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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-29 · Heft 2994 (29.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2994 (29.6.1927)
Date
1927-06-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Men. Mtttvoch <3K9f^eii|cHitS0 89. ^»i WS7 Nr. 8994 Der Kamps gegen den Mädchenhandel. Sine Konferenz iüdifcher Lerrinigungen in London. — Ae wirtschaftliche« «ad sozialen Folgen des Kriege». — Ae derlaffenen Frauen. — Sin Seuttalkond, mr interftaaillche jüdische Schutzarbeit. — Falsche Lokumeute. falsche Püffe «ad falsche Trauschekne. Judenhaß und Vertrauen. ] —y, Wien, 29. Juni. : fiSdbo -unfc Heribertibct eine ein 17jichriger HandelsüM>cmÄer, ider andere rin lAjährig'r Fachschüler, waren mkf >den Antisomiteiiibiinnnel gegangen. Sie hatten mit einem Ruidel Gleichgesinnter 'den inneren Drang verspürt, die deutsche Seele vor den Semiten zu retten. Zu divsam Bchuise trug Bodo einen Dolch, Herbert einen Schlagring sowie einen Hackenstiel mit einer Gumtnischlinge. Be'kde 8amen vors Gericht -und erzählten als tapfere Jünglinge, sie seien nur spaziersn gegangen. Beide wurden 'bedingt zu einer Geldstrafe verurteilt. Sk sind aus einer guten Schule, in der ihnen bei gebracht wird, daß Juden.geprügelt werden müssen und daß es gut sei, sich dann aiffs Leugnen zu verlegen und harmlos zu tun. So wie sie werden noch viele andere junge Leute ansgobildst und lernen, die Essenz deutschen Wesens sei der Pogrom und nachher die Unwahrheit. Das ist eine merkwürdige Erziehung, und die Leute dieser Tätigkeit gelten hierzuliande und auch anderwärts als Politiker, als Vertreter einer politischen Idee. Bringt einmal ein Gericht, die Entschlußkraft auf, sich nach den Lehrern zu erkundigen, was bisher in Oesterreich noch sehr selten gcschchcu ist, so ergibt sich, daß sehr mächtige und einflußreiche Personen die Protektoren sind und dann verläuft alles wieder in Sand. * Diese Pr-otektvreu stammen nämlich aus einer Generation, die in dem gleichen. Sinne erzogen worden ist und deren politischer Trieb gleichfalls auf die Inden abgclenA worden ist. Man geht sehr gerne an diesen Zusammenhängen vorbei und insbesondere die liberale Presse hat das System dieser Unwahrhastigikeit gezüchtet. Sie spricht, wenn sie überhaupt spricht, von der verführten Jugend, wagt es aber niemals, die Frage nach den Verführern zu stellen. Das sind doch die Personen, die heute das politische Leben des Staates bestimmen, die Leiter der Verwaltung und Erziehung, die für 'das Gemeinwesen Verantwortlichen. Sie werden für diese Sünden niemals zur Rechenschaft gezogen und so sind sie der begründeten Meinung, es soi alles schön und'nützlich, tvas sie zur Verwüstung der Gehirne unternehmen» Sie haben sich zu dem im nationalen Patriotismus einen stets brauchbaren Vorwand schaffen, der nur dann in die Tasche gestecktwird, wenn sie über ähnliche Akte eines auswärtigen Nationalismusgegen Deutsche zu - klagen haben. Niemand findet beredtere Worte für das Unglück der.Deutschen in ihren Golusländern wie -gerade die Völkischen, ihre Politiker, Intellektuellen undHaWinleM genfer über -den Versailler Friedensvertrag, über die Entwaffnung -des deutschen BoAes und über di« daraus resultierende: Heiligkeit der Revanche. ' Dieser nationale Patriotismus sucht sich in Oester-. , reich auf allen Gebieten auszu-wirten und er hat sich die Juden als sein nächstes Objekt ausgesucht. Sie sollen aus. dE. Wirtschaftsleben ausgeschaltet und unter Freunden-' recht gestellt werden. Insoweit sie der völkische Hochtrieb am Leben 'belassen will, sollen sie aus eine, geschlossene Zahl herabgesetzt und nur im ^Verhältnis der .Mermäßigen Relation zu den einzelnen Berufen zugelässen wenden. Nebenbei bliebe ihnen noch die Funktion .des Prügelknaben für alle erdenklichen