Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2983 (18.6.1927)
- Date
- 1927-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2W3 i\)5 Tv1«y Wiener MorgenzeiLmtg 16. Juni 1887 Seite 3 Die Frauen der Szeanflieger in Europa angekommen. fiubelnder Kmpsang in Vreme« — War die Frauen erzShlen. Gerlin, 17. Juni. Der Lloyddampfer „Berlin" ist genau um Mitternacht mit den Gattinnen der Ogeanflieger C h a in b e r l i n und L e v i n e an Bord in Bremerhaven eingslaufen. Das Schiff hatte Flaggmgala angelegt und wurde von allen im Hafen liegenden Schiffen, die ihre Scheinwerfer auf den Dampfer richteten, mit ohrenbetäubendem Sirenengeheul begrüßt. Die Flieger waren gestern abends über Hannover im Flugzeug in Bremen emgetroffen, wo sie vom Senat und dem Präsidenten des Norddeutschen Lloyds empfangen wurden. Auf ihrer Fahrt durcv die Stadt wurden sie von der B^ölkecung mit tosenden Hochrufen begrüßt. In hinein Sonderzug wurden sie sodann nach Bremerhaven gebracht, lvo sie jofort 'ich auf die „Berlin" begaben. Tr.'tz der spät-/ '. Stunde wurde auf dem Dampfer ein Bankett veranstaltet, bei dem sich die Flieger für den festlichen Empfang herzlichst bedankten. Heute früh ivurden die Flieger und ihre Damen als erste.Passagiere ausgebootet. Eine nach Tausenden zählende Menschenmenge hatte sich am Landungssteg eingefunden und das Gedränge war trotz den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen so groß, daß einige Pe rso n e n ins Wasser fielen. Er bedurfte großer Anstrengungen, um die Landung der Flieger und ihrer Gemahlinnen zu ermöglichen. Ehamberlin und Levine tragen noch immer ihre bereits historisch gewordenen Kleider: Chamberlin seine Knickerbockers und Lederjoppe, Levine seinen dunkelgestreisten grünen Anzug, in dem er seinen Ozeanflug absolviert hat. Ihre Gattinnen sind hübsche junge Frauen, die sich in ihre neue Rolle als Heldinnen des Tages rasch und sicher hineingefunden haben. Am Landungssteg fand für die Zahlreichen Photographen und Filmoperateure eine B e g r ü ß u n g s s z e n e statt, die,»da die Filmoperateure anfangs nicht gute Sicht hatten, auf ihren Wunsch zweimal wiederholt werden mußte. Auf Befragen der Journalisten äußerte sich insbesondere Frau L e v i n e, daß sie dem Verdammungsurteil der amerikanischen Frauenvereine, die Mr. Levine wegen seines unangekündigten Ozeanfluges Rücksichtslosigkeit gegenüber seiner Gattin vorgewovfen haben, natürlich nicht zustimme. Merdings, fügte sie hinzu, hätte sie den Ozeanflug ihres Mannes, wenn dieser sie vovher darum befragt hätte, nicht gestattet. Zu weiteren Erklärungen blieb den Frauen der berühmten Männer keine Zeit, da die Menge plötzlich die Msperrungskette durchbrochen hatte und sicb um Autogramme an die beiden Frauen wandte. Auch diesem Ansturm zeigten sich die Frauen schon gewachsen, da sie auf dem Schiffe allen Mitfahrenden, vorn Kapitän bis zum letzten Schiffsjungen, schon ihre Untevschriften hatten geben müssen. In einem Sonderflugzeug der deutschen Lustharrsa sind Chamberlin und Levine mit ihren Frauen zunächst nachHamburg uird vor: dort nach mehrstündigem Aufenthalt nach Magdeburg weitergeflogen, von wo sie sich abends yach 'Berlin begeben haben. Wie nunmehr feststeht. werden die Flieger in ihrem eigenen Flugzeug am Sonntag über München nach Wien fliegen, Ivahrend ihre Gattinnen in einem anderen Flugzeug ihren Männern folgen werden. Set SliegertelRd) In Wien. Die amerikanischen Flieger Chamberlin und Lev t n e werden nach den nunmehr getroffenen Dispositionen am Sonntag u m 5 Uhrnachmittagsauf dem Flugfelde in Aspern eintreffen, nachdem