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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-05 · Heft 3000 (5.7.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3000 (5.7.1927)
Date
1927-07-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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O 'Sette? Wien, Dienstag '- it' Front der Völkischen such gegen sie wendet nrw da die Hitlerleirw dem Kardinal Faull)aber an den Leib gingen, sieht das Zentrum die Sache Frttifcf>er an. Nun ist aber die Position dieser Partei in dieser Frage keine gute. Cvfyrc Genossen in Oesterreich sind mit den Rassegläub>'gln völkischer .Mt aus Gedeih und ^Verderb verbunden. Sogar dcreu Ans drucksweise l>at auf die Christiichsozialen abgefärbt und der Einl-eitsliftler Jerzabek, der doch gut christlich ist und zur Fahne des Bmtdeskanzlers schtvört, spricht in seinen Der« smnmlungen vom Judengesindel. Man must ihm -das nicht weiter Nachträgen, aber es ist doch ein gewisser ZusanlMenhang da zwischen ihm mrd dem Zcntnrmspolitiker Schwerin, der von der Häresie spricht, und dem Parteiprograrmn der österreichischen Christlichsoziale», das den zersetzenden Juden als deutsche Partei den Streit verkündet. Gewiß sind die Gedankengängc, gegen die sich Herr Schwerin stellt, schon weiter gekommen, als man gemeiniglich amrimnrt. Tenn er ruft allen Katholiken in Deutschland zu. sie mögen aus der Hut sein, da sich Unheil gegen sie vorbereite, Es sei Gefahr, daß sich ein Zustand stabilisiert, der Unduldsamkeit und Unfreiheit bedeutet. Das istin der Tat der AMisemitismus, der immer als Vorlätlfer und als Nutznießer der politischen Reaktion auftritt. Es ist ihr Flmnmenzeichen, das meldet, tvenn wieder ein Sturm auf den RcchtsfinN unternommen wird und die von den Völkischen (o heiß ersehnte! Rechtlosstellmrg der jüdischer Bevölkerung wäre für sehr starke Gruppen in Deutschland das Präjudiz, das sie brauchen. Aber das ist doch das Ziel,, für das in Oesterreich die Genossen des Zentrums und die Riehl-Leute gemeinsam streiten. Es ist das,'Flcmrmenzeichen ihrer Häresie. Häuslicher Kries in der Haken« ftettjlctei. Hitler will den Schulz und den Riehl nicht. Unter den österreichischen Hakenkreuzlecn gibt es trotz ihrer Unbeträchtlichkeit mindestens drei Spielarten, die sich zeitweise wütend befehden. Neben der eigentlichen Hitlerpartei strengster Observanz treibt noch die sogenannte nationalsozialistische Arbeiterpartei eines gewissen Schulz ihr Unwesen. Eine dritte Spezies ist durch Dr. Walter Riehl und seinem deutschsozialen Verein repräsentiert, der übrigens bereits bei den Großdeutschen als Afterpartei Unterschlupf gesunden hat. Da die Wahlen vorüber sirrd, ' scheinen für den Unfug der Agitation dieser Grüppchen die Gelder nicht mehr so reichlich zu fließen, wie noch vor wenigen Wochen, und die Brüder im Reich, die das Unwesen hier finanzieren, dürsten die Bedingung gestellt haben, die Hakenkreuzler mögen sich zunächst zu einer wirklichen Partei zusammenschliehen. Also entschlossen sich die Schulz-Gruppe, die in Sankt Polten ayi Sonntag eine Reichskonferenz abhielt, und der Dr. Riehl an den Parteipapst Hit l e r, der mit seinen österreichischen Getreuen in Freilassing bei'» sämmensaß, einen Schreibebrief zu richten, worin sie ihre Vereinigung mit der Hitler-Bewegung anboten. Hierauf langte aus Freilassing eine Drahtung ein, aus der hervorging. daß Hitler eine Vereinigung a b l e h n t. Er verlangt die Unterwerfung der Schulz- und der Riehl-Partei oder offenen Kampf, den natürlich der. Stärkere für sich entscheiden würde. Und Hitler hofft, der Stärkere zu sein. Die beiden Splitterparteien wollen sich, natürlich nicht unterwerfen und nehmen nunmehr