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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-21 · Heft 2986 (21.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2986 (21.6.1927)
Date
1927-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Äcken.'DUnNatf Gkener Morge«zett,ms Nr. 2WN S1. Juni 1SS7 Der Motor oes Krieges. —y, Wien, 21. Zuni. In Prag, in München, in Nom, in New Dork und wohl auch in anderen Zentren d-er Industrie wird zu neuen Weltflüaen gerüstet. Die Erfolge Lind'berghs und EhamberllnS eröffnen eine neue Aera in der Enttvicklnng der Woltibcziehnngen, und ihre Taten wirken befruchtend auf den Wetteifer der Techniker, die Leistungsfähigkeit der Motor-en zu steigern. Vielleicht führt dies Bestreben in. einer entfernteren Zukunft auch zu einer Aenderung der politischen Psychologie. Einstweilen freilich. knüpfen sich alle Hoffnungen nur an die Einzelpersonen, die sich mit ihrer physischen Existenz für die Ucbenvindung der räumlichen Entfernungen einsctzen. Sie sind voll des Optimismus. Die schönen Worte, die der italienische Weitflieger Llberft de Pinrdo in Rom gesprochen hat, daß die Aviatik aus einer furchtbaren Kriegswasfe zu einem mächtigen FriedenSinftrument werden solle, ehren den M-ann. Er und seine Bcrufsgenossen und mit ihnen die überwältigend große Mehrheit der Menschen wünschen aus tiefstem Hergen dasselbe. Sie müssen jedoch merken, daß auch in all diesen Feiern, die einander jetzt so rasch folgen, der Untertan des Nationalismus hövbar wird, ein Widerspruch gegen das Ereignis und eine Umkehrung seines Sinnes. Wenn in Frankreich das Schicksal Nungessers und Colis beklagt wird, so ist das gcwisi menschlich schön. Mer diese Klage mengt sich mit dem Bedauern, daß ein Nichtfranzose den Flug vollbracht hat, ein Bedauern, das zu deutlich akzentuiert wird. Auf der gleichen Linie der Mißgunst steht das Verhalten gewisser deutscher Kreise gegen den Juden Le>vine. Das sind Erscheinungen, die aus der Haßatmofphäre der nationalistisch durchsetzten Politik stammen und die, mögen sie auch noch sehr in der Freude der Massen verschwinden, weitaus bestimmender sind für die nächste Zukunft als alle Siege der "lkerbefreienden Technik. Diese Symptome der sortwi. ..nden Ueberwertigkeits- und Machttendenzen sind nicht kulturfördernde Mer sie stimmen zu den sonstigen Vorgängen in der politischen Welt, hie den Zustand des gegenseitigen Mißtrauens bis zur offenen Verbitterung steigern. Während die Männer dieser neuen Tat eine neue 'Zeit einleiten wollen und von Ufer zu Ufer fliegen, sind ihre Heimatsländer vom militärischen Expansionsdrang beherrscht. Die Regierungschefs und die amtlichen Repräsentanlien der Völker begrüßen die Hochtat uitd neigen sich vor dem Idealismus. Wer das sind doch nur schöne Besten und im Inneren denken alle diese Offiziellen doch ganz anders. Imperialistisch ist Amerika, untreu seiner aus Freiheitsstreben entstandenen Geschichte. Amerika, das dm Meistpom-St. Louis" und die „Columbia" hat abfliegen sehen,-setzt mrh^ Ehre darein, die stärkste Flug- und Seer-üstung und die b-Hbewaffnete Armee zu besitzen. Eng-, land, das Herrn Lindbergh so begeistert ausgenommen hat, führt ein Fremdengesetz durch, das den Ausländer unter die Kontrolle der, Polizei stellt, und in Frankreich, in Italien, in Rußland und wohl auch in Deutschland rechnen die Ingenieure im amtlichen Austrag aus, welche kprengftofflast' \o ein Flugzeug wohl an Bord führen sonne. Das ist keine Erscheinung, von heute. Die Dampfschiffe- und -die Elektrizität wurden, als sie aus -dem ßindesalter traten, von der Politik mißbraucht und zum Nord degradiert. Das will auch . das Schicksal: der lleroplane werden und sie haben sich ja auch im Weltkrieg so furchtbar bewährt. Die Erfahrungen, .die die Menschheit mit ihnen nachte, müßten doch zu einem generellen Verbot zunmdest bischer schrecklichsten Waffe führen. Wer alle llüstungstheoretcker, denen man M« Beratung der Mmstung übertragen hat, sind aus tausend und -einem ßrund dagegen. Sie sagen viel, um zu beweisen. Mer es. »leibt beim Nein, weil der Friedenswille fehlt. Me M- '.