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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-26 · Heft 2991 (26.6.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2991 (26.6.1927)
Date
1927-06-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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_ M»- ateUntt ®UtQm&Hm*8 06. Jrmk KS7 Sr. «M °D CfliilA In allersrBBtar Auswahl Jvlll6 und bester Qualität Nach einer kurzen Pause ergriff der Verteidiger der Angeklagten, Dr. Sieger, tag Wort zu seinem Plädoyer. Er führte aus: Meine Herren Mitbürger! Ich bin v o n der U nschtrld der Fron Nelly Grosavescu überzeugt. Die Frau hat Ke Tat im Zustand völliger Geistesverwirrung begangen. Dem Staatsanwalt hat es gefallen, entgegen einer Verordnung des Justizministeriums mit einer Stim - mmngsmache zu arbeiten. Ich tvill Ihnen nur nüchterne Tatsachen auseinandersetzrn. Ob der verstorbene Sänger Grosavescu so oder anders geartet war, ist nicht ganz Nebensache, wie der Staatsanwalt meint. Diese Frage ist sogar eine Hauptsache: Wer ist die Angeklagte und wie ist ihr Geisteszustand? Diese Kernfrage hat der Staatsanwalt ganz ignoriert und er verkennt auch, daß die Herren Geschworenen nicht über die Tat zu richten haben,, sondern über die Täterin. Daß die Tat strafbar ist, weiß jeder von uns, aber gestraft werden soll ja nur die Täterin. Die Angeklagte war wahrheitsliebend von Lindheit auf, zu Hause und in der. Schule. Wäre sie, wie die Anklage behauptet, egoistisch gewesen, so hätte fie doch nicht gerade denjenigen aus dem Wege geräumt, der ihr eine glänzende Zukunft bieten und in dessen Glanz und Reichtum sie sich sonnen wollte. Wir haben doch von vielen Zeugen gehört, daß sie dem Grosavescu wie eine Mutter zur Seite stand und Mutterliebe ist das Höchste, weil sie selbstlos ist. An die Spitze seiner Ausführungen hat der Ankläger die Angaben des Zeugen Lauter st ein gestellt, dem die Angeklagte gesagt haben soll, sie werde ihren Mann noch niederschießen. Ja wer ist denn Herr Lauterstein? Er ist ein Impresario, der seine Befähigung hier damit bewiesen hat, daß er sich aus dem Zuschauerraum seine Zeugen herausholte. Ich kann mir — sagte der Verteidiger weiter — das Zitat aus Goethes „Faust" nicht versagen, das. sich auch der Ankläger sicherlich vorgesagt haben wird: „Es tut mir in der Seele weh', daß ich dich in der Gesellschaft sch'". Die wichtigste Frage des Prozesses aber hat der Ankläger nicht angeschnitten, nämlich daß die Angeklagte geisteskrank ist. Der Verteidiger kritisiert sodann das Gutachten der Psychiater. Die Psychiater sagen in diesem Fall wie in jedem andern, die Angeklagte ist erblich belastet, psychologisch minderwertig und es sind auch Zeichen von Hysterie da... aber sonst ist sie gesund. -Warum ziehen' fie aber nicht die letzte Konsequenz, indem sie der Angeklagten die volle Zurechnungsfähigkeit absprechen. (Der Vorsitzende unterbricht hier den Verteidiger und meint, daß er es-ni cht dulden könne, daß gegen die Gerichtsärzte in solcher Weise gesprochen werde.) — Der Verteidiger beantwortet dies damit, daß er damit nicht die heutigen Gerichtsärzte gemeint hat, sondern die Aerzte im "allgemeinen. Der Verteidiger hielt hierauf eine größere Exkursion über die Strafgesetzgebung, deren Reformbedürftigkeit er betont. Wieder un t'erb r i ch t. ihn der Vorsitzende mit der Ermahnung, daß der Verteidiger die Geschworenen nicht zur Mißachtung der Gesetze herausfordern dürfe. Die Totgeburt — meint der VerteMger weiter — wurde von den Gerichtsärzten nicht gebührend behandelt und er verweist in diesem: Zusammenhang auf das