sie zur Begrüßung der Wiener Bevölkerung einen Rundflug über der Stadt absolviert haben. Für den Besuch des Flugfeldes gelten die bereits Mr den 12. Juni festgesetzten Verkehrs¬ und sicherheitspolizeilichen Anordnungen. Demnach darf die Au fst ellung des Publikums lediglich aus der gegen Aspern zu gelegenen Westfront des Flugfeldes erfolgen. Für die Zufährt, bezw. den Zugang zum Flugfeld sind nur die R eichsbrücke und sodann die Wagramerstratze, Erzherzog-Karl-Straße und Groß- Enzersdorfer- Straße bis zur Reitergasse in Aspern zu benützen. Dort müssen die Insassen der Fuhrwerke ihre Wagen verlaffen und den Weg zum Flugfelde zu Fuß fortsetzen. Mit Rüchsicht auf die schwierigen Verkehrsoerhältnifse ist damit zu rechnen, daß dl" S t r a tz e n b a h n z ü g e in Aspern nur bis zum Siegesplatz fahren, die'Straßenbahnpassagiere daher den weiteren Weg zum Flugfelde zu Fuß werden zurücklegen müssen. Bor Mitnehmen von Kindern untervierzehn Jahren auf das Flugfeld wird gewarnt. Auch an Radfahrer und Motorradfahrer ergeht wegen des zu erwartenden starken Verkehres von Autos ur.d Fußgäng-'.'l d'c Warnung, ihre Räder, die aus sicherheitspolizeilichen Gründen unter keiner Bedingung in den für Zuschauer bestimmten Raum auf dem Flugfeld mitgenommen werden dürfen, zur Fahrt nach dem Flugfelde zu benützen. Vom Ost bahn Hof werden ab 13 Uhr Sonderzüge zum Flugfeld in Abständen von 10 Minuten abgelassen. 8iu deutscher Szeanflug. Berliy, 17. Juni. Nach den Erfolgen der amerikanischen Flieger will nun auch ein deutscher Pilot den Ozeon übergueren. Das „Berliner Tageblatt" meldet, daß einer der bekanntesten Piloten der deutschen Lufthansa, Könne ck e, inr nächsten Monat mit einem dreimotvrigen Flugzeug von Berlin aus den Flug nach Newyork und darüber hinaus nach kurzer Landung nach San Franzi s c v unternehmen wolle. Das Flugzeug, ein Ganzmetall-Eindecker, werde vier Mann an Bord haben, nämlich den Piloten, einen Funker und ztvei Brüder als Passagiere, die das Unternehmen finanzieren. Könnecke will zunächst in Newyork eine Ladung Post, die er in Deutschland an Bord nehmen würde, abliefern und sodann den Weiterflug über den amerikanischen Kontinent antreten. Ter Apparat, ein deutsches Fabrikat, wird 600 PS. aufweisen und B e t r i eb s sto ff fü r 70! Plein-Jfammöamanxtiü i nattk JKafi * 150.— HerrenklelderhansHeinrichWeinherger I., Singerstraße 6. Stun den sowie eine Radio-Sende- und Empfangsstation mit sich führen. Die Geschwindigkeit des Flugzeuges wird 230 Kilometer in der Stunde betragen. Könnecke will die südliche Route über die Azoren wählen. Der Flug soll in der Zeit vom 16. bis 26. Juli stattfiwden. Llndbergh hat die 23.000 Dollar erhalten. Ne w York, 17. Juni. Oberst Lindb ergh hat den Mr den ersten ununterbrochenen Flug von New Nock nach Paris ausgvsetzten Preis von 26.000 Dollar in baren erhalten. Die Begeistemng Mr ihn hält an. „Vom Leben getötet." Berlin, 17. Juni. Nachdem der Staatsanwalt in einer zweistündigen Rede alle Gründe angeführt hatte, um zu beweisen, daß die Angeklagte Kolomak sich der' schweren und der einfachen Kuppelei, begangen an ihrer eigenen Tochter und der Äeugin G. W., schuldig gemacht habe, beantragte er eine Zuchthausstrafe von einem Jahr und drei Monaten und Werkennung der bürger lichen Ehrenrechte für die Dauer von drei Jahren. Mildernde Umstände seien ihr nicht zuzubilligen. Spät abends wurde das Urteil verkündet. Frau Kolomcck wlwde wegen Kuppelei zu acht Monaten Gefängnis und zur Tragungder Kosten verurteilt. Di Untersuchungshaft wird in die Strafe eingerechnet. . Komet und Sonnenfinsternis. Der seit 