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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-23 · Heft 2988 (23.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2988 (23.6.1927)
Date
1927-06-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Donnerstag Wiener Morgenzettung 23. Juni!927 Kr. 2988 Der Historiker der Wahrheit. ] < —y, Wien, 23. Juni, i Bor vierhundert Jahren ist Machiavelli gestorben, ein florenlinischer Staat-M-reibor, der die Naturgeschichte der Politik begründet hat. Er hat den Fürsten geschildert, zu feiner Zeit den JnEegriss aller Macht und Geltung. Was er über die Personen sagt, der im Italien jener Tage die Dinge der Welt durch Eroberung oder Erbschaft anvertrnut waren, das richtete sich, wenn wir es mit unseren Augen lesen, nicht gegen die Fürsten, sondern gegen die Mächtigen, gegen die Menschen, die sich selbst, ihr Wollen und Streben für den ausschließlichen Maßstab halten und so handeln, als gebe es neben ihren Ansprüchen keine anderen. Er ist ein kluger und weltweiser Mann gotvesen, der spöttisch über den Dingen stand und sie so dar-stcllte, wie sie sind. Es ist falsch, rvenn man Machiavelli etwa als den Begründer einer Lehre vom Staat auffassen will. Er war eher ein Darsteller, allerdings einer von eiMr unerbittlichen Wahrheitsliebe und von strengen Augen. Er hat die Treulosigkeit nicht verkündet, sondern sie geschildert und wenn man heute, unbeirrt durch Shakespeares Wort vom „mörderischen Machiavell", die Sätze von der Fürsten- und Vokkserziehung liest, jo ist man sofort mitten im Getriebe unserer Zeit mit ihrer Zweideutigkeit, ihrer Heuchelei und ihrer Anbetung der Macht und Gewalt. Er ist durchaus aktuell und man erführt von ihm Erkenntnisse von der Amoral in der Politik, die so frisch klingen, als wären sie erst heute gefunden.. Er analysiert wie der Chemiker die Figuren, die ihm vor den Augen stehen. Er untersucht ihre Methodik, ihr Tun und Lassen und zergliedert ihr Stroben. In der Hauptsache besaßt er sich mit dem Urbild der Mord- Politiker, mjt Cesare Borgia, dem Sohn und Feldherrn des Papstes Alexander I., aber er nimmt ihn als Typus. So ist er, so muß er sein, so ist jeder, der Herrschaft aus- Ät. „Vernünftige Grausamkeit; dos Ideal ist, zugleich geliebt und gefürchtet zu sein, da man aber zwisc^n beiden entscheiden muß, so ist es besser, gefürchtet zu sein." Ist , -das nicht eine klarere Zeichnung dessen, was man damals und heute unter Politik versteht? Sicherlich'-ist es auch wahrer und anständiger, als die Feiertagsreden der Minister und Bureaukraten von dem ewig Guten, vom Weltfrieden, als die wortreichen Begründungen, die die unterschiedlichen „Ismen" zu ihren Glückstheorien dazuschreiben. Auch Borgia kündigte den Bewohnern der eroberten Städte seinen mächtigen Schutz und den Frieden an. .Hernach gab -es die Blockade, um ein Wort aus dem modernem Lexikon zu gebrauchen. Zwischen den Fürsten und dem Papst, zwischen dem römisch-deutschen Kaiser und dem Papst gingen die Kämpfe. Die Völker waren. Nebensache in diesem Prozeß, sie hatten Landsknechte, Proviant, Munition zu liefern. Sie starben auf denk Feld oder verhungerten in den jämmerlichen Hütten und durften nur den Trost empfangen, das Leben für etwas hinzugeben, was ihnen nicht einmal verständlich gemocht wurde. Das ist der einzige Punkt, in dem es besser geworden ist. Die Menschheit findet schon eine Erklärung vor, die ihr das Elend weiht. Sie hört von Kultur, vom Recht der Nation, von der Freiheit und dem Erbfeind, sie wird damit so lange gefüttert, bis sie der Suggestion erliegt. Machicivellts Zeit -vor in vielen Dingen ehrlicher. Sie kannte