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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-19 · Heft 2984 (19.6.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2984 (19.6.1927)
Date
1927-06-19
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wien, Sonntag wiener Morgenzeitung 19. Juni 1927 Nr. 29S4 Aus der „Jlatht auf dem aiten JttarfdT Miifmendtefktung von X £. &erez — Deutsche. JZa€ftdicfktun& von Mu&o Xu€^ewmann Aus dem Friedhof zu Eger wird heute das Grabmal für den im Ivclthiqi gefallenen jndi'chen Dichter Hugo Zucker ma nn enthüll!. Das Andenken des teuren Toten zu ehren, veröffentlichen wir den ersten Mt seiner Nachdichtung von I. L. Perez' Drama „Die Nacht auf dem alten Markt". Perez selbst hat diese Nachschöpsung seines Werkes in deut-schcr Sprache als liewundernÄvert bezeichnet. Das Buch ist im Verlage R. Löwit, Wien, erschienen. Der Nachdruck wurde uns gestattet. (Der Markt ist leer, es dunkelt.) Der Wanderer (geht müde von links nach rechts über die Bühne). Derselbe Himmel, dieselben Sterne, Dieselbe Erd' — Und mein Ohr hört Und wird nicht müde, und gerne Sehen's die Augen und werden nicht satt, für ich bin so matt. (Lehnt sich an die Schnlmauer.) )ier, im Schatten verborgen, Ruh ich bis morgen, Und die Sehnsucht, die in mir nagt, Mag bis zum Tag Spinnen und weben Träume vom anderen Leben, Jenseits vom Leben. (Stützt den Kopf in die Hand, schläft ein.) Zw isch e n a-kt. Nebelseuchter Spätherbstabend, die Lichter der Laternen auf dem Markte flackern, von einem bunten Dunstkreis umhüllt. Tie Tür und das Schild der Schankstube sind hell erleuchtet, das rote Kreuzlicht an der Barbierstube glitzert auf dem Messingbecken, Turni und Kreuz blinken geisterhaft und werfen einen zitternden Schatten über den Markt. Die Häuser schauen wie mit entzündeten Augen aus dem Dunkel; die Fabrik mit den länglichen Fenstern wie müde, die Schule mit beit ausgeschlagenen Scheiben wie erschreckt und das Zinrmer im zweiten Stocke des neuen Hauses über dem Balkon wie aufgeregt. Von der Schul her zieht über den Markt ein Nebel, der immer dichter wird und sich langsam heräbsenkt, er verhüllt erst den Hahn, dann das Schuldach, saugt die Schatten auf, verdeckt die Kirche und erfüllt zum Schluß den ganzen Markt. Vom zweiten Stock des neuen Hauses über dem Ballon hört man eine lärmende Versammlung, oft bricht Geschrei aus und Köpfe hitzig Debattierender erscheinen am Fenster. Aus der Schänke dringen heisere Stimmen, manchmal Gesänge. In den Gassen schließen einzelne verspätete Krämer eilig die Läden. Hie nnd da fällt eine Tür wuchtig ins Schloß, klirrt ein Riegel, knarrt ein Schlüssel. Auf den Galerien erwarten Weiber die Krämer, sie beugen sich über das Geländer, um auf den Markt zu schauen. Vor der Schänke geht geschminkt und aufgeputzt ein Nachtmädel auf Und ab. Auf der Hausschwelle sitzt mit einer großen Brille die Sockenstrickerin, sie hält von Zeit zu Zeit die Arbeit gegen das Laternenlicht. In der Tür der Hausruine hockt im Schatten der Narr, er steckt manchmal den Kopf heraus, als warte er auf irgend wen. Er und Sie, ein Liebespaar, spazieren Arm in Arm. Mitten am Markte neben dem Götzen spielen kleine Mädchen Ringelreih'. Gesang und Spiel stocken häufig und drohen einzuschlafen. Er und Sie spazieren am Reigen vorbei. S ie. (in ihre Wünsche verträumt). Möbel — weiß — rote Tapeten — E r (zärtlich). Mir ist Befehl, was du erbeten. Mä d chen im Reigen (werden auf das Paar aufmerksam, drehen sich noch langsamer, der Gesang verliert sich in leises Summen; sie wenden die Köpfe nach den Liebenden). Ruhig, Kinder! Kinder, still! Sie. — und die Ampel, die ich will - Aus Triest! Er (prahlerisch). Sie. Blumen kauf' für unser Nest — Sind sie nicht teuer? Nachtwächter, fieute, hfttzkt euch oot Feuert OSr schtt-ppt sich ntiax übet dc:r Markt, schtvankt, gähnt und, iu «u*» Seitengasse.) Zwei Mädchen, eines mit einem Brief in der Hand, kommen aus dem Schulgäßchen, wo eine Laterne nach der andern erlischt, ünd gehen auf die Laterne am Markte zu. Bald hinter ihnen kommt der Laternenauslöscher, eine unfreundliche, wortkarge Figur, und beginnt auch