Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2980 (15.6.1927)
- Date
- 1927-06-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«Seite 6 Stett, Mittwoch Wiener Moeges-ettmtg IS. Juni 1SS7 Rr. 2980 JÜDISCHE WEIT KLUB RADIKALER ZIONISTEN. Heute Mittwoch, 15. Juni 1927, um halb 9 Uhr abends, Im Cafe Atlashof, l.» Aspernplatz (Klublokal) Klubversammluitg •in Dcke «tter den ««Mer L8 -in«. riHete«. London, 12. Juni. (I. T..A.) Unter den in Moskau im Zusammenhang mit den antisowjetistzschm Attentaten Hingerichteten SO Personen befindet sich auch der Jude Sah) mvn Gnrewitsch, der Sohn eines jüdischen Kaufmannes. Ein Mm Reuter, zitiertes offizielles Kommunique der Sowjetregierung enthält die folgenden Angaben betreffend Gurewftsch: „Am 12. März 1927 wurde im Großen Theater, wo gerade aus Anlaß des Jahrestages der Februarrevolution eine Versammlung abgehalten wurde, gegen Bucha rin ein Attentat verübt; nur einem tfufoll ist.es zu verdanken, daß Bucharin mit dem Leben davvnkam. Später verübte die gleiche Person, die bei der BerHaftung als der Sohn eines Kaufmannes namens Gurewitsch festgestellt wucke, Attentate, gegen R y k o w und Stalin, die gleichfalls erfolglos blieben." Es ist zu bemerken, daß gegen Gurewitsch keinerlei geric^liche Verhandlung durchgeführt wurde, so daß seine Schu8> nicht als erwiesen gelten kann. »Estimiri »o» ginnten m mvnn«. Riga, 12. Juni. (I. T. A.) Aus Rußland kommende Nachrichten besagen, daß die Massenverhaftungen von Zionisten in den Städten Rußlands, insbesondere SudrusHlands, fortdauern. Die G.P.'N. (politische Polizei) versucht, durch die Verhaftungen und Verbannungen jck»e organisatorische Tätigkeit der Zionisten-SiHialisten unmöglich z« machen. Während eines Monats wurden 112,.Mhvend eineS anderen sogar 800 V e r b a n n ungen ausMpvochen. goint-Hilfe fSr Ke rnmSnlsche« Sahen. Im Hinblick aus die schlechte Wirtschaftslage in Rumänien befinden sich die jüdischen Anstalten in einer schweren Krisis. Tos Joint Distribution Committee hat deshalb beschlossen, zur Stützung der jüdischen Anstalten in Rumänieneine tveitere Summe in der Höhe von 75.000 Dollar zue Verfügung zu stellen. Die Rot der rumänisch-jüdischen Anstalten rührt auch davon her, daß die öffentlichen Rvgiermrgsanstalten für Medizin und soziale Fürsorge den Inden verschlossen sind. Tie 75.000 Dollar des Joint toerden zur Errichtung, bezw. Fertigstellung von jüdischen Spitälern, Waisen Heimen und Handiverkerschulen verwendet werden. UnsIcherheit in Lettland. Aus Riga wird uns bcrrchtet: Das Leben der auf dem Lande wohnenden Juden gestaltet sich immer unsicherer und die Raub- und Mordüberfälle auf über Land fahrende. Juden sind ständig auf der Tagesordnung. Vor einigen Tagen wurden zwm Juden, der Landhausierer Brainrn aus dem lettischen Städtchen Warklian, und ein zweiter Jude, Moses Freu, auf der Landstraße überfallen und ausgeraubt. Die Untersuchung ergab, daß Brainin von einem Bauern eingeladen wurde thni ein Pferd abzukaufen, zu welchem' Zweck Brarnin in das Dorf fuhr. Brainin itwrbe als furchtbar verstümmelte Leiche aüfgefunden, tvährend Freu noch Lebenszeichen von sich gab. Auf Grund seiner Angaben konnte der Mörder verhaftet toerden, der auch, dco das geraubte Gut bei ihm vorgefunden wurde, die Tat schließlich eingestand. Ilmler den jüdischen Landkrämern herrscht wegen der Häufigkeit dieser Raub- und Mordfälle begreifliche Unruhe. Tagesordnung: Dis Krise in Palästina — Wege zu ihrer Losung« Referent: Willi Goldschmied (Palästina) Freie Aussprache Gäste willkommen