30. Mar im Zeiß-Refraktor der Uramastrrnwart" sichtbar« Komet Pons-Wrnnecke erreicht am '26. Juni, seine größte Erdnähe. — Die seltene Naturerscheinung der Sonnenfinsternis wird am 29. Juni von 5 Uhr früh an sowohl von der Dachterrasse wie auch am Achtzöllier der Uraniasternlvarte allgemein beobachtet werden können. (Höhepunkt der Finsternis u,inl 6 /Uhr 12 Minuten 12 Sekunden.) Am Vorabend der Sonnenfinsternis, Dienstag, 28. Juni, halb. 8 Uhr abends, hält der Leiter der Uraniasternwarte Dr. Rob. Kluma? einen alige mein orientierenden Bortrag über diese interessante Natur erscheinung. - Sine versinkende Londoner Straße. . Aus London wird gemeldet: Die belebte Straße Kingfieldroad im Vorort Wat ford ist in Gefahr, gänzlich von der Erdoberfläche zu verschwinden. Die Katastrophe begann damit, daß eines Tages der Garten eines Hauses plötzlich von der Erdoberfläche verschwand und sich an seiner Stelle ein breiter Krater zeigte. Dieser wird seither immer größer und zieht Mauern, Gärten und Bäume hinab. Die Tiefe des Kraters ist bisher nicht festzustellen gewesen, da ein hinabgelassenes, nahezu 60 Meter langes Kabel keinen Boden fand. Man nimmt an, daß es sich um eine unterirdische Kalkgrotte handelt, von deren Existenz man bisher keine Ahnung hatte. Gas- und elektrische Leitungen sind abgerissen worden. Bisher sind mindestens 8000 Tonnen Boden, die Steinmauern, Bäum« und eisernen Gitter nicht gerechnet, spurlos versunken. Bi« le Häuser, die bereits vordem Abgrund stehen, mußten!gestern geräumt werden. War khristoph Kolumbus ein Jude? Bon Marius Andre. In den nächsten Tagen erscheint in dem neu gegründeten Berlage Dr. Hans Evstein, Wien, m deutscher Uvbertragung das Buch des Südfranzosen Marius Andre, «Das wah*e Abenteuer des Columbus". Das Wert sucht unter Benützung zeitgenössischer Quellen die Bedeutung des großen Entdeckers zu verkleinern. Der temperamentvolle Verfasser — sein Buch hat in der französischen Originalausgabe großes Aufsoben hervorgerufen — ist nicht gerade ein Freiuw der Inden und daß er Bewerfe für die jüdische A b st a m m u n g des Christoph ColnmbuS erbringt, geschieht bestimmt nicht, mn den Ruhm des großen Entdeckers zu vermehren... Deshalb sind aber seine Ausführungen über die Herkunft des Columbus für uns nicht weniger interessant. Wir entnehnten den betreffenden Abschnitt den uns freundlich zur Verfügung gestellten Aushängebogen. „ES ist sätsam, daß man sich bei einem berühmten Döanne, idess-on Leben von einem Sohne und einem Freunde krach einer Unmenge von ihm zurückgelassener Dotunrrnt« und Notizen ausgezeichnet wurde, fragen muß: Wo ist er geboren? Und wann? Wer waren seine Eltern? Und was immer die Antwort sein mag, wird man Cimvänden begegnen müssen. -Columbus Hai niemandem sein Mt-er verraten, nicht einmal seinem.Sohne, oder, wenn der es gewußt haben sollte^ hat auch er Stillschweigen bewahrt. Man hat versucht. das Dalum seiner Geburt aus dem Vergleich von Dokurueuten z« errechnen, in denen er von den Jahren i'rlcht. da «' die Welt durchzog, und von der Zeit, die aim ‘i'Kuifle der Katholischen Könige verbrachte. Man mt hier nur Widersprüche gefunden. Immer wußte er ich »iner vorrlichmen Abstammung zu rühmen; er hat -ich ."»