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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-22 · Heft 2987 (22.6.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2987 (22.6.1927)
Date
1927-06-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ser-k 4 MMlvckH Kr. 2G87 Set akademische Senat verwahrt sich. Alle BortrSge an Ser UaweeftM verboten. — Mißdilllgang der ßrzeffe. - Brschlverde gegen de» Seitzsche« Erlaß. Das Rektorat oer Wiener Universität vcrlautbatt folgendes: Ter akademische Lenar iv.tt in seiner Sitzung vom 20. Juni 1927 den Bericht der von ihm eingesetzten Kommission cutgegeugenomnten. Er beklagt cic am 10. und 13. Juni vorgekomtnenett Ruhestörungen uito Ausschreitungen int Universitätsgcbäude aufs tiefste. Er spricht allen Urhebern und Beteiligten, die sich bisher der Feststellung ihrer Person zu en tz i e hen u> u ßtcn. die schärfste Mißl'-illigung aus. Die Schn'- '-'cu mögen sich die Misrvillkgmtg gleich einer schweren Disziplmnrstrnfe .ur Warnung dicnen lassen. Der akademische Senat hat alle -Organe seiner Tisziplinargetvalt angewiesen, in Hinkunft schon beim Versuch einer Ruhestörung in erster Linie auf die Sichcrstclluirg der Schuldtragenden bedacht zu sein. Er verbietet vorläufig für das lausende und für das folgende Semester jeden Vortrag von Studenten oder im Rahmen der studentischen Vereinigungen und wird solche Veranstaltungen überhaupt erst nach dem Erlaß einer strengen Dortragsordnmrg wieder zulassert. Er vertraut in erster Linie auf den gesunden Sinn für Ordnung und Disziplin und den Ärbeitseifer der Studentenschaft, die in ihrer erdrückenden'Mehrheit Ausschreitungen jeder Art verurteilt und sich, durch die letzten Ereignisse gelvarnt, in Hinkunft von einzelnen Hetzern u-nd oft hochschulfremden aufwiegelnden Ernflüfsen Um so sicherer fernehalten und für die Ruhe und Ordnung erntreteir lvird. Die Vorfälle vom 10. und 13. Juni, in ihrer wahren Gestalt verurteilenslvert genug, sind im übrigen in solchem Umfang übertrieben und phantastevoll ansgeschminkt Nwrden, daß es unmöglich ist, allen diesen Uebertreibungett eutgegenzutreten. Um nur einige der Entstellungen zu berichtiget:, ist es unwahr, daß nichts borgekehrt war, um für den ruhigen Verlauf des Vortragsabends vor^usvrgen, upwahr, daß in einem Hof des Univerfitätsgebäudes Waffen oder atldere Werkzeuge für einen Angriff vorbereitet waren, umvahr, daß „9$ otfrtoaffett" verwendet wurden oder Waffen oder andere Angriffswerkzeuge aus der Turn hal le oder der S chießstätte?rm Universitätstzzckäude. < i Schließlich wird fest gestellt, daß ich erst dann die Polizei ersucht habe, die Rampe, die nicht als akademischer Bodeu gilt, zu räumen, als die großer: Glasscheiben der'Eingangstore des Univerfitätsgebäudes von den Außenstehenden zertritt-mert wurden und Gefahr weiteren Sachschadens bestand. ° akademische Senat hat schließlich die'vom Bürgerlr Landeshauptmann an die Polizeidirektton geri;'nffe zum Gegenstand eiw Eingabe an das BundeZkanzlepaimt (JnUleres), genracht, in der er seiuen Standpunkt bezüglich der Verwendung der Polizeiwache auf akademischem Boden darlegt, sich gegen jede BeschrÄrrkürrg seiner Befugnisse verwahrt und das Bundeskanzleramt um entsprechende Weisungen an die PÄizeidirektion ersucht. Der Rektor: Moli sch." * An dieser Kundmachung ist dcks BeftEn Mr Vertuschung und Beschönigung der Vorfälle leicht zu erkennen. Ter Senat hat die Urheber der Vorfälle, die ja in allen Zeitungen, auch den hakenkreuzlerischen, bezeichnet waren, vor allem den Diplom-Kaufmann Körber nicht fassen können. Deshalb ist er milde und mißbilligt alte. Das ist ein sNnvtiur."" Verfahren, das den davon Betroffenen keil« Kopfschmerzen macht. Es wäre auch gut, wenn gesagt Erde, welche Vorkehrungen am Abend des 10. Juni getroffen tvaren, um die doch angesagten Ruhestörungen zu verhindern. 