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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-03 · Heft 2998 (3.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2998 (3.7.1927)
Date
1927-07-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29:. Wien, Sonntag Wiener Morgerrzettmrg S. JM'1927 Setters L: Theodor Herzls Vorfahre». Von Dr. Pa»l I. DdMUMt. Die Famllrenforschung ist heute ein anerkannter Zweig der Geschichtswissenschaft geworden. Man ist sich klar geworden, daß die Ereignisse der Vergangenheit in ihren Cntstehungsgründcn und wechselseitigen Beziehungen viel elrrleuchtender und verständlicher erscheinen, wenn man die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen geschichtlich bedeutsamen Menschen nachdrücklich in Rechnung zieht. Die materialistische Geschichtscrfassrmg wird dies selbstverständlich verneinen, da sie den Einfluß der Einzelpersönlichkeit auf das Menschheits-Geschehen übersieht oder unterschätzt. Ueberaus reizvoll ist es, den Vorfahren berühmter Männer nachzuspüren, deren Art und Persönlichkeit, deren Wert oder Unwert zu erkunden und festzustellen, was sich davon auf den späten Enkel vererbt hat. Die Erbmasse fest zu st eilen nennt es die moderne Wissenschaft. Goethe aber, der in einem launigen Gedicht seine eigenen Vorfahren mit sich! selbst vergleicht, meint, man muß feststellen, „was an dem tanzen Kerl noch Original zu nennen ist". Wichtiger noch als Amson Löb Herzl (1805—1879), Theodor Herzls Großvater. 'fürdieGeschichtswiffenfchast der anderen Völker, ist die Familieilfotschung für die jüdische Geschichtswissenschaft, denn die Geschichte des jüdischen Volkes ist,' 'wie mit Recht gesagt wurde, oft nichts anderes als die Geschichte jüdischer Familien. Familien und Einzelpersönlichkeiten spielen in der jüdischen Geschichte eine weitaus größere Rolle, als die von der materialistischen Geschichtserfassung zugestandenen und anerkannten Faktoren. Nur schlver kann dies bezweifelt werden, wenn man s auf Theodor Herzl seine Gedanken richtet und den über- Vor bem Döblinger Friedhof — nach dein Grab besuch .5— bildeten etwa 200 Menschen einen engen Kreis. Nach ’ einer stummen Minute trat Hugo Zuckermmm mit seinen schweren, plumpen Schritten in die Mitte und sagte mit feiner sckstveren, plumpen «Stimme: „Von Herzls Grab zum Zionistenkongreß!" Keine Silbe mehr. Man ging auseinander. Es war der erste Herzl-Gedenktag, an den: ich mich beteiligte. Keine Stvaßenplakate, keine Aufmarschordre. Eine intime Feier sehr gedrückter, sich sehr Verlassei: fühlender Herzl-iAinhäniger. Me :md jurrge .Menschm. Ganz nahe, /Nähere, entferntere Mitarbeiter des »Führers. Fahrzeit der ' jHhlterbli ebenen. # Etwa 1912. Ter Grabbesuch trägt ein tzelleves iGewttnd. Manipel von 'Jünglingen und Mädchen mit Standarten. Sie defilieren am Grabstein und wandern ohne Aufenthalt in den Wienerwald. Mt Gesang rmd Lautenspiel. Mkehr von dev. Jahrzeitstimmung. „Ihr Freunde, nicht diese < Xörre. , Tie Saat geht auf. * 1913. Wiener Zionistenkongrest. Unterbrechunader Veredlungen, der Kongreß geht zu Herzl. Juden aus Newport und Moskau, Südafrika rmd Deutschland) karrkasische Bergjuden und galizische Rabbiner und ein Fähncherr Pioniere aus Palästina. Bialik mrd Mchad H»aam,Mchlenöff, Ussischkin, Weizmann, Iabotiufty.!AN der Spitze ein Todgeweihter, der Präsident David Wolffvhu. Das Judenparlmnent komNrt zu seinem! Schöpfer. * 1916, zweites Jahr des Weltkrieges'. Was sich an di^em 20. Turnus zutrug, haftet unverjährbar iir meiner Erirmerrmg. >Auf der anmutigen Höhe vor dein Döblinger Friedhof standen wohlgeordnet, abmarschbereit die Jugendbünde amt Fahnen und mit Lauten, die Turner, Sportler, die Bezrrksvereine. .Sie mußten auf ihren WuWtturgSptlätzen ragenden Einfluß feiner Persönlichkeit a»f die neueste jüdische Geschichte in Erwägung zieht. Es dürfte daher sicherlich von allgemeinem Interesse sein, zu erfahren, wer die Männer und Frauen waren, deren Nachkomme Theodor Herzl ivar. * Vor der nüchternen Geschichte hat die Legende das Wort, die über Theodor Herzls Abkunft folgendes zu erzählen weiß: Zwei Brüder spanisch-jüdischer Abkunft waren von der Inquisition gezlvungen, ihr Judentum zu verleugnen und in einen Mönchorden einzutreten. Doch nur widerwillig fügten sie sich der Gewalt und warteten sehnsüchtig auf die Möglichkeit, zu entfliehen und den Väterglauben wieder anzunehmen. Die Gelegenheit zur Flucht bot sich ihnen erst, als sie auf Befehl ihres Ordens von Innsbruck aus in geheimer Mission abzureisen hatten. Nachdem sie eine Reihe gefährlicher Abenteuer überstanden hatten, gelang es, ihnen, in die Türkei zu entkommen, wo sie zum Judentum zurückkehrten. Einer der beiden marannischen Brüder, der so mannhaft Gefahren für sein Judentum bestanden hatte, wäre der Ahne Theodor Herzls gewesen. Dies -kündet die Legende, die sich der Nachprüfung entzieht und die wir weder widerlegen können, noch — ihrer Schönheit und ihres tiefen Sinnes wegen — widerlegen wollen. Die historisch belegbaren Daten sind aber folgende: - Die Eltern Theodor Herzls rvaren Jakob Herzl (14. April 1836 bis 9. Juni 1902) mrd Na nette (Johanna) geborene Diamant (28. Juli 1836 bis 20. Februar 1911); ihre-Trauung fand am 22. August 1868 im Pester Chortempel statt. Theodor Herzls Großeltern waren Simon L. Herzl (1805 bis 3. November 1879), seine Gattin N cüeka Biliz (1809 bis 29. August 1888) und Hermann Diamant (1806 bis 9. Jänner 1871), seine Gattin Johanna Katharina Abeles (1806 bis ' 9. September 1872). Aus der Tatsache, daß der Name Diamant gerade in jenen jüdischen Gemeinden Westungarns vorkammt, die wie Waagneustadtl, Becko, Verbo u. a. von jüdischen Exulanten aus Ungarisch-Brod, die sich nach dem Kuruzzenüberfall von 1683 nach Ungarn flüchteten, gegründet wurden, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuten, daß dieser Zweig von Herzls Aszendenten aus Mähren oder der Slowakei stammt. Herzls Mutter stammte aus einer Familie, deren Geist uird Witz in Pest sprichwörtlich waren. Theodor Herzl schrieb seiner Mutter einmal: „Da hat sich Deine Harschl Diamants che Klugheit abermals bewährt." (Vgl. Leon Kellners Aufsatz „Herzls Mutter", Herzl-Gedenknummer der „Welt" vom 20. Mai 1910.)« Theodor Herzls väterlicher Großvater, Simon L. Herzl lebte in Semlin, einem Städtchen Syrmiens, unweit Belgrads, und gehörte zu den angesehensten Männern dieser Gemeinde. Ms im Jahre 1857 allen Gemeindeangehörkgen die Ausweisung drohte, wandte sich die Familie Herzl und andere mit ihr verschwägerte Familien unter Hinweis auf ein altes Familienprivilegium an Kaiser Franz Josef. Die Erledigung dieses Gesuches ist aus folgendem Akt ersichtlich. (Wiener Kriegsarchiv, Militärkanzlei, Abteilung 21, Nr. 1683 von 1867.) lange!varten, beim unuuterbroche.i. tauten, familienweise, die ostjüdischen Flüchtlinge; hastig ausschreitend, denn m der Straßenbahn war kein Platz oder sie hatten kein überflüssiges Fahrgeld. Die Ordner mit den blauiverßen Armbinden schossen hm und her, heih bemüht, die Ankommenden in den Zug einzuordnen, sprachen auf die Leute ein, „ordentliche Viererreihen" zu bilden, zogen nervös die Uhr und gab^n ismmer wieder ein paar Minuten zu, die Nachzügler abwartend. ' Endlich das Signal zunr Aufbruch,. Voran die Leiter der zionistischen Organisation, ein Kantor im Ornat, jüdische Soldaten. Anfangs gab es militärische Ordnung, aber dann geschah Unerhörtes: Man sah plötzlich die Menschen von rückwärts vorstürzen, sich allen Bemühungen und Beschwörungen der schweißtriefende Ordner zum Trotz vorwärts arbeiten, leidenschaftliche, rücksichtslos den L)ug zur Seite drängend und dem Grabe zueilend. Die schöne stramme Ordnung war flöten gegangen. Bevor noch die Spitze des Zuges beim Grabstein artlangte, war die Gruft schon schwarz umlagert. Nach der Geroohnheitsübung hatte der Kantor dort das Totengebnt zu iingen, während der Zug stumm defiliert. Erst beim Anblick dieser östlichen Massen lernte ich zu, wie unpasserrd, unjüdisch, ja lächerlich diese Anordnung ist, die marr so roürdig und toeihevoll empfindet. Die Gemeinde schließt sich ja um derr Borbeter, fällt inbrünstig ein, läßt sich vor; seinem Liede hinaustragen. Berzlveifelte Versuche, im