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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-03 · Heft 2998 (3.7.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2998 (3.7.1927)
Date
1927-07-03
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2998 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettrrng I. Juli 1927 Seite 9 Die Hülle Hiobs. ( Es war eilt Minit /mt Lander Uz, .der hieß Hiob. Derselbe war schlecht und 'recht gotteofiirchttg und mied das Bose. Ws Nun Gott der Herr die Wette annahm, welche ihm der Satan autrng. und oeu schlecht und rechten Mann schlug in allem, was diesem teuer war, auf das; sich seine Gottesfurcht erhörte, da tat Hiob seinen Mund auf zur unermeßlichen Klage. "Seinen "Tag verfluchte er „Der Tag müsse verloren fein, darinnen Ichsgeboren bin, und die Nacht, -welche sprach: Es ist jein EMimlein empfangend . . .Warum bin ich nicht gestorben, vom Mutterleib an! Sv läge ich doch nun und wäre Ml; schlkese und hätte Ruh: . . . wie eilte unzaitige Geburt, die mm: verborgen hat, wäre ich gar nicht, wie Kinder, die' «das Licht nie gesehen haben." Hst' rS nicht ein Buch alter Zeiten, in dem das geschrieben steht? Und wie oft mögen die Worte Hiobs ans! dv7 gepreßten Brust von Menschen sich losgernngen 7, .wen,; fett der gottgefällige 'Mann voit Az sein nach den Prüfungen noch mehr beim vorhin gesegnetes Leben beschloß? Wie oft? In Wahrheit ist'lein jeder von» uns Hiob. Jeder ist cs, war es oder wird es zu irgendeiner Stunde sein. „Wäre ich gar m'cht, wie Binder, 0-fq das Licht me gesehen haben!" iDieses Wort in Hiobs Klage ist ergreifend. Heraüsgeholt ist es Ms dem tiefsten Weh des Lebens, und es enthält eine eigentümlich großartige Vorstellung'von der Seligkeit: wie ein Kind sein, das nie Licht gesehen hat. Ein Dasein, be- /ertbMjt, bevor es noch begonnen' hat. Der Ueberschvang des Schmerzes scheint sich da in einer unmöglichen Einbildung zu "ergehen. Gibt es solche 'Geschöpfe? Jawohl. Und nnir sind Nur mit einem Sprung aus der zeitlosen Einfalt der Schrift herübergekommen in unfereit heutigen Tag, auf den festlichen Jahrmarkt, welcher sich jetzt draußen vor unserer Stadt ausbreilet. Eine Ausstellung ist es, die neue Art von Jahrmarkt. Man sieht hier Balles, was der Menschengeist, rastlos sich vorwärts bewegend, an immer sinnreicherem -Werkzeug, an immer vollendeteren "Gütern den früheren "Besitztümern der Kultur hinzufügt. 'Die Menschen haben sich ein Heer eiserner 'Sklaven, die «ton- Maschinen heißt, geschaffen. 'UnvorhrrgeselMe 'Kräfte der Natur sind beute wie durch Zauberei gebändigt. Gewaltige 'Räder aus Stahl drehen'fich oder stehen still auf einen Fingerdruck. Auf Riemen'schwingt sich'die sonderbare Kraft des Dampfes weiter. In dünnen (Drähten werben Schall und Licht und Energie unhörbar und unsichtbar dahingaeitel, wo man fie heraüstreten lassen will. Mn das alles haben wir uns eiligst-gewöhnt,'-wenn wir freilich noch nicht wissen, wäche Rechte es gibt und welche Pflichte:: es uns auferlegt. Mer da steht mitten M Jahrmarkt eine Bretterbude, vod der wir betroffen stillehälten. Was "ist da zu sthen? Nichts, etwas Gewöhnliches aus allen Tagen. Schon Hiob' kannte es und nannte es: Kinder,'die das Licht nie gesehen haben. Mit einem ungenauen, die Neugierde der Unschuldigen scherzhaft irreleiftnden Namen heißt diese Bude die Kind^rbrutaustalt. .Fehlt nur noch das große Schild mit dem aufgemalten Storch, welcher die bereits ausgebrüiteten Kinder in seinein Schnabel trägt Und den hiezu geeigneten Familien gÄvissenhaft ablicfert. Ucbrigens ist die Schildermaterei nicht Unerläßlich, denn mEm weiß ohnehin allgemein, ivie es