'Es äistj auch daran zu erinnern, daß der Rektor in Zeitungsinterviews selbst mitgeteilt hat, es seien rhm zerbrochene Latten als Beweisstücke übergeben worden. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß der Senat, vor dem sich der Rektor für die Räumung der Rampe zfu entschuldigen für notwendig hält, gegen den Erlaß an die Polizei Beschwerde beim Jnnenamt erhebt. Die Drahtzieher der Krawalle fürchten eben den Augenblick, wo wirklich auch die Universität dem Gesetz unterstellt wild. *' Drei Relegierungen. iAn der Universität wurde auch gestern der Leg itrmationszwang strenge aufrechterhalten. Die Ruhe wurde nicht gestört. KLUB RADIKALER ZIONISTEN. bpppppppppdpp □!□!□!□ Heute Mittwoch, den 22. Juni 1927. um halb 9 Uhr abends im Caf6 Atlashof, I., Aspern platz (Kilublokal) Klubversammlung Gegenstand: Minoritätenfragen, R ef er e n t : Dr. Leo Goldhammer, Freie Aussprache. Gäste willkommen! □ □□ineppinnp Gegen Mittag wurde «rkamü, daß der akadetnische Senat drei sozialistische Studenten, darunter ein Mädchen relegiert hat. Den Anlaß boten Augzettclverteilm:- gen, die im vorigen Jahr stattgefunden haben. Dagegen ist gegen die nationalsozialistischen Versammlungssprenger nicht einmal eine Untersuchung eingeleitet worden. . Es sind Bestrebungett im Gange, einen ausreichenden Schutz der arbeitswilligen Studenten gegen den Hakenkreuzterror zu schaffen. Alt den Vorbesprechungen nehmen auch die Vertreter der nichtdentschen Hörerschaft teil. Ter jüdische tzochschulausschuß ist durch Herrn Kaufler verir"? > » Ein Augenzeuge in Berlin. Wie noch eriitnerlich »oar am 10. Juni eine von den sozialistischen Studenten in den kleinen Festsaal einberUsene Versammlung von den Hakenkreuzlern gesprengt worden. Es wurde im Saal und in der Mla gerauft und durch! eine sonst versperrte Tür waren nationalsozialistische Sttldenten' eingedrungen, die über ihre Gegner herfielen. Diese Versammlung hatte dann den Erlaß des Landeshauptmannes an die Polizei zur Folge, auf den akadenrischen Boden keine Rücksicht zu nehmen und gegen Gewalttätigkeiten sofort einzuschreiten. Bon diesem Erlaß ist kein Gebrauch gemacht worden. Nun finden wir in dem „Deutschen Tageblatt" in Berlin die Schilderung eines „Augenzeugen" über diese Versammlungssprengung. .Der Augenzeuge ist ein Hakenkreuz-, ler und es versteht sich, daß er eine sehr gefärbte Dalvsteillung giht und die Juden als' die Urheber des Kvawallsl bezeichnet. Sein Bericht wimmelt von faustdicken Unwahrheiten. Mehr aber fällt der Ton auf, den dieser reichsdeutschje Kulturträger anschlägt. Da lesen wir: Juden reinsten Typs'; wollhaarige schwarze Judenjüngels; Weiber, denen die Perversität aus den .Augen leuchtete; fremdes jüdisches 'Gesindel imd anderes mehr. Für solche Leute werden die reichen Juden und die „Jackenbanken" angeschnorrt. > Dieser Augenzeuge schildert den Schluß M Radaus in folgender Werse: „Nach kurzem Verschnaufen drangen wir abermals vorwärts mit lautem Herl und Hurra. Dumpf prallten die tiefgegliü>erten Menschemnauern aufeinander. Furchtbarer Kampflärm, Au feinaNderkrachen von Stocken, Wehgeschrer der Juden dröhnten durch die entweihten Räume der Universität. Nun gab's kein Halten mehr. In verzweifelter Hast, von lähmendem Schrecken und Todesangst gepeitscht, stürzte der Schmock ins Freie. Laut dröhnend schlügen die Tore hinter ihm/ ins Schloß. Kaum, fünf Minuten hatte der blutige Kampf gedauert. Dre Universität war ludenrernt Gjm umg-ehenrer Jubel erfaßte die