nicht den Ceekenauffchwung und nicht das Stcchlbad. Sie liebte und haßte, offen und unbefangen. Der Adel war der Adel, dem alles gebührt, weil das Gott so will und weil er dem Adel das Schwert gegeben hat. Das VoK ist das Volk, machtlos, besitzlos, wehrlos. Oibjakt aller Gelüste und Gier, aber auch nur, weil das die sittliche Weltordnung so gebietet. Seither sind die Manschen vorwärtsgekonmnen. Die Philosophen haben neue Lehren geschossen von der Ehre des Menschen, von der Würde der Arbeit, von dem Recht, das mit jedem geboren ist. Mer es haben doch nur die Motivenbcrichte sich geändert, im Wesen ist nichts weiter geschehen als daß sich die Basis der alten Lehren verbreitert hat. Die Kämpfe um die Romogna, die den Hintergrund für Marhia-vellis Buch über den Staat abgeben, waren ein Kinderspiel gegen den Weltkrieg, und dieser ist doch nur die Fortsetzung des Systems der angewandten Faust und ihrer ethischen Verklärung gewesen. Der Italiener hat nichts beschönigt. Liest man heute die Memoiren der Feldherren und der Diplomaten, die alle nicht dabei gewesen sein wollen, so staunt man über die Vergrößerung des dipparates an Lüge und Verstellung. Unter allen Sentenzen, die Machiqvelli geschrieben hat, reicht keine an -das Donnerwort der Moderne heran, daß >he* Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Diese Politik dauert fort und sie lehrt uns bas gleiche wie Machiavelli: daß die BülLer nur Figuren in einem 'Spiel find. Vor dem Abschied der Flieger Besuch la Budapest. — Ansprache durch die Meuer Ravag. , Die beiden Ozeanslieger Ehamberlin urrd Lcv i n c sind in ihrem Flugzeug „Columbia" um -^9 Uhr früh nach Budapest gestartet, Ivo sie um 10 Uhr 30 Minuten glatt landeten. Auf dem Flugplatz wurden sie Volk dem Hmtdelsmi uister Herr mann und dem Oberbürgermeister R i p k a feierlichst begrüßt und sodcmn in das Hotel Geliert geführt, wo ihnen zu Ehren ein Frühstück gegeben wurde. Die rechts radikalen Organ isation e n, die Frankenfälscher aller Schattierungen und ihre Organe hatten geg-m dm Empfang des «Juden Settfcte" eine Hetze verunstaltet und die Leventcverbände und die Schuljugend davon cchgehalten, in den Straßen/ durch die die Flieger geführt wurden, Spalier zu stehen. Tatsächlich wurden auch die Flieger nicht. Jute dies ursprünglich geplant ivar, vor: dem Ministerpräsidenten und dem Reichsverweser empfangen. Schon um 14 Uhr 40 Min. sind die Flic-- g-er wieder zur Rückkehr nach Wien aufgestiegen, wo sie am Nachmittag in die Navag geführt wurden. Der Empfang der Flieger wurde vor dem Mikrophon veranstaltet, so daß die Festreden durch das Radio ausgefandt wurden. Nach den Begrüßungsansprachen trat , Chambertin vor das Mikrophon und gab in englischer Sprache seiner Freude über Wien und Wiens Bevölkerung Ausdruck. Er drückte die Hoffnung aus, bald wieder hieher zurückzukehren und schloß mit einem herzlichen „Auf Wiedersehen!" Nach ihm sprach L e v i n e gleichfalls englisch und dankte für die freundliche Aufnahme, die die Flieger in Oesterreich gefunden habssn. Er bedauerte, daß er nur drei Tage in Wien bleiben konnte und nicht drei Monate, wie er es gewünscht hätte. . Nachher begaben sich die Flieger in Begleitung Doktor Heinls, gewesenen Ministers Heinl, in die Ausstellung „W i eit u n d die Miene r", wo sie besonders das dort ausgestellte erste österreichische Schulflugzeug besichtigten. Spät nachmittags fand beim amerikanischen Gesandten ein Abschiedstee statt, zu dem viele Persönlichkeiten oingeladen ivaren. Abends fand ein vom Aeroklub veranstalteter H e u r i g e n a b e n d statt. Heute um 10 Uhr werden die Flicker auf ihrer „Columbia" rmch