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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-22 · Heft 2987 (22.6.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2987 (22.6.1927)
Date
1927-06-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 2987 Wien, Mittwoch Wiener Msesenzett««- SS. Juni 1887 Sei te 3 Chamberlin und Levine. «elagenws der Szeanflieger vor dem Hetel. — Besuch i» »ade«. — FeftddrsteSuug tat Btt Staatreper. Das Hotel Imperial, in dem die Ozeanflisger mit ihren Frauen Aufenthalt genommen haben, wird mit Tagesbeginn van Neugierigen umlagert. Um 8 Uhr war bereits eine solche Menschenmenge vovhanden, daß die Polizei umfassende Vorlehrungsmaßnahenen treffen mußte. Je länger die Flieger auf sich warten lasten, desto mehr Neugierige sammeln sich an. Unter den nichtigsten Vorwänden versuchen viele, in das Hotel zu gelangen und müssen von der Hotelleitung fast mit Gewalt wieder auf die Straße befördert wevden. Gestern mittags empfingen der Buudesprnsident and seine Gemahlin die amerikanischen Flieger und ihre Frauen zu einem F r ü h st ü ck, an dem auch die Gesandten Washburn und Vavrecka, sowie Bundesminister für Finanzen Dr. Kienböck. Bürgermeister S e i tz, Bundesminister Dr. S ch ü r f f, Landeshauptmann Doktor B u r e s ch geladen waren. Auf der Fahrt in das BundeSkanzlerantt waren die Flieger Gegenstand herzlichster Ovationen. Am Nachmittag unternahm Levine und Frau — Chamberlin blieb wegen Unpäßlichkeit seiner Fvari in Wien — einen Ausflug nach Baden, wo sie von dem Bürgermeister K oll mann und den Badener Freunden Levines, dem Generaldirektor Steger und dem Restaurateur Putz empfangen wurden. Levine, der das ihm verliehene goldene Ehrenzeichen der Republik trug, wurde zunächst in das Strandbad geführt, wo ihn die beiden Vizebürgermeister begrüßten. Fortgesetzte Hochrufe wurden auf Levine ausgebracht, für die der Flieger fortwährend dankte. Bürgermeister Kollmann hielt eine Ansprache, in der er Levine für den Besuch in Baden dankte. Hierauf fand auf dem Balkon der Baderestauration eine Jause statt. Um %5 Uhr fuhr das Ehepaar Levine, vom Bürgermeister und den beiden Badener Freunden begleitet, im Auto wieder nach Wien. In den Straßen, durch die der Wagen fuhr, bildete das Publikum dichtes Spalier und feierte den Flieger herzlichst. Menüs besuchten die Flieger und ihre Gattinnen eine ihnen zu Ehren.veranstaltete Festpocstellung in der Staatsoper. Es wurde Puccinis „T u r a n d o i" aufgeführt. Nach der Opernvorsiellung gab Bundesminister Doktor Schür ff im Festsaal der Staatsoper einen Empfang. Die beiden Flieger äußern sich, wie Generaldirektor Doktor Steger mitteilt, in'äußerst schmeichelhafter Weise über die wunderbare Aufführung, die sie über die Aufführung der Metropolitanoper, sowohl was die gesangliche Leistung als auch «die Inszenierung und das Orchester betrifft, stellen. Die Gattin Ghanrberlins ivar infolge leichter Erkrankung am Erscheinen verhindert. In der Pause nach dem erstem Akt brachte das Publikum den Betbeu Ozeanfliegern spontan eine stürmische Ovation dar. Sw lelkgramm r» Bu»ve«>r!Wei>tei> an dr» VrWentt» - «Midie. Bundespräsident Dr. H a i n i s ch hat an den Präsidenten Co oli dg e folgendes Telegramm gerichtet: Ganz Oesterreich grüßt mit mir begeistert die zwei Helden der Lust, die nach Ueberquerung des Ozeans nun auch unser Land und dessen Hauptstadt Wien besuchten. Empfangen Euer Exzellenz anläßlich dieses Besuches den Ausdruck der Beivunderung für den von Chamberlin und Levine erbrachten neuerlichen Beweis amerikanischen Mutes und amerikanischer