nach rechts Fühlung, das heißt, sie beabsichtigen mit den rassenantrsemilischen Elementen der Großdeutschen imd Christlichsozialen wieder etwas Pogromstimmung in Wien zu erzeugen. Der Auftakt hiezu war eine Versammlung beim Dreher, irr der I e rzab ek. Riehl und der ewige Student Ky r -- b e r gegen die Einheitsliste frondierten und die dreckigsten Verleumdungen rmd Beschimpfungen gegen die Juden vom Stapel liehen. Die Uneinigkeit der Hakenkreuzführer darf nicht unter-., schätzt werden. Je mehr sich die einzelnen Parteihäuptlinge aus Ehrsucht und wegen sonst recht dunkler Ursachen be--. kämpfen, um so mehr suchen sie durch -Forcierung einer. wütenden antisemitischen Hetze einer dem anderend a s W a s s e r a b z u g r a b e n. Erfahrungsgemäß nimmt. allsommerlich mit der steigenden Hitze die Zahl der..Fälle, von Hundswut und die Intensität der antisemitischen Agitation zu. »er König von Aegypten In London, London, 4. Juli. (Reuter.) König Fuad von Aegypten wurde in Dover vom Prinzen von Wales Empfangen. Um 3 Uhr nachmittags erfolgte die Ankunst im Londoner Bahnhof, wo König Fuad vom König von England und dem-Prinzen sowie von den Ministern empfangen wurde. Gin Ehrengeleite von Infanterie. Kavallerie und königlicher Garde war ausgerückt. SSvirnmende WMsey ln orean. Nach dem „Daily Chronicle" nimmt Coolidge großes. Interesse an dem L i n d b e r g h s ch e n Plan der Errichtung schwimmender Aerodrome (Flughäfen) in je 800Meilen Entfernung aus dem Atlantischen Ozean. Eoolidge hofft», daß auch andere Negierungen diesen Plan aufnchmen werdm und glaubt, hinnen fünf Jahren Flugzeuge auf privilegierten Routen über den -Atlantischen und Stillen Ozean verkehren zu sehen, welche die P o-ft. Passagiere um d Eilgüter befördern würden. Wiener Morgenzertung 5. Juli 1927 «r. mo Scharfe Schüsse beim ManSver. Belgrad, 2. Juli. Wie aüS Puiarest gemeldet wird, ereignete sich gestern bei den Kavallerieregimentern iit Kischinew ein schrverer Unsan. Der Reginrentskomman^-ant hatte eas Regiment in zwei Teile geteilt, von denen der eine i,en andern anzngrcifen hatte. Ms der angreifendc Teil in die Nähe des Gegners kam, wurde das Feuer eröffM. Gleich nach den ersten SclMsfen stürzten einige Soldaten des angreifeudcn Teiles zu-Boden und riefen um Hilf«. Das Feuer wurde sofort eingestellt und alsbald stellte es sich heraus, daß die Verteidiger mit scharfen Patronen geschossen hatten. Zwanzig Soldaten erlitten -teils schwere, teils leichtere Verletzungen. Zwei Soldaten sind-ihren Verletzungen erlegen. Ter Kriegsminister bat eine strenge IlntersuchiiM angeordnet. Ae Hetze gegen Peoseffi» Aeaelnss. Wie noch erinnerlich, war :m Vorjahr auf Bewerben »Mischer Angeber eine Diszi-plinaruntersuchung gegen den Assessor des römischen Rechtes Dr. Brasloff ejngdlertet worden. mell er angeblich in seinen Vorlesungen unsittliche Aeutze« ruugen getaU hwben sollt«. Professor Brasloff wurde rehabilitiert. Di« völElschen Radaustudenten verteilten gegen ihn beschimpfende Flugzettel. Da einige von ihnen dabei erwischt wuüwn, mutzt« sich der akademische Senat mit ihnen befassen Md die Diqzipttnarkommisiion hat fünf Studierend«, davmter eine.Hörerin, für ein Semester relegiert. Die Gematzrege-l-ten 'haben die Beschwerde op das Unter* rirhtSmiwtperrum ergriffen. Professor Behrens verläßt Wien. pt itcttct stwtrorottiKU* ' Wie die „Wissenschaftlichen Nachrichten" melden, wird der bekannte Archüekt Professor B e h r e n s W i'e n verlassen und nach Berlin ü b e r s i e d e l n. Es ist das alte Lied. Menschen, deren geniale Arbeitstraft über ihre Kollegen und Konkurrenten hincmsragt, werden tveggeekelt. Vor sechs Jahren wurde Professor Behrens, einer der bedeutendsten