Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2997 (2.7.1927)
- Date
- 1927-07-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8997 Men, Samstag Wiener Morgenzettnng 2. Juli 1927 Seite 5 Bühne und Kunst. „Wege zur Kraft «ad Schon Heft." Das Wort ist durch einen Film geflügelt geworden. Vor zwei Jahren stand er überall ans den .Kinoprogrammen und durfte sich mit Recht ein Kulturfilm nennen. In der Zwischenzeit ist die Erkenntnis der Wichtigkeit jener Körperkultur, die nicht Lurch Sportraserei, mechanisches Training, Ueberwindung des Geistes durch den Bizeps erzielt wird, sondern durch Pflege rhythmischer Harmonie und Freilüe am schönen, gesunden Körper, ist der Sinn für individuelle Körperpflege als der unentbehrlichen Grundlage menschenwürdigen Lebens außerordentlich gediehen. Unter Benützung der ausgezeichneten Aufnahmen jenes Films von Wilhelm Prager wurde durch Hinzufügung neuer Szenen auf dem Gebiete des Tanzes nnd der Gymnastik der Erziehungsfilm „Wege zur Kraft und Schönheit" geschaffen, den man gestern im Nahmen einer Pressevorführung durch die Ocsterreichische Kulturfilm A G. im Lowenkino zum ersten Male zeigte. Festzuhalten: D'e yerrlichcn, "rafrvoll-.n Gestalten der Männer und Frauen hier auf der Leinwand unterscheiden sich von den männlichen und weiblichen Modepuppen der Operettenpremierenbesucherinnen und Shimmytänzer, denen die Modesklaverei befahl, „kein Deka überflüssiges Fleisch", wie sich etwa ein Antlitz, das von Lxft und Sonne braun gegerbt ist, von dem mit Sommeruwdcfärbe geschminkten unterscheidet. Keines dieser nackten Mädchen, keiner dieser Jünglinge ist von dürftiger Magerkeit oder gar ein mit Fleischpartikelchen behängtes Skelett. Vorbild ist der wohlgebibdete Körper des klassischen Altertums. Einer der schönsten Teile des Films, Mt seiner künstlerischen Vollkommenheit kaum zu überbieten, zeigt eine griechische Vase, auf die der Schöpfer einen Kranz von Tänzerinnen gemalt hatte. Die Vase dreht sich, die Bilder werden immer größer, wandeln sich in lebende Gestalten, in ideale Körper von Mädchen, wie man sie heute nicht nur vereinzelt begegnen müßte, wenn vom Säuglingsalter zweckmäßige harmonische Körperkultur allgemein getrieben würde. Der Film zeigt diese nötige. Körperbildung an prachtvollen Beispielen für alle Lebensalter und bewährt sich tatsächlich als verantwortungsvoller Erzieher. Nebenbei' Wer beim Besuch dieses Filmwerkes Nervenkitzel und Pikanterien erhofft, wird nicht auf seine Rechnung kommen. Weniger glücklich ist die versuchte Belehrung über die verschiedenartigen Rhythmik« und Tanzschulen. Da» von. jeder Schule nur winzige Beispiele gezeigt werden können, wird der Zuschauer eher verwirrt als aufgeklärt. Eine vielleicht nicht beabsichtigte Wirkung dieses Films: Die vielbewunderten Reko..".Leistungen der diversen Champion" sind bestimmt keine Endstationen auf dem Wege zur Kraft und Schönheit. Der Gesichtsausdruck der großen Läufer, Schwimmer, Boxer, den man auch noch in Großaufnahmen unter der Zeitlupe zeigt, ist in seiner Verkrampfung oder öden Starre eher abstoßend. Eine willkommene Einlage waren die Tanzvorführungen der Ilse Larsen und ihrer Schülerinnen vom Konservatorium „Mozarteum" in Salzburg. Insbesondere die erste Gabe, überaus eindrucksvolles Schwingen und mimisches Bewegen der Arme, Hände und Finger, wobei der übrige Körper in vollkommener Ruhe beharrte, wurde mit stürmischem Beifall bedankt. Kein Zuschauer verläßt den