Prag fliegen. Ein Flugzeug der österreichischen Lnstvepkeihrdgesellschaft tvird sic bis zur Staatsgrenze begleiten. SInLiMktklerrammdes PrWente» koolldrem St. HalnW. Der amerikanische Präsident C o o l t d g e hat das «rn-- läßlich des Besuches der amerikanischen Flieger in Wien an ihn gerichtete Telegramm des Bundespväftdenten Dr. Hainisch mit folgender Depesche beantwortet: „Ich bin Ihnen und dem österreichischen Volk für Ihre freundliche Botschaft anläßlich des Fluges von Ehamberlin und Levine dankbar. Sie sind Ucberöringer der guten Wünsche Amerikas für Oesterreich, denen ich mit Freude meine persönlichen Wünsche für Sie und das österreichische Volk und meinen Dank für die den" amerikanischen Fliegern zuteil gewordene freundliche Aufnahme beifüge." Dr. Seipel im Flugzeug. Bundeskanzler Dr. Seipel, Finanzministec Doktor K i e'n b ö ck und Landeshauptmann Dr. B u r e s ch haben gestern vormittags einen fast c.in stü n d ige n Flug unternommen. Das Flugzeug kreuzte zuerst iiber Wien, nahm dann die Richtung gegen Wiener-Neustadt und kehrte über Mannersdors nach Aspern zurück. Lindbergh — amerikanlschrr Luftminlfter? Berlin, 22. Juni. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Washington,, der Mgeordnele Bloom von Nervyork 'habe angekündigt, daß er wahrend der nächsten Tagung des Kongresses eine Gesetzvorlage Einbringen werde, durch die ein besonderes Lustministerium geschaffen werden soll, das vom Kriegs- und vom Marineministermm vollkommen unabhängig wäre. Der Leiter dieses treuen Ministeriums soll vollberchtigtes Kabinettsmitglied sein. Bloom schlägt als ersten Lustminister Charles Lindbergh vor. Btöigspreis« der „Wiener Morgeazdtuug“: Wien twd Oesterreich ... Tschechoslowakische RepublikK( Jugoslawien. ......... Dinar Pwea. Zloty DeHtschLuid OoldmaTK Frankreich. Belgien . . . ..Free. Ute g^aien .. . ... , Lei 17Q - Bslgarie» .. ....... Lewa 10fr- Amerika . .. Dolfcr v— Schweiz und das Obrige Ausland ..... Franken 5W Qpilm* FostsDarkaaserii<o^.12iX693- Mooatlich 8 fr- 22w 60'— fr— fr— 3fr- 2fr- Die neue Regierung i« Numänien Das Kähmstt Ewattosru. Bukarest, 22. Juni. Dermit der Regierungsbildung beauftragte Führer der Liberalen, Jonel Brat.ianu, hat sein Kabinett bereits gebildet. Die neue.Regierung ist folgendermaßen zusammengesetzt: Jonel Bratianu --- Präsident und Aeuheres, D u c a — Inneres, Vintila Bratia n u — Finanzen, A r get o j a n u — Domänen- und Landwirtschaft, L upu — Aübeit, An gelesen —, Unterricht, Lapendatu — Kultus, Steliam. Popescu — Justiz, DimitrijU — Verkehr, General ■ A n - gheIescu — Krieg, M rag.ec —- Industrie und Handel. Die Regierungskrise war ausgebrochen,. weil die Verhandlungen zwischen den Liberalen und der nationalen Bauernpartei deshalb gcscheitk-rts sind, weil die 'letzteren es ablehnten, auf gemeinsamen Listen zu kandidieren. Die Bauernpartei betrachtete die Vorschläge der Liberalen -als unzureichend. auch außerhalb der Kammer hat er als Mgeordneter .seine Pflicht voll erfüllt. Zieht man. noch in Erwägung, daß seit der Demission Zirlsohns tot Senate, in jener Körperschaft ein nationalbewußter Jude fehlte, dann wird man .sich erst ein richtiges Bild von der parlamentarischen Tätigkeit Dr. Gbners machen. Dr. Ebners Tätigkeit in der rumänischen Kammer war ein Vorbild jüdisch-nationalen Pflichtbewußtseins und jüdischen Verantwortungsgefühls. Sin Fahr in Ser riimgnlschsn Kammer, Dr. Maysr Ebissr im Kampße für dt« Rechts fsZ^rs Bottes. Aus Bukarest wird uns geschrieben: Die Regierung A v e r e s c u und ganz besonders ihr Innenminister Goga haben während ihres, einjährigen Regimes eine Politik gegenüber den