der Storch macht/ Die Kinder selbst gvisseit es am ir emgsten, weil sie gerade schliefen und träumtcnr, als er sie brachte. "Sie. brauchen es auch nicht »zu tvissen, sie! erfahren es noch iminer Ureis 8 5.50 broschiert, S 7.50 S O EB E N ERSCHIENEN: lg Der fofin des JKoses JKautnex Roman von LEOPOLD HICHLER Das Wien der Neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts wird als buntes, überaus lebendiges Bild vor dem Leser aufgerollt, eine Fülle von Gestalten, von Leopold Hichler ausgezeichnet gesehen, ist in Bewegung gesetzt, die Zeichnung des Wiener kleinbürgerlichen Milieus, insbesondere des jüdischen, außerordentlich geglückt Hohes Können und reife Menschlichkeit vereinigen sich zu einem von köstlichem jüdischen Humor erfüllten Buch Ein gemütvolles, volkstümliches Werk, mit viel Liebe und Lebensweisheit geschrieben in Leinen geh. Buchhandlung und Verlag R. LÖWIT - WIEN I Rotenturmstr. 22 Fl-sischmarkt 1 K«n Herzl. MH genug. Das ist »nie gmq Zeit, die nicht getr'übt ist vom - Ahnen und Erkennen. Kein höheres Wort sindet Hiob, der sich auf verlorenes Glück versteht, als dieses sehnsüchtige von! der vorigen Zeit: „Da Gottes Geheimnis über meiner Hütte war." "Aber du! Erwachsineu, welch: durch öle Ausstellung wandern und mi ckle Kinderbrutanfmlt Kommen. , -uw,ein listig. Sie haben ein erfahrenes und doch unsicherem Lächeln Wia, ani Ende noch cm'Fortschritt der Wissenschaft? Jetzt halten »vir schon vieles für möglich, und insbesondere dis Philister jiitb in der jetzigen Zeit ein wring demoralisiert. Früher spotteten sic über jede Meuecung, setzt siird sie bereit, an die nnwahrscheinlichstc Erfindung zu glauben. Man hat. schon gehört, daß Pserdelrast durch Maschine ', ersetzt; vielleicht auch die Kraft des Storches? Nun, ganz ~j töricht stellt es sich wohl keiner vor, der vor der Bude aus den heißbegehrten Einlaß harrt, aber allerlei besondere Erivartungen mögen die Besucher dennoch haben. -> Nur das, was jte wirklich sehen Vierden, die Kinder, die nach Hiobs Wort um ihre- Seligkeit betrogen werden, erwartet wohl niemand. Das heitere und neugierige Gedränge vor der Tür ist ink Grunde geuomnwn begreiflich. Es ist» eine der allgemeinsten Angelegenheiten, tont le gnond: a passt par la. Die Frauen blicken einigermaßen verschämt vor-sich hin, die Märt-. iter haben eher einen ironischen. Zug' im Gesicht, während fie vor der Bude ans den 'Einlaß harren."Man must eine besondere Eintrittsgcbühr entrichten, woraus der Erfahrene gleich erkennt, daß es weniger auf die Belehrung als auf die Belustigung der Gäste abgesehen ist. Als in einer richtigein Schaubude gibt es deirn auch Hier naiv: Erwartung und eine Enttäuschung, die nicht eingestanden wird. Es ist einer der hübschesten Züge der menschlichen Natur, daß die Besucher einer Schaubude" ihre 'Enttäuschung nicht anr "Besitzer der Bude, sondern an den nachfolgenden Neugierigen rächen. Beim Verlassen der 'Musgangstür hütet man Fich, eine verdrießliche Miene zu machen: andere sollen auch hinein! Enttäuscht sind selbstverständlich imr diejenigen, die ein fremdartiges Naturspiel zu finden hofften. Aber es ist nur das gemeine Spiel der 'Natur mit seiner Lieblichkeit und seinem Schrecken, das in den Glaskästen gezeigt wird. Nur um "die 'Stimmung ver Dame ohne! Unterleib oder des zweiköpfigen Kalbes Vei den anspruchsvolleren Gästen hervorzubringen, ist auch ein Msrufer da. Er ist das Ideal eines Redners für solche Gelegenheiten.. Nie werden früh- * geborene. Kinder, die man in Schaukästen gegen 'Eintrittsgeld ausstellt, einen besseren 'Erklärer 'finden, als .es dieser Mann ist. Er versteht es, über feine Auselnandersttzuingen