Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2994 (29.6.1927)
- Date
- 1927-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sic ist allerdings nur in einem verhältnismäßig lleinejn Steifen, nämlich einem Streifen, der von der Südspitze Irlands über Großbritannien (Gegend von Liverpools und Skandinavien durch das nördliche Eismeer zur Tschuktschenholbiusel und den Aleuten-inseln zieht, wirklich eine totale Sonnenfinsternis, da dort die ganze Sonnenscheibe vom Mondschatten bedeckt ist. In Wien beträgt die Bedeckung knappe vier Fünftel der Sonnenscheibe, in Hamburg und Paris ungefähr neun Zehntel. Diese Berfinsterung der Sonnenscheibe läßt sich durch ein dunkles Glas, im einfachsten Falle durch einen mit Ruß geschwärzten Glasscherben deutlich beobachten, und man kann sehr gut den . wandernden Mondschatten verfolget Durch ein Fernrohr mit Sonnenokular sind am Schatten des Mondes sehr deutlich die Bergfpitzen des Erdtrabanten als Zacken sichtbar. Die Sonnenfinsternis hat in unseren Gegenden u zirka ein viertel 8 Uhr ihr Ende erreicht, so daß d> Mondschatten, fast zwei Stunden zu seiner Wanderung über die Sonnenscheibe braucht. Die Leit der totalen Verfinsterung in der oben angeführten Zone ist verhältnismäßig kurz, etroa 80 Sekunden; es kommt jedoch auch vor, daß diese totale Verfinsterung einige Minuten dauert, ein Umstand, der bei Ur- und primitiven Böllern die abergläubische Panikstimmung, welche Sonnenfinsternisse Hervorrufen, stets erhöht hat. Das 20. Jahrhundert ist verhältnismäßig arm an totalen Sonnenfinsternissen. Die nächste findet am 29. Mai 1929 statt, wird jedoch nur im Gebiete des Indischen Ozeans zu beobachten sein. Ser diesMrige Herzl-Grabgang. * Sonntag, den 3. Juli. Für den Gang zum Grabe Herzls. welcher Sonntag, den.3. Juli, um 1.0 Uhr vormittags stattfindet, hat das zionistische Landeskomitee einen Aufstellungsplan ausgearbeitet, dessen genaueste Befolgung allen Aufmarfchteilnehmern mit Rücksicht auf die zu gewärtigende sehr starke B eteiligung zur Pflicht gemacht wird. Die Angabe der Sammelplätze und die Reihenfolge des Aufmarsches wird in der Freitag-Beilage der „Wiener Morgenzeitung" „Die jüdische Welt" veröffentlicht werden. Sn* Poftflugreug Warschau—Prag abgestürzt. Pllet «a Passagier lat. Aus Kattowrtz wird gemeldet: Montag abends ist das Postfiugzeug der Fluggesellschaft „Franco-Roumaine", dos den regelmäßigen Dienst Warschau —Prag—Paris besorgt, in der Nähe der Ortschaft Kindelsdors (unweit von Lands Hut) mitten im Wald abgestürzt und wurde vollständig zertrümmert. Der Pilot Strzelczyk und der einzige Passagier des Flugzeuges, der Direktor der Prager Privattelephongesellschaft, Friedrich G r i e b s ch, waren sofort tot. Die vom Flugzeug mitgeführte Post ist zum großen Teil vernichtet. Absturz eines Flugzeuges in dar Meer. Paris, 28. Juni. Ein Personenflugzeug der L-mie Antibes-Tunis mit drei Insassen ist etwa zehn Meilen nordöstlich von Bellavista (Korsika) infolge eines MotordesektosinsMeer gestürzt. Da der Führer die genaue Lage des Flugzeuges radiotelephonisch Mitteilen konnte, wurde ein Torpedojäger nach der Unglücksstätte entsandt. Er mußte jedoch wegen zu hohen Seeganges unverrichteter Dinge zurückkehken. Hierauf begab sich ein Wasserflugzeug auf die Suche. Shamberlin «vv fiebfap Warschau, 28. Juni. Chambertin und L evine wurden heute mittags' vom Staatspräsidenten empfangen. , >! Die amerikanischen Flieger starteten heute nachmittag zum Fluge nach Zürich, um von dort Wetter nach