Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2988 (23.6.1927)
- Date
- 1927-06-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite'4 Wim, Donnerstag Wiener Morgen zeiturtg 23. Juni 1627 Nr. 2638 barsch tvar uni> sic eines Morgens ganz grundlos aus dem Hans" - ">orfen und erklärt habe, er wolle den Balg nicht erhalten. Später habe ihm sein Verhalten leid getan. Es kommt nun die Sprache auf die Totgeburt, die sie am 16. Jänner d. I. mitgemacht hat. Bors.: AnS der Krankhritsgcschichte kann ich fest-- ftellen, daß die'Geburt des ersten Kindes sehr schmerzhaft wur. Sie versuchten, sich mit Ihrem Taschentuch zu erdrosselt:. Angekl.: Ter Herr Psychiater hat mirschotl gesagt, daß ich einen Versuch gemacht haben sott. Ich kann mich daran nicht erinnern. Die Angeklagte erzählt weiter, daß sie Ende 1925 durch ihre traurigen Eheeveignisse schon sehr verzweifelt ivar und i':-ci»'"" Selbfttuordverfuch mit Beronal rwLernahm. Vors.: Nun kommen »vir zu der Zeit, da Sie die F ra u Professor Strausky kennen gelernt haben. Angekl.: Das war schon früher, meinlMcmn aber zeigte kein künstlerisches Interesse an ihr, da er ihre künsllerischer? Qualitäten nicht hoch cinschätzte. Bei einem Konzert im Oktober 1926 trafen wir uns. Frau Stransky machte mir hiebei pikiert Vorwürfe, daß wir sie nicht Einladen, unbegabte Künstler hingegen schon. Nachher erfuhr ich, daß mein Mann mit ihr oft Zusammenkünfte hatte, daß sie' mehr als freundschaftlich miteinander verkehrt haben. Die Ängeuagte seufzt tief aus und fährt dann fort:' Aus dem Geständnis meines Gatten erfuhr ich dann, daß er ihr Geld zur Bezahlung von Rechuungen gegeben hat, die ihr eigener Mann nicht begleichen wollte. So hat er ihr, das 'amt ich beschwören, errven Astracha n pe lzutib ein Konzertkleid bezahlt. Immer hat mich mein Mann an ge bogen, angeb- Jf llch rrm 3 Uhr nachmittags ist er zu'Pr. , .u in die Oper gegangen, aber in Wirklichkeit zu Rendezvous mit der Frau Strausky. Am Sonntag, wie ich ins Sanatorium kam, hatten wir Besuch, darunter auch das Ehepaar Stransky. Um 12 Uhr nachts gingen die Leute und da forderte Frau Stransky meinen Mann auf, mit ihr noch in eine Bar zu gehen. Als. ich mich weigerte, mitzugehen, ging mein Mann auch nicht. Doch kaum waren die letzten Gäste weg (bit Angeklagte schluchzt laut auf), gab mir Grosavescu wütend einen Faust schlag auf den Bauch; weil meine Schwang erschuft daran schuld sei, schrie er, und. x warf nüch zur Wohnung hinaus. Me Angeklagte zittert heftig, streicht sich über die Stirn Änd fährt fort? Es war spät in dev Nacht, ich telephonierte an. Herrn Lauterstem, mit dem war ich dann bis 4 Uhr morgens beisammen, dann brachte er mich nach Hause. } Vors.: Dann kamen Sie in ein Sanatorium, wo sie am 12. Jauner ein totes Kind zur Welt brachten. Sie blieben im Sanatorium nur fünf Tage. Vors.: Es wird behauptet, daß Sie noch in sehr leidendem Zustande eine Vorstellung in der Staats?" be- Daß .dieses Trinken aus dem alten Ritter schließuch einen unbrauchbaren Bramarbas machte, in dessen Hirn nur noch, der Witz bocksfüßige Kapriolen schlug, lag in der Natur des Mannes begründet, den Shakespeare so meisterhaft gezeichnet hat. Seilt Maß war Uebernmß, und sein v herausgezüchteter Durst entsprach den: Schemkliedchen, das die Genossen mit ihm sangen: Füllt das Glas, ich trink es leer, Und wär's eine Meil bis zum BodenI , . Aber auch hier versöhnt der Hunwr, das dionysische Lachen, lautet