Sieger. Die einzelnen Leute fielen sich buchstäblich um den Habs, das He-ttrmfen wollte dein Ende nehmen. In höchster B-egerste r-nn gs sang die Menge das Deutschlandlied, während draußen die Marxisten .in ohnmächtiger Wut die Tore berannbon, die dicken Glasverschalungen zertrümmerten und mit einer langen Stange die Gitter bearbeiteten. Sie sollen sogar ein paar Schüsse abgefeuert haben. Die Sanrtätsmannschaften hatten nun zu tun. Denn hie Polizei hatte die Rampe gesäubert. MS der Kampf vorbei war, soll ein alter Diener gesagt haben: „Gott sei Dank, daß euch endlich die Geduld gerissen ist und daß es außig^chmissen habts, wir hätte« sonst wegen dieses .Gesindels die ganze Nacht Dienst Machen können!" Unbehinverts und nngeschmäht Verlieherr wir in gut disziplinierwm Zuge, die Universität in der Richtung zum Burgtheater. Zahlreiche Passanten gliederten sich uns begeistert ein. Am Burgthsater löste sich dann -er Zug nach kurzen Ansprachen der Führer in Ruhe und Ordnung auf. Die völkischen Studenten hatten! gezeigt, trotzdem sie weit in der Minderheit waren, daß ihnen ke-iu Opf-er zu groß ist, um alte deutsche Kulturgüter und Bildungsstätten vor den Gelüsten des A sia.t-e.n-- Volkes Kl schützen." .! Wem: man das lieft, würde mm: g laichen, es handle sich 'um den Sturm auf Verdun. Aber es war.doch rrno eine gesprengte Versammlung, eine wüste Rauferei, bei der Mädchen mit Latte': und Eisenstocken geprügelt Ivurden. Dazu sangen die Heid-n: Deutschland, Deutschland, Über altes! Profeffor Peham — Rektor. Gestern fand an der Universität die Wahl des neuen Rektors statt. Die medizinische Fakultät, die an der Tour war, hatte als ihren Kandidaten den Gynäkologen Professor Dr. Heinrich Peham nominiert. Er wurde einstimmig zum Rektor für das kommende Studienjahr gewählt. Professor Pehmn erklärte, die Wahl anzunehmen. Wien und Oesterreich. .8 Tschechoslowakische Republik......... Kö |u^oslawleo. Dinar Deutschland. Goldmart Frankreich, Belgien.Pres. Italien. Lire Rumänlon . Lei Bulgarien ..JLewa 100-- jAmerika....» " " «Schweiz und das übrige Ausland . , Oosterf. Postaoarkassenkonto 150,693. enzeitung": Monatlich 5- , . . K5 22r— so-- Goldmark 6 — 4-- 3S- 20'~ 170- 100- . . Dollar!•— . Franken S- Sbftrattian in den AnsschSffen der Rattonalrater. Ta Dr. Seipel di? Sozialdemolratea bisher nicht über ihre Wünsche befragt i-at, 'vollen sie es ihm deutlich zu fühlen geben, daß gegen oder ohne sie auch impneugewählten Rationalrat nicht gearbeitet werden kann. Ihr Wunschzettel unrfaßt u. a. die Gewährung des vollen Betrages der Arbeitslosenunterstützung an die über sechzig Jahre alten Arb.it.r, die Inkraftsetzung derJnvalidenversicherung, paritätisch.' Kontrolle der Verwendung von Saisonarbeitern in der Landwirtschaft, die Alters- und Invalidenversicherung für die Land- und Forstarbeiter usw. Danebetr haben sie auch einige Beschwerden 'wegen der Zustände im Bitndeshecr. Rur über die lletzteren wird verhau- . delt. Um ihren Wünschen mehr Rachdruck zu verleihen, haben sie gesternt in allen Llusschüssen «obstruiert. Im Verfassungsa u sschuß wurde die Gene-' raldebatte über das Gesetz betreffend die Errichtung eines selbstäMgen Justizministeriums fortgeführt.