Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2988 (23.6.1927)
- Date
- 1927-06-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2988 Wien, Donnerstag W1e«er Morgeu-eitung K. Juni 1927 Gelbe 3 Die Ermordung des Tenors Srosavesm. Ae SaMn vor de« Geschwereoe«. Der Sensationsprozeß der diesjährigen Saison hat gestern begonnen, Frau Nelly Grosavescu, die am 15. Februar ihren Gatten, den Tenor der Staatsoper Trojan Gwsavescu, »üedergeschofsen hat, muh sich verantworten. Das Drama, in dem der Revolver das letzte Wort gesprochen hat, wird vor den Geschworene« aufgerollt und die Damen des Parfüms und der Lorgnons sind in Hellen Schares erschienen, um die Geständnisse ihrer Geschlechtsgenossin an der Quelle zu hören. Hunderte Augen voll der gruseligsten Neugierde hängen an jeder Bewegung der armen Frau, die das Unglück ihres Lebens und den Tod ihres Gatten selbst erzählen muß. Kurz vor 10 Uhr betritt sie den Saal. Eine große, schlanke, schwarzgekleidete Frau, mit einem weihen Polster und einem dicken Notizbuch in der Hand. Sie sieht nicht ins Publikum und dreht mit betonter Unbefangenheit ihren Sessel zum Senat. Dem Auditorium zeigt sie den Rücken. * Um IO Uhr eröffnete Vizepräsident Dr. Aichinger die Verhandlung. Als Vertreter der Anllagebchörde ist Staatsanwalt Dr. Tuppy erschienen, als Verteidiger Regiernngsrat Dr. S t e g e r, als Vertreter dev Familie Grosavescus Rechtsanwalt Dr. P re min g er. Er sitzt neben dem Staatsanwalt. Gleich nach dem Aufruf der Strafsache stellt der Verteidiger den Antrag, den Vertreter der Familie Grosavescu nicht zuzulafsen, weil die Angellagte ohnehin auf alle Erbansprüch« verzichtet habe. Der Staatsanwalt häüf.ie Anwesenheit Dr. PremingerZ für zulässig. Ohne Beratung beschließt der Gerichtshof, diem inderjährige Tochter Pia Grosavescu als Privatbeteiligte zuzulassen. Nun winkt der Vorsitzende die Angeklagte zur Barre und befragt sie um ihre Personalien. Nelly Grosavescu ist am 8. lAugust 1896 in S k o t f ch a u, Oesterreichisch-Schlesien, geboren und nach Lugos in Rumänien zuständig. Sie gibt an, daß sie für zwei Kinder zu sorgen habe «und kern Vermögen besitze. Der Vorsitzende verliest ein ärztliches Zeugnis, in dem es heißt, daß stellt) Grosavescu seit Februar neun Kilogramm an Gewicht verlor«: hat, an S ch l a s st ö r u n g e n und Herzklopfen leidet, und gibt die vom Verteidiger erbetene Erlaubnis, daß die Angellagte ihre Verantwortung sitzend Vorbringen darf. Nun marschieren die Zeugen im Saale auf. Es find ihrer so viele, daß sie sich in zwei Reihen vor den Zuschauerbänken ordnen müsseu Unter ihnen fällt Olga Grosavescu, die Schwester des Sängers, auf, die in tiefer Trauer erschienen ist. Als der Name Josef ine Stransky verlesen wird (die Gattin des Umversitätsprofessors, mit dem das Ehepaar Grosavescu verkehrte) und "sich niemand meldet, sagte der Vorsitzende schnell: „Hat sich bei mir gemeldett" Nun wird unter allgemeiner Aufmerksamkeit die Anklageschrift verlesen. Sie schildert kurz das Vorleben der Frau Grosavescu, ihr Wesen und die Geschichte ihrer zwei Chen, erwUnt, daß die Frau am 12. Jänner 1927 ein totes Kind zur Welt gebracht. Seither habe sie eine Lockerung des Abhängigkeitsverhältnisses ihres Gatten, in dem!er bisher zu ihr gestanden, befürchtet und ihn mehr denn je mit schwererEifersucht gequält. Dann berichtet die Anllage über die letzte verhängnisvolle Eifersuchtsszei^ vor der geplanten Reise des Künstlers nach Berlin, in deren Verlauf die Frau ihn durch einen Pistolenschuß in tat Kopf getötet hat. Als Tatmotiv gab sie gleich an: „Ich erschoß meinen Mann, weil er mich quälte und mich schlagen wollte." Später sagte sie: „Ich habe ihn erschossen, verurteilt mich." In der Untersuchungshaft schwächte sie ihr Schuldbekenntnis ab und erllärte, nicht zu wissen, warum sie die Tat