und. berühmtesten Baukünstler der Gegenwart, nach Wien an die Akademie berufen. Man versprach ihm Aufträge und Wirkungskreis, man versprach, ihm alles Mögliche, so daß Behrens tatsächlich Berlin verließ und eine Architekturklasse an der Akademie der bildenden Künste übernahm. Aber die Art und das kiinstlerifche Wollen Behrens paßte den Professoren, die feit langen Jahren, an der Akademie warm, nicht, und so fand . Behrms seine Schule weit entfernt von der Akademie vor, in ganz unzulänglichen Ränmm der — Stistskaferne. Trotzdem bildete Behrens in kurzer Zeit eine Schar von jungen Architekten heran, die zu der besten künstlerischen Jugend zählt, die in Oesterreich tätig ist. Aber vergebens war- I tete Behrens auf A u f t r ag e. Er erhielt zwar einige Ge-! s- . \ : rneindebauten, aber er konnte seine Eigenart dabei nicht auf» zeigen, er mutzte sich dem Diktat des Stadtbauamtes beugen. Und bald mutzte er empsinden, daß man ihn in Wien nicht als den bedeutenden Führer der zeitgenössischen Architektur begrüßte, sondern alS unangenehmen Konkurrenten, den man hinansekeln wollte. Jetzt ist ihm die Geduld gerissen. Gr gibt die Akademie-, klaffe auf und geht wieder nach Berlin, wo ihn Aufträge in Hülle und Fülle erwarten. Man wird müde, immer wieder gegen die Mittelmäßigkeit anzukampfen, die im künstlerischen Leben Oesterreichs dominiert. Wer immer von Rang und' Namen, von Ruf und Können, in Wien tätig ist, der wird solange mit kleinlichen Angriffen verfolgt, bis er der „alten Kunststadt" den Rücken kehrt und nie mehr wiederkommt. Wieder einer. Sine Beruhigung allerdings haben wirr Viele vom Range des Künstlers, der nun ins Ausland geht, haben wir nicht mehr, mrd so können die Herrschaften bald in Ruhe schlafen... Wer kauft Imn-Zum-Geschosse? - Eine Kilenkreiiz-Prrlslistk. In der „Prager Pveffe" schreibt Reinecke: Eine niedliche Preisliste ist mir in die Hände geraten. Die Firma Paul Arendt, Sulzbach, Ob-erpfalz, Daye-rn, verschickt ihr Ausrüstungs-Preisverzeichnis an sämtliche Hitler- Leute. Der Prospekt' (selbstverständlich mit Hakenkreuzen vorn und hinten geschmückt), besagtwas alles bei dieser Firma erhältlich ist: es ist wirklich, interessant. Man bekommt: Braune und schwarze Hitler-Hemden, Brustabzeichen mit einem Totenkops für Hemden und Röcke, braune Hitler-Breecheshosen, braune und graue Windjacken, Leib- und Schulterriemen, ebenfalls mit Hakenkreuzen geschmückt, Hitle^-MüM, Werwolfmützen mit Trikoloren, Hakenkreuz und Totenkopf, Hitler-Hosenstoffe, feldgraues Tuch, Patronentaschen, Wehrstücke mit 'Bajonettaschen, als Stockhälter, Stcchlruten, Pylizoigummiknüttel Warfe .-Lebensretter", Schlagringe,. Pistolen und Munition (das Md zeigt Dnrn> Dnm-Geschosse), Stempel aller Art für Ortsgruppen, Waffenröckknöpfe mit allerlei Symbolen und auch — Bücher, selbstverständlich urgrnnanische Bücher und vöMsche Schriften, icmf die wir noch zurückkominen loerden. ' . „Ortsgruppen, Parteigenossen! Der Parteitag naht!", mit diesem Satze beginnt die Reklame des Prospektes.- Tornister, Brotbeutel, Feldflaschen, Kochgeschirre, Beilpicken, Stahlhelme, Jungdomützen, Peichsflaggenmützen, .Nationalmützen, UebunEswurflörper, Seitengewehre, Zeltbahnen:, mein Liebchen, was willst du noch mehr? Auch Symbolisch es hat die Firma auf Lager: Hitler-Sturmfahnon, Fahnenstangen, Fahnenspitzen,' Fahnenträger-Banvolier.