Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2998 (3.7.1927)
- Date
- 1927-07-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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6dtr w Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 3. Juli 1927 «r. 3998 indisches leben Konstituierung de» Mischen Gemelndebnnde» für die Tschechoslowakei. Mus Bratislava wird uns berichtet: Äm 29. Juni fand hier vre konstituierende Versammlung des jüdischen GemeindebuiÄes für die Slowakei statt. Nach einer lebhaften Debatte über die religiöse Richtung des Gemeinvebundes und ganz besoldet S über die Verwendung der Orgel wurde zur Wahl geschritten. Zum Präsidenten wurde Dr. Viktor Stein, Bratislava, zum Vizepräsidenteit Dr. Guth, Nove-Zamky, und Rabbiner M. S t e i n, Trnava, gewählt. Außerdem wurde ein aus 14 Mitgliedern und 10 Ersatzmitgliedern bestehender Laienausschuß und 9 Rabbiner, die dem Ausschuß gleichfalls angehöre», gcn-ählt. In der darauffolgenden Beratung wurden Fragen der Gründung eines Rabbiner- und Lehrerseminars, der Pensions- Versicherung der Angestellten sotvie der Schaffuitg eines LazarettnndeS für daS in Bratislava zu errichtende behandelt. Ae Kriegrlote« der Berliner jüdischen Gemeinde. Gin Ehrenmal für 3590 Gefallene. Am Montag, den 27. Juni 1927, vormittags 11 Uhr, wurde auf dem Ehrenfelde des Friedhofes in Weißensee ein Denkmal für die im Weltkriege gefallenen Söhne der jüdischen Gemeinde Berlin feierlich enthüllt. Bou dem im Weltkriege gefallenen 12.000 deutschen Juden entfallen auf die jüdische Gemeinde zu Berlin etwa 3500. An bevorzugter Stelle des Friedhofes in Weißensee ist das Ehrenfeld angelegt, auf welchem 365 Frontkämpfer uttd ein der den Unruhen irk Oberschlesien gefallener Pfadfinder ihre letzte Ruhe gefunden haben. Dieses Ehrenfeld ist mit einer 2 Meter hohen, geschlossenen Mauer umgeben. Schlichte, gleichförmige Steine befinden sich an den Gräbern der Soldaten. Auf einer terrassenförmigen Erhöhung des Feldes hat das Ehrenmal für die Gefallenen seinen Platz gefunden. Dem Denkmal ist die Form eines monumentalen Altars gegeben. Die Entwürfe zu dieser Anlage stammen von dem Gemeinkebaumeister, Regierungsbaumeister Alexander Beer. Es trägt an der Stirnseite die Aufschrift: „Ihren im Weltkriege gefallenen Söhnen Die jüdische Gemeinde zu Berlin." An den beiden Seitenfronten ist in hebräischer Sprache die Aufschrift enthalten: „Asah kamaweth ahawah" (Wie der Tod, so stark ist die Liebe). Die Enthüllungsfeier, die bei fortgesetzt strömendem Retzen vor sich ging, machte auf die zu vielen Hunderten erschienenen Ehrengäste einen sehr tiefen Eindruck. Unter den Teilnehmern befanden sich .Vertreter sämtlicher Behörden, der Kriegerverein« und aller jüdischen Verbände. Bei der Enthüllung leisteten die Militär Vertreter die Ehrenbezeigung, woraus die jüdischen /Frontsoldaten defilierten. Son der Jüdischen National» nnd.UniverfltütS' biblkother ln Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Der Jiidischen National- und Universitätsbibliothek ist durch die Herren Sidney P r i tz itnd Max H i r s ch (Cincinnati) die Möglichkeit gegeben worden, eine sehr wichtige Handschrift zu erwerben: eine Thorarol'le der Samaritaner. Die Rolle ist im Jahre 890 der muselmanischen Zeitrechnung, das ist im Jahre 1485, geschrieben worden. Die Thorarolle hat, wie aus den am Schlüsse ausgezeichneten Bemerkungen hervorgeht, mehrere Male ihren Besitzer gewechselt und war zuletzt einer Bank verpfändet. Sie wurde nunmehr der Bibliothek einverleibt. Die -der Bibliothek a nge-hürnde Autograp hensammlung Dr. A. Schwadron ist in den letzten Tagen ebenfalls durch eine sehr wertvolle Spende bereichert worden. Herr Kommerzialrat- Emil Honigmann, Sohn des Schriftstellers David Honigmann, dessen Bücher „Das Grab von Sabionetta" und „Berel Grenadier" esinerzeit