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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-05 · Heft 3000 (5.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3000 (5.7.1927)
Date
1927-07-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. .3000 Wien, Dienstag Wiener Morgenzettung 5. Juli 1927 Seite 5 Tagesbericht. Marianne Hainisch fliegt. Der . Bundespräsideut Tr. Hainisch und seine Mutter, Frau Marianne Hainisch, unternahmen gestern nachmittags mit einem Flugzeug der Oesterreich!scheu Lustverkehrs-M.-G. cinsn Rmidflug Wer Wien und den Wiener Wald. Frau Hainisch ist achtzig Jahre alt! Man kann diese etvig jvnge Frau wirklich nur beglückwünschen, daß sie in ihrem ,Mter noch das Verkehrsmittel der komme,rdeir Generation kermen lernen will. Bravo! Die Nachricht von dom gräßlichen Fund, den Beinstumpf einer Frau, den zwei Fischer gemacht haben, hat gestern die Bevölkerung Wieras maßlos erregt. Nach dem Polizei« bericht war mit Sicherheit anzunehmen, daß man auf der Spur eines furchtbaren Verbrechens ist. Gestern fand nun die Untersuchung des Beines im G erichtlich-medizinrschen Institute statt, die ein überraschendes Ergebnis gezeitigt hat. Um es kurz zu sagen: Die Gerichtsarzte haben festgestellt, daß der Beinstumpf allem Anschein nach dnrch die Schaufeln eines Dampfers von einer Walserleiche abgerissen wurde. Man kann — so sagt das Gutachten — weder das Alter bestimmen,^noch die Statur der betreffenden Leiche, ebenso kann man nicht konstatieren, wann der Schenkelstumpf ins Wasser geworfen wurde, ob zwei Tage oder einige Wochen von der Auffindung. Man kann gar nichts feststellen. Nur das kann man feststellen, SPBZIALHAUS FÜR STRICKMOOBN M. HOLZER VI., Mariahilferstraße Nr. 89 (neben Flottenkino) — II., Tabor* srtaße Nr. 18 (Hotel National) — Karlsbad, Alte Wiese WOLL TRIKOTiUMPER-KLEID IN ALLEN FARBEN S 35- WASCHSEIDENSTRUMPFE $ S*»0 daß das Bein nicht mit einem scharfen Instrument ander Hüfte gelöst wurde und die Knochen nicht durchgehackt wurde«. Man ist vielmehr der Ansicht, daß der Schenkel von einer Wasserleiche herrührt, die an einen Dampfer angetrieben und von den Schaufelrädern zerstückelt wurde. Die Haut ist n i ch t scharf durchschnitten, sondern an den Enden ragen die Fleischpartien fetzenartig hervor und die Bruchstellen sind abgebrochen. Man kann auch nicht sagen, welchem Stande die Tote zu Lebzeiten angehört hat. Denn der Schenkelstumpf weist nicht die geringste Eigenart auf. Gestern las man es anders. Allerdings wird verlautbart, daß das Sichevheitsbureau natürlich nebenher auch die aus dem Publikum einlangenden Mitteilungen überprüft, doch ist man bei der Polizei der Ansicht, das das gefundene Bein keinesfalls durch ein Verbrechen von dem übrigen Körper getrennt worden ist. Jetzt wissen wir's! Srkan in Sinz. SaMIiWkze. — Sxmmii Da Wmmmße. Aus Linz wird dem „Oesterreichischen Pressedienst" telephoniert: Vorgestern zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags ging über Linz ein surchtbarer Orkan nieder,' der sehr bedeutenden Schaden anrichtete. In der Vismarckstmße wird ein Stockausbau durchgeführt. Infolge des Sturmes geriet das Gerüst ins Wanken und drohte einzustürzen. Die Polizei sperrte daraufhin die ganze Bismarckßraße ab. Durch Pölzungen