am Markte die Lichter abzudrehen. Der stiarr verfolgt ihn mit dem Blicke, lächelt boshaft und zieht dann den Kopf wieder ein. M ä d che n im Reigen (weisen traurig auf den Laternenauslöscher). Stiller, stiller, Schnvesterlein!, Seht, wer kommt von ferne? Tipp, tapp, stampft er her Wie ein Bär. Klapp — er bläst in die Laterne, ij Hingestorben ist ihr Schein. i Erstes Mädchen. Was schreibt er? — Lies lauter! Zweit es Mädchen. Treu bleibt er! Mir vertraut er! Seines Herzens tiefstes Sehnen, Schau! — Naß von Tränen (Liest.) Blickt wie zum seligsten Sterne Mir in die Blauäuge'lein- Kinder im Reigen. Klapp! er bläst in die Laterne, Hingestorben ist ihr Schein. (Die Mädchen erschrecken und ziehen sich verschämt in die Schulgasse zurück. Am Markt warten die Krämer aufeinander.) Schulbuben (mit Papierlampen, laufen aus der Schulgasse und stellen sich vor dem Götzen auf). Erster. Mann oder Weib? Zweiter. Beides an einem Leib Zusammen. Erst e^r. Sünde! Zweiter. Blinde, Unsichtbare Flammen Lodern darin. Erster. Das tratschen die Ammen!. E i n Mädchen Uns bange zu machen. Zweiter. Er erwacht Bei Nacht Und lacht! Wasser sprüht aus dem Rachen, Um &e Augen ein Flammen rab Dritter. Und wer ihm naht, Kann nimmer entrinnen Und kommt von Sinnen. Mädchen (erschreckt). lOh! Ofj! OH! Ah! Erster Kn-abe. Nacht für Nacht hier am Platze. Erster Krämer. Hab' vertäust altes Eisen. ZweiterKrämcr Auf Borg? E r st e r. Jst's deine Sorg'? Dritter. Bei diesen Preisen Verdient man kaum einen Groschen drüber! Zwe i te r (auf das Nachtmädel deutend). Die war' mir lieber. E i n W e i b (beugt sich über die Galerie). , Elias! Sockenst r i ckerin. (nickt mit dem Kopfe). Wann kommt ihr Messias? O b st h ä n d l e r i n (schleppt einen großen Korb Wer den Platz; wie sie am Nachtmädel vorübergeht, schnuppert sie mit der Nase). Riecht wie ein Kräuterladen. «Eier handlerin (geht hinter ihr; zuckt die Achsel). Wie ein Teufelsbraten! Socken st rickerin. Hol' sie der Satan! M ä d ch e n i m Re i gen kreischen auf). Besoffener Nathan! Besoffener Nathan! (Aus der Schänke dröhnt ein Lied.) Singt, Brüder! Trinkt, Brüder! Schwingt die Gläser und stellt sie nicht nieder! Trinkt! Wenn auch die Me hetzt! Wann denn? Wenn nicht jetzt! Nathan (taumelt aus der Schanktür, singt das Lied weiter — sehr traurig). Der Tod kommt doch zuletzt. (Fällt nieder — bleibt liegen brummt dus Lied unverständlich werter). D i e M ä d ch e n (lösen den Neigen aus' Kühl — Müd' vom Spiel. — 'Genug für heut', Es ist Schlafenszeit! DerNarr (stürmt aus der Hausruine, fuchtelt mit einem röten SacktuA 'J. gegen die Kinder). Stille^ da,' Daß mir's keiner verschwatze! (Die Kinder stieben auseinander.) Ei' u W e i b a u f der Gale r i Lebst du auch noch, alter Geselle? , Dachte, du bratest längst in der Holle! Sockenstrickeri n. Hab' ihn von besseren Zeiten gekannt! Da dürft;er aus keiner Hochzeit fehlen! Zweites We i b. Ein Possenreißer! Ein lustiger Fant! Hei! Konnte der Geschichten erzählen! Drittes Weib. Ein Tausendsassa in jeglicher Kunst! Ein Krame>r. Jetzt kein Dunst — Wie fortgeblasen! S o ck e n sti: i ck^Lckn (leise). Er kam ins Rasen (Noch geheimnisvoller.) -Seit jener Nacht, Wo der (auf den Götzen deutend) die Mustkanten gefangen! Vom Ball kamen sie gegangen, Mit Schlachzizen beisammengejsessen, Ungesegnetes Brot gegessen! VeÄotenen Wein! Man denke! Wie in der Schenke Betrunken! Lockere Jungen! In den Brunnen gejiprungen, Wersunken! Mit Fiedel und Boger. Er hat sie gezogen, Wie mit Zangen. Teuflische Macht! . Nur er (auf den Narren weisend) weiß, wie's geschehen» Er ist vorbei gegangen, Hat's selber gesehen Und hat aufgelacht — Napr (mit gellendem Lachen) Gute Nacht! Gute Nacht! Männer und Weiber (wie beschwörend). Gute Nacht! Gute Nacht! Gute Nacht! (Alle gehen ab, nur der Narr bleibt, die Lichter i« den Häusern erlöschen, der Narr geht umher, fuchtelt wir dem ro-eu Sacktuch gegen die erleuchteten Fenster, ftw ßch dunkeln, er bleibt unter dem Balkon stehen. I»««» Leute, zur Bersamnllung eilend, gehen, erregt dvbattie««tz, «i chm vorbei inL mme LgrrL.) i '■

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