viel gelesen wurden, hat der Bibliothek eine Anzahl von Briefen Berthol-d Auerbachs zum Geschenk gemacht. Auerbach war mit David Honiginann sehr befreundet uw» die Briefe legen Zeugnis von dieser Freundschaft ab. Professor Boris Schatz überbrachte aus Amerika als Geschenk des Herrn Nathan D. Kaplan eine Anzahl sehr »vertvoller Handschriften, u. a. eine Handschrift des Tarschisch von Mosche Jbn Efra, die von dem bekannten Gelehrten ScÜ-omon Frensdorfs auf Grund einer alten .Handschrift angefertigt wurde und starke Abweichungen gegenüber der gedruckten Ausgabe enthält. Unter den Manuskripten befindet stch auch eine Handschrift von Rabbi Menachem Asarja aus Fano (das Buch Mea Kstta) und eine Ausgabe dr Konkordanz von Buxtorf, welche bedeckt ist mit -handschriftlichen Bemerkungen von der Hand Rabbi Wolf Heidenheims. Herr Jehoschua Gordon übergab der Bibliothet eine große Sammlung jiddischer Bücher und Zeitschriften, u. a. die sehr seltene Zeitung „Der jüdische Kongreß", welche von Pinchas Ruthenberg '.m Jahr« 1915 in Ncwyork herausgegeben wurde. Die Herren Gustav Steiner und Dr. Julius Fisch! in Prag Übergaben eine Sammlung von Büchen aus dem Gebiete der Pädagogik und Heilpädagogik. Bou dem italienischen Komitee ist eine neuerliche Sendung eingetroffen, dje neben einer großen Anzahl moderner Werke 'auch wichtige Werke zur Geschichte -der italienischen Jliden enthält, darunter alte Ausgaben, wie z. B. L'ebraismo della Sicilio, von Giovanni di Giovanni (1746) und eine sehr schöne Handschrift der Erklärung zur Thora von Rabbi Mosche Cordovero, ein Geschenk des .Herrn Ing. Gualtiero C i v i d a il l i. Senator Barellt über den PalSftina-Ausbau. In der letzten Nummer der italienischen Zeitschrift „Echi e commenti" befaßt sich der ehemalige Unterrichtsminister Senator B a c e l I i mit deni Zionismus und dessen Planen für den Wiederaufbau Palästinas als jüdische Nationalheimstättc. „Die Bemühungen des jüdischen Volkes — schließt Baeelli seine Ausführungen —, sein altes Vaterland wieder aufleben zu lasten, müssen von jedem, der Hirn und Herz für die Gerechtigkeit besitzt, mit besonderer Freude und Genugtuung ausgenommen werden. Alle großen Ideen erscheinen bei ihrem Entstehen als Utopien und werden von oberflächlichen Menschen verspottet oder verfolgt. Die Kraft, die jeder gesunden und auf Gerechtigkeit ausge-- bauten Idee innewohnt, besiegt jedoch zum Schluß alle, dem großen Gedanken entgegengestellten Hindernisse. Hiezu gehört auch die Idee der Wiederbelebung der uralten Heimat der Juden, und deshalb müsse das Streben eines solchen Volkes nicht nur mit Sympathie begrüßt, sondern auch g e f ö rpe r t w e r d e n." / Lrmsbtz Tore über das Medererwachen der hebräischen Sprache. In der britischen Reichs-Unterrichtslonferenz, die gegenwärtig in London tagt, sprach im Rahmen der Vorträge „Erzichungsprobleme ■ der tropischen und subtropischen Länder" Herr H. E. Bowman, der Direktor des Erziehun-gswefens in P a l ä st i n a. Der Unterstaatssetretär für die Kolonien, Herr Ormsby Gore, führte in seinen Resümee ans, man könne die Landes- und Mutterjprm--m gegenwärtig im Erzichungslvesen mehr zur Geltung bringen, als dies in der Vergangenheit geschah. Als Beispiel führte er die hebräische Sprache in Palästina an. Dort ist diese Sprache zu einer lebendigen geworden. Ich Palästina werden die Muttersprachen schon in den Elementarschulen als Unterrichtssprache angewandt. Das Englische. lvird gepflegt, aber nicht als Mittel zur Verdrängung der Heimatsprächen, sondern als Mittel zur Bereicherung des Heimatlebens. Amerikanische Hakerikrenzler. Wie schon mitgeteilt, haben sechs christliche Aerzte des Hofpitales in Brooklyn (-bei New Jork) drei jüdische Kollegen in raffinierter Weise gepeinigt, nachdem sie sie vorher gefesselt und geknebelt hatten. Die sechs Aerzte Iv-urden ihrer Posten