Tatkraft. Bewch I« Bndavrft. Chamberlin und Levine werden morgen am VfclQ Ahr vormittags mit der «Columbia" zu einem nur wenige Stunden dauernden Aufenthalt nach Budapest fliegen. Der Wiener ungarische Gesandte hat erst gestern nachmittags die offizielle Einladung der ungarischen Ne-giiorimg, auf die die Flieger Wert legten, Werbvacht. Der ungarische Neichsverweser und der Ministerpräsident Bethlen, sowie der Bürgermeister von Budapest werden die Ozeanflieger begrüßen. Nachmittags kehren die Flieger wieder nach Wien zurück, wo beim amerikanischen Gesandten ein Tee statffinden wird. Donnerstag erfolgt dann der Abflug nach Prag, von wo möglicherlveise auch ein Flug nach Wavschau unternommen wevden soll. Sie ersten Szeanflkegerinnen. Eine ganze Reihe von Ozeanflügen ist neuerdings in Vorbereitung. Großes Interesse erregen insbesondere zwei Frauen, die sich siir den Ozeanflug rüsten. Die eine ist Fräulein Dhea Rasch e, eine Deutschamerikanerin, die andere ist die russische Fliegerin LjWa Philipps, die 1912 bei Focker in Deutschland Fliegen gelernt hat. Sie lebt seit Jahren in Amerika und hat nun den New Dorker Zeitungen mitgeteilt, daß sie in der zweiten Hälfte Juli die Ueberquerung des Ozeans versuchen werde. Sie will jedoch Zwischenlandungen in . N eu fundland u n d I r l and vornehmen und einen m ä n n l i ch e n Begleite r als Navigator mitführen. Der AdW Byrds hat sich ivegen der Regengüsse, die bei New Dort niedergingen und jede Aussicht nahmen, verzögert. Sollte sich das Wetter bessern, so will er Mittwoch früh, 6 Ahr, abfliegen. Wie es heißt, will sich Byrd keineswegs mit einer Ueüersliegung. des Atlantischen Ozeans begnügen, sondern beabsichtigt, einen - Flug um die Welt EISKASTEN MMrifc. voa 8 OG.— wfw. R. BRAUN, WIEN U Wlpplltt|«ntotft« 1«. TA MM4. „ PrtUHtUtt zu unternehmen, der von Paris aus weiter über Rußland, Asien und den Pazifischen Ozean gehen soll. Der Britische Fliegerhauptmann Court Ney hat mit der Londoner „Westminster Gazötte" eine Vereinbarung abgeschlossen, wonach er mit einem Flugzeug von England Wer den Atlantischen Ozean nach New Dort und zurück fliegen soll. Der Flug wird mit einem völlig aus Metall gebauten deutschen Dornier-Flugboot unternommen werden. Gilt Fl«a New dott-Rom. Rom, 21. Juni. Der „Corriere della Sera" berichtet aus New Dork: Ingenieur Bellanca hat einen in der letzten Zeit von ihm erbauten Eindecker an einen Flieger verkauft, der ohne Zwischenlandung den Flug von Amerika nach Rom unternehmen wird. Der Konstrukteur erklärte, er werde demnächst von New AM nach der Hauptstadt seiner Heimat fliegen. PeAlmIftW« SerlAt Bütt Me Suche nnch Rnnrefier. New N o r k, 21. Juni. Don den Mitgliedern der am 1. d. M. zur Nachforschung nach Nungesser und Coli abgegangenen Expeditionen ist ein pessimistischer Bericht eingegangen, der besagt, daß das Nachforschungsflugzeug das öde Gebiet von Neufundland überflogen habe, woselbst die Forstleute erklärt hätten, daß die Flieger nicht « hätte,t am Leben bleiben können, wenn sie dort gelandet wären. i AuWduug der Trümmer des Flugzeuges St. Roman. Paris, 21. Juni. Wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, jvurden heute morgens bei Pava U e b e c r e st e eines Flugzeuges an die Küste geschivemmt, auf denen eine Nummer zu lesen war. An Hand dieser Nummer konnte in Paris leicht festgestellt werden, daß es sich um Trümmer des Flugzeuges des französischen Fliegeroffiziers de Saint-Roman handelt, der vor ettva 3 Monaten den südatlantischen Ozean von Senegal nach Nordbrasilien Werfliegen wollte, aber verschollen ist. Der Tod Saint-Romans und