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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-17 · Heft 2982 (17.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2982 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SeSr? Men, FreNag Wiener Morgenzeitmrs 17. Jrmi 1E7 Nr. SWS Nagenu. osrmlvMvnüa nehme» mit bestem Lrkolze „BOLUCARBQN“, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc, sind in der Apotheke C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversand überallhin Der zerspringende Neid. —y, Wien, 17. Juni. Ter Wiener Flug der Herren CHamberlin und Lovine war am letzten Sonntag unl erblichen. Erst hieß cs, ein Maschin-endefekt trage die Schuld. Dann wurden Gerüchte politischen Charakters in Umlauf gesetzt. Schließlich ergab sich, daß der Apparat vom Berliner Landgericht beschlagnahmt worden war, da irgend eine Anzeige eingelaufen war, daß der Eigentümer des Flugzeuges, Herr L-ovine, einen» Arzt in Düsseldorf leinen Betrag von 11.060 Dollars schuldig sei: dieser Arzt lebt derzeit in Amerika und verwahrt sich antrüftet gegen die Nachricht, er hätte den Antrag auf Sicherstellung der Maschine gestellt. Er habe lediglich einen Neffen Levines telegraphisch um seine Intervention gebeten. Die Aufkläru-ng läßt den Vorfall noch unklarer erscheinen. Es scheint, daß das Gericht auf eine vage Erzählung Hin, vorgogangen ist. Man stelle sich nun vor, ob eine englische oder französische Behörde im gleichen Fall dasselbe tun würde. Herr Lovine steht im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Er hat mit Chambcrlin den Flug gewagt, und so wie dieser das Leben riskiert. Das Volk seiert beide als die Träger eines neuen Heldentums, als Repräsentanten der hohen Idee von der. Menschenverstand! gung. Die Sympathie der Massen äußert sich in einer üikerströmenlden Herzlichkeit und reißt die Männer der Regierungen mit, die gezwungen sind, einem einfachen Piloten und seinem Fabrikanten den höchsten Respekt zu erweisen, wobei noch der Unrstand hinzutritt, daß neben den beiden noch der amerikanische Gesandte steht. Levine ist ein Jude, Schn eines aus Wilna.im Verlause einer Pogromära nach Amerika gewanderten jüidifchen Kaufmannes. Das ist etwas, was unbedingt auf das deutsche Gemüt drückt. Als die beiden von Kottbus nach Berlin kamen, schrieb sich die Presse die Finger wund. In dem Augenblick, wo Levines Persönlichkeit genauer bekannt gegeben wurde, änderte sich das Bild und die deutsche Rechtspresse kühlte sich ab. Sic fand ein .Haar in ° der Suppe. Was kann sie mit Levine, dem lebendigen Dementi der jüdischen Feigheit und des jüdischen Materialismus anfangen? Mit diesen Blattern waren auch die Offiziellen verschnupft und man lauerte nur auf eine günstige Gelegenheit, dem Juden etwas anzutun. Da kommt eine Anzeige und das Berliner Landgericht schreitet forsch und stramni ein. Es beschlagnahimt den Apparat, knap bevor er zum Siegesslug nach München, Wien und Prag.aussteigen will. So, dem Juden hätte mans besorgt. Diese Geschichte mußte sich ereignen. Es hätte etwas gefehlt, wenn sie nicht eingetreten wäre. Der Judenhaß ist immer aus der Wacht und er deklariert sich so oft es notwendig erscheint. Er wirkt freilich bei solchen Gelegenheiten lächerlich, trifft aber nicht das vermeintliche Ziel, sondern nur das eigene Volk. Die Boshaftigkeit des antisemitischen Klüngels kann dem tapferen jüdischen Fahrer nichts von dem Ruhm rauben, den er sich selbst geholt hat. Mer sie versucht die alte Taktik der Nadelstiche. Die Wirkung dieses Treibens ist so, wie sie berechnet war, ausgeblieben, sie hat sich jedoch anders eingestellt. Die Presse außerhalb Deutschlands amüsiert sich über die Geschichte und macht ihre kräftigen Bemerkungen. Der