wirtschaftlichen und sozialen Uebelstünde.. Diese Agitation entfaltet sich schr breit und sie findet, da sie sich dem schmutzigsten Konkurrenzneid als Söldling Mchietet, lebhafte Unterstützung. Sie wirkt auch nach außen, nicht nur sn dem Sinne, daß sie die gleichen Instinkte bei anderen Völkern aussucht und durch politische Verbindung, stärkt, sondern auch in dem für Oesterreich so ungünstigen Sttrrte, daß sie -das Vertrauen in die Führung und i-rrnere Ordnung des Staates erschüttert. Antisemitismus als politisches Prinzip führt direkt zur Korruption und es -ist Lei uns sehr wenig, driaußen aber sehr stark -beachtet worden, daß die in die letzten großen GkandalaMren verwickelten Persönlichkeiten zumeist Parteien angehörten-, Lei -denen der Kampf gegen das zersetzende Judentum Programm ist. Oesterreich ist, was ja heute trotz des Schweigens der Qffijziellen «in öffentliches Geheimnis ist, mit seinen Anleiheplänen in Gens aus schroffen Widerstand gestoßen, And die Ursache liegt in den Korruptionsfällen, die auf das hier vorhandene moralische Leck zurückgehen-. Wer den Haß predigt, hat auch wenig Widerstandskraft gegen den Betrug. Oefferrtliches Vertrauen ist «eine heikle Sache Kind man weiß -nie, wo so ein Stein ein Fenster zerschlägt. Bei diesem so eifrig geschürten Judenhaß spielt Natürlich auch die innere Unwahrhastigteit ihre Rolle. Es gibt auch' eine moralische Verantwortlichkeit, die im inneren Leben freilich nismtals angowendet wird. Sie zeigt sich n-ur -von außen her und da trifft sie nicht die Schuldigen, sondern die breiten Massen. Wenn Oester- ' reich keinen Kredit findet, fo haben nur di« Erwerbstätigen und die Arbeiter zu leiden, nicht aber die Hetzer in Amt und Würden, die sich doch für alle Fälle wieder den Juden, als den Sündenbock parat halten. Sie selbst sind niemals schuld, nicht für den Verlust des Vertrauens, nicht für die Erziehung der Jugend. Sie sorgen dafür, daß ihr Geist nicht verloren gcht. Aus den Kreisen dieser Bodo uird. Herbert, aus den Verbindungen, die nach der Kwei-Pe des Nachts einen jüdischen Passanten verhauen und dann davonrennen, kommen die Führer des Staates in der nächsten Generation. Um 22. Juni unstöc »ln London die intetstaatliche Konferenz der jüdischen Gesellschaften zum Schutze der Frauen und Mädchen und zur Bekämpftmg des Mädcherchandels eröffnet. f Herr Claude Montefiore hielt die Eröffmmzsansprache, in der er an dio 19-10 stattgesundene erste jttdische Frauenschutzkonferenz erinnette. Seitdem haben sich die Verhältnisse infolge der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, besonders derjenigen in Osteuropa, sehr verschlechtert. Es ist kein Geheimnis/ daß ein weitverzweigter . .Mädchenhandel existiert. Juden sind unter den Händlern wie unter den Opfern. Es resultiert daraus für die Juden die Pflicht, an der allgemeinen Arbeit zur sittlichen Reinigung der Welt als Juden teilzunehmen. Es rvurde ein Präsidium gewählt, dem die. Herren Eduard Oungre (Paris), Prof. Dr . M. Sobernheim (Berlin). Karl Klempner (W-i-em) und Julius Becker (Drmzig) augehören. Arthur R. Mo-r-v, derWizepräsLent und Sekretär der Association, hielt ein eingehendes Referat über die Fottschritte seit der Konferenz von 1910 in dem «MUH ver imnsmen wrlMven Mdo ytttttcn vor unsittlicher Ausbeutung. Er wies auf die Länberveist des Sekretärs S. Cohen durch -Mittel- und Osteuropa hin. Es sei gelungert, die durch dem Krieg unterbrochene Arbeit zu reorganisieren In Warschau und in Lodz, in Argentinien wie in Brasilien wurden Hunderte Mädchen uno Frauen den Sklavenhändlern entrissen. Zweigbuvsaus find in Mexiko, Peru, Chile und Aegypten notwendig, ober der Geldmangel hemmt die Tätigkeit. In der Sitzung vom 23. Juni wurden bk Berichte aus den einzelnen Lärchern erstattet. Mamelsdorf sprach über die Lage in