üstung der Geister, ihre Befreiung von der natiokaliftischen Phrase, kann nicht kommen. Sie wird nicht jewünscht, weil die Hetze ein gutes Geschäft ist, weil die Hetzer ihren Beruf und Lebenszweck verlören, wenn wirkich Frieden würde. Sie sind die Stärkeren, weil ihnen üe. urteilslose Menge nachläuft .und weil die Erinnerungen an die Leidenszeit verblassen. Die Schreier »es Chauvinismus drücken auf die Politik, sie tragen die ilnsteckung immer tiefer in die Volker. Für Verstöße gegen nternationale LieserungÄontraikte, für Warenverträge lat man Schiedsgerichte geschaffen. Aber die Sünden am öeist bleiben ung-eahndet, weil die Täter gar mächtige bekenner und Verfechter der Kriegssitte und des Krieasinnes sind und weil sie immer den militärischen Ruhm lls das hÄchste Gut preisen. Vs gibt keinen Gerichtshof »egen den Chauvinismus und so wird auch her Moto/ mm Wevkyeug gegen die Verständigung der VüKer. Es lnd viele d" mn interessiert, di« Wchltat zur Plage zu «rachen. Ave neue anttzenttaliftksche Port,« w moatten. . Belgrad, 20. Juni. Gestern hat sich in Agrgm mm reue Parteigruppe konsiitutiert, die sich „kroatischer 59tod?" rennt. Sie umfaU die kroatischen Föderalisten, die kro- Bschk Rechtspartei und den kroatisch-rrpnbliiamrschen Verband. Ihre Tendenz ist antizentra-' 'istisch. Der „kroatische Block".' tvird voraussichtlich die Hhere kritische separrcksiische Politik Stephan Nchdic M- Stephan Raditsch über I»i>«",frage und Zionismus. Sin Sesvröch mit dem kroaltkcheu »aaernssthrer. tliiiffor f. a.-KarreIPoN'dctU in Zagreb hatte Ccl-gc-niheiü, mit dem kroatischen Bauornfü-Hrer U’ivb ehemaUgen BMungsminister Stefan R a» öftfrf) ein Gefpräch über die Indens rage «owie über wichtige Politische Probleme zu führen. Im Nachstehenden sind seine Aenßerumgcnr wiedergegeben. Raditsch stellte zunächst fest, daß er niemals Antisemit war ruid insbesondere die Judenverfolgungen als kulturwidrig ablohne. „Wenn ich in bestimmten Fällen ofcwUtfrfl eingestellt bin, muß man dies aus der Haltung begreifen, die ich im Sinne meiner Ansichten und meiner Politik -gegenüber den Intellektuellen ernnehme. auch gegenüber den Intellektuellen meines eigenen kroatischen Volkes. Wir lasten es nur in den Städten zu, daß Intelligenzler. Vorsitzende und Führer unserer Parteiorganisationen sind. Aus den Dörfern sind diese leitende»! Stellen ausschließlich den Bauern Vorbehalten, denn unsere Tendenz geht ja dahin, einen Bauernstaat aufzubauen." Den Zioni s m u s, welchen Raditsch seit dom Auftr-eten Herzls mit größtem Interesse verfolgt, hält er für eine der herrlichsten menschlichen Bewegungen. Was Tolstoi tat, als er sich aufs Dorf zurückzog und dort als Bauer lebte, war mehr eine persönliche Sache, ein Beispiel; daß aber ein Volk, welches viele Jahrhunderte von der physischen Arbeit losgelöst war, die moralische Kraft aufbringt, die engste Verbindung mit der Natur wieder herzustellen, ist ein großes herrliches Ereignis, daS nicht nur die Inden allein angvht. Ich glaube, die Ue-berzeugung wird durchdringen» daß nur der Zionismus die Juden frage lösen kann. . Raditsch kam dann