Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-06-15 · Heft 2980 (15.6.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2980 (15.6.1927)
Date
1927-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982068--30354-3018569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2980 Mlkwoch Wmm MvWMWtlMU 19, Aml r«7 «Me» Was ist demnach Aufgabe ttrtb Bedeutung des KMg»cffes, ivenn der Forderung: „E n Llastu ng d es Kongresses von sp e z i a l i st i s ch e m Verhandlung sstoff" Genüge geschieht? Was bedeutet es praktisch, ivenn man dom Kongreß die Entscheidung über „Prinzipiell und „Richtlinien" zionistischer Arbeit zumeist? Es bedeutet beispielsweise etwa folgendes: Aufgabe des Kongresses ist Formulierung politischer Forderungen, Billigung oder Mißbilligung der revisionistischen Kritik, Ausstellung organi-sationspolitischer Grundsätze, Entscheidung Aber die Jotvffh-Agcncy-Politik, Billigung oder Mißbilligung der Kritik der Radikalere Entscheidung über die allgemeine Richtung der Kolonisationspolitik, über Konsolidierung oder Neukolonisation, über Aufrechterhattung oder Einschränkung der Autonomie der Avbeiterwirdschaften nsw., ustv. Ein so reformierter Kongreß wird nicht unbedingt ruhiger und leidenschaftsloser verlaufen als frühere Kongresse. Im Gegenteil, viele Fragen rverden erst kontrovers, wenn fie aufs Prinzip gestellt werden, loäHrend sie im Lichte der Budgctpolitik als geringfügige Differenzen erscheinen. Mer wir kritisieren nicht die LeidcnschaftkilMeit früherer Kongreßverhandlungen, sondern. den Mangel an Ernst bei der Sachentscheidung, der bei so vielen Kongreßteilnehmern den bitteren Nachgeschmack veranttvortungsloser Oberflächlichkeit und mangelnder Selbstachtung hinterlassen hat. Die Hintanhaltung prinzipieller Entscheidungen durch die Verflüchtigung aller Probleme zu Budgetfragen hat sich keineswegs als ein Vorteil erwiesen, ftc hat vielmehr die Bildung einer Exekutive auf Grund klarer Progrmmne verhindert. — Ist aber der Kongreß zu prinzipiellen Entscheidungen nicht noch tveniger kompetent als zur Behandlung von Einzelfragen? Keineswegs. Der Kongreß ist durchaus kompetent, zum Ausdruck zu bringen, zu welchen allgemeinen Systemen und zu welchen Trägern allgemein e r S y st e m e er Vertrauen hat. Er hat aber nicht Zeit genug, um aus diesen Feststellungen Konsequenzen im einzelnen zu ziehen. Ich jviederhole früher Gesagtes: „Wird die hier vorgeschlagene Reform durchgeführt, so werden Rechenschaftsbericht und Gcneralkritik, grundsätzliche Aussprache und Aufstellung allgemeiner Richtlinien unter Vermeidung von Einzelheiten — alle diese Akte gipfelnd in der Neuwahl der Leitung — als die wahren und einzigen Aufgaben des Kongresses wieder rein hervortreten. In eine Folge von fünf bis sechs erfüllten Tagen gedrängt, wird er wieder eine Quelle des Kraftgefühls und Selbstvertrauens der Bewegung auch in schweren Zeiten werden." Ein solcher Kongreß muß und soll in der Tat nicht mehr als eine Woche in Anspruch nehmen. Die zweite Woche und eventuell eine dritte Woche rnüssen für das neugeioählte Aktionskomitee reserviert werden, das zusanrmon mit der neugebildeten Exekutive die Einzelheiten des Arbeitsplanes' für das kommende Jahr festlogen soll. Eine