feines Mechanikers ist nunmehr festgestellt. Sin Riesenbrand in RumSnieu. Bon einem Hotelier gelegt? B u k a r e st, 21. Juni. In B a c a u brach heute im Hotel National ein Brand aus, der große Dimensionen anncvhm. Zahlreiche Geschäftshäuser im Zentrum der Stadt wurden e i n g e ä s ch e r t. Der Schaden beträgt 16 Millionen Lei. Den Brand soll dem Vernehmen nach der Eigentümer r des Hotels National gelegt haben, der sich in f i n a n-! ziellen Schwierigkeiten befand und sich in den | Besitz der Versicherungssumme setzen wollte. Berliner Theater. Bon Kurt Münzer. Wien .hat Glück in Berlin, man liebt hier seine heitere Anmut und holde Leichtigkeit. Ter schlver schreitende Berliner (selbst im Tanz irdisch haftende) entzückt sich am weanarischen Schweben und Gleiten- Und das kam nun den: Julius .Korsischen Musikschwank zu gute, .dem „Glück in.der Liebe", das das Metropoltheaier für feine Sommerspielzeit mit erfolgsicherem Instinkt erkoren hat. In, Berliner .Ensemble glänzt Gisela Werbezirk. Man liebt sie.hier längst. Jetzt, vom Kostüm bis zum Tanzschritt, vom Lächeln.bis zum Couplet, siegt sie auf allen Linien. Und neben.ihr eine junge Pragerin: ElseLord, ein von Leben flanmrendes Geschöpf, das seine Eleganz mit der Natürlichkeit und Schönheit trägt wie eine Rose Duft und Form. Mer .Prag' liegt ja nahe bei Wien. Also! Ueberhaupt.hallt jetzt die ganze Stadt von Gelächter, denn für die Sommermonate hat sich auch das ernsthafteste Theater mit Posse und Schlvank eingedeckt. Vom Staatlichen Schauspielhaus bis zum Lessingtheater. Man hat nichts zum lachen sonst in diesen Zeiten der Börsen- und Autobusstürze, der Regengüsse und der Geschäftspleiten. Mljedes Wochen»' ende verregnet, der beliebte Zoo ist überschlveUlmt, die Autos konnnen.ins Schleudern: also ins Theater! Und dort Besteiung .vom schnöden Alltag, vom Ernst der Situation, von den drohenden Ueberschriften der Mittags- und Abendblätter! .Befreiung in> Lachen. Man lacht. Man wiehert sogar im „Deutscheil Künstlertheater", wo jetzt von der diskreten Massary-Bühne Sexualwitze nur so gegen Logen und Galerien prasseln. In einer französischen Komödie unbekannter Witzbolde „Bitte — ich war zuerst da", darin ein totgesagter Manu mit noch dazu verlorenem Gedächtnis heimkehrt und seinen Platz au allen süßen, stärkenden.,md schwächenden Orten besetzt findet. Ein Stück wie dieses nrüUe chaotischer gespielt lverden, strudelnder, blitzeirder. Mer wer, der über Bettnütze lacht, Mt künstlerische Forderungen? Die Regie — da sie siegte — Hatte recht, sich aufs Betonen zu 'beschränken^ 'statt den venmc renden Zauber einer Groteske zu schaffen. Der Monn, midem die Komödie das Parkett bezwang, loar Julius Fa lkenstein, .nicht oer berühmteste, aber vielleicht der beste Komiker Berlins, von einer Trockenheit, die schon an sich überwältigt; mit einer Glatze, die Weisheit strahlt,' mit einem .Blick im Aug, der „Mensch" verrät. Ein jüdischmelancholischer Blick, ein Blick von weit her, der nichts zu schaffen hat mit den Verrichtungen des sonstigen Leibs. Noch aus abgrundtiefer Trunkenheit heraus sieht Euch dieser Julius nrit den Augen des Jeremias und Hiob, aber muh Josefs an... Im Lessingtheater erobert man mit einem der nicht mehr zu zählenden Schwänke Tristan Bernands „Abgemacht — Kuß". Er kann wohl nur den Witz, die Pointe, die Ein-' fälle für sich in Anspruch nehmen; zwei Mitarbeiter besorgten ihm die Herstellung der Akte, des Dialogs. Der Witz ist: Die Umkehrung des Ueblichen, des Erwarteten, ja .des Naturgesetzlichen. Der Plebejer liebt erstens nicht die Nichte, sondern die