vereine, vorttögr und Versammln»»«. Kbtb radikaler Zionisten« Heute um halb 9 Uhr abends im Cafe Atlashof, 1. Bez., Aspernplatz (Mublokal), Klubve»> sammlung. Gegenstand: Di« Krise in Palästina — Wege #» ihrer Lösung. Referent: Willi Goldschmied (Palästina). -- Zionistische Bezirkssektion Brigittenau. Heu.te, Uhr abends, im Sektionslokale, 20. Bez., Jägevstraße 90 (Mezzanin). Versammlung. Schriftsteller Moses Wald mann (©erlitt] spricht über: „Die gegenwärtige Lage des politischen Zion.smuS? — Zionistische Sektion und Jüdische TisMefellschaft Landstraße. Heute, VaQ Uhr abends, Zusammenkunft und Aussprache über aktuelle Tagesfrägen. Vorher AusschuWtzung. — Zionistische Jugendgrüppe Leopoldstadt, 2. Bez., Zirkusgasse 33. Heute, 7 Uhr, Hebräisch für Anfänger, 8 Uhr, Plenarversammlung nti| anschließendem Referat. Morgen, 8 Uhr, Sichah der Kwuzah „Achtvah". — Wiener Beth-.hamidrasch, 2. Dez., Tempelgasie 3. Heute, 6 Uhr, Lektor Dr. S. GMhaus: ^Ltturgie"; 7 Uhr, Dr. S. Rnbin: „More Rebuchim." Der feierliche Schlutz-Jugezedgottesdienst für die israelitische Schuljugend findet am Samstag um 3 Uhr nachmittags iit den Gemeinde- und Bezirksiynagoaen statt. hechalttz Hamlsrachi Wien. D:e Organisation zahlt gegen, wattig Mitglieder, von denen 12 in der Landwirtschaft beschäftigt werden, die anderen geivevbliche Ausbildung erhalten. Kurse für Hebräisch, Bibel, ta'lm. Literatur und Palästina- Kunde werden eingerichtet. «xxxxxxxxxxxxxxxxxr«xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx)xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxr 6iu Archentag in Pyrir. Aus Paris toird uns berichtet: Bor einigen Tagen fand hier ein Wngreß der Delegiertelk der jüdischen Jug'nLverbände in Frankreich „Schemah Israel" statt. Zehir Städte hatten ihre Delegierten errffendei.. Di^ Beratungen wurden unter Vorsitz des Großrahbmers von Frankreich Israel Levy abgehalten. Die Tagung nahm irach Entgegennahme der Berichte der einzelnen Delegierten die folgende Resolution ö»t: „Die Organisationen „Schemah Israel" geben ihren Willen Ausdruck, mit allen nntzuarbeiten, die. willens sind, die religiösen Grurwlagen des jüdischen Wesens zu stärken. „Schemah Israel" ist eine Erziehungsbewogung, die ihre Propaganda im Rahmen der jüdischen Gemeinden führt. Sie kann daher an keiner Aktion teilnehmen. die offenkundig einem antireligiösen Charakter trägt. Die Organisation ,-Semah Israel" macht es allen ihren Unterverb änren zur Pflicht, alle Unternehmungen, die allgemein jü- »ffchen Charakter haben, auf das tatkräftigste 51t unterstützen." Set Srobraichiiier von Frankreich über die nnalSnhischen 8nd«. In einer unter dem Vorsitz von Frau Avril de Sainte- Croix ftattgefundenen Sitzulrg des Nationalrats der sranzösischen Frrweu hielt, der Großrabbiner von Frankreich, Israel Levi, einen Vortrag über die ausländischen Juden in Frankrerchnnd setzte auseinander, daß es das Bestreben der französischen Juden sei, die ernwandernden Juden sich zu ässinM^en,Und daß die ausländischen. Juden jederzeit.bereitwaveuund es fisch, Frankreich zu dienen. Mit Hilfe dieser . Jude» konnte Frankreich auf zahlreichen ausländischen Märkten Huß fassen,, so u. a. auf den Ede l ste i n mär kt e n; ttrch was den Pelz Handel betrifft, so ist Leipzig durch Pos^ eMhront wmhen. Die Safianleder-Industaie, deren Domäne früher Oesterreich und Deutschland waoe», hat jetzt ihr Hauptzentrum in Paris. Wie die große Tragödin Ra hel, haben zahlreiche aus dem Ausland« stammende jüdische Künstler die französische BW» zur Blüte bringen helfen. Don der Wissenschaft