Pa- ' rrs zu fliegen. Bon Frankreich werden sie dann auf dem | Schiff die Rückreise nach Amerika autveten. G roßflugtag in Mauer bei Wien. Am 3. Juli um 3.30 Uhr nachmittags findet in Mauer bei Wien auf dem Fluggelände beim Rosen- Hügel ein Großschauflugtag statt. An demselben nehmen nachstehende Maschinen der bekannten Raab- Katzenstein Flugzeugwerke A. G. Kassel teil: Kunstflugmafchine D 1037 „Pelikan", Pilot Ripp, Kunstflugmaschine D 847 „Schwalbe", Chefpilot Raab, der bekannte deutsche Kunstflieger, der in Berlin izum ersten Male eine Landung auf einer Straße zeigte, Kunftflugmaschine D 992 „Schwalbe", Pilot Gröbetinkel. Das Programm stellt sich aus folgeuden Vorführungen zusammen: Geschwaderflüge von drei Flugzeugen (Luftreigen), die zu gleicher Zeit Loopings^ Rollings, Trudel- und Sturzslüge aussühren. Die Kunstflieger werden zum ersten Male in Oesterreich Lustakrvbatik im wahrsten Sinne des Wortes ausführen. 'Einem Lustkampf, ausgeführt von zwei Flugzeugen, folgen Ballonspiele, Balwnrammen, Ballonjagen sowie ein Stafettenflug zwischen Reiter, Motorrad, Radfahrer, Läufer und Flugzeug. Zum ersten Male wird es weiters in Oesterreich der Fall sein, daß eine Iran — Elfriede Corin Y — die bekannte deutsche Fallschirmpilotin, einen Fallschirmabsprung aus 1000 Meter Höhe ausführt, Außerdem springt Pilot Rode ebenfalls aus 1000 Meter Höhe. Den Schluß bilden Ueberraschungsflüge mit verschiedenen Abwürfen aus den Flugzeugen. EISKASTEN ftfMrik. 9jstMn, «iatputad, von S §0.— auf#. R. BRAUN, WIEN I. WH>pffn««rs(raB<s 18. Tel. 62094. PnriiiliaUin Die Verkehrsmittel auf dm Zufahrtsliuiennorden in.verstärktem Maße eingesetzt, und zwarkaM man per Straßenbahn mit der Linie 60 nach Mauer oder per Südbahn Station Atzgcr"- dvr f zum Schaufluggelände gelangen. Streik I» der Konfektionsbranche? Die Stückmeister wollen die Arbeit niederlegen. Die Stückmeister der Konfekttonsbranche haben vor Monaten von den Unternehmern eine Erhöhung der Löhne gefordert, die eine Anpassung der bestehenden Mindeftlöhne an die gegenwärtigen Lebenserforderniffe herbeiführen sollen. Die gepflogenen Unterhandlungen haben zu keiner Verständigung geführt, da sich die Unternehmer jeder Lohnerhöhung gegenüber ablehnend verhalten. In den Reihen der Stückmerster herrscht demzufolge die Absicht, z u st r e ik en. Las Schachturnier in Kecskemet. 20 Teilnehmer, darunter Aljechin, Niemzowitsch, Tolle. Aus Budapest wird uns berichtet: Das anläßlich des in Kecskemet stattfindende internationale Schachmeisterturnier wurde Samstag feierlich eröffnet. Es wird von 20 Meistern bestritten, die Allslosung ergab folgende Teilnehmer, die in. zwei Gruppen geteilt wurden: 1. Gruppe: Sarközy (Budapest), Brinkmann (Kiel), Dates (Leeds),-Dr. Asztalos (Sarajewo)» Müller (Men)) Aljechin (Paris), D r. T a rt a k o w e r (Paris), Takacs (Wien), Gilg (Mähr.-Ostran), Kmoch (Wien). 2. Gruppe: Bukovic (Zagreb), L. Steiner (Budapest), D r. B a j d a (Budapest), G r ü n f e l d (Wien), Niemzowitsch (Kopenhagen), Szekely (Budapest), Przepiorka (Warschau), Ahnes (Berlin), Berndtson (Stockholm), Colle (Brüssel). Die erste Runde wurde Sonntag gespielt; Aljechin siegte über Müller, Gilg gewann gegen Brinkmann, Kmoch gegen Sarkitzh, Takacs gegen Dates, Dr. Bajda gegen Ahnes, Niemzowitsch gegen Szekely. Die Partien Dr. Asztalos—Dr. Tartakower und Grünfeld—Przepiorka wurden remis, die Spiele Steiner—Berndtson und Bukovic— Colle wurden abgebrochen. In der zweiten R-unde am Montag remisierte Aljechin gegen