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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-21 · Heft 2986 (21.6.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2986 (21.6.1927)
Date
1927-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2998 Wien, Dienstag Wie«er Msrgenzertuirg 81. Jnni 1927 Gelle 8 Im Polizeikordon. Ser Siuzug der Lzeanffieser in Wie«. «Einige hundert Amerikaner, die sich ^'gomvärtig in Mitteleurrpa befinden, waren zum Son;.o; nach Wien g«efMtvmen. Ter amerikanische Gesandte hatte ein« Urlaubsreise u n t e r b r o 6) e n, um im Auftrag seiner Regierung die Transo-zeanflieger bei ihrer Ankunft zu begrüßen. Vor allen diesen und vor der ganzen Bevölkerung haben sich die Künste der Verwaltung in ihrer vollen Unfähigkeit liloßgestellt. Das Flugfeld war fast unerreichbar. Die Straßenbahn versagte vollständig. Ihre Direktion und die Polizeibehörde hatten fast zwei Wochen lang das Publikum in Schrecken gesetzt: Es gilbt keine guten Straßen, es muß zu oft umgestiegen werden, die Reichslbrücke ist nur eingeleisig, nehmt keine Kinder mit. Am «dosten, man bleibt zu Hause. Es ist natürlich nicht so, daß die Neugier und Gschastellhu'berci a>bgewehrt werden sollte. Das Publikum ist der Ansicht, daß es sich selbst erzieht und daß die Behörde nur für eine klaglose Abwickelung des Verkehres zu sorgen hat. A m Sonntag d e m o n st r i e r t e n alle gegeneinander. Die Zuschauer hatten die Straßen bis zum Flugfeld dicht besetzt, betraten aber den Platz nicht. Ans den Straßen fehlte die Wache, aber den Flugplatz hielt sie besetzt, in einer Stärke, als ob wieder ein Napoleon zurückgewiesen werden Müsse. 4000 Polizisten zu Fuß, 200 zu Pferd, 600 Mann Militär und dazu noch irgendwo versteckt Reserven. Alles klappte, wie es nun einmal in Oesterreich zu klappen hat. Der amerikanische Gesandte mußte sich den Zugang in einem B o x m a t ch erkämpfen, Frauen wurden di« Kleider heruntergerissen, der Chauffeur des Triumphautos war nicht zur Stelle, kein Sessel, keine Unterkunft für die Wartenden.Aber dafür schossen die B u r e a u k r a t e n des H a n d e l s m i n i st e r i n m s hin und her und erteilten Befehle und Gegenbefehle. Der Kommandant der Polizeimacht hatte den Kopf verloren und die Soldaten standen lackend um ihre Gewehrpvramiden herum. * Wer in und außerhalb Wiens und Oesterreichs am Radioapparat saß, der hörte die Ankunft der Flieger ganz gut und deutlich an. Es war ein Mikrophon ausgestellt, das getreulich die Szene, so blamabel, wie sie war, mitteilte. Man hörte zuerst das Surren des Motors und dann: „Drängen Sie nicht! Im Namen des Gesetzes, zurück! P s u i! Pfui! Herr tzandelsminister, sehen Sie doch das an!" So spielte sich der Empfang ab. Das Publikum wurde zwischen Bretterstangen und Jsolierdrähten eingepfercht. Es. war ein greuliches Durcheinander, Balgereien im strömenden Regen. * Das hat natürlich seinen höheren Sinn. Es wäre billig, darüber zu spotten, daß sich die Neugierigen doch nur selbst in Unbequemlichkeit brachten. Es geht nielnanden etwas au, ob die Leute schauen wollen oder nicht. Wenn man die Flieger eingeladen hat, so hat man derartige Szenen zu vermeiden. Aber es ging um die Obrigkeit; sie wollte unter sich sein und umgab sich mit Sperrketten. Der Polizeistaat geigte sich in voller Glorie. Die Ausländer sahen staunend und amüsiert auf die Kunststücke, und sie erzählen das dann in ihrer Heimat, daß zu jedem Zuschauer fünf Mann der Staatsgewalt gestellt waren. Natürlich versagte auch die Disziplin des Publikums dort, wo es in der Mehrheit war. Vor dem Hotel Imperial wurde der Polizeikordon weggewischt, als ob er nie dagewesen wäre, und auf dem Schauplatz blieben dann melancholische Hüte und zerbrochene