konnte der drohende Einsturz noch rechtzeitig verhindert werden. Dagegen brach beim ständischen Wohnhausba-u ein Großgerüst nieder, das durch den Sturz eines Baumaterialienaufzuges mitgsvissen wurde. Da am Bau Arbeitsruhe herrschte, - wurde glücklicherweise niemand verletzt. Der Aufenthalt aus der Straße war geradezu lebensgefährlich. Die Straßen waren von den hera-bfallenden Maiserteilen und zerbrochenen Fensterscheiben besät. Eine große Anzahl von Häusern, darunter der Kaplanhof sowie die Stadtpfarrkirche, wurde zum Teil abgedeckt. Nur dadurch, daß die Straßen infolge des furchtbaren Unwetters menschenleer waren, sind keine Menschenopfer zii beklagen. Der Schaden geht in v'ele 100.000 Schisl: n g. Eine groß« Anzahl von Kaffcehausvorgärten und Terrassen, u. a. das Cafe Central, wurden vom Sturm zerstört. Biele tausende Fensterscheiben sind zertrümmert. Seit Jahrzehnten ist Linz von einem derartigen Orkan nicht heimgesucht worden. 21.500 Kraftfahrzeuge gegen 12.000 Werde. Das Ende des Gaules. Die Rathauskorrespondenz berichtet: Gegenwärtig gibt es in Wien 12.100 Kraftwagen und 9400 Motorräder. Die Zahl der Pferde aber beträgt nicht ganz 1 2.000. Interessant ist, daß die Gemeindeverwaltung gegenwärtig kein einziges Pferd in ihrem Fuhrwerksbetrieb besitzt; es wurden alle Fahrzeuge automoibilisiert. Wirbel im Burggarten. Wegen einer unterbrochenen Vorstellung. Die gestrige Vorstellung im Burggarten fand ein unliebsames Ende. Es wurden Produktionen der Tanzschule Bodenwieser vorgeführt, als knapp vor der Pause der einsetzende Regen die' Fortsetzung der Darbietungen unmöglich machte. Da trotz Drängens des Publikums die Vorstellung auch im Saale nicht mehr fortgesetzt wurde, begannen die Zuschauer zu protestieren und verlangten ' das Eintrittsgeld zurück. Diesem Wunsche ivuvde nicht entsprochen, weshalb es zu Lärmszenen kam. Erst als die Lichter ausgelöscht wurden und die Polizei eingriff, leerte sich der Garten. 81» Lustmord rm Waldvier d. Sieg-mundsherv erg, 4. Juli. Vor eim-gen Tagen fanden Kinder, die nach Beeren suchten, im Walde unweit Siegmundsherberg eine Frau au einem Baume hängend tot auf. Die Gendarmerie wurde verständigt und stellte fest, daß die Tote die Magd Leopoldine Wagner aus Kainresih ist. Das Mädchen befand, sich .m siebenten Monat ihnn Schwangerschaft. Da man keinerlei AnhaltspuEte für einen Selbstmord faüd, wurde das Bezirksgericht Horn verständigt, und diese Behörde sandte eine Kommission an den Tatort. Bei dem Lokql- I angenschein wurde mit Bestimmtheit festgestellt, daß der Selbstmord fingiert gewesen ist. Die Obduktion der Leiche ergab, daß die Tote zuerst dmch fremde Hand erwürgt wurde und dann, um einen Selbstmord vorzntäuschen, anfgehängt worden ist. Die Untersuchung ergab ferner^ daß das^.Mädche» noch vor ihrem Tode geschlechtlich mißbraucht worden ist. Die Gendarmerie ist dem Täter auf der Spur, und es ist anzunehmen, daß er noch im Laufe des/heutigen Tages festgenommen wird. Es wird gegenwärtig eine „blonde Frau" gesucht, die mit dem Kinde gesehen worden war. Mel Lärm um eine Wasserleiche. Sar Ratfei des nusgefischten Frauenbelnes gelöst. Rene Welt. zur itiffira v« giiDteltirapiic. Bon Kurt Mün^r. Rein spekulativ wird es immer nur ein Sieg des Scharfsinnes sein, zu