Juden beobachtet, die an die reaktionärsten Geschichtsepochen Rumäniens erinnert. Es wurde ganz offen eine weitverbreitete antisemitische Propaganda geduldet, gefördert und . unterstützt, welche darauf abzielte, die wirtschaftlichen, sozialen uktd kulturellen Positionen -der Juden in Rumänien zu untergraben, zu vernichten. Es ist daher klar, daß der jüdische Vertreter in der rumänischen Kammer einen sehr schweren Standpunkt hatte, zumal er gegen drei Fronten känvpfen mußte: gegen den Regierungsantisemitismus, gegen, die antisemitischen Mgeordneten und gegen den außerhalb des Parlamentes inszenierten antisemitischen Terror. Dr. Ebner hat als einziger nationalbewußter Jude in der Kammer den Kampf ausgenommen und mit viel Geschicklichkeit und TM geführt. Es gab keine Frage, die im Zusammenhang mit der Lage der Juden in Rumänien austauchte, zu der er nicht in konikreher Form Stellung nahm. Er war es, der zum erstenmal in de,: rumänischen Kammer vom Zionismusalseincm integrier enden Bestandteil der europäischen Politik sprach, der die Staaisbürg erscha st ssra ge der-Juden in Rumänien^ wieder ausrollte und bei verschiedenen Gelegenheiten auf antisemitische Angriffe in der Kammer reagierte, die Frage der N u m e r u s - c l a u s u s - G e w e g u n g in «f»»" S*«i, Sie neue pMftlneMche Mitteistandspartei. Jerusalem, 21. Juni. (I. T. KL) Die vor kurzem begrünbete treue palüstinensischs Mittelstaüdspartei „Hitächdgth Esrachith Letmüth" hat soebetr in einer Kundgcbungj ihr Programm veröffentlicht. Die Partei betrachtet sich als' einet: ergätrzenden Teil der Zionistischen Weltorganisation. Das nationale Prinzip betrachtet die Partei als däs Grlkndprinzip des Anfbaues und wlll in der gesamter: kolonisatorischer: Arbeit der natwnalen Terrdenz zum Durchbruch verhelfen. In der baldiger: Erreichung einer jüdischen. Mehrheit in Palästina auf einer gesunden Wirtschaftsbasis sieht die Parte: die einzige Garantie für das Brsteheris ein^s jüdischen Natwnalheims in Palästina. Die Heranziehung jüdischen Privatkapitals rnrd die Besestiguug der individuellen Kolonisation auf der Basis privater Initiative seien die hatlptsächlichster: Mttel des Aufbaues. Jüdische Arbeit ist die GruMedirrgullg des Aufbauiverks. KlasseNkampf in Palästina bedeutet tratiorrales Unglück; die -Beziehungen zwischen den verschiedenm Gruppe:: des Jischmv sind auf der Basis Mmseitiger: Verständnisses und obliatorischen Schiedssprrnhes zjn regeln. Die hebräische Sprache ist die Grrrndbasis der nationalen Kultur. Die Parte: sieht in aktiver -politischer -Arbeit einen Hauptfaktor in der Erreichung des Endzieles; an die Mrndatsnracht ist die Forderung zu, stelle::, alle:: ihren Verpflichtungen, wie sie im Mandat verartkert sind, zünr Aufbmk des jüdischen Nationalheirns nachznkommen. Die Partei fordert eine radikale Umorientierung in dev Finanzpolitik dev Zwnistischerr Organifatio::; ein gesundes Finmrzsystem ln Uebereinstimmtmg mit den Bedürfnissen des Landes müsse platzgreifen. Sie Soriawemokralen obstruieren weiter. -We in den vorangegangenen Tagen verhinderten auch gestern die Sozialdemokraten sowohl im Zollwie im Berfafs-ungsausschuß des Nationalrates durch Dauerreden dm FortMtng der BeratMWn. 'Seipel will mit Dr. Bauer vorerst noch nicht verhandeln, weshalb die Obstruktion kn den Ausschüssen bis zur eiWernehmlichen Festsetzung eines Arbeitsprogram-ms wei'tergcht. Im Bersassungsausschuß Mt Dr. Eisler eilte ei n tägi ge Dauer rede, im ZollauSschutz beendete Wg. Schneeberger seine tags Mor begonnenen AuMtrnngen erst mit Scv'-ch der gestrigenSWutig. »«»»>

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