Kmoch, Niemzowitsch gewann als Nachstehender gegen Przepiorka, Colle gegen Szekely, Dr. Bajda gegen Berndtson, Steiner gegen Bukovic, Dr. Asztalos gegen Takacs, Brinkmann gegen Sarközy', Dr. Tartakower gegen Müller. Die Partien Ahues—Grünfeld und Gilg—Dates wurden remis. In der dritten Runde spielen folgende Paare: Brinkmann gegen Kmoch, Dates gegen Sarktzy, Asztalos gegen Gilg, Müller gegen Takacs, Aljechin gegen Tartakower. In der Gruppe 8: Steiner gegen Colle, Bajda gegen Bukovic, Grünfeld gegen Berndtson, Niemzowitsch gegen Ahnes, Szekely gegen Przepiorka. Mische Studenten. Bon C. A. Loosli. Im Verlag des Pvstalozzi-Hellender>g-Hauses, Bern, ist soeben unter dem Titel „Die schlimmen Juden!" ein Buch des Schweizer Autors erschienen, dem wir mit Erlaubnis des Verlages - das nachstehende Kapitel entnehmen. Meinen Geburtsort hatte ich längst unwiderruflich verlassen gehabt, und die Verhältnisse brachten es mit sich, daß ich mit Juden erst wieder als Student, dann später beruflich in Berührung kam. Abgesehen von einer einzigen Ausnahme, muH ich wahrheitsgemäß bekennen, daß ich mit keinem unter -ihnen, feien es Studiengenossen, Auftraggeber, Kunst- oder andere Händler gewesen, je so entmutigende Erfahrungen zu buchen hatte, wie sie mir im Verkehr mit Ariern so reichlich in einer Art blühten, daß ich wohl behaupten darf, diese seien jedenfalls nicht daran schuld getvefen, daß ich mich nicht schon vor langen Jahren am ersten besten Nagel aufknüpfte. Im Gegenteil; ich habe unter gebildeten und ungebildeten, armen und wohlhabenden Juden in ihrer Mehrheit Leute kennen gelernt, mit denen zu verkehren und zu arbeiten eine Freude war, unter denen ich verhältnismäßig ebensoviele treue, uneigennützige, verständnisvolle Freunde fand wie unter Nichtjuden, deren Bekanntschaft mir zur dauernden Bereicherung meines Lebens gereichte, deren Freundschaft ich nie hoffe misten zu müssen. In meinen jungen Jahren waren es, wie gesagt, in der Hauptsache Studenten, die den Großbestand meines damaligen jüdischen Verkehrs bestritten. Mit tvenigen Ausnahmen tvaren es russische und polnische Juden, die damals zahlreich unsere höheren Lehranstalten besuchten. Arme Teufel zumeist, wenn sich auch als weißer Rabe ab und zu ein bemittelter, mitunter sogar ein reicher Kamerad unter sie verirrte. Je nun: so fremdartig sie mir auch in manchem Vorkommen mußten, boten sie mir stets das oft belvundernS- (verte Beispiel eisernen Avbeits- und Lernwillens, einer, uns arischen Studierenden, auch den unbemitteltsten unter uns, fast unfaßbaren leiblichen Bedürfnislosigkeit, einer Entbehvungsfähigkeit, wie ich es sonst höchstens etwa bei italienischen Maurern angetroffen habe. Dabet waren sie fast ausnahmslos vorc einer Gutherzigkeit, von einer gegenseitigen Hilfsbereitschaft, die sich nicht immer bloß auf ihre Glaubensgenossen erstreckte, die mich oft überraschte und rührte. Unter Armen verstanden sie es stets — wie sie es zustande brachten blieb mir meist ein ungelöstes Rätsel —, den Aevmsten beizuspringen, ihnen zu helfen, das Leben leichter zu ertragen. Da aber wo ich . sie am aufrichttgsten bewunderte, wo sie mir Hochachtung und Zuneigung zugleich abrangen, war es auf geistigem Gebiete. Mit verschwindend wenigen Ausnahmen waren diese jungen Leute,, diese armen Teufel, diese oft mißachteten und gesellschaftlich fast unmöglichen Judenjünglinge durchgehend hochgesinnte Idealisten. Da war keiner unter ihnen, der nicht bereit gewesen wäre, für sein Edelstroben, sein seelisches