doch der Kehrreim dieses Liedchens: „Und ein fröhliches Herz lebt am längsten." Es hat dem Prinzen Heinrich, den: großen Kriegsherrn Heinrich V., nichts geschadet, daß er in „schlechter Gesellschaft" als Jüngling die Tiefen des Lebens kennengelernt hat, denn für ihr«, wie für jeden, der offenen AngelÄ durch die Welt geht, liegt eine große Wahrheit im Bechlrr, und wer diese Erkenntnis erreicht hat als Sieger int Kampfe gegen die Laster, die den Schwachen den: Rausch und der Leidenschaft zu trinken untertau machen, gleicht König Heinrich, von dessen trinkstürmischer Jugend Shakespeare den Bischof von Ely im Vergleich sagen läßt: Es wächst die Erdbeer unter Nesseln aus, Gesunde Beeren reifen und gedeihen Mm besten neben Früchten schlechter Art. Und so verbarg der Pring auch die Betrachtung Im Schleier feiner Wildheit. In Erinnerung der frohen Stunden der Feste, an die Verzauberung, die den Geistern der Traube, dem dyonisischen Geheimnis cntquillen, flüstert Kleopatra, als sie sich zum Tode schmückt: „Nun netzt fern Traubensast die Lippen mehr..Noch glaubt der Zuschauer dieser Tragödie, das Lied zu hören, das die Männer auf der Nilbcrrke sangen, und in dessen crnfjanch?,enden Rhythmus Shakespeare die Lebensfreude seiner Zeit und deren humanistischen Jubel erklingen ließ:! Komm, Du König, weinbekränzt, Bacchus, dessen Altge glänzt! Du verjagst die Leitgedanken! .^n den Locken Efeuranken, cinft, bis alle Welten schwanken. sucht haben. Sie mußten da die Treppen hin aufgetragen werden. Angekl. (achselzuckend): Nun ja, das kam rvohl öfter vor. ES gab öfter wegen Frau Stransky Zwistigkeiten zwischen mir und meinem Mamr. Einmal, ivährend Professor Stransky bei mir weilte, hat mein Mann die Gelegenheit benützt, um mit Frau Stransky allein zusmnmonzukommeN. Später schickte mir Frau Stransky durch das Stubenmädchen Blumen ins Haus. Sie selbst aber kam nicht zu mir. Ich stand vom Bett mtf und ging ins Wohnzimmer. Dort traf ich meinen Mann mit Frau Stransky irr einer verfänglichen Situatklon. Ich machte meinem Mann Vorwürfe uno er versprach mir wieder einmal, die Beziehungen zu dieser Frau abzubrechen. Aber er hat sein Wort nicht gehalten. Mein Mann verlangte dann von mir, ich möge mit Frau Stransky noch weiter zusainmenlommeu, damit ihrem Gatten nichts aus fallc. Diesem Wunsche kam ich entgegen, weil ich mich nicht in irgettdeinen Skandal verwickeln wollte, lbelcher dem Fortkommen meines Mannes geschadet hätte. Vors.: Sie behaupten, Ihren Mann mit der Frau Stransky in einer verfänglichen Situation überrascht zu haben. Es fällt auf, daß Sie damals nicht Lärm geschlagen und ihm eine Szene gemacht haben. Angekl.: Nein. Ich war so niedergeschnKttert, daß ich wohl einen Woinkrampf bekommen Hab»» aber meinem Mann keine Vorwürfe machte. Vors.: Das ist doch unglaublich, daß eine Frau sich das bieten läßt und gerade jene Dame als Gast empfing, die Sie so verletzt hat. Angekl.: Wenn ich meine normale Energie gehabt Härte, hätte ich es auch gewiß Nicht getan, aber ©te können mir glauben, daß ich damals vollkommen aus den Angeln gehoben roar. Botch (begütigend): Sagen Sie mir, Frau Grvsavescn, bilden Sie sich das vielleicht nur ein mit dieser verfänglichen Situation? Sehen <Ae nicht etwa Dinge, die sich ganz anders ereignet haben? Angekl. (beschwörend und fest): Was ich mit meinen Äuget: gesehen und mit meinen Ohren gehört - habe, kann ich mir nicht einbilden. Bors.: Wann war