Häkenikreuzgeist hat nur sich selbst demaskiert. Er hat bei der ganzen Affäre Pech gehabt. Die erste Ueberfliegung des Ozeans ist englischen Offizieren gelungen, die von Irland nach Neuschottland und zurückslogen, Lindbcrgh fuhr nach Paris, und *mit dem Amerikaner Chamberli-n kam der Jude Levine nach der Lutherstadt Eisleben. Das ist höchst fatal. Die Monokelleute zerspringen vor Neid. Sie wissen nicht, wie sehr sie mit ihrem Getue ihr eigenes Volk herabsetzen. Die tech-. nrsche Forschung ist in Deutschlan'd sehr hoch entwickelt, und sicherlich wäre das Wagnis des Ozoanfluges auch einem" deutschen Piloten gelungen. Der Hurrah- Patriotismus ist aber schwer gekränkt und es trifft ihn ins Herz, daß der Reichspräsident Hindenburg und der Reichskanzler Marx dem Juden Levine die Hand schütteln mußten, daß Hn der Oberbürgermeister von Kottbus umarmt und geküßt hat und daß ihn deutsche Jungfrauen mit Blumen überschütteten. Diese Wut manifestierte sich in der Groteske von der Beschlagnahme des Flugzeuges. Ist der Vorfall nicht wert des Weltgelächters, dem die Ha'kenkreuzpatrioten stets so viel Stoff liefern? Der wackere preußische Staatsanwalt, der dio Ordre ausfertigte, wäre zeitlebens eine unbckannte Figur geblieben. Auf den Spuren Ladinos gelangt er in die Weltgeschichte. Es gibt noch.Richter in Berlin, und man darf ihnen danstbar dafür sein, daß sie den antisemitischen Blödsinn von der Rasse so,hübsch ad absurgeführt haben. Praktische Ergebnisse der Welt Wirtschaftskonferenz. Belgien verwirklicht die Oenfet Entschließungen als Gesetz. Genf, 16. Juni. In der heutigen Sitzung des VRkevbundes erstattete Dr. Stresemann Bericht über die Arbeiten der Welttvirtschaftskonfercnz. Dabei unterzog er die Ergebnisse dieser Konferenz einer ausführlichen Betrachtung. In Bezug auf den Handel habe sie, so stellte der Berichterstatter fest, das Prinzip proklamiert, der iuternattonale Handel utüsse von allen Hindernissen befreit werden und forderte die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Tarife, größte Stabilisierung der Zollsätze und Einführung einer verbesserten Methode für den Abschluß von Handelsverträgen. Zu diesem Ziel führen drei Wege: Das individuelle Vorgehen der Staaten hinsichtlich der Tarife, der Abschluß vernünftiger Handelsvertäge und gemeinsame internationale Aktionen. Auch auf dem Gebiete der Industrie und der Landwirtischaft habe die Konferenz bedeutsame Entschließungen gefaßt. Dr. Stresemann schlug eine Resolution vor, die nach dem Ausdruck des Dankes an die vorbereitenden und teilnehmenden Personen und Organisationen der Weltwirtschaftskonserenz und nach der Feststellung, daß die Konferenz ihre Aufgabe vollkommen durchgeführt Hai, fol- ^.'ndcs besagt: „Der Rat lädt alle Länder und Regierungen ein, den Grundsätzen und Ernpfehlungen, die die Wirtfchastskonferenz ausgestellt hat, ihre größte Aufmerksamkeit und aktive Unterstützung zu gewähren, die zur Erleichterung ihrer Annahme und Durchführung erforderlich sind. Der Rat behält sich die Prüfung der Frage der Acuderungen, die in bezug auf die Wirtschaftsorganisation des Völkerbundes im Hinblick auf die Ergebnisse der Konferenz wünschenswert erscheinen könnten, für feine nächste Tagung vor und lädt den Wirtschaftsausschuß ein, sich in der Zwischenzeit zu einer außerordentlichen Tagung zu versammeln, inn bald möglichst in eine vorbereitende Prüfung der Maßnahmen einzutreten, die auf Grund der Entschließungen der Weltwirtschaftskonfercnz mit Bezug auf die Zolltarife und besonders auf die Vereinheitlichung der Zollnomenklatur ergriffen werden sollen/" An diese Resolution schloß Dr. Stresemann die Bemerkung, er hoffe, daß der in der Resolution angegebene „nahe Zeitpunkt", an dem der Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes zusammentreten soll, keinesfalls ein späterer Termin als : 18. Juli sein werde, um die wichtige und dringliche Aufgabe der Vereinheitlichung der Nomenklatur und der Klassifikation der Zolltarife sofort in Angriff zu nehmen, zumal eine Reihe von Staaten vor der Modernisierung ihrer Zolltarife steht. Nur so könnteein einheitliches Zolltarifs ch e m a unter der Aegide des Völkerbundes ausgestellt werden und wäre es möglich, daß die Forderung der Weltwirtschaftskonferenz. an Stelle der jetzigen kurzfristigen j Handelsverträge langfristige zu setzen, verwirklicht wird. An die Ausführungen Dr. StrssemannZ schloß sich eine Reihe von Erklärungen ähnlicher Tendenz; es sprachen der holländische Außenminister van Blokla nd, der italienische Delegierte S c i al oj a, der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch sowie der .belgische Außenminister Vandervelde. Vandervolde bezeichnete die Ergebnisse der Weltwirtschaftskonferenz als ein „Plebiszit der Vertreter der ganzen Welt, aller Klassen und Bernfsständc", das die bisher herrschende protektionistische Strömung in eine freihändlerische umgekehrt habe, und machte die Mitteilung, die belgische Nogierung habe ihrem Parlament sofort die Entschließungen der Konferenz zur Ueberführung in Gesetzesform vorgelegt. Er schloß seine Ausfi'chrungen mit den Worten: „Für uns und ffir Länder in Ähnlichen Verhältnissen handelt es sich hier um eine FragevonLebenoderTo d." Ms Vertreter Deutschlands gab Dr. Stresemann die Erklärung ab, daß die deutsche Regierung die Beschlüsse der Weltwirtschaftskonfercnz ebenso voll und vorbehaltslos akzeptiere wie die belgische, die den anderen Regierungen als Vorbild dienen möge. In der Nachmittagssitzung wurde der Bericht der Weltwirtschaftskonfcrenz weiterberaten. Chamberlain erklärte, daß die englische Regierung mit den Beschlüssen und Empfehlungen der Konferenz, mit wenigen Ausnahmen, einverstanden sei. Der ungarisch-rumänische Streit wegen der Nichtanerkennung der Gerichtsbarkeit des gemischten ungarisch-rumänischen Schiedsgerichtes seitens der rumänischen Regierung wurde aus die Septembertagung des Völkerbundrates vertagt. Deutschlands Eintritt in die Mandatskom- ' misst»« Genf, 16. Juni. Im Verlauf der heutigen Sitzung richtete der Generalsekretär des Völkerbundes an den Rat eme durch Budgetinteressen veranlaßte Anfrage/ wie er sich zur Ernennung -eines deutschen Mitgliedes tu die Mandatskommission stelle, die als möglich im Budget für 1927 vorgesehen sei. Der Rat hat beschlossen, die Anfrage der Mandatskommission zur Aeußerllng zuzuleiten. Wie das Wolffschc Bureau erfährt, handelt es sich bet der Ueverweisung^der Frage an die Mandatskommission selbst um emen Höslichkeitsäkt dieser gegenüber. An einer günstigen Erledigung dürste nach der einmütigen Stellungnahme der Ratsmitglieder nicht zu zwei fe lr sein. Briand von Genf abgereift. Genf. 16. Juni. Briand ist heutemittags nach Paris abgereist. Er leidet an einer Angina, die ihm die Iveitere Teilnahme an den Verhandlungen unmöglich macht. Die Ratstagung wird ivaHvscheinlich bereits m o rgen zu Ende gehen, um so mehr, als die meisten noch aus der Tagesordnung «stehenden Punkte auf die September-Tagung verschoben wurden. Die Lage in Palästina. Der Führer der Misrachi-Weltorganisation, Rabbiner I. L. Fisch manu aus Jerusalem, besucht gegenwärtig aus seiner Rückreise aus Londonwo er an der Sitzung des Aktionskomitees teilgeuommen hatte, die wichtigeren Städte Galiziens und Polens, um dte religiöse Jnbenfchaft und insbesondere die Misrachisten Wer die gegenwärtigen zionistischen Fragen mit Rücksicht aus den 'kommenden Kongreß zu informieren. In Lemberg empfing Rabbiner Fischmann einen Mitarbeiter