<* 9i.,!iri--r bezeichn l, aber ohne zu sagen, in welcher Stadt oder in welchem Ort der Republik Genua er das Licht der Welt erblickte. Ein einziges Mal, in seinem Testament, in dem er ein Majorat in seiner Familie festsetzt, schrieb er: „Ich bin in Genua .geboren", aber andere Sätze des gleichen Dokuments lassen darauf schließen, daß es sich hier nur um einen Akt der Vorsicht, sagen wir besser: Betrug, handelt, um die Ausführung seiner Wünsche zu sichern. Uebrigens nehmen die beiden Apologeten von dieser Behauptung keinerlei Notiz. Ferdinand Columbus zählt die Ortschaften der Republik auf, die sich um die Ehre streiten, die Geburtsstätte seines Vaters zu sein, nimmt für keine aber Partei und schließt daraus, daß >d«er Admiral seinen Ursprung in Dunkel hüllen wollte. Angesichts eines solchen geheimnisvollen Dunkels, oas offenbar gewollt und wohl überlegt war, wagt man sich die Frage zu stellen: Hatte der stolze Columbus nichts anderes zu verbergen, als nur seinen niedrigen Ursprung? Ist er nicht vielleicht in seiner Jugend ein Abenteurer im ärgsten Sinne dos Wortes gewesen? Man hat auch behauptet, daß Columbus in seinem Streben, Großadmiral in Kastilien zu werden, seine galizische Abstammung in einem Zeitpunkte verbergen wollte, da Galizien in Ausruhr war und eben die Kandidatur der B-eltraneja, der Rivalin Jsabellas unterstützte.Die Ansicht, daß Columbus in Pontevedra geboren oder der Sohn galiziischer Eltern sei, die nach Ligurie-n einwanderten, fft sehr nachdrücklich durch Argumente gestützt worden, die keineswegs außer acht zu lassen sind. Und warum hätte Columbus nicht Aragonese sein können, der Sohn getaufter Juden? Es wäre langwierig und auch nicht sehr interessant, diese und andere Hypothesen darzulegen und zu untersuchen. Wir wollen nur daraus Hinweisen, daß Columbus es vor allem der Unterstützung der großen aragonesischen Juden zu verdanken hatte, daß seine Pläne und maßlosen Forderungen angenommen wurden, wo doch Vernunft und gesunder Menschenverstand sedem sagen mußten, daü er scheitern mußte. Schließlich ergibt sich seine jüdische Abstammung cher aus seinem Temperament und seinem Charakter als aus den historischen Tatsachen, die uns bekannt sind. Selbst sein Name trug dazu bei, seinen Ursprung in Dunkel zu hüllen. Warum zeichnete er und nannte sich immer Colon? Zur leichteren Aussprache und um seinen italienischen Namen zu kastilianisieren, hat einer seiner ersten Biographen gesagt und die anderen haben diese Erklärung einfach übernommen. Jedoch ist Colombo für die Spanier ebenso leicht auszufprechen, wie Colon und die Endung ombo ebenso kastilianisch wie on. In seinem langen Testament von 1498, in dem sein Vater Domenieo, der damals noch lebte, gar nicht genannt ist, verlangt er, daß man im Falle des Aussterbens der direkten Linie der Colon in anderen Ländern nach Leuten suche, die seinen Namen tragen, seinen Namen Colon! Man hätte derer eine große Menge in Galizien, in Aragon und vielleicht in Portugal gefunden, aber keinen in der Republik Genua.' Trotzdem muß als Tatsache genommen werden, daß er Ligurier ist und aus Genua stammt. Es ist üben bequem zu glauben, daß die so genauen und ausfallend miteinander übereinstimmenden Urkunden, die in alten Notariats-Archiven zu Genua und Savona aufgefunden wurden, tatsächlich unseren Helden und seine Familie betreffen, und er im September oder Oktober 1451 in Genua als Sohn des Webers und Schenkwirts Donrenico Colombo und dessen ehelicher Frau Susanna Fontanarossa geboren wurde. Wir sagen dies ohne Ironie, hat doch ein großer Gelehrter gesagt, daß es beim gegenwärtigen Stande der astronomischen Kenntnisse zweckmäßig, ja nottvendig sei, an die Existenz des Aethers zu glauben, daß man aber annchmen dürfe, einmal des Aevhers entbehren zu können, wenn die Wissenschaft entsprechend fortgeschritten ist und er durch eine andere Theorie ersetzt werden kann, die besser und einleuchtender die mit ihm zusammenhängenden Phänomene zu klären vermag."