beweisen, daß das Leben mit der Materie begann und diese den Geist aus sich entließ, oder daß der Geist der Uranfang rvar und den Stoff saus Willen und Vorstellung schuf. Aber wende man sich doch den erlebnismöglichen Tatsachen zu, zeitgenössischen Ereignissen, und konstatiere Ursache und Wirkung in ihrem real-logischen Ablauf. Haben wir die Allmacht des Gedankens, der noch nichts Bestehendes schafft, nicht allgemein erlebt? Witzige Geister beweisen den Geist als Urelement durch die Hysterie. Eine waschechte Hystrsi kann durch die Gewalt ihrer bloßen Vorstellungen physiologische Erscheinungen produzieren, sie kann vor unseren Augen an ihren Händen und Füßen, die kein Reiz von außen trifft. Wundmall: entstehen lassen, Röte, Aufbruch der Haut, Blutung. Nun, das sind Geschehnisse am eigenen Leib. Aber die Macht des Geistes vermag, ebenso über seinen Träger hinaus, durch den Raum, über die -Heit zu wirken. Unsere großen Künstler haben an unserem Weltbild nicht tveniger entscheidend gearbeitet als Gott. Man kannte die Alpen, die Matten und Gipfel und Gletscher unserer Bergkönige. Aber niemand sah den Aether da oben flirren und flimmern, ehe nicht Segantini ihn gemalt hatte. Er schuf diese klare, vibrierende Luft, die wir seit seinen Bildern entzückt genießen. Wir wanderten im Grunewald, es war ein gemeiner Kiefernwald mit trokkenem Holz, tristen Seen, farblosen SttmmungeN. Aber eS ist der wahre Grunewald erst geworden, als Leistikow ihn entdeckte. Erst seit diesem Maler des Waldes sehen wir, daß die Kiefernstämme rot glühen, daß die Seen die tiefen Augen der Weltmolancholie sind,' daß in den grünen Abendhimmeln' über' den braunen Wipfeln alle seligen - Ströme ‘ schöpferischen Farbenjuibels . ziehen. Bor LeWkow schimmerte keine weiße Villa nächtlich zwischen kahlen Baumästen und war ein offenbarer Teil des großen Geheimnisses. Die Dinge sind wohl da, ihre Form, ihr Gerüst, ihr Umrist. Die Seele tut der schöpseuische Menschengeist hinein; der Gedanke eines Hirnes fährt lebenspendend in die bis dahin sinnlose Erscheinung. Der> Dichter empfirü>et, in die Tiefe seines Wesens steigendein Schicksal; und die Menschen leben es nach Goethes „Werther" brachte den Selbstmord aus Liebe in die Welt. Seit dieses Buch da war, kam feine neue Erlebnismöglichkeit unter die Menschen. Und ich will behaupten, daß es nicht möglich war, dieses Buch zu kennen, um Werthers Schicksal nachzuleben! In entfernten Erdteilen, bei Menschen, zu denen nie ein Ruf und eine Kenntnis des Romans drang, ereignete sich plötzlich ein Geschick, das Goethe erfunden hatte. Kein Gedanke, der in die Welt tritt, kann auf sich beschränkt bleiben. Es tut nicht einmal not, ihn auszusprechen. Sein Dasein wirkt im Metaphysischen aus das Kosmische, teilt sich dem Allgeist mit und senkt sich von da in andere Seelen. Und um es ganz kühn zu fassen: Goethe hätte nichts ausschreiben müssen, nichts hinterlassen an Leistung und Werk — und seine Existenz hätte nicht weniger als seine gesammelten Bände sein Land, die Welt erfüllt, entwickelt, befruchtet. Menschen brauchen nichts von Jakob Wassermann. zu ahnen: und wie viele Frauen haben heute schon das Schicksal der Renate Fuchs nachgelebt! Wie viele junge Männer folgen den Wegen Christian Wahnschaffes und