der letzte Konflikt wegen Frau Stransky? Angekl.: In der Oper bei „Rigoletto". Dorf.: Das war die letzte Vorstellung, bei der Ihr Mann gesungen hat. Angekl.: . Ich traf damals die Frau Stransky im Foyer und erwiderte ihren Gruß nicht. Sie müssen sich in meine Lage versetzen, Herr Präsident. Ich hatte keine Zeit zur Erholung. Ich war einfach ein zerrissener, zerfetzter Mensch. > ■ * . Gegen 2 Uhr erschienen im Schwurgerichtssaal die Frauen der beiden Ozeanflieger, Frau Chambertin und Fvciu Lövinv, und wurden von einem Beamten in den Zuschauerraum geleitet, wo sie Platz nahmen. Nach der Erholungspause berichtet die Angeklagte über den kritischen Tag des 15. Februar, an dem sie ihrer: 'Garten erschossen hat. Sie erzählt, daß ihr Manu damals ausdrücklich ihr zusagte, sie mit auf die Gastspielreise nachBerlin zu nehmen. Er habe auch nachträglich eingewilligt, daß sie zwei Eisenbahnbilletts für ihn und für sie löste. Sie habe dann zu Mittag zu packen begonnen. Der Streit entbrannte hauptsächlich deswegen, weil ich mich weigerte, vor: Frau Stransky Abschied zu ttehmen. Währenddes Streites ging mein Mann mit geballten Fäusten auf mich los und meine Schwägerin rief ihm zu: „Bubi, nicht prügeln sie!" Das war so der Dialekt meiner Schwägerin. Ich fürchtete trotzdem eine Mißhandlung und lies tüernem Mann, davon. Er fetzte mir nach und wir liefet! einige Male im Zimmer um den Schreibtisch herum. Schließlich hat mich mein Mann ins Schlafzimmer hineingedrängt. Hier macht die Angeklagte eine Pause, greift sich mit der Hand an den Kopf, seufzt tief ans und fährt dann mit müder Stimme fort: „Später hat mich meine Schwägerin bei dm Httndm gepackt, mich geschüttelt und mir gesagt: Du hast deinen Mrnn erschossen. (Nachdenklich): Je länger die Zeit zwischen dieser Katastrophe liegt, desto weniger scheint es mir glaiwwürdig, daß ich damals geschossen habe." Bors.: Sie behaupten also, daß Sie von dem Moment des Hineindrängens in das Schlafzimmer bis zu den späteren Ereignissen keine Erinnerung mehr haben? Angekl.: Ich erinnere mich genau, daß ich oft um den Schreibtisch herumgelaufen bin, daß mein Mann mich gepackt hat, an sonst aber nichts. Bors.: Wie kommt die Waffe in ihren Wäschekastet:? Können Sie mit Waffen überhaupt umgehen? Angekl.: „Ich müßte es erst versuchen. (Betvegung im Saale.) ' Zmn Schluß des Verhöres fragt der Vorsitzende die Angeklagte: Wie stellen Sie sich heute zu der Tat? Habe« Sie ein Gefühl der Reue?. Me Angeklagte erklärt fest: Herr Präsident ist eine Katastrophe für mich, aber Reue empfinde ich nicht, ioeit ich mir kein-.-r Sch?" b.-.oußt bin. In der Nachmiitagsverhandlung '' qfä> zunächst die Angettavte aus die Fragen des einen Sachverständigen an, daß sic nie viel'aus ihr Aeutzeres gegeben habe. Sie sei nie prüfend vor den: Spiegel gestanden, habe nie für sich allein gelebt, sondern immer nur für die Familie und war stets darauf bedacht, aus ihrem Mann einen höheren Gharakter zu machen. Nachher begann die Zeugeneinbernahme. Unter großer Spannung tritt als erste Zeugin die Schlvester des ermordeten Opernsängers, Fräulein Olga Grosavescu, in tiefer Trauer vor die Barre. Sie wird zunächst beeidet und gibt dann über die Ereigniffe am 16. Februar, dem Tag der Tat, eine zusammenhängende Darstellung ab. Sie hat beim Einpacken der Wäsche miigeholfen, wobei sie aber nur die Wäsche ihres Bruders in den Koffer legte. Sie war es auch, die die Fahrkarte besorgt und