auf' Sowjetrußland zu sprechen. Nur Unwistendc könnten behaupten, daß der Kom- . nnmismus eine „jüdische Erfindung" sei und daß die Ju- : den jetzt in Rußland regieren. Gr habe sich längere Zeit in 'Rußland ausgehalten und Wiste, daß die Juden in Rußland die Führung nicht innehaben und insbesondere auf die äußere Politik Rußlands und des Bolschewismus keinen entscheidenden Einfluß üben. In der Diplomatie find sie jetzt überhaupt nicht vertreten. Daß die Juden zu Beginn der kormmmistrschen Aera starken Einfluß hatten, ist leicht erklärlich. Sie haben in der zaristischen Zeit aU Juden, und Revolutionäre heroisch' gelitten und sich durch ihre Opfer das Vertrauen des arbeitenden Volkes erworben. Dadurch kam es, daß sie im Beginn der kommunistischen Revolution in der Führung stark vertreten waren. Jetzt ist dies nicht mehr der Fall, und auch das ist zu verstehen, denn die Sache, für die sich die jüdischen Revolutionäre Rußlands einsetzen, war im Grunde genommen nicht ihre eigene Sache. In Rußland gibt es nach meiner Auffaffung jetzt keinen K o m m u n i s. m u s, es herrscht dort viel mehr der Etatismus. Man muh mit den VerhHltnisten in Rußland nicht einverstanden sein und karm doch viele Errungenschaften anerkennen. So z. B. die Tatsache» daß die Regierung für hunderttausende Rubel Pflüge kaust, Elektrizitätswerke errichtet ustv. Daß es heute in Rußland gn extern Despotismus gekommen ist, der sich dein einstigen Zarismus nähert, liegt in den historischen Gesetzen, nach denen sich die Dinge in Rußland entwickeln. Für diese Erscheinung einen Prügelknaben zu suchen und zu sagen: Die Juden sind schuld, halte ich für eine unverantwortliche Beschränktheit, für eine Dummheit, für lvelchc sich keine Entschuldigung finden läßt. Unser Korrespondent kam sodann auf die Außenpolitik Jugoslawiens zu sprechen, sotvie auf die politischen Weltproblome. Raditsch vertrat die Ansicht, Jugoslawien müste bald Beziehungen zu Rußland anknüpfen. Eine korrekte Nachbarschaft mit Italien sei npr mögliche wenn Italien davon abkomme, die nämliche Politik am Balkan zu führen, welche leider das Me Oesterreich befolgte. Keine Konversation mit Italien, solange es am Balkan ist! Und Italien i st am Balkan, denn der Tinnmpakt bedeutet kein italienisches Protektorat Mer Albanien, sondern daß Albanien italienisch werden soll. Es ist unsere Schwäche, daß unsere Politik nicht das .einwandfreie Bild der Einigkeit aller SUdflawcn gibt. Cs gab ja Momente, m denen es schien, daß es zu einem Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten komrnen könnte, das hat sich freilich geändert. Heute besteht die kroatisch-serbische Frage nicht mehr als eine internationale, ja nicht einmal als eine innenpolitische jugoslawische Frage, sondern lediglich als soziale Frage, ob nämlich einige städtische Familien auch weiterhin alle Macht in den Händen behalten werden, oder ihre Machtfülle a n d i e Bauern abg-eben, die mit den anderen Ständen de» Volkes sozial und kulturell verbunden find. Wenn wir den Bauer zum Träger des Staates machen wollen, streben wir aber nicht etwa den Klasteustmat an. Der Bauer ist k e i n e K l a s s e, er ist die Nation. Was die Frage der nationalen Minoritäten anlangt, präzisiert Raditsch seine Stellung dahin: Man muß ihnen alles geben, was wir verlangen würden, wenn wir an ihrer Stelle tvären. Als die wichtigste Sicherung gegen neue Kriege und .gegen die Behinderung der Durchführung internationaler politis ber Ataßnahmen zu diesem Zwecke erachtet Raditsch den Völkerbund, in welchem heute fast alle Staaten vertreten sind, Amerika und Rußland freilich jetzt nur als