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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-26 · Heft 2991 (26.6.1927) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2991 (26.6.1927)
Date
1927-06-26
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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«elfe 8 tfBten, Sunnttrg Wiener MorsenzeitnnK 26. Inn! mi Mt. SWk LITER ATUR BEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG' Bücher sSr den Reffekoffer. Manche nehmen solche mit, die — gelesen — in den Ofen der in -diesem Sommer zu heizenden Sommerwohnung kommen. Was ich wegwerfen muß, nehme ich erst gar nicht in die Hand. Aber Las tue eben nur ich. lind roer bin ich? Darf ich Vorbild, Präceptor, Richter sein? Run, kann man anders als dorr sich reden? Ist die Foorm „man" nicht die unbescheidenste Verkleidung? Ich bleibe also Lei mir. Und ich liebe Wucher, die bleiben, die wiederkchren, die müh überleben. Ich tu' in meine Reisetaschen Bände, die, heimgekehrt, ewige Ehrenplätze erhalten. Zum Beispiel: Da ist der vergessene Bachvfen Johann Jakob. Sein Werk ist aufgegangen in der späteren Forschung und doch hat nicht bald ein anderes die Tiefe, die Gedanklichkeit, die Originalität und kombinatorische Intuition seiner Arbeit erreicht.- Man weiß,, er hat „Das -Mutterrecht" geschrieben, vor bald siebzig Jahren. Davon leben noch heute Analytiker und Soziologen. Wer seine Zeit ist gekommen, Neuausgaben erscheinen; und wie immer ist auch hier Reclam in Leipzig bemüht, ein großes Werk der Menge zugänglich zu machen» indem er es ^billig macht. Carl Zllbrecht Bernaul li hat in drei kleinen Minden eine systematisch geordnete Auswahl getsoffen, mit dem Verständnis des Wissenden und Liebenden, und „Urreligion und antike Symbole" genannt. Er hat das Vergängliche und Vergangene, das Ueberholte und We^betmesene gestrichen und zusammengefügt, was Bachofens Intuition, »Gefühl und Tiefblick immer giiltig statuierten. Bachofen wurde Seelendeuter, indem er Geschichte zu methMsieren suchte. Seine historischen Funde waren psycholgischeo Entdeckungen. .Er hat das »Sy mb ol ent-, deckt! Bernaulli ordnet seine Auswahlkünstlerisch. Bon den Ratursymbolen kommt er über die Götter zu den Helden, ustd endet mit der Persönlichkeit inmitten der 'Kulturentfaltung der Welt. Anmerkungen, Abbildungen erleichtern die Lektüre selbst dem solcher Materie Ungewohnten. Wer keiner .ist vom vornherein solchem- Work nicht gewachsen. - Lesen kann nicht immer nur Sich-unterhalten sein. Ob Man es fnicht einmal versucht, sich vom Buch belehren, bilden, erweitern, erhöhen zu lassen? Diese drei Meclam-Bändchen ■ sollten in den Reisekoffer gehören wie Pyjama und Wetter-; schuh, Schokolade und Kölnischwasser! - # . ' Ich finde überhaupt, Reise sollte heißen: Bildung ver-1 tiefen. Wissen erwerben. Und man kann nicht immer nur i schauen. Wogen rausche» hören, Gipfel b^wingen. Gibt: SENSATIONELLE NEUERSCHEINUNG JOHN GALSWORTHY Der ülberne Stöffel DAS NEUESTE WERK DES DICHTERS 1. bis jo. Tausend es nicht Abende, Regentage, Stunden auf Wieseu, wo der Geist dankbar wäre für l>tahrung? Wir find alle von Psychoanalyse — wenn nicht gekräftigt und gelöst, so ver dorben und verbildet. Run habt ihr Beit, das unendlich:' Gebiet einmal in Ruhe zu überblicken, frei von Beziehung auf euch, einmal von oben herab. Ein ausgezeichnetes Buch „Einführung in die Psychoanalyse" hat der Arzt Harald Schultz-Heucke geschrieben (Fischer, Jena), mit leidenschaftslosem, weil lückenlosem Wissen, in großartiger Beherrschung seines Stoffes, mit seltener Klarheit und einer Methodik, die in der Materie nicht häufig ist. Wir haben viele geniale Analytiker, aber sehr wenige Dar steiler der Analyse. Hier, endlich, haben wir eine Darstellung. Mit allen notwendigen Beschränkungen natürlich dem fast unbegrenzten Stoff. gegenüber. . Aber die Zellen sind da. Die Weiterentwicklung liegt beim Leser. Wir erfahren keine Neuigkeiten, wir werden nicht in neue Blickrichtungen gestellt: aber die bestehenden Erkenntnisse werden uns, mannigfach belichtet, klar aufgereiht. .Schultz-Hencke hat ein notwendiges Buch geschrieben und zugleich ein