solche Reform des Kongresses wird ihm . seinen alten Glanz wiedergeben, und ihm die Anteilnahme weitester Volkskrerse sichern, die am Kongreß immer mehr desinteressiert werden, je mehr er sich in zahlreiche Spezialkommissionen auflöst. Es ist nur folgerichtig, wenn man bei Ausrechterhaltung des heutigen Systenrs eine Ausdehnung der Verhandlungsdauer und die Beschränkung der Zahl der Delegierter: auf 100 bis 150 Personen fordert. Statt dessen bin ich für einen großen, volkstümlichen Kongreß mit zahlreichen Delegierten, aber mit begrenztem Programm und kurzer BerhandlungSdauer. Die vovgeschlägene Reform kann schon ans dem IS. Kongreß durchgeführt werden. Die Reform ist technischer Natur, und gewiß ist Gelingen und Mißlingen eines Kongresses mehr noch von anderen, als von technischen Momen ten abhängig. Aber dennoch ist und bleibt die Organisation des Kongresses ein Faktor, dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden tacf. EISKASTEN «fterik. Sattem, •iMpu*od, vofe 8 GO.— auf«. R. BRAUN, «MIM I. WMlmHlrall 1t. TA 03094. PrtitfioUn «ttkthli oocxxxxxxxxxxxxx»cx3Dcx>ocxx>ocxxxx?ocxxxxxxx)oooooooocx>oocxxx»ocxxx)ooooooooooooooo Mit dem Zeppelin rund «m die Welt in 309 Stunde». Stau FlnsNdtt, »r Odem». Friedrichshofen, 14. Juni. Dr. Eckenex erklärte Pressevertretern gegenüber, daß er mit dem neuen Luftschiff, das im Frühjahr 1928 fertig sein werde, den Atlautifchen Ozean in beiden Richtungen zu überfliegen gedenke. Er werde sich Ende dieses Monats nach Argentinien begeben, um dort über die Schaffung eiltet Halle und eines Ankermastes zu verhandeln, die für die AtlantWüge unbedingt notwendig seien. Es bestehe die Absicht, mit dem Luftschiff einen Flug rund tim di« Welt zu unternehmen, der selbst unter Berücksichtigung schlechter Witterungsverhältnisse seiner Ansicht nach, m dreihundert Stunden, also in zw ölfeinhalb Tagen durchgeführt werden Wnne. Voraussetzung dafür wäre die Schaffung von Stützpunkten, eines Ankermastes auf russischem Gebiet und eines auf der anderen Seite des Pazifik. Er hoffe damit auskommeu zu können, da das Luftschiff einen A'ktionsradiius von 14.000 Kilometern erhalten werde. Trotz der Transatlantikflüge Lin.dberghs und Chamberlins werde das Luftschiff seine Bedeutung beibehalten und im Atlantik-Verkehr ei ne.große Rolle fpielen, denn es könne ein« große Zahl Passagiere und ganz erhebliche Mengen Post und Fracht befördern. Dazu komme noch, daß man beim Luftschiff die G e fahre nmomente mehr a'usschalten könne. Amerikanische Begeisterung. rer gnqifMg StaMutgg« ta flog gort. N e w Aork, 14. Juni. Die nunmehr bekannt werdenden Einzelheiten über den Empfang des ersten Transogeanfliegers Lindbergh beweisen/ daß das Ereignis einen ungeheuren, echt amerikanischen Begeisterungstaumel hervorgerufen hat. Das Motorboot, das Lindbergh an das Land brachte, wurde von mehreren hundert Booten begleitet und von etwa hundert Flugzeugen überflogen. Unzählige Raketen wurden zur Begrüßung in die Luft geschossen, ungeheure Mengen von Buntpapieren herumgetvorfen und die Feuerwehr, die sich in besonderen Booten vor der Hafeneinfahrt ausgestellt hatte, schleuderte in mächtigen Rundbogen Wasserstrahlen in die Höhe» so daß gewissermaßen ein Triumphbogen