Buch des Gynäkologen S ch a u t a, der betont, daß das Wochenbett, das er mit ungefähr zwölf Wochen berechnet, von großem seelischem Einfluß auf die Frau sei. Das wäre zu bemerken, wenn man weiß, Laß sie am 15. Jänner geboren hat, ja sogar eine schwere Geburt zu bestehen hatte, und daß die unselige Tat genau vier Wochen später sich ereignet hat. Nicht umsonst gebraucht der Bolksmund für den krankhaften Zustand der Frau nach der Gebürt den Ausdruck, ,^>ie Milch ist ihr in den Kopf gestiegen". puritanischer Strenge, gegen jedes Kompromiß abgeneigt, die jüdische Ueberlieferung. Seine ehrfurchtgebietende Gestalt erinnert an die alten Raibbinen des deutschen Mittelalters, sein Geist war jedoch — wie es die Ereignisse bald zeigen sollten — wenig vorausblickend ... In der Prehbuwger Gemeinde bestand schon seit Kaiser Josefs Zeiten eine den Ideen Rabbi Mosches entgegengesetzte Richtung, die vom aufstrebenden, sozial auifsteigenden Handelsstand gefordert wird. So entsteht bereits 1783 eine „jüdisch^deutsche Nationalschulle", die 1822 eine vollständige Umgeskrötimg im Sinne der Neuzeit erfährt. Der Kampf um die Schule läßt die ersten Keime der Spaltung entstehen, die Endedes neunzehnten Jahrhunderts — zum Schaden der Einheit des Judentums — zur Zweiteilung der Gemeinde führt. DlB Ghetto von Preßburg, das mit Recht als die letzte starke Feiste des alten tvadrttonstreuen Judentums im Westen gilt, besteht noch, beherbergt aber nur mehr die über Swevhurikrt Jcchre alte große Synagoge und. die Häuser der Armen. Die Judouschaft lebt nunmehr zerstreut über die ganze Stadt. Die heute noch bestehende Jeschiwah, die alte Balmudsthule, die Rabbi Mosche Safer zur Blüte und Ansehen brachte, hat dem Judentum und der Menschheit viele große Geister geschenkt, wie ja aus Preßburg überhaupt viele Männer hervovgegrmgen sind, die es draußen — namentlich in Wien — als Gelehrte, Künstler und Mmmgiers sehr wett gebracht haben. * Die Wellen der junigm nationalen Bewegung.des In- . dentums schlugen bald nach Theodor Herzls Auftreten in! Seidenbaus Heim i. 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Nachdem der Vorsitzende dom Verteidiger eine kurze Erholungspause gewährt hat, nimmt Dr. Sieger nach einer Viertelstunde seine Rede wieder auf und kommt auf das Verhältnis des Toten zur Frau Stranskh zu sprechen. Er meint, daß es wohl gleichgültig für das Gericht sein könne, ob der Tote mit der Dame in näheren Beziehungen gestanden habe oder nicht.. Wesentlich sei dies jedoch für die Angeklagte, und für sie haben solche Beziehungen auch bestanden. Die Tatsache hat auf Frau Grosavescu tief eingewirkt und ihre Eifersucht, die nun schon einmal vorhanden war, zur Explosion gebracht. Die Eifersucht wurde von den Sachverständigen nicht als Wahn angenommen, obwohl viele Beweise dafür sprechen. Am Schlüsse seiner Ausführungen, die nahezu zweidroiviertel Stunden in Anspruch nahmen, bemerkte D r. Sieger, daß er nach SOjähriger Tätigkeit als Rechtsanwalt sich schon zur Ruhe setzen wollte, als dieser Fall ihn noch einmal vor die Schranken forderte. Er hat den Ruf, der von der Angeklagten an ihn ergangen war, hören wollen, um die Unglückliche zu retten und der Gerechtigkeit und Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Der Staatsanwalt hielt sodann eine kurze Replik, in der er die Geschworenen ersuchte, die Angeklagte des Mordes schuldig zu sprechen. Dr. Sieger replizierte hierauf und bat Gerechtigkeit walten zu lassen und die Zusatzfrage auf Sinnesverwirrung zu bejahen. Der Vorsitzende hielt sodann die Rechtsbelehrung an die Geschworenen und knüpfte daran ein