gutes, wissenschaftlich best fundiertes, dem guten Willen leicht, einge.hendes. Die ernsthafte analytische Literatur bietet niemals „Lesebücher", sondern Lehrbücher. Psyoanalyse ist heute nicht mehr Tanzpausegespräch und Gesellschaftsspiel zu zweien, sie wird, glücklicherweise, unmodern. Da kommt den Ernsthaften diese „Einführung" gerade recht. Mit solchen Büchern gewiirnt die Wissenschaft außerhalb ihrer Laboratorien Terrain! Und nun .ein vorläufiger kleiner Hinweis auf ein großes Buch: „Kaiser Friedrich der Zweite" von Ernst K antor owicz (Bondr, Berlin). Aus dem Gnndolf-Kreise. Aus .unserem neuen Geschichtswissen und Geschichtsgefühl. Ans dem geistigen Lager von der Haltung Stefan Georges. Die Formvollendung eines daher kommenden Werkes ist .von vornherein sicher. Aber der Verfasser gibt »ihm auch die entsprechende geistige - Fülle. Er schafft einen Menschen, ein, Menschenleben, eine Menschenwelt jener Z§it, gesehen mit dem Tiesenblick des Heutigen. Eine große mystische Gestalt (unsere Sehnsucht legendisierend) wird leibhaft, strömt Atmosphäre aus, ist, Symbol/Geist, Realität in . einem. Ein wissenschaftlicher Bau kann nicht künstlerischer-, ornamentiert sein, als hier geschehen ist., Geschichtsrverk als Kunstwerk. Es gibt — außer dem einen — noch ein anderes „Geheimnis Deutschlands". Aus diesem der "erlesenen, edlen Geist,>r, im Lichte Georges, kommt dieses feierliche, Gelehrtheit verklärende, in Wissen lächelnde Buch. Und um den Ernst in Leichtigkeit zu lösen: ein Roman. „Bella." Von. Je an Giraudoux (Insel, Leipzig). Roman. —. Ja, aber zu lesen Satz für Satz, mit >,em Entzücken des. Feinschmeckers: - keine Kurzweil gewohnter Romanlektüre; ein bedächtiges Genießen ungewohnter Kunst- Ech kleiner Liebesroman mitten in einem politischen Skandal. Die Figuren ausdem -heutigen Paris ins Buch gestellt, entzückend wahr nick ähnlich,, scheint, es. In einem Ton erzählt,. unnachahmlich -französisch. Dieser - Charme 'des Geistes, diese Anmut der Form! Diese Eleganz'ber Geste: und'Haltung, diese südliche - Freiheit im Empfinden! Noch wenn es sich um den Tod handelt, Mt sich die Stimme nicht; allenfalls, wenn es um die,Ehre geht. Und wenn Girannoux richtig ins Erzählen kommt, eine kleine Novelle mitten "in den gelassenen Gang seines Romans'stellt: tvelche romcnchche Meisterschaft des Erzählens! Lesenswert allein schon als Probe gallischer Kultur und Kunst —. abgesehen' von den herrlichen politischen Enthüllungenglorioser Männer. Ein Juwel unter den kleinen 'Büchern, unter den kleinen xin ganz'großes: r 1 Mit diesen Michernim Koffer darf euch der Urlaub verregnen. Vielleicht segnet ihr Regen und Frost, denn ani Menschen geist erholt'man sich wunderbar ttne anMeev Und Gebirge. ‘ : Nurt Münzer. Alfred Pstzar: „Stichproben". Ernst Rowohlt, Verlag, Berlin. Halbleinen S 9.50, Ganzleinen S iz.—, Halbleder S 2t,-~ : - Dieser, in sich abgeschlosseneneue Roman Galsworthys stellt ähnlich wie . Der weiße Me eineEpoche weiter im Leben der Menschen dar, die uns aus der berühmten Fvrkxte Saga so vertraut und lieb geworden sind Deutsch van Lean Schallt PAUL ZSOLNA\ VERLAG / WIEN Der vierte Band von Polgars theaterkritischen SchttM —"letzte Ernte (bis tief ins Spiehcchr 1927), Neins 'Auswahl: „Ans früheren Jahren", -Notizen,' und „Gin Handbuch für Kvttiker" — ist ein Ergänzungsband. In der Zusammenstellung und Aufmachung ein wenig gezwungen, aber deshalb nicht mindew willkommen, als uns seine früheren Theatorbücher waren.. . Ein Dichter, der weder Epenform, Romane diktiert, Dramen liefert. Gereimtes singt,' sondern sein Werk auf Tagebuchblätter beschränkt oder (diesfalls) , «nlMch seiner Thkrtewpflrchtbosuche den Stoff für schöpferische. Stunden holt,. sind seine ,Kritiken" ein . Ding an sich/ weder langwierige, sachkundige Berichte, noch hochmögende Werturteile und schon gar nicht pvostssorale Abi Handlungen.. Zweifellos: Er liebt das Theater nicht, und der -Kenner, seiner Werke weiß - längst, warum, Sie reichen doch j niemals mit Dialog und Rampenlicht, Theaterdonner und Kostüm, ^Kulissen: und Schminke a«. den Gegenstand heran, um den sie sich im Schweiße des AngesiGes bemühan. Leben und Theater