Kinosaal, ohne selbst die leichten, angenehmen, erfrischerrden Hebungen zu versuchen, die er hier sah. Das ist Wohl die beste Wirkung dieses Kulturfilms, welcher der Gesundheit des Körpers, der Läuterung des Geschmacks und der Erziehung zur Kunst im gleichen Maße dient. — Für den jüdischen Stadtmenschen sollte der Besuch obligatorisch stin. O. A. Londoner Theaterbrief. London, 27. Juni. In London bringen die. Sommermonate die Hochsaison für das Theater- und Kunstleben. In Convent Garden gastierte eine Reihe prominenter Künstler vom Kontinent, und auch die ständig spielenden Londoner Theater trachten ihr Bestes zu geben. Im Royalty Theatre wird mit bemerkenswertem Erfolg ein Stück von Frank Bosper gespielt, betitelt „The Combined Maze" (nach einem Roman von May Sinclair). Es ist eine Ehetragödie. Hie der blutjunge Ehegatte (stockenglischer Typ) und die geliebte Jugendfreundin; hie die Ehegattin, die den durchaus wesensverschiedenen häuslichen, ruhigen jungen Menschen geheiratet hat und sich in seine Welt nicht fügen kann. Die Frau verläßt ihren Mann, welcher in seiner Verzweiflung eine Stütze an der zurückgekehrten Jugendfreundin findet. Es. folgen Jahre des Sparens, um das nötige Scheidung sgeld aufzubringen. Fast sind die beiden so weit. Da kehrt die Gattin zurück, und der Mann tycit in seiner großen Güte nicht das Herz, die von allen Verlassene zu verstoßen. So verzichten er und die Geliebte auf ihr höchstes Glück, Nächstenliebe siegt über den Egoismus. Der sehr starke Publikumserfolg ist vor allem seiner Anpassung an die englische Mentalität zuzuschreiben. Die Darstellung hat Niveau. Richard Bird spielt den jungen Gatten eindrucksdie Jugendfreundin wird duvch Jeau Forbes-R obertson, der Tochter des berühmten Shakespeare-Darstellers, gegeben, die sicl) außerordentlich auf die Nuance versteht. Ein bemerkenswertes Detail: Die Direktion gewährte dem Stücke nur unter der Bedingung eine längere Spielzeit, daß 14 Tage hindurch mindestens 1000 Personen das Theater besuchen... Im G l o b e T h e ä t r e gibt man „And so to bed", ein heiteres Spiel von I. B. Fagan. Das Stück, das in Englands Vergangenheit spielt, behandelt einige Szenen aus dem Leben Samuel PePYs, des berühmten englischen Flottcnministers, dessen Tagebuch vor kurzem herausgegeben wurde. Die Liebesabenteuer dieses Staatsmannes, der Frauen und Musik in gleicher Weise verehrte, werden launig geschildert. Edmund Gwenn und Dvonne Arnaud, die beliebte Framo-Engländerin, tragen durch die ausgezeichnete Darstellung bas Stück. Jm PrineeßTheatre gastiert bei ausverkauften Häusern ein russisches Ballett unter der Führung von Serge Diaghileff. Den großen Erfolg bedingt vor allem die prachtvolle TluSstattung und die ausgezeichnete Regie. Am schönsten ist das Ballett „P etroushka" von Igor Stravinsky, welches das russische Milieu sehr anschaulich zum Ausdruck bringt und bleibenden Eindruck hinterläßt. Ansonsten vermissen wir die persönlich-künstlerische Note, die etwa den „Blauen Vogel" auszeichnet. Diese Darbietungen sind zu sehr auf den äußeren Effekt gestellt. Dr. M. R. Akademietheater. Die Schauspielklassen des Professors Dr. Rudolf Beer führten Raimunds „Der Barometermacher auf der Zauberinsel"' auf. Die künstlerische Inszenierung geht auf das Konto des Lehrers, ebenso die weitgediehene Sprachtechnik seiner Zöglinge, ihre Mimik und ihr gewecktes Verständnis für das Ensemblespiel. Aber in dieser ' erfrischend anmutigen Vorstellung