begangen. Sie wisse nicht, wie die Pistole in ihre Hand gekommen, könne sich auch an den Schuh nicht erinnern. Die Anllagebehörde folgert indessen aus den vorbereitenden Handlungen — insbesondere das Bereichalten der Waffe und Losdrücken int Augenblick, als« der Mann sich abwendete —, daß Nelly Grosavescu vorsätzlich ihrer: Mann tüten, also morden wollte. Diese Absicht stehe auch ganz im Einklang mit ihrem gewalttätigen, hemmungslosen Charakter und findet auch ihre Stütze in einem ihrer Ausspruchs daß chr, wenn sie ihren Mann aus Eifersucht erschieße, nichts geschehen werde. Nach dem Gutachten der Sachverständigen ist die Angeklagte weder geisteskrank noch geistesschwach und leidet auch nicht an einem Eifersuchtswahn. Sie ist zwar erblich belastet, von Kindheit auf eine nervös-exaltierte, rücksichtslos energische Frau mit maskulinem Einschlag, von großer Gemütsreizbarkeit und von etwas hysterischem Wesen und ist als psychopathisch minderwertig zu bezeichnen. Sie beging jedoch die Tat weder in einer k^nnesverwirrung, noch in einer geistigen Erkrankung. Es folgt nun . das Borhör der Angeklagten. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie sich schuldig bekenne, antwortet die Angeklagte energisch: Nein, nicht schuldig. — Vors.: Auch die Tatsache nicht, daß Grosavescu durch cilnen Schuß getötet wurde, geben Sie das zu? — Mngell.: Das kann möglich sein, aber ich weiß es nicht. Sie. berichtet dann über ihr Vorleben, insbesondere über ihre Ehon. Es waren Lieb«s hc-irateu, sagt fie. Reibungen gab es in beiden Ehen. Den Grosavescu lernt: sie am Stammtisch der Rumänen im Kaffeehaus kennen. Er rourde wie alle Rumänen mit seiner Schwester zu ihr ins Haus eingeladen. Vors.: Ist dieses Verhältnis ein imtim es gowovden? Bei dieser Frage braust die Angeklagte heftig auf und während sic sonst kaum vernehmlich ist, ruft sie laut: Ich Shakespeare« Trinkweisheit. Im Vertag R. Piper u. Co., München, erscheint soeben ein Buch „Gute Geistes von Alexander von Gleichen-Rnßwurm. Es ist ein Buch vom Trinken und trägt den Untertitel: „Für und Wider. Ja und Amen." Wir sind nun freilich nicht in der Lage, zu seiner feuchtfröhlichen Bejahung des Alloholgenusses „Amen" zu sagen. Aber in dem lesenswerten Buche ist sehr viel wissenswertes Material aus allen Zeiten und allen Ländern verarbeitet. Das Kapitel über Shakespeares Trinkweisheit, das wir mit einigen Kürzungen Nachdrucken, dürfte auch die überzeugtesten Gegner des Alloholgemisses interessieren. — Der Verlag hat den Nachdruck gestattet. Lurch Shakespeares Lustspiele geistert es vom frohen Trinken und manche Stelle ruft das unbefangene Zeichen seiner Zeit ins Gedächtnis. Elisabeth, die große Königin, vor deren Äugen auf der Bühne Falstaff zuerst die Lachlust der Theaterbesucher reizte, war einem tüchtigen Trunk gar nicht abgeneigt und „verstand es trefflich, Bier zu trinken, trotz jedem kräftigen Aeoman des lustigen Wtengland. „Da begreift man, daß ihr Falstaff, der lustige Trunkenbold im Königsdrama, gut genug gefiel, um den Dichter zu bitten, ihn znm Mittelpunkt eines Lustspieles zu machen. So entstanden „Die lustigen Weiber vor: Winsor", voll von der Poesie der urtüntlichen Schenke und der Possen, die aus den Lachgeisteru von Weiu ' und Bier geboren, (tat Alltag erheitern. Doch Shakespeares Weltweisheit schürft tiefer, als es die große Königin ahnte, und der Charakter, in dem der DichArr die Trunkenheit verkörperte, Falstaff, ist .der groteske Vertreter des gesamten Trinkertums fiir alle Zeit geworden mit seiner: Auswüchsen und seinen guten Seiten. Mer man darf nicht vergessen, daß Prinz Heinz, der gelehrige Schüler des 'alten Kumpans, der Saufen lernt, wie es die pfälzischen Prinzen lernten, aus dem Äm und Reden' seines Zechgenossen, die richtigen Folgen zieht und als junger starker König das richtige