Regenschirme zurück. Das Publikum wartete dann im Regen geduldig auf die Straßenbahn, deren B-erkehr die Stadt nicht verstärkt hatte. Um 10 Uhr abends war der Krieg zu Ende. Die Energie der Staatsautorität hatte in Aspern gestellt. Vor der Universität ist sie nicht zu erblicken. Ser gestrige Tag. Das Hotel Imperial war gestern fast den gangen Tag über von Neugierigen umlagert. Di« Flieger und ihre Frauen schliefen bis in den Vormittag hinein. Gegen 11 Uhr waren etwa 2000 Personen auf der Ringstraße versammelt, die die Flieger mit Hochrusen empfingen, als sie gegen ^12 Uhr mittags in Begleitung des amerikanischen Botschafters zum Bundeskanzler Seipel fuhren. Sie wurden daun vom Bundesprästdenren H a i n i s ch empfangen, der ihnen das goldene Ehrenzeichen der Republik überreichte. Gestern abends fand zu Ehren der Ozeanflieger ein Empfang im Rathaus statt, zu dem sich der Buudespräsident H a i n i s ch, einige Beamte als Vertreter der Regierung, der amerikanische Gesandte W a s h b u r n, der Polizeipräsident Dr. Schober und eine Anzcchl Adabeis von verschiedenen platonischen Flugvereinen eingefuuden hatten. Der Bürgermeister hielt eine Ansprache, in der er nach dem ausgesendeten Bericht (der Empfang fand unter Ausschluß der Oesfentlichkeit statt) die Ozeanslüge a.ls Instrument des Friedens bezeichnet«. Der amerikanische Gesandte antwortet« mit einigen Dankesworten. Sin Groß der Flieger a« Wie«. «Gestern früh hat Charles Lev ine im Namen Chamberlins und im eigenen Namen an die Fremdenvevkchrskommission für Wien und Niederösterreich folgendes Schreiben gerichtet: „Unter den Einladungen, die uns zugekommen sind, hat uns diejenige, die die Fremdenverkehrskommisslon der Bundesländer Wien'und Niederösterreich an uns gerichtet hat, ganz besonders gefreut. Auch in Amerika weiß man, daß Wien eine der schönsten Städte der Welt ist, die — umgcben von einer lieblichen Landschaft — jeden Fremden, insbesondere aber den Amerikaner, der so völlig andere Stadtbilder gewohnt ist, mit Sehnsucht erfüllt und immer von neuem a n z i« h t. Denn Wien mit seiner ehrwürdigen Kultur, mit der bestrickenden Liebenswürdigkeit seiner Bewohner und mit seinem unversiegbaren Lebenswillen findet in Amerika immer mehr Interesse. Biele unserer Freunde waren in Wien oder wollen in nächster Zeit nach Wien kommen. Wir wissen, daß di« Welt, die wir hier vorfinden, eine andere ist als die unserer Heickat: Das rasende Tempo und den harten Kampf des Lebens ' in Amerika — das wissen wi r — werden wir hier nichtfinden. Aber schon die ersten Ein» drücke, die wir von Wien gewinnen konnten, zeigen uns, daß wir hier in eine Welt der Schönheit gekommen sind, in der nicht nur der äußere Erfolg, der ja von Zufälligkeit abhängig ist, für das Schicksal der Menschen entscheidend ist, sondern ihre i n n e r e Best i m m u n g und der Grad natürlicher Künstlerschaft. Wir wollen die Tage in Wien benützen, um den weltberühmten Zauber dieser Stadt und die Anmut der Umgebung aus uns wirken zu lasten. Denn auch die Landschaft um Wien haben wir — wenigstens aus dem Flugzeug — bereits gesehen, jenes entzückende Hügelland, durch das uns das schimmernde Band der Donau unseren Weg wies. Wir danken allen Wienern und Wienerinnen, die uns bei unserer Ankunft gegrüßt haben und wir danken schließlich — uns selbst: dafür, daß wir uns entschlossen haben, nach Wien zu kommen, wo wir — wir sind überzeugt davon — schöneund erlebnisreiche Tage ver bringen werden." K« SesprSch m« Shamberlin. Einer unserer Mitarbeiter wurde am Bormittag von den Herren C h a m b e r l i n und L e v i n e zu einer kurzen Unterredung empfangen. Herr Chamberlin schilderte zuerst seinen Flug nach Wien. Das weitere Programm ist noch ungewiß. Ob