deS jüdischen Tagblattes „Morgen", dem er über die Lage in Palästina und andere Fragen AufMrung gab. In Palästina, erklärte er, beschäftige sich die Bovölkevunig mb die öffentliche Meinung viel mehr mit den Wahlen zum kommenden Kongreß, als die Juden außerhalb Palästinas. Das palästinensische Judentum ist sich -der Übemus großen Wichtigkeit des 15. Kongresses bewußtder berufen ist, zu den letzten politischen Ereignissen iw Zionismus Stellung zu nehmen. Im pMdischen Sinne ist nach Ansicht des Rabbiners Fischmanu die Lage im Zionismus jetzt eine viel bessere, als sie ehedem war. Der linke Flügel der A r a b e r, der Anhänger eines friedlichen ambiisch-jindischen Zusammeulebens m Palästina ist, gewinnt täglich an Anhängern und auch an politischem Gewacht, was am klarsten bei den Stadtratswahlen in Jerusalem, Haifa und Liberias zum Ausdruck kam. Der Wahlkampf zum Kongreß wird in Palästina sehr scharf und inten s >i v sein. Was die A g u d a h betvifst, erklärte Rabbiner Fischmann-, daß sie in Palästina säst ohne jeden Einfluß ist. Ihre gange Kraft liege unid äußere sich nur im Zerstören. Selbst in Jevuälem, der sogenannten Hochburg der Agudah, hat sie in keiner nenuLNswerten Institution einen Vertreter. Dasselbe trifft auch in Tel Awiw zu. Aus diesem Grunde lauu von einem inneren Verhältnis zwischen Misrachi und Agudah kein« Rede sein. Daß die Agudah «bei den Stadtratswahlen in verschiedenen Städten, ro ganz besonders in Jerusalem, in den silbischen Wcihlblock ausgenommen wurde, geschah auch bloß, um sie daran z«u hingegen die einheitlich jüdische Front zu verbinden. Die Krise in Pa last >i na hat — führte Rabbiner Fisch - warnt weiter aus — den Höhepunkt überschritten und es macht sich bereits der Anfang einer wirtschaftlichen N e u - belebung fühlbar. In Jerusalem wurde die Kruse überhaupt nicht verspürt, hier wohnen die reichen, sePhaMstischen Juden, bl« keine unsicheren Geschäfte entricren, und Luftmenschen, die jedes Riskkogeschäst eingehen, gibt es in Jevusalem fast gar leine. So kam es, daß ln Jerrilsalem keine ironnenswerten Verluste zu verzeichnen wareik. Wird das ArlbeüisdeParlement der Zionistischen Executive in Palästina die in der letzten Aktionskomitee» sitzung von Sprilnzak geforderten 116.000 Pfund, von welchen 30.000 Pfund zur Deckung der Schulden verwendet werben sollen, überwiesen erhalten, so wird die Arbeitslosigkeit in Palästina ein Ende haben. In Tel Mv-iw gibt es gegenwärtig 8000 Arbeitslose. M-t den 90.000 Pfund werden etwa 3600 Arbeitslose bei össeuMchen Arbeiten bes-chä-stigt werben können. In Jerusalem wird jetzt, sehr viel gebaut, und zwar von privaten Unternohmern, welche schon in kürzester Zeit gezwungen sein werden, eine große Anzahl Arbeitsloser aus Tel Awiw zu beschäftigen. Me Mavromatls-Iionrejftou. Haag, 16. Juni. (I. T. A.) Der ständige InternationaleGerichtshof wird sich in seiner jetzigen Session, wie schon mitgeteilt, mit der Klage der griechischen Regierung gegen die Jerusalemer Konzession«» des Griechen MavromatiS beschäftigen. In der vom griechischen Gesandten am 28. Mai überreichtes Klage wird behauptet, die britische Regierurig als Mandatsmacht für Palästina hätte durch uirgebührliche Verzögerung her Anerkennung der Pläne von Mavromatis diesem die Durchführung der Arbeiten unnröglich genracht, wodurch MavromatiS ei» Schaden entstaird, der sich auf 217.000 Pfund beziffert. Der Gerichtshof möge anerkenn«», daß die Mato. datsnracht Artikel 11 deS Mandatsstatuts verletzt hat und diese zus Zahlung der erwähnten Sumiue uebst 6 Prozent Zinsen verurteilen. — Dem Ausgang des Prozesses wird in internationale» juristischen Kreisen mit' Spairnung entgegengesehei».

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