letzten Augenblick ,chie Situation zu retten", die Disziplin rvieder herzusiellen, halblaute, aber recht empörte Rufe: „Sie können keine Ovdtuttift halten!" Vergebens. Sonst hatten die Ordner, jetzt die ostjüdischen Scharen die Führung. Diese Schwächlichen, Rundrückigen erwiesen sich in dieser Stunde als sieghaft. „El mole rachamim —" Der Odem erschütterter Seelen lochte das Lied des Karrtors an. Beschwörend drang es zum Julihimmel, getragen vom Echo der Gemeinde. .’itj::.", " rr.. ■ ... . Allergnädigster Herr! Das anruhende, der Allerhöchsten Bezeichnung gewürdigte Gesuch der Juden-Gemeinde zu Semlin, hat die. ( . Bitte zmn Gegenstände, das; den 13, von den bisher zu * ' Semlin wohnhaften Jndensamilien abstarmnenden und verheiratheten Söhnen samnrt ihren Familien der fernere Aufenthalt daselbst gestattet werde. Das treugehorsamste Armee-Ober-Commando hat betreff der Fanrilien- und Erwcrbsverhältnisse der gedachten Juden und auch hinsichtlich der ihnen ertheilten Bewilligung zur Verehelichung die Erhebungen gepflogen, welche nach wiederholt nokh-wendig gewordenen Erörterungen erst jetzt zum Resultate gelangten. Nach den diesfalls erstatteten, in der 3. Anlage anverwahrten instruirten Berichte des Landes-Gcncral- Comnrandos zu Temesvar, dto. 24. April 1867, Sektion 1, Abtheilung 6, Nr. 2476, ist einer dieser Juden zur griechisch nichtunirten Religion übergetreten, wodurch sich deren Zahl auf 12 verminderte. Bier derselben wurden zu Belgrad, dann zu Tihsa Földwar, Lugos und Neusatz von bereits gestorbenen Rabinern ohne Bewilligung, dagegen acht mit Bewilligung * £ * * ^, >. 5^ », * MM * * * Rebekka Herzl, geborene Biefltz (1809—1888), Theodor Herzls Großmutter. des Cornrnunitäts-Magistrats zu Semlin getraitt, welche Bewilligung derselbe nur unter der Bedingung zu er« theilen berechtigt war, daß die betreffenden Individuen nach vollzogener Verehelichung von Semlirr absiedeln. Elftere verdienen im Hinblick auf die ihnen zur Last fallende Umgehung der bestehenden Vorschriften keine Berücksichtigung, in dem sie sich die nachtheiligen Folgen selbst zuzuschreiben haben. Von letzteren werden vom Semliner Magistrate vier zur Ausweisung, dagegen die Juden Abraham Weihs, Raphael Billiz, Baruch Herzl und Simon Herz! Zürn ersten Male erklang am Döblinger Fricdhoj die gewaltige Stimme des Blutes. .Alle blieben im Banne des Augenblicks in dickster Ansammlung stehen, rückwärts hielt der Zug wie angewurzelt auf den gelvundenen Friedhofswegerr. Ein hartes Geschick hatte es gefügt, daß die große Menge zur Stelle war, für die der Führer jaufstand, kämpfte, litt und starb. Sonst rvaren die Parteigänger gekommen, die Freirrrde. die Schüler, die Verehrer, die Gesinnungsgenossen, dir Organisierten. In diesem Jahre beging d a-s Vo l k.Herzls Jahrzeit am Döblinger Friedhof. * Heute ist Grabgang. Auch diese Ueburtg hat -nur» ihre Geschichte. Evez Israel wird gebaut. Der Wiener Äug zum Döblinger Friedhof, die palästinerrsische Wanderung zum Herzl-Hain gehöret: zum eiserrren Bestand unserer Dernonstrationerr und haben derr Hellen, heiligen Sinn einer symbolischen Handlung. Jedes Volk hat seine Hevoerrlieder. Das über dir ganze Erde zersprengte Judenvoll wurde in der Aero beispielloser Erniedrigung mit einem Hepoenlied beschenkt, zu singen in frohesten und peinvollster: Stunden: Das 'Lied vom Leber: und Sterben Theodor Herzls. Er erIol' sich plötzlich und sagte: „Ich bekenne mich zum jüdischen Bolle." Wann und wo hat das nackte Bekenntnis eines seiner Gemeinschaft Errtfremdeten zu dieser Gemeinschaft solche schöpferische Kraft, solcher: Opferrrutt, solche Treue bis zur Sterbestunde in der Brust «irres Menschen gezeugt? Nickst an die Situation in Palästina, nicht arr die Kämpfe im Lttvnismus ist heute beim Defilieren bei diesem Grabhügel zu denken. Nur daran, daß er, der kurzen Frist bewußt, die ihm das kranke Herz noch arn Werk verstattete, im 40. Lebensjahre in sein Tagebuch schrieb: „Der Wind saust durch die Stoppelrr, ich muß meinen Schritt verdoppeln..." Otto Ab-elvS.

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