ans Wasser entstand. Zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte war indieHandderFreiheitsstatueeinrles i g e s Sternenbanner gelegt worden. In New Aork ruhte, wie an einem Staatsfeiertag, überall die Arbeit» und selbst die Börse blieb für jeden Verkehr geschloffen. Die Zahl der auswärtigen Gaste wird ans mindestens v i 11 Millionen Menschen geschätzt. Nach seiner Landung wurde Lindbergh in ein«m Trinmphzug, wie er noch nie gesehen wurde, zum Rathau» geleitet, wo ihm der Bürgermeister die Goldene TapferkettSmeldaiü. überreichte. Lindbevgh begab sich sodann in einem Auto in den Z e n t r a l p a r k, wo der Gouverneur ihn willkommen hieß. Wahrend der Fahrt stand Lindbergh aufrecht und winkte der chm stürmisch zujubelnden Menge lächelnd zu. Ein wahrer Schneesturm von Papierschlangen ging auf seinen Wagen nieder. Im Zentralpark wurde vor Lindbergh, der bekanntlich znm Oberst ernannt worden ist, eine Truppenpnoaide ausgeführt. Sodann wurde der Ozeanslieger im Auw den Broadway entlang geführt, auf dem in größeren Abstanden Orchester aufgestellt waren. Non den Fenstern, für die Mieten SW z« 1000 Dollar bezahlt worden waren, wurden unaufhörlich Blumen und Konfetti geworfen. U eb er 200 Flugzeuge begleitei ten Lindbergh aus seinem Triumphzug durch die Städte Der t Ordnungsdienst der durch Militär verstärkten Wache wurde 1 wiederholt durchbrochen. Nach den bisherigen MMeibmger wurden in dem Gedränge etwa 80 Pevftme« besetzt. In einer Straße entstand durch einen durch emt wvggsworfene Zigarette verursachten Brand eines Konsettihaüfens eine Panik. Funkentelephonische Stationen an den Straßenecken verbreiteten die Einzelheiten der Ereignisse durch ganz Amerika, so daß e twa SO Millionen Amerikaner ununterbrochen über affe Phasen des EmpsangeS unterrichtet waren. SpmckeUi« und Lrvdie. Gaden-Baden, 14. Juni. Die Seid«! Qzvanflieger Chambertin und Levine werden morgen Baden-Baden im Flugzeug verlassen, um zurchchst in Kinderhochzeit. Bon J-cheMel Kot«. I» den cmtobiographtichen Erinnerungen IdobikS sind lebensvolle Bilder enthalte,^ tre einen Einblick in das Polnisch-jüdische Städtl, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gewahren. Im Klal-Verlag, Berlin, wurde dieses sehr bedeutende Memoiremverk. das in jiddischer Sprache abgefaßt ist, unter dem Titel ,Meine Erinnerungen" (ß Bände) neu aufgelegt. In gekürzter Form bringen wir ein bezeichnendes Kapitel des ersten Bandes dieser Memoiren Kotiks, der kein BerusSschriftsteller war, sondern in Warschau ein KaffoehauS befaß. — Wir entnehmen mit Erlaubms des Berlages die deullche Uebevtvagnng dem fachen erschieneneu, sehr bemerkenswerten Junigüll-chest der Zeitschrift ,M e n o r a h*. welches «ÖS Sonderheft den Inden in Polen gewidmet ist und einen überaus reichen Inhalt answeift. Mötzlich ging ein Gerücht um, es fei em neuer Erlaß hevausgak-ommen, nach dem Mädchen und Jünglinge nicht vor dem 80. Lebensjahre heiraten dürfen. Dieser Erlaß, welcher im Jahr« 1842 erschien, ries in ganz Litauen und Polen das seither berühmt gewordene Heiratsfieber hervor. Wer eine Tochter oder einen Sohn von ungefähr acht Jahren hatte, machte ihnen Hochzeit. Damit die Polizei nichts 'davon, erfahre, wurden diese Heiraten