sie dann auch umgetauscht hat. Ihre Aussage richtet sich gegen die Angeklagte, und Frau Grosavescu macht sich wiederholt Notizen in ein Buch. Die Zeugin sagt, die Angeklagte habe ihr erzählt, daß Grosavescu mit der anderen Dame fahren werde, doch habe sie selbst dies als unbegründeten Verdacht betrachtet. Da der Mann.nicht zu Hause toar, habe die Angeklagte die Oper angerufen, ob ihr Mann dort sei. Bald daraus sei Grosavescu nach Hause gekommen. Die Angeklagte hatte den Schlüssel zu dem Wäschekoffer zu sich genommen, und um diesen sei bald darauf ein Streit ausgebrochen. Plötzlich sei em Schuß losgegangen und Grosavescu stürzte zu Boden. Sie habe zunächst dis Rettungsgesellschaft angerufen und gleich, darauf das Mädchen zu einem bekannten Arzt geschickt. Um Frau Grosavescu habe sie sich anfangs nicht gekümmert unb wisse auch nicht, was sie gemacht habe. Auf die Frage, ob sie (die Zeugin) die Waffe in der Hand der Frau Grosavescu gesehen habe, antwortete sie verneinend, meint aber, daß sie die Waffe bei sich etwa im Mieder getragen haben müsse. Die Angeklagte erklärt daraufhin, daß ein großer Teil der Aussagen der Zeugin sich mit der Wahrheit nicht deckt. Wenn die Schwägerin böhauptet, daß Wochetr vorher ihr Mann ihrer Mutter gegenüber gesagt habe, daß er sie nicht mit trach Berlin nehmen werde, so höre sie dies zum ersten-, mal. Die Mutter habe ja das Kind mit sich genommen, eben weil sie mit nach Berlin fahren sollte. Gebrochen und lviederholt um Atem ringend versucht dann die Angeklagte zu den Aussagen ihrer Schwägerin Stellung zu nehmen. Der Vorsitzende unterbricht sie lviederholt, ivas den Ver-. leidiger zu einer Erklärung herausfordert, in der er den Vorsitzenden in etwas erregtem Tone bittet, doch die Angeklagte aussprechen zu lassen. Ihre wiederholten Pausen seien notwendig, da sie nicht die Kraft habe, in einem Zuge sich zu verteidigen. Me Angeklagte fährt dam: fort, daß die Zeugiti einen wichtiget: Passus auszusagen, vergessen habe, nämlich daß sie selbst es war, die ihrem Bruder, als dieser die Angeklagte schlagen lvöllte, zugerufen habe: „Bubi, nicht prügeln sie!" Der Verteidiger richtet sodann an die Zeugin verschiedene Fragen, in deren Verlauf es zu wiederholtet: Zusammenstößen zwischen dom Verteidiger und dem Staatsanwalte kommt. Der Verteidiger weist nämlich nach, daß die Zeugin vor dem Untersuchungsrichter zun: Teil anders älS heute ausgesagt habe und trimmt die Zeugit: in ein Kreuzverhör, in dem er ihr zunächst Fragen stellt urid ihre Beantwortung dann mit den Aussagen vor dem Untersuchungsrichter vergleicht. Er bringt aus der Zeugin heraus, daß sie kurz nach der Tat F r a u Stransky angerufeu hat und ihr telephonisch zurief: „Sie sind eine gemeiire.Bestie, Sie sind an allem schuld!" Der Verteidiger fragt die Zeugin, wioso es kommt, daß sie, die acht Semester at: der Universität studiert habe, in solchen Ausdrücken gesprochen habe. Der Staatsanwalt wendet sich dagegen, tvas dei: Verteidiger zu. einer überaus erregten E r k l ä r u ii ö veranlaßt. Cr sagt: „Wenn ich nicht Gelegenheit habe, die einzige Zeugin, die bei der Tat Ivar, ausführlich auszusragen, so katrn ich die Verteidigung nicht weiter sichren:" Da auch der Vorsitzende erregt repliziert, kommt es zu einer scharfen Kontroverse die der Vorsitzende erst nach einiger Zeit beeitden l Der Verteidiger legt großes Gewicht auf dir Erörterung der Frage, ob Frau Grosavescu am Tage der Tat