die beiden nach Budapest und nach Prag fliegen, misten sie noch nicht. Sie sind von den vielen Festen und Empfängen übermüdet und sehnen sich schon nach einer längeren Ruhe. Frau Chamberlin, die einige Zeit der Unterredung beiwohnte, evklärte, sie wolle unbedingt m i t ihrem Gatten über den Ozean zürückfliegen. Auch Frau Levine habe ihre Abneigung gegen das Fliegen ausgegeben. Herr L e v i n e war sehr zurückhaltend und macht überhaupt den Eindruck eines wortkargen Menschen. Ler dritte Szeanflug. Newyork, 20. Juni. Der Nordpolflieger Byrd hat nach einer Besprechung mit den Wettersachverständigen sich entschlossen, zum Ozeanflug erst Mitte dev Woche zu starten, da bis dahin das Tiefdruckgebiet Mer dem östlichen sich aufgelöst haben wird. 6in Rüg Ständjtn- M S»a. Einer Meldung aus München zufolge ist der bekannte Münchener Flieger Udet an eine bayrische Flugzeugfabrik herangetreten, um eine Maschine zu konstruieren, mit derer einen Dauerflug München —Newyork durchführen will. Die Finanzierung des Unternehmens soll bereits gesichert sein. „Vermählung mit dem Judentum." Pallieres BekenntnisM. Unter dem Romantitet „Das unbekannte Heilt g t u m" erzählt Atme Palliere die Geschichte »einer ganz unwahrscheinlich tiefen und echten Liebe. Der Held ist ein feinsinniger, warmblütiger Franzose, dem Leber» den Geheimnissen Gottes nachzuspüren. Umgebung, Erziehung und der Wrrnsch der ange^ beteten Mutter prädestiniere»» ihn zum katholischen Geistlichen. Doch er entzieht sich allen diesen Einflüssen und weiht Herz urü» Seele einer göttlichen Erscheinung. Auf romantische Weise kernt ti sie kennen. In Dores Bibelbilder»» sicht er zum erstenmal die Verwandten seiner hohen Geliebten. Fürstliche Gestalte»» sind es, Mitglieder jenes Volkes, das als erstes unter aller» Völkern der Erde mit dem wahren Gott Zwiesprache hielt. Niemals ist dem Jüngling einer «ms diesem Volke begegnet auf dem Kloster- und Kirchenhügel von Lyon, der seine Welt ist. Da zieht ihn ein Freund in eine Sy,»agoge und unversehens sieht er sich dem Volke gegenüber, das er für tot und verdammt gehalten hat. Es ist Jom Kippur. Ueberwältigend ist der Eindruck auf den jungen Studenten der Theologie. Ir» derselben Heiligkeit wie ir» Dores Jdealgestalten sieht er das jüdische Volk auferstehen. Dieselbe herrliche, volltönende Sprache spricht es, in der es seine Glaubensgeftbichte verewigt hat. Zum erstenmal hört der junge Palliere diese Urklänge und mit mystischer Geivalt umfangen sie ihn. Er findet keine Ruhe mehr. Diese 'Zauberlaute, in denen die Menschheit zum ersten»»al den Geist des Alls beschwor, müssen auch ihm zun» Eigenturn werden. Ohne Lehrer, vorlvärtsgetrieben von eir»em rastlosen Eifer, stürmt er sich auf das Studium des Hebräischer» urckbald kann er der» heiligen Urtext im Original lesen. Er berauscht sich besonders an der Rezitation der Psalmen und Heller lodert seine Liebe auf für das Volk, das diese Gesänge gedichtet hat. Es drängt ihn, mehr von dieser» Volke zu erfahren. Bei einem Antiquar stöbert er eines Tages ein altes Bärrdchon aus dem 17. Jahrhundert auf. Es ist die Uebersetzung einer Schrift über jüdische Bräuche des berühmten Rabbi von Venedig, Leo von Modena. Ein Schatz ist es für Palliere, geleitet ihn in eine seltsam fesselnde, mystisch poetische Welt. Ergriffen erlebt er die Reirchoit der jüdischen Moral, die Schönheit seiner gottesdienstlichen Symbolik, den Reiz seiner Familienverbundenheit, die Romantik seiner Ghettoexistenz und die Weisheit seiner Disziplin, dank der sich das jüdische Volk über alle Zeiträume hinweg als Einheit zu erhalten vermocht hat. Einmal geht chm sein volles Herz Mer und er breitet fein stolzes« Wissen vor einem seiner geistlichen Professoren aus. Dieser tadelt ihn heftig für ferne Sympathien zu dem Dolle, das Gott gekreuzigt hat, und alarmiert seine Mutter. Um ihn von seiner sündigen Neigung abzubringen, unterstellt man den jungen Palliere der Fürsorge zweier Priester jMischen Ursprungs. «Aber zu tief sitzt schon eine Neigung. Ein unzerreißbowes Band ist bereits zwischen ihm und den» Judentum geknüpft — die hebräische Sprache. 