Mrß zu iltat weiß, Falstaff in seine Schranken barmt und ihm weder Einfluß noch besondere Wichtigkeit gestattet. Alles zu rmhi&fft ----- auch Schenkeupoesie und lustig« Streiche — das war Shakespeares Weisheit. Wein, Sekt und dem englischen hellen Bier gegenüber eine Weisheit, die sich durch Jahrhunderte bewährt hat. Prinz Heinz erkannte in seinen Lehrjahren an Seit« der Zechgenossen, daß Schwips und Rausch keine Entschuldigung für schlechte Taten bilden, 'denn im gegorene,: Saft liegt wirklich Wahrheit verborgen, und Wein oder Mer können in einen: Menschen nur diejenigen Eigenschaften entfesseln, .die in ihm schlummern oder an den Ketten seiner Hennnungen liegen. Wein oder Bier vermögen nichts aus einen: Manschen zu machen, »vas dieser Mensch nicht schon ist in den Tiefen seines Wesens. Aber sie können nach der Meinung des großer: Renaissancephilosophen, Francis Bacon, Shakespeares Gönner und Zeitgenossen, die Leistung steigern, die seiner Art.entspricht. Ueber die Ernährung sagt Bacorr (The works of (Ir. B., Bd. 5, S. 292): „Allein vor allen Dingen hängt diese Leistung harrptsächlich von der Natur des Getränks ab, welches das Fahrzeug der Nahrung ^bildet. Laßt darum eueren Trunk mild, frei von Säure und Schärfe sei::, sowie jene Weine sind, von denen das alte Weib im Plautus behauptet, sie tvürden mit dem Alter zahnlos, und nehrnt Mer von der gleichen Milde, i* Was Sir John Falstoff mit dem Namen „Sekt" bezeichnet, preist er also: „Ein guter spanischer Sekt hat eine zweifache Wirkung an sich. Er steigt in das Gehirn, zerteilt da alle die albernen und rohen Dünste, die es Umgebein, macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von behendem, feurigen und ergötzlichen Bildern. Werm diese dann der I Stimme, der Zunge überliefert werben, »vas ihre Geburt ist, so wird ein vortrefflicher Witz daraus. Die zweite Eigenschaft unseres vortrefflichen Weines ist die Erwärmung des Blutes, das, zuvor kalt und ohne Bewegung, die Leber iveiß und bleich läßt, was ein Kennzeichen von Kleinmut und Feigheit ist; aber der Sekt erwärmt es und bringt es von innen nach außen in Umlauf. Er erleuchtet das Antlitz, welches wie ein Wachtfeuer das kleine Königreich,-Mensch genannt. zu tat Waffen ruft, und dann stellen sich alle Insassen des Leibes und die kleinen Lebensgeister aus tat Provinzen ihrem Hauptmann, dem Herzen, welches, durch habe kern Verhältnis mit meinem zweiten Mann gehabt, eS i st eine Unveqfchämthett der Anklageschrift. Dorf, (begütigend): Ich habe es ja nicht so gement. — Angell.: Es kann niemand auf der Welt sagen, daß ich ein Verhältnis mit meinem zweiten Mann gehabt habe. Auch der Herr nicht, der die Anllage verfaßt hat. Bors.: Wie hat sich die Ehe mit Ihrem zweiten Gatten gestaltet? — Angell.: Meine zweite Ehe war eine Liebesheirat wie die erste, vielleicht noch «Mehr. Ich hatte Mitleid mit ihm wegen feines traurigen Erlebnisses im Kriege. Er wurde nämlich - wesen Spionageverdachtes verhaftet, ist elf Monate in Haft gewesen, allerdings wurde er därr'n rqhabilitiert.? [ Bors.: Was für einen Charakter hatte denn Grosavescu? — Angell.: Er war ein leidenschaftlicher Mensch mtt allen Fehlern des Balkanmenschen behaftet. Er hatte viele Leidenschaften, spielte Karten, trank. Ich wollte mich schon damals von ihm scheiden lassen. Er ääer sichte mich an, es nicht zu tun, weil er ohne Mich verloren sei. Es tritt eine kurze Pause «in. Di« Angeklagte gibt in Fortsetzung des Verhörs eine zusammenhängende Darstellung ihres Ehelcbens mit Trajan Grosavescu: „Mein Mann war von vielen Leuten'umgeben, die auf seine ' Karriere Einfluß nehmen wollten. Es gelang ihm, ein Engagement an der Volksoper zu bekommen, und ich habe mich bemüht, alles, was im Interesse seiner fünf: lerischen Karriere war, zu unternehmen und ihn zu unterstützen. Ich wollte