wissen nicht, daß eine Gekstgchnlt sie führt! Das mag die Probe auf das wahrhaft Schöpferische des Künstlers sein, daß seine Erfindungen die Kraft haben, sich vielfälttg und allenthalben auf Erden in reales Erlebnis .umzusetzen. I Man spricht 'fo oft von der Gleichzeitigkeit eines Erfindergedankens in vielen Köpfen. Erfindungen lägen in der Luft und entstünden identisch in mehreren Gehirnen. Ich glaube nicht an eine absolute Gleichzeittgkeit. Ein Mensch hat den fruchtbaren Gedanken zuerst- und erst dieser entstandene teilt sich auf dem mystischen Wege des kosmischen Allgeistes den anderen Gehirnen mit, fo daß dann die Ausführung des Werkes fast zusammenfallend stattsinden kann. Aber der Gedanke selbst ist einmalig; die Urzeugung ist immer eine einzige. Erst die hsrauSgetretene Schöpfung ruft Identisches ins Leben. Nicht das Bedürfnis ist da und erzwingt die Erfindung: das Erfundene erzeugt die Bedürfnisse danach. Daß es in der Welt seit Jahrzehnten so viele Frakturen gibt, liegt nicht am gesteigerten Verkehr, an der Hast und Hetze unseres Geschlechtes, sondern an dem Röntgenstrahlen!... Erst seit es durch die Röntgenphotographie und die ins Wunderbare vollendete Chirurgie so leicht und einfach und schmerzlos geworden ist, Brüche restlos zur Heilung zu bringen, haben diese Brüche sich! nachweislich so vermehrt. Das Heilmittel erzeugt die Krankheit! Man könnte versuchen, psychologisch zu erklären: die Gewißhett der Heilung mache die Menschen unbewußt leichtsinniger, unvorsichtiger. Wer damit ist die metaphysische Tiefe dieses Problems nicht erreicht. Die Deutung liegt, in der Mmacht des Geistes. Der Gedanke jcuft die Tatsachen ins Leben! Das Salvarsan hat die Lues vermehrt. Seit Syphilis heilbar ist, wächst die Krankheit dem Heilmittel üppiger zu. Würde ein Serum gegen Karzinom erfunden, würde ieber dritte Mensch Karzinom bekommen. Entdeckte ein Forscher einen Stoff gegen eine noch, unbekannte, von ihm künstlich gedachte Krankheit, so würde die Menschheit alsbald von dieser Krankheit befallen werden. Je weiter die Technik der Entbindung entwickelt wird, desto schwerer werden die Geburten des neuen Menschen. Seit es Brillen gibt, verschlechtern sich die Augen. Und die Ausbildung unserer Ferngläser wird uns bald ganz der Fähigkeit berauben, in die Ferne» zu sehen. Nicht der Gedanke ist Ergebnis, sondern die Vorgänge sind die Kinder des GÄankens. Was ist das Ende dieses geistigen Primats? Der Tod am Geist, der Untergang in den Geist. Und Sinnbild unseres Seins ist das Kino. Hier wird das Erlebnis aufgehoben. Es gibt nur noch Zuschauer, Beobachter. Alles ist Gegenstand geu/prden, Ergebnis. Einmal gab es schöpferisches Schauen, jetzt nur noch gegenständliches Wissen der Wirklichkeit. Der Mensch ist als Abschluß der Tierentwicklung das ebenso entseelteste wie durchgeistigtste Geschöpf. Aus lebensbauendem Element tritt es in unmagische, unmythische Vernunstsphäre und spricht sich das Leben ab, indem es sich unsterblich macht... Denn ist der Mensch nicht schon ebenso gleichzeitig an verschiedenen Drten wie der Zeit und ihrer Vernichitung entrückt? Man kann den Menschen drahtlos nach allen Erdteilen, nach schwimmenden Schiffen, nach Gipfeln Versen-

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