Resümee über die ganze Verhandlung. Er wandte sich insbesondere gegen die Auffasstlng, daß der Prozeß aus einer Sensationslust heraus so in die Breite gezogen wurde. Es galt dem Gerichte auszuzeigen, ob ein gemeiner Mord oder ein Totschlag vorliege oder nicht. Um %10 Uhr zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Das Urteil. Nach zweistündiger Beratung erschienen die Geschworenen unter Vorantritt ihres Obmannes wieder im Gerichtssaal. Lautlose Stille herrschte, als der Obmann das Verdikt der Geschworenen verkündete. Die Geschworenen haben die Hauptfrage aus vorbedachten Mord mit 12 Stimmen verneint, die Eventualfrage ans Totschlag mit 12 Stimmen bejaht, die alte Judenstadt hinüber: sie brachten das große Erlebnis, das das Judenämm cmfwi'chlte. Die Jungen lvaren es, nicht die Alten, die den neuen Geist in sich aufnahmen und sich mit Begeisterung der zionistischen Fahne ansschloffen. In. der Jeschiwah lasen die emsigen Bachurrm insgeheim den verpönten „Judenstaat" und tvas noch an nationaler Literatur aufzutreiben war, unter den mächtigen Talmudfolianten lugte der gelbe Deckel der Wiener „Welt" hervor. 1904 trat in Preßburg die große Konferenz der in der „Misvachi" organisierten gesetzestreuen Zionisten zusammen, empfangen vom Bannfluch des Huszter Rabbi und vom dumpfen Schweigen der ungarischen Orthodoxie. Aber. die Jugend jubelte trotz aller Anfeindungen und Verbote dein greisen Führer der Misrachi, Rabbi Reines, und dem Vertreter der zionistischen Leitung, Dr. Leopold Kahn, zu. Seither ist fast ein Morteljahrhundert vergangen. Die Zeiten haben sich gründlich geändert. Aus der kleinen Volksbewegung ist eine mächtige Bewegung des Volkes geworden, anerkannt von den Mächtigen der Erde, belltet von dem Erwachen des Landes und der Sprache. Und so hat sich auch manches in Preßburg geändert, das in den letzten Jahren sehr oft die jüdischen Führer zu Gaste gesehen und gefeiert hat. * Vor wenigen Jahren war in der jüdischen Presse zu lesen, daß sich in Palästina eine K'wuzah Pveßbuvger Chaluzim gebildet habe, die den Namen „Chabam Sofer" führe. Gin gelvaltiges Sinnbild sehe ich darin, einen neuen Beweis für die Urkraft unseres Volkes, das, Altes tritt Neuem verbindend, sich etviglich verjüngt! zu wirklich billigen En groS'Preisen ■MMnManMMMaMMaMnBeBflNnanNManncBBnBBanBflMHHMMBi die Zusatzfvage auf Sinnesverrückung mit S Ja und 9 Nein und die Zustchfrage auf Sinnesverwirrung mit 8 Ja und 4 Nein beantwortet. Demgemäß ging der Gerichtshof mit einem Freispruch vor. * Der letzteAlt. Im Saal Unruhe und Spannung, tritt wenige Plätze sind verlassen, ihre Stammabonnenten echolen sich inzwischen int Foyer. 10 Uhr 58 Min. ES wird lebendig. Durch dm Saal quer durch gehen der Vorsitzende, der Staatsanwalt, Schriftführer und Verteidiger und verschwinden durch die andere Tür, hinter der ide Geschworenen weilen. Rechtsbelehrung an die Geschworenen, heißt es. Nach zehn Minuten kehrt der Gerichtshof zurück und verläßt durch die entgegengesetzte Tür de» Saal, der wieder zum Bersten voll ist. — 11 Uhr 36 Min. Die Geschworenen treten ein und nehmen langsam auf ihren Bänken Platz. Dann taumelt der alte K ö v e s d y herein, hinter ihm schreitet der Verteidiger Dr. Steger. Der Gerichtshof kommt. Berdltt und urteil Der Obmann der Geschrvorenen liest die Beantwortung der den Zwölfmännern vorgelegten Fragen vor. Das Auditorium ist atemlos. Wie die Frage >auf Sinnesverrückung verneint wird, bemächtigt sich der L5uhörer große Unruhe. THe acht Ja auf die vierte Frage lösen die Spannung, einzelne schüchterne Bravorufe sind die ersten Äeichen det s