^ Bis 6 Uhr abends sprach der Sozialdemokrat Janic ki. Dann kam noch der Christlichsoziale Dr. Odehnal für kurzze Öett zum Wort. i Im Zollausschuß ging die Generaldebatte übe« die Zolltarifnovelle weiter, d. h. sie ging eigochtlich nichk weiter, da der Sozialdemokrat Schneeberger sowohl vormittags wie nachmittags Redcvbstruktton trieb. Um halH 7 Uhr abends war er mit seinen Ausführungen noch nicht zu Ende. Die Sitzung wurde geschlossen. Schneeberger will heute seine Rede fortsetzen. Sas Angestellteaverfichekuugsgesetz muß novelliert werde». Mit 1. Juli soll das neue AngeftelltenversiWrangsgesetz in Kraft treten. Im Ausschuß für soziale Verwaltung wurde gestern der Minister für soziale Vertvaltung, Doktor Re sch, befragt, was er denn hiezu vorgekehrt habe. Dr. Resch erwiderte, er habe schon seinerzett bei der Beratung des Gesetzes darauf aufmerksam gemacht, daß cs verwaltungstechnisch unmöglich sein werde, mtt den Borarbetten so rasch fettig zu werden, daß die klaglose DurchWrung der Versicherung ab 1. Juli tatsächlich gewährleistet sei. Trotz dieser Bedenken hielt der Rationalrat am 1. Juli fest. Rmr habe es sich aber bei den Vorarbeiten heraitsgestellt, daß eine Novellierung des Gesetzes uuvermeidlich sei, die schon im den nächsten Tagenden Rationalrat werde beschäftigen müssen. Die Regierung werde alles tun, damtt di« Durchführung der Versicherung termingemäß vonftatten gehen könne. Bei der Verteilung der Referate erllärte sich Mgevrdneter Eldersch berett, sofort den Bericht >übev dein sozialdemokratischen -Antrag zu erstatten, daß als Alter sfürsvrge für die über 60 Jahre «alten Arbeiter statt des Zwanzigfachen das Dreißigfache dev Arbettslosenunterstützung zu gewähren sei. Die Mehrheitsparteien lehnten dieses Ansinwe'n mtt der Begründung ab, daß sie erst zu dieser .Angelegev hett in ihren Patteiklubs Stellung Nehmen Müssen. Gröners Nachfolger. Der Entscheidung des Verfassungsgerlchtshofes Rechnung traget», hat gestern der Tiroler Landtag die Wahl eines Mitgliedes des Bulndesrates an Stelle des LandeshauptmanNstellvertreters Dr. Grüner, der sein Mandat bekanntlich niedergelegt hatte und gegen feiunen und der sozialdemokrattschen Partei Willen iwi-edergewählt worden war, vorgenommen, üum Bundesrat wurde ber sozialdemokratische Abg. Prautl, zu seinem Ersatzmann der sozialdemokrattsche Patteisekretär E r t l mtt sieben sozialdemokrattschen Stimmen gewählt. Die Chttstlichsozialen und die Großdeutschen haben leere Sttnünzettel abgegeben. Sas mißglückte Muykfeft der Gemeiade Wie». In der gestrigen GemeinderatSsitzung wurde mit reichlicher Verspätung die Bilanz des Mustksestes der Gemeinde Wien vom Jahre 1925 vorgelegt. Es ist bekannt, ldaß das Theater- und Musikfest mit einem großen Fiasko geendet hat. Gemeindevat T h a l l e r beantragte einen Zuschußkredit von 108.979 Schilling zur Deckung der nicht verrechneten Ausgaben für das Theater- und MuMsest. Die Ausgaben beliefen sich auf 326.982 Schilling, die Einnahmen auf 65.118 Schilling. Zur Deckung der Differenz von 261.804 Schilling wurde bereits ein Zuschußkrodit von 52.826 Schilling angesprochen. Der Restbetrag wurde gestern bewilligt. Der Sprecher der Opposttiou, Stadtrat R u m m e l h a rd t, bezeichnete das Dheaterfest als elendes Machwerk, als Resümee der verrücktesten Ideen, für die das Geld hinausgeworson wurde. Der Leiter des Festes, Dr. Bach, habe mit der Forderung der Neutöner keine glückliche Hand bewiesen. Der Redner kam sodann auf den sozialdemokratifchen Wahlaufruf der 39 Vertreter des „g e i st i g e u Wie n" zu sprechen und bezeichnete es als unerhört, daß sich 39 Leute anmaßen, das „geistige Wien" zu repräsentieren. Wenn man, so sagte er, Professor Ke l s e n neben Fritz G r ü n b a u m sieht, so ist das eine Verirrung sondergleichen. Im weiteren Verlause der Sitzung, in der eine Reihe von Geschäftsstücken der umfangreichen Tagesordnung erledigt wurde, kam es zu einein st Ü r m i s ch e n Zwischenfalle, als Bürgermeister Seih dem christlichjfozialen Genieindorat Stöger das Wort entt"" nicht -zur Sache sprach.

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