sind. kontradiktorische Gegensätze,. Deshalb zieht er tat Zirkus m-.', - so schlechter weg, je höher sie hinaus wollen. Er ixiid't ü.v5 natürlich besser aus, nämlich so: „Zn hohe geistige Näume haben schlechte Akustik, da wird des Dichters Stimme den ihrem Widers- Hall zugebcckt." Sons: kann der Referent nur tviedcrhoten, was in seinen früheren Referate,l über. Polgar-Bücher zu lesen stand. Daß er wie kein zweiter schreibender Theaterbesucher in einen, kurzem, überaus prägnanten, seinsnnugen und für -alle Fälle anmutigen Satze seine Meinung über Wert und Unwert eincs Stückes, einer Schauspielerleistung, einer Regiearbcit Vorbringen kann. Daß jede seiner Theaterbetrachruiigen sachlich, plastisch, vornehin undeindeutig ist. Daß die Lektüre seiner Schriften geistigen Genuß sondergleichen bringt. Als Dichter von Geblüt stellt er sich übrigens militant vor sein Werk, wie man nicht nur aus einer gelogen itichen temperamentvollen Replik auf ein abfälliges Urteil über seine Thcaterbücher entnahm. Sein neuestes Buch'trägt ein Motto, das allen künftigen Verneinungen oder Verkleinerungen der Schriften Polgars seinen wehrhaften Schild entgegenhült. Es lautet: „Wer mich grundsätzlich, ans Antipathien des Blutes oder des Verstandes, nicht mag, den kaiüH ich mit besten Worten und Taten nicht umstimmeu. -«Wer mir gegenüber Essig ist, dem schmecke ich sauer." O. A: Eine französische E. T. A. Hosfnmnn-Biograpyic. Es ist interessant, daß E. T. A. Hossmann, eine', der großartigsten Erscheinungen in der deutschen Literatur, weit' früher in Frankreich als irr Deutschland anerkannt wurde. Sein Leben und seine -Kunst wurden mehr in Frankreich. als in Deutschland behandelt. Vom Jahre 1830 (das ist acht Jahre nach seinem Tod) bis zum Jahre 1900 sind m Frankreich 32 Biographien E. T. A. Hosfmanns erschienen. Ihre Zahl ist jetzt wieder um eine vermehrt, die den französischen Dichter Jean Me stk er zum Verfasser hat. Gleichzeitig ist auch eine Reihe neuer Uebersetzungen der Werke Hofsmanns erschienen. Eure Enquete über ine populärsten deutschen Bükhrv« Der Börsenverein deutscher Buchhändler hat eine Rmckfryge veranstaltet, welche zwölf Bücher der letzten drei-Generationen im intellektuellen deutschen Haus vorhanden sem müssen. Die meisten Stimmen, nämlich 387, erhielt Gottfried Keller, dann kommen die Werke von Gustav. Freytag, Bismarck, Nietzsche, Raabe, Storm, Hebbel, Verhört Hauptmann, Fritz Reuter, Scheffel und erst'an elfter Stelle mit 177 Stimmen Thomas Mann; an-letzter Stelle rangiert Wilhelm B u s ch. Es ist bezeichnend,. , daß sogar die vorletzte literarische Generation Deutschlands in dieser Reihenfolge so schwach vertreten ist. Das Buch vom Woin ist der Ti teil -eines u lnf-o ffe nibe.rt, reich illustrierten Werkes von Dolkmnenten aus Kultur und Dichtung zur Gelschichte des Weines, seiner VevwsiiÄniig und der Geheimnisse seiner Kraft, das Karl Wolfs kehl und Kurt Sigmar GmtEind demnächst im H hp e ro n- B erlag erscheinen lassen. Eine billige Serie »m Prspylnen-Verlag. Auch der Propy'läen-Verlag bemüht sichjetzt um die Herausgabe billiger, in Inhalt und Ausstattung hochwertiger Bücher. Die neue Reihe der Propyläen-Bücher (2.20 Mark pro Band) bringt fünf NoveNenbände deutscher Autoren, darunter Heinrich Mann „Abrechnung" und Leonhard Frank „Karl und Anna". -r>er - Zivleoeytsky. Das soeben erschieneite neue Heft dieser .trefflichen Münchener Zeitschrift (20. Jahrgang, Heft 3/4) enthält u. a. folgende Beitrüge: „Opernelend und Kunstpflege nach Hörensagen. — Ein Verbrechen an der' Jugend." — Dem Heft ist ferner als Beilage eine. Studie über „Das Werk Hans von Webers" beigeschlossen. SOEPEM EBSSC8MSEMEM» Edmond Fleg Ein kBeiner Propliii Roman — Broschiert M 3.—, in Leinen M 4.80 Elfi Kfnderromaft, ergreifend in seiner schlichten Einfachheit. Nirgends ist mit größerer Feinheit das Problem des modernen Juden, der ohne Religion aufgezogen wird, erfaßt und wiedergegeben worden. Aus Kindermund schluchzt verzweifelnd die leidenschaftlichste Anklage gegen das moderne Judentum. In jeder Buchhandlung erhältlich R. Piper & Co. Verlas. München

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