s'nü> M nsmen Munk, Oppert, Derenbvur-g, Joseph jtzfatlevh, Henri Weil u. v. a. und schließlich der große PhLofoph Henri Berg so n, dessen Wecke in der ganzen Witt mit Bewunderung gelesen werden; seine Eltern ftmnmen ans Warschau. Schon am ersten Mobilmachiungstag des Weltsitteges eilten die j üdi fchen Einwande rer sveiwilttg iu großen Scharen zn den Waffen. Die Statistik nennt 10.000 jüdische Ausländer als Freiwillige, die tapfer sstr Frankreich kämpften. Dies war Frankreichs moralischer ' WIR bitten unsere Lasar u. Freunde« in Kurorten n. Sommerfrischen ix» allen Restaurants, Kaffeehäusern und Isuhiilhe stets uneer Blatt ZU «ArlflMMm Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Rorrjan von Leopold Hichler. Copjriglit 1927 bjr R. L5«it Verlag, Wien — Leipzig (59. Fortsetzung.) Erst als der Geiger zum „G'schwind'n" überging, griff er nach dem Glas'; jedoch der Rhythmus des „G'''rbrrindn" ließ das alte Blut nicht zur Ruh: kommen. — Er schob., a? Ga. loeg. E: stand auf. Es zuck e in seinen kurzen-Keinen una gerne hätte er sich gedreht, wen,r... Na, ja: Ter Wein is. gut; a^r die Gicht, meine Herr'n! — Ter „Tanz" war zu Ende. Gustav saß — den Arm am Tisch, den Kopf gestützt chnd blickte vergnügt und verkläck. „Schön is das, meine Herren! Wunderschön!" ries, er zu den Musilexn. „Sagn S, Herr Meister: Kann nian das haben? Kriegt nm die Tanz z'kaüsen?" — „Nahn," erwiderte der Geiger. „Döh Tanz, döh l h spiel, döh sahn ncht druckt!" — „Aber g'schrieön," fragte Gustav, „werns doh sein?!" — „Rahn." — „Ja, aber woher haben Sie's ldenn!?" — „Dch Tanz?!" sagte der alte Musikant und stolz hob er seinen Kopf. „Teh Tanz, deh hat scho mer Vvhda, mei Großvohda g'spühlt! — Tehß vevirbt sih!"-— „Schön sind die Sachen!" wiederholte Gustav. „Wunderschön!" — „Sehng &!" sagte der alte Geiger freudig. s.Tchß find' ma seltn, daß sich a Herr für d-e altn Sachen interessiert!" — „Er schwämmt für/Wt-Wieu!" bemerkte Dr. Lederer. Gustav achtete nicht der spitzen Worte und der siGeiger. verstand die Malice gar nicht. — „Wissen S'," sagte Gustav zusd enr Geiger. „Werm. ich das spieln höck, denk' ich, wie ich noch a Kind war, wie ich in d' Schul' gangen bin. Da Ham noch die Werkeln iin Hof g'spült uitb die Harsenistm sahn ins Haus Imnmen!" — „Jcssers! .Döh 'Zertenl Mai lihrber Herr! Deh kumrneu nelst mehr! seufzt der alte Musikant mld trank aus dem Glas, das ihrn Gustav -7verel-rend — reiche. „Auf's Wohl, meine Herren! Daß.um wieder so äh Zeit drlebm!" — „Spieln S' noch so ahn Tanz," bat Gustav. „Sehr gern Herr, aber r— jetzt iMhrßen mr — leider — was für die ctniberit spüln! Wer später spüln mir Jhner dann eine Potpourri! — Ta tvern S' ahn Genuß Ham!" Tie Musiker g irrgen wieder zu dem Poidlum in die Mitte des Zimmers. Der Wick brachte ihnen eine Flasche Wein, die Gustav gespendet hatte und dan»l spielten sie einige Operettenlieder. — Hernach beganllen sie lüit dem versprochenen Potpourri.- Zunächst hörte Gustav ruhig zu, aber als sie das Lied „Du guhrder Himmelsttater" begaimen, da gab's ihm einen Ruck. Er sprang in die HShe- und seine Augen leuchteten, als er sang: „Mein Herzert d»a drin, behß Mmpeck für Wien, denn ih bin a Ur — Ur — Nrweana!" — „Ja aus NrkolÄbrwg!" rief Dr. Lederer und lachte. — Mvgerlich unterbrach Gustav seinen Gesang: „Ich bin nicht aus Nb> kolsburg! Ich bin in Wien geboren lmd hier ausgewachsen!" —‘ „Bist doch ein Mkolsburger; dein Vater ist aus Nikolsburg; nützt dir nix!" — — Die Musiker spielten indes weiter; aber die gute Laune Gustavs war etwas getrübt. — Er Härte