einen unbestiinmlen Duft von Wissenschaftlichkeit zu breiten. Er ist noch sachlich und schon interessant. Was er schildert, sind nur einfache Schränkchen aus Glas und Eisen, die auf eiire nicht verblüffende Art mit frischer Lust versehen und in gleichmäßiger Wärme erhalten' werden. Und im Schränkchen liegt schlummernd ein Minus zwei' Monate altes Knäblein. Aber ivas macht er daraus, mit den feinsten Mitteln der Redekunst, mit zurückhaltenden »Andeutungen, weisem Stockeit an den kritischen.Punkten! Gr hat, um es kurz zu sagen, beit Takt für Heine Alufgabe. Marktschreierei! würde an diesem Ort verletzen; zu gelehrt möchte er auch nicht werden, weil er doch schließlich nur zu. Laien spricht. So ist also eine leichte Trockenheit im Erklären, durch ein kleines Lächeln oder vielsagendes Hüsteln ab'iund zu gemildert, offenbar das Richtige. Wir genießen'einen im. besten Sinne volkstüinlichen Vortrag. Der Mann »hätte vielleicht! imr um eine Kleinigkeit mehr zu lernen ^gebraucht, so wäre" er ein Universitütsprofesfor geworden. Er hat alles, was dem Publikum Vertrauen einflüßt: eine sichere, überlegene lMrt zu red^n, gemessenen Tonfall, schlichte Gebärden, eine beginnende Forscherglatze, eine Geschicklichkeit im Verdunkeln der einfachsten Dinge, die er zu erklären scheint. Und nur ein einiges Fremdwort in seiner Darstellung zerstreut unseren Irrtum, daß Ivir eine Leuchte der Wissenschaft vor uns haben. Er Fagt + an einer Stelle: Die Prosperaritüt der Lebensfähigkeit 'läßt nichts zu wünschen übrig. Ich glaubte, schlecht gehört zu haben, da niir seine Gediegenheit im übrigen einen gewissen »Eindruck gentacht hatte. Ich blieb darum bis zum nächsten Vortrag, um zu hören, ob die Prosperarität wiederkommen würde. Sie kanr wieder. »Aber vielleicht ist es eilt absichtsvolles Zwillingswort Und der ausrufende Gelehrte der Kinderbruianftalt denkt nch dabei etwas. Die »Prosperität der Lebensfähigkeit ist eine Rarität. Dann ist es ein Ausspruch, den Hiob selbst getan haben könnte. Ain Publikum geht das übrigens als Wahrheit wie als Jrrtuin unbemerkt vorüber. Much die Besucher der Hütte leisten mauchen schönen AnSft'vtch, und man könnte eine fesselnd Sammlung vonGewöhn! ichkeiten zustande bringen, wenn »tan einige /Stunden lang am Schaukasten die vorbeiziehendeit Leute "belänschte. Jitdessen liege»: die Kindlein in ihren mütterlich warmen Kästchen und schlafen, schlafen, als wollten sie nie erivacheit. Sie werden nach allen Wgeln der neuesten ärztlicher: Kunst gepflegt. Der begabte ,Ausrufer hat mit ihrer Er- , Haltung iveiter nichts zu tun. Die Anstalt hat zwei Aerzte, :.ou denen einer beständig anwesend 'ist. Auch gibt es Ammen I und geschulte P siege.MN m für die drei armen Kinder, die | sich so unvorsichtig beeilt haben, 'in das "ihnen 'freilich un- . bekannte Leben zu treten. 'Drei Kinde« lverden nämlich jetzt ansgebrület. Eins davoi: litt gerade an einem Katarrh, Äs! ich es in dem abgesonderteil Psiegeranm sah. Es wand sich und schrie mit seinein namenlos dünnm Stimntrhen i»l einer Qual. Qi: entre, vndrie et c'est la die. Die »Aerzte und.die ganze Wärtcrschaft beugten sich über das zuckende Körperchen, das sie gleichsam gewalttätig »am Leben erhalten wollen. ’2Vlk Schlau heiten Iverden aufgeboten, mm "da s Seelcheik nicht entweichen zu lassen. "Behutsam »vird das "schmächtt'go'Geschöp'fchen angefaßt, sinnrctch genährt, »mäbläfsig bewacht. sDie Körperirürme imrd genirssen, das "Gewicht in kurzen Zeitabständen erhoben. Aber der Arzt zuckte die Achseln, . als ich ihu nach cinenr stärkeren Aufschrei des Kindes fragend anblickte. Es werde vielleicht nicht davoirkoinmen. On crie, on fort, et