ihm eine gute Frau sein. Da er kein gutes Gehör und keine Darftellergabe besaß, mußte ich mit chm - -; die Rollen oinstndkerren, darstellerisch und musikalisch genau durcharbeiten. E: war sich dessen bewußt, daß er meine Hilfe benötige unä hat mich deshalb immer zu den Proben mitgenommen. Anös zu Hause habe ich mit ihm jede Szene durchgeprobt." Vors.: Wann sind dann Unstimmigkeiten eingetreten 1 Angell.: Zu Beginn des Jahres 1924. Die Unstimmigkeiten waren größtenteils dadurch htzrvvrgerufen, da? mein Mann nicht ganz iwrimrl veranlagt war und daß er äußerem ein leidenjschaflicher Kartem s p i e l e r und Trinker war. Es war mein Streben, ihn das abzugewöhnen. Mein Mann hat in der letzten Zei' 50 Vis 100 Millionen monatlich verdient, trotzdem hatte ich sehr oft Geldsorgen, rnußtj mir bei meinem Vater, Meinem Bruder oder anderen Fa mitienangehörigen Geld borgen. Ich war dasj wAer vo, zu Hause noch aus meiner ersten Eh« gewohnt. Bors.: Waren Sie auf eine bestimmt«Personvife« süchtig? | Angekl.: Mein Mann war in Gesellschaft «in' W liebenswürdiger Mensch und,da ist «s «auch! oft' vorgej kommen, daß ich eifersüchttg war. Die Angeklagte erzählt dann von LwistigkeÄeU, die ei wegen ihrer Tochter aus erster Ehe gegeben habtz Gwsavescu habe erklärt, «r nachte selbst gern «in Kinl haben, und das Mädchen mache ihn sozusagen auf ihrer ersten Mann eifersüchttg. Deshalb und auch wegen des Unberechenbarkeit ihres Mannes habe st« das Kind nicht zu sich genommen. Sie tat es erst später. Si« erzählt, dqß Grosavescu mit seiner Stieftochter oft seh« dies Gefolge groß und anfgeschwellt, jegliche Tat des Mn-, tes verrichtet. Diese Tapferkeit kommt von: Sekt, so daß Geschicklichkeit in den Waffen nichts ist, ohne Trunk, deW' der setzt sie in Tätigkeit. Und Gelahrtheit ist ein großer Haufe»: Goldes, von einem Teufel verwahrt, bis der Wein sie promoviert und in Gang und Gebrauch fetzt. Daher konmrts, daß Prinz Heinz tapfer ist, denn das kalte Blut, das er von seinem Vater erben mußte, hat er wie mageres, nnfiuchtbaves und dürres Land gedüngt, gepflügt und beackert, mit ungemeiner Bemühung wackeren Trinkens, so daß er vollblütig und tapfer geworden ist. Wenn ich tausend Söhne hätte, der erste menschliche Grundsatz, den ich ihnen lehren wollte, nrüßte sein, dünnes Getränk abzuschwören und sich dem Sett zu ergeben." (K. IV, zw. D. 4', ,3.)' Der also gepriesene Sekt ist weder Champagner noch ei»: trockenes schweres Mer, sondern zumeist „sackwine" wie er zu Elisabeths Zeiten in Nordeuropa Mode wurde. . E Solche Weine kamen von Spanien und von den Kanarischen Inseln, als die neuen Seeivege den venezianischen. Handel verdrängten, und lösten den vielbeliebten CyperNtveiu ab in der Wertschätzung des Kenners. Im „Schweinskopf" zu Gastcheap sagt die Wirtin von diesem Wein: „Das ist eil« verzweifelt durchschlagende Sorte, sie wtirzt das Blut, ehe nmn eine Hand umdreht." (Heinrich IV., II. 4.) Das Wort Sekt kam dabei aus dem spanischen „vino seceo^ das ' ist trockener Wein, m Sprachgebrauch gleichzeitig in Deutsch? land als Sellivein in den Niederlanden als Sekivein und in England als Sacktvine. Solche starke Südweine, die aus trockenen Beeren Unter Zusatz von Alkohol und konzentriertem Most gekeltert wurde»:, tranken Herren und Damen mit wachsender Leidenschaft, und wenn Falstaff derb auf den Tisch schlug und noch „a c»ch os sack" begehrte, gerieten die trinllüsternen Zuschauer in getvaltig frohe Erregung. Der Name Sekt als Bezeichnung für Schaunüvein stcmrmt vm: dem berüh»nten Shakespeareschauspieler Do» vrient, der in Berlin die romantische Weinstube Po»: Lutter und Wegener viel besuchte und sich dort mit Borliebe der Redeweise von Shakespeares Falstaff bedieirte. Wie unter den Ronrarrtikern Shakespeares Dichtung auflebte »reuerte sich sein fwhes, Unbefa»:ge»:es Trinken-