Kiebitze. Deutschland und Frankreich haben noch eine historische Mission zu erfüllen: Deutschland hat Rußland, Frankreich hat Amerika in den Völkerbund zu bringen. Zum Schlüsse der Unterredung sprach noch Ra-diffch über das Wesen der Demokratie urtd das Problem der F r a u e n f r ä g e. Gr sagte: „Ohne Gleichberechtigung der Fr au gibt es keine Demokratie, die Frau muß nicht nur geliebt, sondern auch gehört werden." Ae Wahlkampagne in RamSnle». Bukarest, 30. Juni. Die Berhandlungssn zwischen der nationalen Bauernpartei und pen Liberalen sind heute in später Abendstmide ergebnislos abgebrochen worden. Morgen mittags läuft die Frist ab, bis zu der Pas Wahlübereinkommen über die Mufsielbmg der gemeinsamen Wahllisten hätte unterzeichnet werden sollen, da in weiteren 24 Stunden auch die gesetzliche Frist zur Einreichung der Kandidatenliste abläuft. Der Führer der Bauiernpartei Maniu teilte Pratjanu mit, daß er die Forderung der Liberalen nach gemeinsamen Listen nicht anmhmen könne. Aus den Kreisen der nationalen Bauernpartei verlautet, daß sich diese Partei von'den Wahlen vollkommen fernhaltieu und mit den anderen Oppositionsparteien einen Block der Passivität bilden werde, so daß die liberale Parhei die Wahlen obue Gegenkandidaten durchführen wird. MSHre« «nd Schleyen- Prag, 20, Juni. Zum Protest gegen die geplante Berernigung Schlesiens mit Mähren fand gestern m ganz Schlesien ein Proteststreik statt» an dem sich sämtliche Betriebe, Geschästs-, Gast? und Kaffeehäuser beteiligten. In der Hauptstadt Troppau selbst fand eine Pro« testversammkung statt, dir von mehr als 10.000 Perstnen besucht war. Auch die tschechischen Sozialdemokraten und dre tschechischen Nationalsozialisten nahmen daran tni. An die Regierung wurde die Aufforderung gerichtet, von ll^ren dreSveKüglichen Msichten Abstand zu nehmen. Re zionistische PalSftiuabuvget-Kommiffion. I a r u s ü 1 e «v 20. Juni. Wie der Paretz" bertchtö, soll Herr K a st e l i a n s k y, das Mitglich der vom AÄonskomitee der Zionistischen Organijattou «ing<'I>etzten ReorganifationAkoin'missiou, seine Arbeit, bereits aufg'Snomm-en haben. Dagegen sollen die Heppen Schocken, D r. F e t w e l und Sacher ihre Deiln-ahme an 'dieser Kommisiion ab ge loh nt haben. Die Antwort der beiden weiteren Mitglieder aus Ameri'ka, Ne u m a -n n und R o s en s o h n, sei noch nicht bekannt. Ae U«iversttstt. Gestern vormittags lmlrden die Vorlesungen an der Universität im vollen Umfang wieder ausgenommen. Es ereignete sich k e i n Z w i s ch e n f a l l. Der Legitimationszwang blieb aufrecht. Meeting der Wotiotnfe der MderstMn in Polen.!Aus Warschau wird uns borichiet: Das Bilduilgsministo rium strebt schon seit langem eine Lockerung der Autonomie dev polnischen Hochschulen in dem Sinne an, .daß die Hochschulen in höherem Maße als bisher vom 'Bildungs- Ministerium abhängig iverden sollen. In dieser Angelegenheit fand vor einigen Tagerr im UnterrichtsministeriUlN eilte Konferenz mit den Rektoren der Hochschuleir statt, die jedoch noch zu keinem endgültigen Ergebnis geführt hat. Die Frage ist für die Juden besonders aus bent 'Grunde wichtig, weil in ihr die Stellung der Regierung Mm Numerus etausils au den Univerfftäie'- *»-' ,r'"“ gelangen soll. Das österreichische Generalkonsulat in PMftina Diu amtliche Beritlmtb«,runig. Die Bundesregierung hat in Jerusalsm ein Verufskonfulat mit Amtswir'kfamkeit in gang Palästina errichtet, mit dessen Leitung der Generalkonsul 2. Kl. Wattar Haas betraut wurde. Die Adresse dieses Amtes lautest jfetiijnlo?» ^-es^Sahri), P. O m '

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