- MrchstvchfUtteralq für Fahnen, Fahnen-, tväger-Brustschilder, Fcchrradwimpel, Armbinden mit roten, schwarzen und weißen Hakenkreuzen, Manschettenknüpfe mit Hakenkreuzen, Partei-Koppelschlösstr, Damen-Anhänger, Ziertaschen-- tücher, Fingerringe, alles miit Hakenkreuz, Zigarettenetuis mit Dcnksprüchen a la „Großdeutschllrnd, erwache!", Tisthstandarten, Klaviernoten: .Kamerad, reich mir die Hände". „Deutschland, erwache", „Sturm, Sturm, Sturm" von Dietrich - Eckardi. Es gibtauch Hitlev-Füllbleisttfte, Füllfederhalter, Hakenkreuzkalen-er, „atlönalsozialistische Jahrbücher — und nun kommt der Clou, Das geistige nämlich: 20 verschiedene Juden- und Gedicht- Postkarten. Jawohl: neben Kartentaschen, Stinkbomben aus Glas, völkischen Frontkämpferschwertern mit Hakenkreuz, Vchlageter* Haktnkreuzen, nebst Trommeln und Pfeifen hat die Firma auch Literatur auf Lager: „Httleo-Pryzeß", ,L)er vöMsche Ludenp dorf^, „Die Protokoll« der Wotse« Von Zion", „Adolf Hitlers Reden", „Ludendorffs Warnung", „Judas* Ächuldbuch", „Internationale Hochfinanz", „Pest in Rußland", „Das neue Deutschland „Die entlarvten Judonfreund e", „Quer durch die Gegenwart", „Der deutscho Hvi-, land"- „We l t v er nichtung durch die Juden", „Erotik und Rasse", „Die Judenim.Plrfeil-de^r „Das Gesetz des Nomadentvms", „D-r deutstho Karr", „Die Wanzen",' „Ind Günther" (dir letzten drei sind Romane),^ „Deo falsche Gott", „Handhnch dev Juden.fr»<$<', ,Lfudas/ im .Haxn7^ ,DaÄ HMckveuz.stzi« «cfpamF/, RÄttsel d-e s jüdischen G-r^f-v^ g os", „D<a: vnto r - nationale Jud^, „Richard Wagner und die „G-oethe und die Jud-en", „Luther und die Juden", „Unmoral im Talmud", „Jesuitismus und Poltsgestchr" «nd dergleichen. Nicht bloß die Juden, sondevn iau ch^di'vJ-esu i ion bilden den ständigen Angsttraum der Hitler-Leute. Es gibt auch eine große politische Hakenkreuzliteratur Wer die Probleme der inneren und äußern Politik. Dann devkauft auch die Firma Fackeln für eventuelle Fockrl-üge. Au alles hat man gedacht, sogar auch an die Bier- und Weinzipfel. Es gibt auch eine ganze Porträtsammlung von den hcckenkreuzlerischen Größen und Judenbilder Mark« Knoblauch. Ein besonders gelungener Scherzartikel: ,,F r e i f a h r k a r t e n a ch Jerusalem, gültig ab jeder deutschen Station, nicht übertragbar. Hin und nie wieder zurück, 4. Kl. M. 00.—" Beste Werbereklame! Ein jeder bestelle zum Verteilen an die Freunde!" Das.ist noch lange nicht alles; ich habe erst das Drittel der Preisliste abgeschrieben. Daß in Deutschland öffentlich Du m-Dum-Geschosse und a nder-a Kriegs- Waffen angeböten werden, mag den Politiker intereffieren. Ich habe mir das Zeug abgeschrieben, bloß imt eine. Causerie darüber zu schreiben; und sehe, daß es am wirksamsten ist, die Tatsachen selbst sprechen zu lassen. Zum Schluß folge noch eine Kostprobe der hakenkreuzlerffchen GeschäftSpoeste. Das Motto der Preisliste lautet nämlichr „Es bricht sich Bahn, nur das was gut; Beim Einkauf mußt du daran denken: Bor Billigkoit sei auf der Hut, ES kann dir niemand etwas schenken!" Die Hitler-Artikel sind wirklich auch gar nicht billig. Dir Pointe hätte ich beinahe vergessen. Die Firma halt es für angezeigt, ihre Hakenkreuzartikel mit folgendem Satze anzupreisen: „Empfehlt uns allen Verbänden, sorgt; daß diese nicht bet Juden kaufen!^ Sollten am Ende die jüdischen Firmen auch Hakenkreuze verkaufen? m «ahnmm Haifa—Bagdad. Mrs Jerusalem Wich uns geschriebeu: Wie der.,,Ha. vetz" bericKet, nehmen jetzt englische Ingenieure Vennesjlutwen im Jördantale «ruf hem Wege von. Bvisqn nach Wadi Sarko vor, die in Verbindung mit dem geplanten Bahn* bau von Haifa nach Bagdad stehen. Die Traee jutt durch das Jychmtzal, Dransjvrdmien und' die Isyrischef Mste gehen. Me Aufgabe der Ingenieure, die die Bmnesfungen vor- Zehnten, ist di« genau« jFeststellung der Röute für diöfe BaW. Trarisjordaniel« wird so eine direkte Bahrrverbin- Wch M Palästina eMtm, ohne BerliHruW des ftm- Mchm MNatMM Di« Büecke -Da soll r«w W Mn Dotm Meer vepMgert wechen.

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