Entspannung. Der Vater der Angeklagten verläßt, auf seinen Begleiter gestützt, den Saal. j Höhepunkt der Szene: Nelly Grosavescu wird in den Saal getragen. Der Gerichtshof erhebt sich, der Vorsitzende liest halblaut den Wahrspruch der Geschworenen vor und verkündet den Freispruch. Applaus im Publikum, der durch Entrüstungsrufe rasch zum Schweigen gebracht wird. Frau Grosavescu nimmt den Freispruch regungslos auf. „Die Angeklagte ist zu enthaften, die Verhandlung ist geschlossen!" sind die letzten Sorte, die in diesem Prozeß gesprochen werden. Langsam leert sich der Saal. * Bor dem Landesgericht. Seit Beginn der Nachmittagsverhandlung stand eine nach Hunderten zählende Menschenmenge vor den Toren des Landesgerichtes, mn Einlaß zu erlangen. Die Wache hatte alle Mühe, die ’ Leute von einem gewaltsamen Ansturm zurückzuhalten. Das Tor mußte die ganze Zeit über geschlossen werden und im Innern waren sogar die eisernen Türen gesperrt. Trotz des Regens verharrte die Menge unermüdlich, um von einem der Herauskommeuden nur irgendetwas zu erfahren. Das kleinste Detail, das auf diese Weise bekannt wurde, ging im Nu von Mund zu Murid und war. im Handumdrehen zu einer großen Sensation angewachsen. Um 10 Uhr abends, als M$. Geschworenen sich zur Beratung zurückgezogen hatten, erreichte die Spannung ihren Höhepunkt. Vielfach wurden Wetten auf das zu erwartende Urteil abgeschlossen und die allgemeine Meinung war gcmz auf einen Freispruch eingestellt. Die lange Beratung der Geschworenen ermüdete nicht im geringsten das harrende Publikum und es schien sogar, daß je länger man auf das Urteil warten mußte, die Menge anwuchs. Um 11 Uhr dürften es an die 300 Personen gewesen sein, die in der Alserstratze aus den Wahrspruch des Gerichtes harrten. Sine Straften bemonttnition. Aus der Stvaße hatten sich, bevor das Urteil bekannt wurde, mehr als 1000 Personen angesamrneLt. Als der Freispruch bekannt wurde, bildeten sichzweiParteien. Die eine nahm den Freispruch mit Hochrufen, die andere mit Gegenrufen auf. Mau schrie: „Nieder! Hängt die Grosavescu! Hangt den Gerichtshof 1" Die Pollizei mußte Sukkurs holen, mn die erregte Menge zu zerstreuen. Lefterreichische Richter Sb« das Metearechi. Auf dem österreichischen Richtertag erstattete gestern: Hofrat Dr. Alfred Handl (Wien) einen Vortrag über „Das „Mietrecht in Gegenwart und Zukunft. Er betonte, daß die Gleichstellung der Lsinsenerträgnisfe eines Hauses mit einem Re nie nein kommen aus der Vorkriegszeit rechtlich und wirtschaftlich unzutreffend sei. Es liege gewiß kein Grund vor, auch den Hausbesitzern die Erträgnisse ihrer Kapitalsanlage auf dem Wege der Gesetzgebung zu entziehen, tveil die Rentenibesitzer durch die Geldentwertung Verluste erlitten haben. Das gegenwärtige Mietenncht hfabe schwere SchLdfiguMgon der Rechtssicherheit, Verletzungen des Rechtsgefühles und Schwierigkeiten bei der Gesetzeshandhabung nach sich gezogen. Aus alldem gehe Hervox, daß der jetzige Rechtszustand nur als vorübergehender Ausnahmszustand gelten könne, und je länger er währt, um so unerträglicher wird. Ms dauernde Einrichtung im Rahmen der allgemeinen privaten Rechtsordnung sei das heutige Mietrecht geradezu undenkbar und müsse früher oder später ein Recht der Vergangenheit werden. Sie österreichisch-ungarischen Handelsvertrag»- Verhandlungen. Budapest, 25. Juni .(U. T. K. B.) Die behufs Revision des österreichisch-ungarischen Handelsvertrages mit der österreichischen Regierung ausgenommeiien Berhandlunlgeu werden Montag, den 27. d. 2% %\\ Men fortgesetzt weMn. MAROKAIN mm mm

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