61t fasz meri ihn. Etwas aus der Seele Israels fühlt?>c aus ihr auf sich überströn»en und die religiöse Ergrifsmheü, foie ihm k.ebräis'n«- Worte vermitteln, vermag chm sonst uich.-> zu geben. So besuch» e» immer häufiger die Synagoge, so kopiert er das „Sckklmh und trägt es in zwei Sikchen imn»er bei sich, wie Defillim. Die Entdeckung dieser Tesillim hat einen Verztveiflun,.öausbruch seiner Mutter zur Sie muß glauben, daß e» bereits zum Judentum Wecgetre:an ist. Ihr Schmerz macht ihn reuig. (Ä verbveunt seure Tefillttn und gelchi Zurückhaltung. Aber sein Gleichgewicht findet it m»üt wieder. Und ein Abgrund Sffnet sich vor »hin, als ecker se»ner Lehrer auf seine Jrrterpellation Über die Grausamkeiten der Jnquisüon gegen die Jude» nur bedatternd auszurufen iveiß: «Ach, warum hat man ihrer nicht mehr verbrannt! Im Hause des Rabbiners von Nizza, Simvn Lrvy, findet er das Ideal lebendig, das ihm vorschwebt. Dort wird der 20jährige Palliere gütig wie ein Sohn ausgenommen un? hier lemt er den Familiencharakter der jMischen Religion verehren. Rabbi Levh rät ihm, sich mit Elle Benamozcgh, dem Nabbjner von Livorno »n Verbindung zu setzen. In zweijährigem'Briefwechsel vermittelt chm dieser- Weise Israel seine großartige Konzeption der Mischen Lehre. Aus den» Geist des Judentums und auch schon mit Rücksicht auf seine Mütter rät der Rabbi dem »reuen Jünger von einem Uebertritt ab. Pallieres Enthusiasmus für die jüdische Religionsphilosophie wächst an der Uebersetzung von Elie Benamozeghs große»»» Werk „Israel und die Menschheit." Freudig bejaht er dessen Grundthese: Die Menschheit kann nicht ihre wesentlichen Aufgaben erfüllen, ohne Israel zu begegnen. Israel hinwieder, kann seine eigene, nationale und religiöse Ueberliefemng nicht verttefe«, ohne der Menschheit zu begegnen. > Ms!die Mutter stirbt, wirst Palliere »roch einmal vor seinen Freunden die Frage seines Uebertrittes Ms, Mer einstimmig legen ihm alle Rabbiner, an die er sich wendet, nahe, er möge weiter von außen für das' Judentum wirken. Er fügt sich. Umso getreuer eifert er Rüth als Vorbild nach, gleich der er sich nicht nur zu Israels Gott bekennt, sondern auch zu Israels Voll. Seit bald zwei Jahrhunderten dient er so dem Judentum Frankreichs, insbesondere dem zionistischen. Von den Kanzeln orthodoxer Tenrpel und von der Rednertribüne radikaler jüdischer Jugendorganisationen erschalt seine bredte Stimme ebensowohl wie aus den Spalten jüdischer Blätter, an denen er ständiger Mitarbeiter ist. Frankreich, Italien, Belgien, die Schweiz und Tunis hat er als ein zündercker BeMnder des zionistischen Ideals vereist. Das Bekenntnisbuch Pallieres »st eines der kostbarsten, Überraschendsten und wohltuendsten Dokun»er»te unserer 'Zeit. Es steht auf, um in seiner Art für das unbekannte und zu Unrecht von Renan und anderen als verfallen verschriene Heiligtum der jüdischen Lehre M zeuge»». Bezeichnenderweise Wußte man bisher von dem stillen, seinen Palliere, der heute fast ein Fünfziger »st, nur wenig jenseits der Grenzen der romanischen Länder. Mn» muß ihm danken, daß er endlich, über Drängen seiner Freunde, die Geschichte seiner relig. Entwicklung und Vermählung mit dem Judentum (je* schildert hat, mit all der Grazie, Keuschheit und Wärme, die sein Welen mis':-.'«»:'« Dr. Nadia Stein

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