wohl zu, sang aber nicht mchr und saß schweigend, in sich gekehrt und dachte. — Die übrigen Gäste warerl aber aufmecksam geworden. — Ae weiche Stimme Gustavs — er hatte singen gelernt — und noch wehr: die überströmende Empfindung, womit er die paar Taüe gesungen, hatte die Gäste gepackt. Sie fühlten: da ist einmal einer, der nicht berufÄnGig smgt, . dem die Freude in Tönen aus dm» Herzeil quillt Und sie 1 riefen: „Weiter! Weiter!" Gustav blickte nach Lusern, l — Sirvwy hob sein Glas, trank ihm zu und ckef ftcundlich: „Noh a Stücke!! Ueberhaupt! Kunrinen S' zu uns, meille Herren! Setzen S' Jhner zubr!" Gustav wollte sich erheberl, aber Dr. Lederer faßte rhrl beim Rockzipfel und flüsterte: „Bleib' da. Was willst du bei denen?!" — ^Warum irscht?" fragte Gustav. „Komm^ mit. Gchell wir ein bissel hinüber." — fällt dir' em?^ lehftte Dr. Lederer ab. „Wir machen uns ja lächerliche^ — Gustav zögerte ein wenig, aber die treuherzigen Aeuglein Siroivys blickten zu fremldlich und einladelch..— „Ich geh' hinüber!" sagte er zu Dr. Lederer. „Entschuldig' mich einen Moment," und er nahm sein Glas und ging zu dem Tische der Weinbeißer.-— Der Wiener ist bald bekanitt. Ohne Formalttät. Das : „Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle," ist ihm fremd. Er fragt nicht nach Namen; aufs Herz, ouf den Menschen kommt's ihnr an. — — — „Na!" fragte Sivowy. als Gustav bei ihm saß. „Na, imd Jhner Freund is haad auf uns?" — „Er is neht ausg'schlafen!" erwiderte Gustav, um nur etwas zu sagew — — Es wurde gemütlich. — Der indes „sreigckaffen?" Cepek lvar mit Kuntner lvieder versöhnt. Mrn stieß mit den Gläsern an, mall lachte, man saug uild trank. Und rncul trank nicht tvemg, deml das vergißt der Wiener nie. Das Potpourck war schon lang zu Ende. — Man saß gennltlich beün Tisch, sprach von den alten Zeiten und trank. — Dr. Lederer wurde ungeduldig. Er hüstelte. Gustav verstand, erhob sich, spracht ein paar <mtschuldigende Worte zu den alten Herren und ging zu seinem Tisch zurück. — — Ms er an den Musikern vorüber ging, fragte der alte Geiger: „Tschuldigen scho. — Kellnen Seh vielleicht dehß Lied: „Nachhr alten Schlag'?" — „Ich das kemrerl?" ries Gustav. „Hm! Das Hab' ich schon als Bub g'surlgen. Spielin D' es nur!" — „Möchten S' neht singen, Herr?'- — „Ja. Warum denn neht," antn>ortete Gustav. Er war in Stinunuug und er sang mtt einer frohen Aiusgelassenhett, daß alle lachten lurd den Refrain: „Habns a Idee? Sehngs dehß is Weanarisch" Hefter nntsanM. — Sogar Srrowt) betvegte sein Hanpt nach dem Takte und suurmte leise vor sich hin und auf seinem alten ehrlichen Gesicht, strahlte eine Zllfriedenheit, als säße er im Garten des lieberl Herrgott und nicht beim Ächner.- „Bravo! Bravo!" riefen die alten Wiener «nd Doktor Lederer fragte, als Gnstav geendet hatte: „Woher kennst du diese Lieder? Tie wirst dtl doch nicht beim Pvofesfor Gärtner gelernt haben?" — „Gelernt? Nein, m«in Lieber," sagte Gustav etit wenig stolz. „Lernen kmm ina»l so was nicht; das kann man nur eckeben!" — „Bravo! Bravo!" riesen die Lnlten Herren tvieder. „Die zweite Strophen!" Durch den Beifall ernmnteck, saug Gustav die zwett« Strophe: (Fortsetzung folgt.) E rss nette Problem: Sla tetttes releoramm oDer ein dMtt ouMrllchtt Lastvomlerr Ein Delegramut nach Polen tostet für zehn Worte 3.70 Schilling, ein Erpveßbckef l.10 Schilling; der Luftpostbrief, der in einige» Stunden, nach Äufgabe .ist Wie» dem poüftschm Adresiavm zugeMt vürd, nm —.60 SchiMug. Ausgabe bei alle» Postämter«; am AbflogSage W 7 Mr 20 Mm. mo^ns bei« HaMssOomr.