enthoben, an ihre Stelle kamen vier jüdische Aerzte. Die gemaßregelten Aerzte erklärten sich einverstanden, freiwillig auf ihre Posten zu verzichten, wenn die gerichtliche Anzeige unterlassen werden würde. Der Staatsanwalt wies dieses Angebot ab und erhob die Anklage, über die demnächst verhandelt werden wird. Der Wohlfahrtskommissär C o l e r ersuchte die Exzedeuten, sofort ihre im Hospitalgebäude befindlichen Dienstwohnungen zu räumen. Patzschikaneu m Palästina. Aus Jerusalem wird uns berichtet: Bor kurzem kam mit einem Touristenschiff Herr Aron Kongretzkt aus Polen in Haifa an. Er war im Besitz eines Einreisevisums, das jedoch nur noch 20 Tage Gültigkeit hatte. Die Hafenbehörde verweigerte jedoch Herrn Kongretzki die Landung mit der Begründung, daß keine Sicherheit dafür bestehe, daß er vor Ablauf des Visums das Land verlassen werde. Alle Interventionen Beim Einwanderungsdepcirtement in Jerusalem blieben erfolglos. Auch der Hinweis darauf, daß Kongretzki Besitzer eines größeren Bodenareals in Palästina sei, blieb unberücksichtigt. Kongretzki mußte das Land verlassen und nach Polen zurückkehren. Diese Haltung der Palästinaregierung hat beareffllcherweise in Palästina unliebsames Aufsehen erregt. FünfundsievzigjährigeS Jubiläum des jüdischen FranentwretneS in Subotiea. Der jüdische Frauenverein m Silbotrca (Jugosla-wien) feierte vor einigen Tagen das Jubiläum seines 76jährigen Bestandes. An der im Fcstsaal des Rathauses äbgehaltenen Festsitzung nahmen die Vertreter der Regierung, der Stadtbehörde und aller.jüdlschen und nicht',üdischen Wohlsahrtsvereine teil. Die Festrede hielt die Präsidentin des Frauenvereines, Frau Paul von U n g a r, während Sekretär Dr. Lorant den Tätigkeitsbericht erstattete. Oberrabbiner Dr. Josef G e r s o n begrüßte die Gäste und verlas die an den König zu richtende Huldigungsdepesche. Es sprachen namens der KnltuSaemeinde Präsident Dr.-Adolf Klein, namens der nichtjüdischen Franenverelne Oberingenieur Julius Nalr und?,elko Bidakovic, für die königl. Regierung Obewesvan ^"snn Manojlovic und andere. Ein jüdisches Ältersllsim w:td jetzt ln Os:je! (Ju-gailmvien) ervickstet und soll Ende August seiner Bestimmung üiberg'e'ben werben. GrausamMen der Ausweisung au» Ungarn. Ans B li d Np e st rvird uns berichtet: Vor einigen Tagen spielte sich bei der hiesigen Oberstadthauptinannschaft ein erschütternder Vorfall ab. Der 38jährige Leopold .Los ch war mit seiner 70jährigen Mutter und einem jüngeren Bruder in das Freindeukoutrollamt borgeladen, um den endgültigen Aus Weisungsbescheid cntgegenzunchmcn. Er hätte mit seiner Familie binnen 3 Tagen das Landesgebiet verlassen müssen. Leopold Losch ist selbst in Budapest geboren, hat einen ständigen Beruf als Buchhalter, befaßte sich niemals mit Politik und ist infolge eines Kopfschusses im Krieg invalid. Das einzige Verbrechen der Familie ist, daß ihr vor einigen Jahren verstorbenes Oberhaupt, der alte Nathan Losch in Lemberg geboren wurde und der Meinung war, daß mau nach cttva HOjährigenr dai'.ernden Aufenthalt in einem Lande nicht erst besonders um die Staatsbürgerschaft und die Aufenthaltsbewilligung ansuchen müsse. Als Losch den AuswcisnngÄiescheid erfuhr, erlitt er einen epileptischen Anfall und wollte einen Selbstmord begehen. Nur mit schwerer Mühe gelang es, ihn von seinem Vorhaben abguhalten, indem man ihn, eine neue NekurZfrist einräumtc. In letzter Zeit wird die AnsweisungspraxiZ in Ungarn ohne Rücksic^' auf die Dauer -des Aufenthaltes mit aller Schärfe geübt. Ter Lubawitjcher Rabbiner Echneursohn in Leningrad verhaltet. Der berühmte Rabbiner Schncursoh-n aus Lubawitsch wurde in Leningrad unter' der Beschuldigung verhaft^ Geld für eine Jeschiwah gesammelt zu haben. Em chassidischeS Jubiläum in Palästina. Aus Jerusalem wird uns berichtet: Die palästlnensisclpjüd'ische Preise cnnnert