Tante! (Aber Maria Fein ist diese .Tante!) Zweitens zeigt sich der Adel ordinär und das „Volk" adlig. So macht man aus Abfall strahlend Neues. Denn ist es nicht das Mlerdagewesendste, daß der Sohn der Gennisefran hier, und da das Schloß nebst Insassen steht. Daß die Sühnen kultur brüchig ist lind das Proletenülnt zeugungsfähig bis... Aier hätte nicht jeder — außer unserem Tristan — diesen Sohn des Volks die Tochter der Blirg lieben lassen? Das immer überraschte Parkett jubelte Klöpfer zu, der feint herrlichste Menschengestalt auf die Bretter stellte. Er dampfte von Echtheit, er überwältigte mit hem Spiel seiner Hände, sein Lachen ging gradezu ins Mut, sein Blick ins Herz. Er ivar zum lieben. Mehr kann man Nicht sein! Das Schillerthoater hat seine Sommertradition auch jetzt noch, da es im Staatsbesitz ist: ein Schwank, eine groteske Komödie, ein buntes Spiel. Es hat sich an Paul Schirmer gewandt, und der gab fernen „Ehrenbürger", die Geschichte vom Kampf des Kolonialwarenhändlers gegen den Schriftsteller, der die kleine Stadt seines Erdemvandels in* Buche bloßstellt. Das Stück ist eine Lappalie; vielleicht bestand heim (Schuldirektor genannt) Schirmer nicht einmal der Ehrgeiz zu einer Charakterkomödie. Mer er gibt der Bühne und den Leuten davon, ivas sie wellen. Eineil himmlisch allsgebauten Kolonialladen in FinstMvalde und Klernstadttypen, darunter den Helden, von Max Gülstorfs nur so hingelegt, daß es kracht. Er entwickelt eine Suada, um die ihn Pallenberg beneiden darf. Eine Suada, mit der er einen ganzen Gerichtshof (zweiter M) Nlttwirft. Eine Suada, mit der er die Zeugen, die Stadt, die Ehrenbürgerschaft gewinnt. Er hat, der Max, größer als sein Bruder Adalbert, noch keine hinreißendere Rolle gehabt. Um solcher Figur wegen dürsten Stücke leben, die noch geringfügiger sind als dieses. Dieser Kerl genügt! reicht für einen ganzen Theaterabend! Es stand noch Lueie Höflich neben ihm, Ae hat nicht viel zu tun, sie ist Mw da- Das istjeigeitllich genug für sie. Hoffen wir, daß ihre Zeit wiederkehrt, daß Stücke für sie kommen. Ihr Publikum ist noch intimer da itmb wird bald mtgeduldig. 'Aber das Staatliche Schauspielhaus selbst erhebt noch den Spaß zum großen Kunstwerk. Es hat sich „Maß für Maß" erwählt, dieses göttlich heitere Shakespearestück in Wim f(Wien mit Lords rmd Herzögen märchenhafter, aber auch Sttizzis und Kupplerinnm Und Lebeknaben realer Herkunft) ulld läßt es von Jürgen Fehling inszenieren. Drei Seiten Vorhänge in wechselndem Licht. Ale Schauplätze kaum angedmtet durch ein kleines Versatzstück. ,A!lso Shakespeares Bühne. Und siehe: es bedarf keines Zaubers! sonst wüs des beschwingten Worts und der großen schauspielerischen Geste. Der DiH-er singt ohne Mialex, ohne Jllusiotr fürs iAuge. Wir leben vom Herzm, und wer zU ihm spricht, hat uns ganz gewonnen. Dieses wunderbar leichte Stück aus dem dunklen Bezirk der Triebe, diese rei^e Flamme aus stmkmdm Gasen: nichts lenkt von der Dichtung ab. Muß lNMl nicht mißtrauisch werden gegen Erfolge groß aufgemachter Dinge? Zieht mau da das Werk vom Gewand W: was bleibt? Skelett mtd schlotternde Garderobe? Nun, hier nichts von Zlveifel und Mißtrauen. Meder singt der Tote über so viel Lebendig« (daniml noch nicht LÄende!). Tauschm wir uns nicht! haben wir lcheM Dichter? Ich glaube, mtd ein paar lebendige. Fehling hat die Prächtigm Schauspieler seines' JnstkMs, und sie sind mit Liebe bei der schönen Sache., Wahrhaft ein Ensemble, de spielen zusammen, keiner sich hinaus Größtes Lob dieses kssr jeden Einzelnen- ■'■■ML«» t

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