wurde man mit jungen Leuten bekannt, die sich durch Talent und Geschmack als vortreffliche künftige Theaterkünstler ligitimieren. Ueberragend Cornelia Adler als Linda, durch eigenartigen Charme und rassige Spielfreude. Ein Bühnenstern geht auf. Bei Besprechung von Schülervorstellungen soll man Namen der Mitwirkenden nicht nennen. Diesmal eine Ausnahme, deren Berechtigung hoffentlich kommende Bühnenerfolge des jungen Mädchens bestätigen werden. Auch unter den anderen Darstellern sehr erfreuliche Novizen, die ihren Weg machen werden, ganz besonders der junge Mann, der den Barometermacher gab. A. Aus den Theatern. Burgtheater. Sonntag, den 3. Juli, halb 6 Uhr, gelangt die Komödie „Adam und Eva" von Bolton und Middleton zur Aufführung. Es wirken mit die Damen Mbach- Retty, Mayen, Seidler und Witt, die Herren Mach, Arndt, Aslan, Hänssermann, Hennings und Pranger. Deutsches V olkstheater. Gegenwärtig wird das Bruckner-Stuck „Der Musikant Gottes" von Victor Leon und Ernst Dcesey, mit Wilhelm Klitsch in der Titelrolle, bis auf weiteres täglich gespielt. Radi oab on itcn t eit erhalten gegen Vorweisung der letzten Zahlungsbestätigung eine üOprozentige Ermäßigung für sämtliche Sitzplätze an den Kassen des Theaters. Theater in der Josefstadt. Freitag, den 8. Juli, 8 Uhr, zum ersten Male „Theodore u. Eo.", Schwank in drei Akten, von Nancey und Arm an t, deutsch von Erich Metz. L u st s p i e l t h e a t e r. Sonntag, den 3. Juli, wird die Komödie „Die Keuschheitskonkurrenz" von Richard Manz sowohl nachmittags halb 4 Uhr als auch abends 8 Uhr bestimmt. In beiden Vorstellungen gastiert in der weiblichen Hauptrolle Hansi Jarno. R o l a n d b ü h u e. Für die Vorstellungen von Felix Fischers „Die weiße Sklavin" in der Inszenierung von Karl Miksch gelten bereits die wesentlich reduzierten Sommerpreise. Zufolge Verfügung der Polizeidirektion ist der Besuch der Vorstellungen jugendlichen Personen unter 16 Jahren n i ch t g e st a t t e t. ' Josefine Baker kommt nach Men. Josostne Baker hat, wie aus Paris gemeldet wird, erklärt, daß sie mit ihrer Jazzband im Lause des Jahres in Wien mit einer Jazzrevue gastieren wird. Ein Preisausschreiben für ein Heine-Denkmal. Die Düsseldorfer Künstlerschaft bereitet gemeinsam mit der . Stadtverwaltung für das Jahr 1928 eine große Kunstausstellung vor, die den Titel „Deutsche Kunst Düsseldorf 1029" führen wird. Die Stadt Düsseldorf, in der die Wiege Heinrich Heines stand, wird ein Preisausschreiben für ein Heine-Denkmal erlassen, über das auf der Ausstellung entschieden werden soll. Konzert im israelitischen Bersorgungshause. D'e vielen alten Pfleglinge des BersorgungS- und SiechenhauseS der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ul der Seogasse hatten am letzten Mittwoch einen Festtag, der ilpien durch die kunstvollen Darbietungen der Herren Oberkantor Funke (Gesang), Theo Salzmonn (Hello) und Walter Landauer (Klavier) geboten wurde. Die Künstler, angeregt durch die dankbare Aufmerksamkeit, die Freude, die Ergriffenheit der Zuhörerschaft, Überboten sich selbst. Es war ein wunderschönes Konzert. E Post nach Polen befördern Sie am sichersten und schnellsten als Luftpost. Ein Brief kostet 60 Groschen. Die Luftpost kann bei alten Postämtern und am Abflug tage bis 7.20 früh beim Hauptpostainte aufgegeben werden. Bisher 305.000 Briefe befördert. 