jephtah schlug dieUmmomter aufs .Haupt und demütigte sie vor Israel. Wsdünn kehrte er nach Mizpa zurück und. die Frauen und die Jungfrauen eilten ihn: entgegen mit Pauken und Reigen; aber seine Tochter war das erste, was ihm in seiner Vaterstadt begegnete, und sie war sein einziges Kind, und er hatte außer ihr kein anderes, weder eine Tochter rwch einen Sohn. Wie er sio nun sah, zerriß er setzte Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugeste, wie betrübest du mich! Tu, meine Tochter, sollst mein Verderber sein! Nun liegt für mich in der einer: Wagschale die Freude über beit Untergang der Feinde, in der andern mein eigen Fleisch und Blut; was wiegt mir schwerer? Mitten in der Trunkenheit des Sieges fügst du mir solchen Schmerz zu. Denn ich habe nurinen Mrnd «mfgetan vor Gott uick kann es nicht zurücknehinen. Da sprach seine Tochter Seela zu ihrem Vater: Worüber grämst du dich dem:? Schmerzt dich n:ein Tod, nachdem du an deinen Feinden Rache genommen hast? Gedenke unserer Väter, gedenke der Geschichte, wie; einst ein Vater seinen Sohn geopfert hat und beide, der Opfernde und der Dargebrachte, dem Herrn angenehn: waren. Tn also an mir, Vater, wie du gesprochen hast. Nur -ine Bitte gewähre mir, ehe ich sterbe. Gib mir eine Frist von zlvei Monaten, daß ich bete zu dem, dem ich meine Seele zurückgeben werde, haß ich die Berge ersteige und wieder hinabgehe, auf den Kügeln nächtige und über die Felsen ziehe, meine.Jungstanschaft zu beweinen mit meinen Freundinnen, unö Tränen darüber zu vergießen. Ich will nreinen Sinn kühlen über die dahingegaugene Jugend, und es sollen mich beweinen die Bäume des Waldes und die Toere des Feldes. Es ist mir nicht leid darum, daß ich sterben nkuß und daß mein Vater gelobt hat, mich als Opfer darzubringen; mir ist nur Mgst darum, daß mein Opfer mcht genehm Und metzr Tod vergeblich sein könnte. Da willigte Jephtah in den Wunsch seiner Tochter ein und sie zog mit ihren FveuMrmen hinaus in die Welt. Sie suchte die Weisen ihres Volkes auf m:d erzählte ihnen

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