Wunschziel, an dessen Erreichung sich keiner auch nur vorübergehend ernsthaft zu denken getraut hätte, ohne vor sich selber. lächerlich zu werden — da tvar selten einer, sage ich, der nicht bereit gewesen wäre, für seine Ideale seine ganze Eigemnenschlichkeit samt Leib und Leben, wenn es hätte sein müssen, unbedenklich einzusetzen, und mehrere unter ihnen, mit denen mich treue Kameradschaft verband, haben es später auch getan. Ihre Absichten, ihre Endziele waren mir oft unverständlich, ihre Erörterungssucht, ihre mir mitunter allzu uferlose, und wie mir schien ziel- und zweckbowußte Beredsamkeit belustigten mich nüchternen BernbauevabWmmling oft bis zur angriffslufttgen Reizbarkeit, bis zum offenen Streit; doch nie hätte ich auch nur den leisesten Grunddazu gesunden, ihre geistige Uneigennützigkeit oder Ehrlichkeit zu bezweifeln. Wenn sie mich dennoch oft wider Willen belusttgten, dann darum, weil es mir manchmal auch gar zu kauzig Vovkam, etwa ein Dutzend junger Leute beiderlei Geschlechtes ganze Nächte lang mindestens fünfzehn Meinungen über die beste Staats- und Menschheitsverfassung vortragen zu hören, die jeder für sich auSgearbeitet in dev Westentasche mit sich herumtvug, von denen aber alle zusammen nicht sp viel Mittel, noch Erfahrung aufgebracht hätten, den hundertsten Teil einer Deßjattne Ackerlandes zu erwerben und nutzbringend zu bebauen. Wenn man sie übrigens hörte, hätte man nicht meinen sollen, daß sie, fast ausnahmslos arm, auf die. möglichst rasche Beendigung ihres Brotftudiums angewiesen waren, sondern man hätte eher auf den Gedanken verfallen Wunen, die jungen Leute könnten es sich leisten, lange genug zu studieren, um sich, über ihr eigentliches Bevufsstudium hinaus, eine tüchtige, gründliche Allgemeinbildung anzueignen; denn sie kümmerten sich um alles und trieben neben ihrer Berufswissenschaft noch so vielerlei, daß sie befähigt waren, auch dort noch ein verständiges Wort Milzureden, wo die Wissenschaft ihrer arischen Studiengenoffen längst im Kommersbuch ihren Abschluß gefunden hatte. Ihr Wissenshunger war triebmäßig, einfach unevsättlich; man empfand: diese Leute wußten, daß ihnen die Hochschuljahre knapp zugemessen waren, daß sich zur Weiterausbildung später nie mehr Gelegenheit, bieten würde; daher rafften sie an Kenntnissen und Erkenntnissen, oft nur zu -wahllos, alles zusammen, was sie auf ihrem Wege fanden, speicherten es vorläufig auf, um es später vielleicht nie, oder daun erst nach Jahren zu verarbeiten. Nebrvgens hatten sie auch rmangenchme Eigenschaften, um derentwillen ich mich oft bcm ihnen abgestoßen fühlte. Aber sie hatten deren nicht mehr als meine arischen Kameraden, nur waren es andere, mir fremde, die ich weder ver-. stand, noch verstehen konnte und die mir darum nur um so unangenehmer, unmittelbarer auffielen. Da war vor «Herr Dingen ihre unerhört halsstarrige Steckknöpfigkeit, die mich gelegenttich an die äußerste Grenze des gesttteten Verkehrs mit ihnen hinriß. . Auffällig, mitunter unangenehm auffällig war mir auch ihre durchgehende Zähigkett in der Verfolgung ihrer Borhaben, die mitunter in eigentliche lästige ZudxinglicMeit Überschlag. Freilich war diese Art zu sein lediglich die Kehrsette einer ihrer besten Tugenden, nämlich dis ihres unverwüstlichen, unbeirrbaren ArbeitstMens und Fleißes. der sie befähigte, fast ohne Mittel, oft sogar ohne erforderliche Vorbildung, ihre Studien -dennoch zu bepMigen. und m gedeihlichem Abschluß zu führe». >! * ft,/; V tr; h- *■" I ' y . ..:y? r