c'est la ntort. Was niöglich ist, unt die Abreise des kleinen Gastes zu verhindern, geschieht. Besser behütet kann ein solches Pflänzchen nicht werde;:. Und fcoef! soll der Vater des einen 'Kindes Bezähluilg veriangt haben, sonst nehme er es aus der Ausstellung "fort. Die juristische Frage taikcht auf, wie er btcfeit Anspruch begrmrde. Verlaugt er das Honorar Kür h'ich oder» seinen Sprößling. Armes Würmchen, das schon vor seiner rechtmäßigen Geburt Geld verdienen muß. Da liegt cs, fröstelnd, fiebernd, die beb»nt.cn Glieder an bat mageren Leib gepreßt, ähnlicher ciucni ungesicherten Vogel, und nur der Ausdruck von übertteri- 'chem Weh im kleinen Gesicht verrät, daß es doch schon ein Mensch ist. Und sie wollen es anspsiegen, aufpäppeln — „retten" mit einen: Wort. Hiob aber würde fragen: Mit welchem Recht? \ Hingegen scheinen sich die beiden jandevei: in ihrestt durchsichtigen Schränken gar nicht übel zu befinden. Höchstens haben sie nrehr Licht, als ihnen nach der natürlichar Ordnimg jetzt gebührte. Grelles Tageslicht, elektrisches Licht. /Die Zuschauer wollen etwas sehen. Und da schützen sich die armen Nascituri, wenn sie nicht schlafen, indem sie die dünnen Aermchen vor die halboffenen stumpfen Aeuglein hinaufziehen. Von Rechts wegen noch ungeboren, müssen sie sich schon gegel: Äußeres Ungemach verteidigen. Dixses iParierei: des allzu Hellen Lichtes ist offenbar ihre erste zweckmäßige Bewegicng, die ihnen Won seindlichcn Umständen ausacnötigt wird. Uebrigens ist das Zappeln und Strampeln der Aermchen und Beinchen rosig anzusehmi, wie bei ' allen kleinen Kindern. Sie sind gar noch freier, weil man sie nicht in Windeln und Kissen verpackt, um der zartesten Haut jeden Druck zu ersparen. Ist eel also noch der schmerzlose Zustand, nach dem. der Dv.lder seufzte? .. Wenn matt kleine Kinder betrachiel, so tauche»: alje Rätselftagen ans, welche die Meirschheit au? einer mtn schon langen Wmtderung begleitet haben. Es ist ja auch wahr: die Neugeborenen führen uns an bau Anfang der Zeiten zurück. Sie bringen uns eine Botschaft aus großer Ferne, wir können sie imr nicht e,rlzisser,r. Und Ivenn wir uns über ihre Wiege»: beugen, ihr Lächeln im Traume sehen oder den ersten Schmerz, der über ihre Mieiceu huscht, so fühlen wir uns den: Ervigerr unseres Geschlechtes näher. »Die Wisscltschaft hat mit diesen warnten Schreinen nicht viel zu schasse»:, das ist gleich klar. Mer viel Poesie steckt darin, eine ahnnngsschwere Poesie. Keime »oerden trotz d^r Natur erhalten. Menschen, die nicht über die Erde gegai:- tzcn wären, zwingt man hervor. Wenn sie nun zu der Reife ihres Lebens konmien, werde»: sie irichl jammern, um die verlorene Seligkeit, wie es jener tat. W-rde,t sie nicht klagen um. das vorige Glück, da Gottes GÄ-Sm-rs über ihrer Hütte war? Für K 1.SO pro Band erhalten Sie in nnaevcw!@!!i«fteff$cftra>eTO2roae>; . FRANZ WERFEL: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig KNUT HAMSUN:' Unter Herbststernen KNUT HAMSUN: Gedämpftes Saitenspiel MAX BROD: Die Einsamen MAX BROD: Leben mit einer Göttin MAX BROD: Das große Wagnis MAX BROD: Franzi, oder eine Liebe zweiten Ranges HERBERT EULENBERG: Sonderbare Geschichten HANS REIMANN: Till. Der Leipziger Spießer-» vornan EDSCHMID : Die sechs Mündungen ANATOLE FRANCE: Der fliegende Händler MAXIM GORKI; Wie ein Mensch geboren ward MAXIM GORKI: Märchen der Wrklichkeit ARTUR LANDSBERGER f Wie Satan starb B£LA REVESZ; Der große Kerker GOURMOi' ' -- Komödien einer Frau GUSTAV MEYRINK: Walpurgisnacht THARAUD: Der Schatten des Kreuzes BUCHHANDLUNG R. IOWIT, WIEN I-, ROTENTURMSTR, 22

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