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Von jüdischer Seite nahm eine Abordnung des Warschauer Rabbinats, bestehend aus dem Oberrabbiner Professor Schorr, Rabbiner Kahane und Rabbiner Gutschechter, sowie .Vertretern der jüdischen Gemeindeverwaltung, der zentralen Organisation jüdischer Kausleute, der Landesorganisation jüdischer Handwerker, des Klubs jüdischer Deputierter und Senatoren und des Vereines Mischer Schriftsteller teil. Das Präsidium der jüdischen Gemeinde sandte Kränze mir Inschriften in polnischer, hebräischer und jiddischer Sprache. Pilichowskis Gemälde „Ne Eröffnung der hebräischen Universität". Auf Wunsch des englischen Königs wurde Leopold Pilichowskis Kolossalgemälde „Die Eröffnung dev hebräischen Universität in Jerusalem durch Lord Balfour" einen Tag. lang in der Krönungshalle des Buckingham-Palastes ausgestellt und sodann in der White-Ehapel-Kunstgalerie exponiert. Serichtrsaal. Sie Mörder in der Tabakregie vor dem Lberften Gerichtshof. Gestern beschäftigte sich der Oberste Gerichtshof mit den Nichtigkeitsbeschwerden, die die vom Wiener Schwurgerichte zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Mörder des Nachtwächters Ludwig, die Hilfsarbeiter Oetzbrn^ger und Hunger, gegen das Urteil erhoben haben. Der Oberste Gerichtshof verwarf beide Nichtigkeit»" beschwerten. Nelltz Grosaveomo Bat« Vogl, Gestern fand beim Strasbezirksgericht l eine Wer» Handlung über die Ehrenbelerdigungsklage statt, .dir der Vater der Frau Nebly Grofavescu, Beziirksrat Kö vesdy, gegen den Rechtsanwalt Dr/ Stornbach.emgebrächt hat, lveil ihn dieser des Wuchers beschuldigt hat. Dr. Sternbach gab «eine Erklärung' ab, worauf der Klagevertreter den Strafantrag gurll^'vg und das Wer-- fahren eingestellt wurde. „Alle Juden müffen totgeschlagen werden/ Die Hakenkrouzerzeffe am Kurfürstcudamnt. Vor dem Schöffengericht Charlottenburg wurde vorgestern 'der Prozeß gegen 19 jugendliche Hakenkreuzler durchgesührt, dir am 12. Mai nach einer Reventlow-Bersammlnng auf dem Kur« sürstendamm schwere Exzesse verübt hatten. Die 19 Verhaftete!k leugneten natürlich jede Schuld. Ihre Angaben »vurdeu jedoch durch Zeugenaussagen widerlegt. So hat der 'Angeklagte Buech eine jüdische Dame in der schwersten Weise insultiert und dabel gebrüllt: „Alle Juden müssen totgeschlagen werden." Der Angeklagte Schsllenlnrg bedrohte die Poltzeibeamtau und ermunterte feine Gesinnungsgenossen mit dem Rust, daß letzt Blut fließen müsse. Nach anderthalbstündiger Beratung verkündete Landgerichtsbirektor Bode das Urteil. Acht '-der Angeklagten, sind sroizusprechen, dagegen werden verurteilt wegen Aufruhrs und Landfriedensbruchs Honnig und Zäuner zu je nenn Monaten Gefängnis, unter Anrechnung von sechs Wochen Untersuchungshaft, wegen Landfriedensbruchs Sturmheit zu einem Monat, Kuu;a zu drei Monaten Gefängnis, Funke, Beater, Hirsing und Nehmeier zu je sieben Mon.aten Gefängnis. Die Haftbefehle gegen Henmg, Zäuner und den freigesprocheneir Schellenberg werden aufgehoben. Die Gerichtsverhandlung gegen Helpat, Brchm Buech ist zu vertagen. Sin antisemitischer Adeliger beschimpft eine« Wischen Nicht«. Berlin, 30. Juni. (I. A. T.) Vor einigen Monaten wurde, wie erinnerlich, der frühere Gutsbesitzer Ritter Hanl>. Voigtländer zu einer Geldstrafe verurteilt, er in einem Schreiben den Landgerichtsdiroktor Rosen* thal, der in seiner Ehescheidungsallgelegenheit Recht W sprechen hatte, schwer beschimpft hat. Er nannte RosenthÄ einen ,.g e w i s s e n l o s e n Richter" und meinte zu» Schluß, daß in diesem Falle ein jüdischc r D e inokrill4