FrcmEreich, Frau! .Po-ppe-r -über die Lage in der Bukowina. Frau Dr. Paula Ochl-on darf (Breslau) erklärte, in Deutschland selbst existiere kein regelmäßiger Mädchenhandel. Man könne beWreifeln, ob wirklich hie Juden unter den Mädchenhändlern eine große Rolle «spielen. Die Hauptursache beS Uebels ist in den wittschaftlichen und sitzÄtten Röten OstourvpaS zu suchen. Zu empfehlen ist sme Stärkung der Frauenpolizei in allen Ländern, '' Frau Deplr'cka (Lodz) berichtete über die Lage' in Po len. Der Krieg hat ..die bösesten Instinkte geweckt, die ^Neigung zum Luxus' gesteigert. Bon den drei Mllionen Juden in Polen gehören 75 Prozent den ärmeren Schichten an. So suche die Prostitution ihre Opfer unter den Juden. In Lodz züm Beispiel sind ein Sechstel aller Prostituierten Jüdinnen. Der Mädchenhandel wird durch die Duldung der sogenannten „Stillen Chupa" (religiöser Eheschluß ohne standesamtliche Trauung) gefördett. Ein zerstörender Faktor rm jüdischen Familienleben sind die verschiedentlichen \5t*l nWwWfftlt^vtÄ I (!)Ttt1trHH^6ttf durch die eine Trennung von Familienmitgliedern beivirkt wird. Dcmsende vrm Frauen > sind verhindert, zu> ihren Männern zu kommen. Notwendig sei'eine Zwangsregistrieftrierung der religiösen Ehen und ein« internationale Regelung zur Behebung der Fannlientvennung. — Die Sejmdeputrerte Frau Dr. Mielzer (Lemberg) fdrdette erzieherische -und anfttärende Arbeit unter den Frauen und Mädchen des Ostens. — Tr. Lubinsky (Kownv) berichtete, daß infolge der Wirtschaftskrise in Litauen' die Prostitution fortschreilet. Bon etwa 1200 Prostituierten find 241 (20 Dozent) Jüdinnen. Die Haschomer-HaMir-Bewegung in Litauen benrühe sich, gesündere sitttiche Bedingungen zu schaffen. Fräulein P <rp pen heim ^Frankfurt a. M.) 'behandelte die Frage der AI g u n o t h (Frauen, deren Männer verschollen sind) und appellierte an die Rabbiner der ganzen Welt, Maßnahmen zur Erlösung dieser Frauen zu treffen. Sie regte auch die Gründung eines Wel-dsichutzbn ro-a-us für Kinder trrtb junge Mädchen an. l i In der Nachmittagssitzung des ‘23. Juni wurde die Frage erörtert, in welchem Maße diel territorialen und wirtschaftlichen Umgestaltungen 'ProstituNvn und Mädche n Handel gefördett hcchen. Frau Bl an kstein (Wilna) führte aus, trotz der Erweiterung der Frauenrechte habe der Mädchenhandel zugenommen- Hanptursachen sind die Aenderung der grographischrn Grenzen, Pogrom«, Massenwanderung, Trennung von Famittemnttglieidem, wittschaftliche Not und anderersettS auch die Dteigernng des AmÜsementVedürsniffeS;. ferner Wohmmgslosigkeit rmd Staatenlosigkeit. Vorbeugungsmaßnahme» wären moderne Einrichtungen zur -Ausbildung in Lmwwrttschaft und orderen Berufen. Rabbiner Dr. Felix Goldman» (iZeipzig), der im Vcamen 'des Deutschen Rabbinerverbandes sprach, fÜhtte aus, er glaube nicht cm bk Existenz tfties sPeKiellsn jüdischen Mädchenhandels, wenn auch in mehreren Fällen Inden als Mädchenhändler festgestellt wurden. Die -tf ahl der jüdischen Opfer sei im Berhältnis nvchgrShep. Wen» von SchttÜ» gesprochen werden soll, so Kogl hier Me GchkmifchUld der Wett i rn . «jip %««oMne I ES sei noNvendbg, das jMsth-retigiöfe Gesetz betreffend die Agunoth zu reformieren. Rabbiner Dr. MoseS Hy am so» (R^wyork) fKhtte cmS, infolge der guten Wirtschaftslage ist in Renchork he«^ von einer Prostittltion wenig zu merke». Das Agmrvth-Problem muß gelöst werden, dies könne aber in dieser Versammlung nicht geschehen. Es wurde ein Schreibe» des ObeeriMtne^s Frankreichs, Israel ä5evi, verlesen, das sich Mit Maßnahmen zur VorbauKung der G-eh-ettm-eche-n b°- faßt. Cyächam Dr. Ga ster stellte die Schuld der vermögenden Klassim an dem Bestehen der Prostitution fest. In der dritten Sitzung sprach Fra« Henry Wvskowitz (Vtewhork) über die erfolgreiche Arbeit des Ratss jüdischer Frauen in