an ein interessantes Jubiläum, das dieser Tage Hütte gesewrt werden können. Bor 160 Jahren sind nämlich die ersten chasstdischen Nebbes und ihre Anhänger nach Palästina gepilgert, unr sich dort dauernd niederzulassen. Es war das bald nach dein Ableben des Nachfolgers des B a a l - S ch e m, des Magid von Meseritsch. Unter der FM)rung des berühmten Meudele von Wttebsk kamen aus Polen und Rußland mehrere Chassidtm und Rebbes nach Palästina und siedelten sich in Safeth an. Damit begann auch das Aufblühen des Jis-chums polnischer und russischer Juden in Palästina. Seither haben nicht weniger als 22 angesehene chassidifche Rabbis in Palästina gelebt und find dort gestorben. Bis in die letzten Jahre hinein hatten dre Chasftdim in Palästina schwer zu kämpfen. Viele von ihnen waren der Versuchung ausgesetzt, Erez Israel wieder zu verlassen und nt die Galüth zurückzukehren. Bezeichnend haefür ist, daß ein .solcher chassidischer Nebbe ern Gebet verfaßte, das zu sprechen sei, wenn inan in die Versuchung gerät, vor der Not in Palästina wieder in die Zerstreuung zu flüchten. Dieses Gebet wird von den Chassidtm und besonders frommen Juden noch heutzutage verrichtet. ES beginnt mit den Worten: „Möge es Dein Wille sein, uns die Kraft zu leihen, Erez Israel zu jeder Zeit, zu jeder Stunde und zu jeder Minute mit ganzem Herzen zu lieben, aus daß ich ständig mich freuen könne, in Erez Israel zu leben und zu wohnen..." D-as Wolsfsohu-Haus in Jerusalem. Während des Jahres 1920/1927 hat die Wolsfsohn-Stiftung einen beträchtlichen Fortschritt in bezug auf die VB-wirttickung ihres Hauptzieles, , der Errichtung eines Wolffsoyn - Hauses für Üre jüd ische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem, gemacht. Die Fundamente des Gebäudes find bereits -gelegt, der Bau ivird voraussichtlich in anderthalb Jahren. fertig fern. Das H erzl- und Wo lffsoyn-Archiv, das sich gegen* i.mrtig im Gewahrsam von Dr. LeszhnsA in Berltt: befindet, wird sofort nach Fertigstellung der neuen Bibliothek m den Manuskriptsaal derselben überführt werden. Der. Zeitungssaal wird nach Dr. Katzenelsohn, dem Freund und Kollegen Wolffsohns, genannt werden. Die Summe, bte die Wolsfsobar-Stifttlng noch in Händen hat, beträgt nach Abzug der Kosten, die im Zusammenhang mit dem Bau bis setzt entstanden sind, noch ungefähr 17.000 Dollar. E«n hebräischer P. E. N.«Klub in Palästina. Aus Brüssel meldet die I. T. A.: Der Internationale Kongreß der P. E. N.-Klubs, der nt dieser Woche unter der Präsidentschaft von John GalSworthh getagt nahm eilte Resolution au, in welcher dem Wunsch nach baldiger Begründung eines hebräischen P. E. N.-Klubs tn Palästina Ausdruck gegeben wird. — Wie bettchtct, beschloß der Kongreß, der Errichtung eines jiddischen P. E. N.- Klubs mit dem Hauptfitz in Polen als Teil des Jnternatjonalen P. E. N.-Klubs zuzustimmen. Ueberfall auf jüdische Aerzte in einem Spital. Wie uus Newhork gemeloet wird, wurden im städtischen Spital in Brooklyn, wo seit längerer Zeit autisemitische Hetze, besonders gegen jüdische Patienten, betrieben ivird, drei dort beschäftigte jüdische dlerzte von ihren Kollegen bet Nacht überfallen, aus den Betten gezerrt, gebunden und in die mir Wasser gefüllten Wannen der Vaderäume geworfen: die Wchrlosen wurden mit Tinte begossen und dann gebunden wieder in ihre Betten geworfen. Im Zusammenhang mit diesem Vorfall wurden sechs Aerzte des Spitals vechaftet, denerl noch in diesem Monat der Prozeß gemacht werden wird. Der Bürgermeister von Nelv- York lind die Vorsteher des Spitals haben ihre Entrüstung über das schändliche Vorkommnis ausgedrückt. Der polnische GcnerattonsU'. in Palästina, Herr Zbyszeivskl, hat die jüdischen Kolonien in der limgebung von Jaffa besucht. In Bne-Brak. der Siedlung von Juden ails Polen, wurde dem Konsul ein besonders l-erzlicher Empfang bereitet.