lltewyork. Fräulern Pappenheim sagte, sie ersehne einen neuen Rabbenu Gerschon, der das Judentum revoluttouieren urrd die Aguuoch tm ihren Ketten befreien werde. Rabbiner Dr. Hildesh-eimew (Berlin) führt« aus, die großen rabbinischen Autoritäten des Ostens verstehen die Lage der Agimoch, man könne abtit e»n velig^öseS Gesetz nicht brechen. Die Konferenz schritt nun zur BehaMung des vierten Prvgranunpunttes: Verbreitung der Kenntnis de, Gefahren des Mädchenhandels und der Prostitution untel jungen Menschen. Frau Paula Ohlendorf (BroSlauj gab i^cor Meinung Ausdruck, daß die Reinheit der auvettkonischen Jugend durch das mustergültige häuS< lieche Lebe» und die gute Organisation der JugeuWk^ . langen bedingt ist. Sie sei gegen Aufklättmg unter der Schntzugelnd^ da eine solche schlummernde Instinkte Wecken könnte. DWet und Mütter sollen zu akttver Mitarbeit herangeKogeu werden. — MH Carrie Wise (NewyorF) berichtete ifec das von ihr begründete Heim für eingewawderte Mädchvu. Unter IE Mädchen waren nur zwei böse Fälle. E»i ni Unze vorbeugenden Sch,utz«S ist b^f^e-r wli ei-n Pfund Seelsorge. Julius Becker (Danzig) referierte über die Schaffung . eines Zentralfonds für jMsche Arbeit zuM Schutze der [ Mädchen und Frauen. Der Referent empfahl die sofortig Gründung etttes solchen Fdnds, es sei Pflicht dev Juden k den höher kuM-vierlen, materiell besser gestellte» west« europäischen Ländern, dazu beizutragen, daß das entsetz liche matenelle und moralische Elend der jüdischen Maß sen Osteuropas gelindert werde. Generalsekretär S. Cohev beanttagte die Veröffentlichung eines Appells cur die Judenheft der glmziar Wckt» den Zentralfonds zu unterstützen. Claude G. Mondefivre sprach sich dahin «ms, daß das ZeNtvalbuvean dvl internationalen jüdischen Konferenz weiter vxt don verbleibe. Die amettkanifche Judenheit sei de, reichste und freigebigste Teil der Weltjudenheit. Der Westen^ müsse dem Osten Hülsen, der Westen hilft dadurch srcf ieM, da ja die Opfer aus dem Oste» von dem Westen vechraucht wechen. Es folgte der Bericht des GeneraffekreiKrS S. Cohen, der die Vorschläge oer <s^mvttm«mgiemvn«mfikon. ot» «vuervUM«» über Maßnahmen zum Schutze der Frauen und Kinde, behandelt. Der Bericht des Völkerbundkornttees stellt eftttz« erheblichen Anteil von Judsr an dem Mädchenhandel fest, und zwar sowohl was die Händler als auch die Opfe, betrifft. Die Hmwtexpottländer sind diejenigen Osteuropas und Frankreich die Importländer find hmiptfächlich das latrinische Amerika uwd Aegypten. Sobald Osteuropa ertoahnt wird. Wird der jüdische Aspekt sichtbar. Das Bölker« buÄkomitee berührt in seinem Bericht die Institution der nichtstcmdeSamtlichen rein religiösen Heiraten. Dabei wird festgestellt, daß gefälschte Dokumente, falsche Pässe und Heiratszertifikate eine gewisse .Rolle spielen. Man müsse, sagt Redner, anerkennen, daß es einen jüdischen Mädchenhandel gibt; ungeachttt dev anzufühtren« de« Entschuldigungen, wie Armut, RechtsunglevMeit, ungünstige Wittschaftsbediugungen usw., geziemt es uns, nicht zu ruhen, ftft das Uebek auSgevottet ist. Beginn des 7. internationalen kongreffe» znr UnterdrllSaag de» Mildchenhaudels. London^ 28. Juni. Heute wurde hier der siebend internationale Kongreß zur Uniterdrükkung des Mädchenhandels eröffnet, an demBertreter von 30 Ländern teilnahme». Auch ein Vertreter deS Völkerbundes nimmtan dem Kongreß teil. Der Mnister des Innern JoYnson-HickS hat an den Kongreß ein Schreiben gerichtet, roorin er die Vertrete« willkommen heißt und erktätt, die Bedeutung der Arbeit des Kongresses werde von der britischen Regierung voll gewürdigt und die don den Vertretern verfolgten tffefe erwecken die allgemeine Sympathie. An im gleiche« Sinne gehaltenes Schreiben richtet« Mß«t.t«inastov C.h^mb^'r- Utjm

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