heimlich m aller Stille und ohne Zeremonien vollzogen. Die Eltern der Kinder, die miteinander verheiratet werden sollten, einigten sich rasch, der Knabe oder das Mädchen wurden in das Haus eines der Brauteltern gebracht, inr Zinnner wurde ein Minjan Ju-den versammelt, die Trauung vorgenommen, ein Mas Branntwein geleert, ein Stückchen Lebkuchen dazu verzehrt und — die Feier war zu Ende. Dann nahm der Vater den jugendlichen Ehemann wieder nach Hause, kaufte ihn« einen TalliS, und am nächstf-i, Tuge b'<->'!: der Knude schon im Toll,-!, jedoch ohne Tvfilin. Der Vater des kleinen Mädchens nahin die „junge Frau" mit, schor ihr die Haare und zog ihr ein Haarband und einen Scheitel an. Die „junge Frau" und der „junge Ehemann" hatten keine Ahnung, daß sie Mann und Frau seien... In dem Jahre des Heiratsfiebers hatten in Kamenietz alle kleinen Kinder Hochzeit. Es kamen ein paar jüdische Bürger am Abend zusammen und verabrddeten, sich noch in derselben Nacht miteinander zu verschwägern. Und gegen 10 Uhr nachts wurden die Kinder aus dem Schlaf geweckt: „Sich' aus und geh' zur Chupe", sagt« man den schlafenden Kindern. GW, der Fleischer, hat öfters — ich erinnere mich noch daran — erzählt, wie er Hochzeit gehabt hatte: Ich war damals etwa acht Jahre alt. Eines Abends lag ich auf dem Bett und schlief in meinen Kleidern. Da weckte mich die Mutter: „EiM, Ekfill, steh' aus nnd geh' zur Chupe!" Ich wußte nicht, was das Wort ,Mache" überhaupt bedeutet«, und wollte -nicht aufftehen. Da rief die Mutter den Pater, daß er mich wecke, und er schrie, wie es eben «in Vater tut: „Steh' aus, Eistk, du wirst zur Chupe gehen." Ich sagt«: „Ich will nirgends hingehen, ich will schlafen." Darauf der Vater: „Ausstehen, sage ichk" Darauf ich: ,Ljch will nicht." Der Vater riß mich zornig empor: ,Mey* «nff* Ich begann zu weinen, da nahm der Vater deq Riemen und zog mir ein paar über. Das macht« mich natürlich wach und ich stand auf mit verweinten und verschlafenen Augen. Ich fragte: „Wohin soll ich gehen?" Des Vater antwortete: ,Lur Mupe." „Was ist das, Chupe?" fragte ich. Darauf >der Vater: „Wir werden zmn Schwiegstvater gehen, dort wird die -Chupe fern." Ich verstand noch immer nicht, was -er Pater meinte; die Worte ,-Schwiegervater" und „Chupe" waren mir ganz «nverstänWch, und so sagte ich noch einmal: „Ich will nicht gchen." Doch der Vater nahm wieder 'den Riemen zur Hand und ich beschloß, lieber zu schweige«. Di« Mutter wusch mich sorgfältig, zog nur den kleinen Kaftan an, knöpfte mir die Hofe zu und ließ mich den Hut mrffetzev. Doch mein Hut war nicht da, denn ich hatte ihn irgendwo beim Spiel verloren, ehe ich noch schlafen gegangen war. Da begann die Gpffode mit dem Hut; der Vater sagt«: Menn du nicht jetzt zur Chupe gehen würdest, so würde ich dich Pur den verlorenen Hut ordentlich durchprügeku." . Indessen kamen schon Boten von den Schwllgerslenten, di« fragten, warum wir noch nicht dort seien. Jetzt begann ein allgemeines Suchen nach dom Hut, doch er fand sich nicht. Die Verlegenheit war groß. Was tmr? Inzwischen war es Mitternacht geworden. Bat^r »nid Mutter hatten Angst, der Brautvater würde sich die Sache inzwischen überlegen, und chre Laune wurde immer schlechter. Man überlogte: Wen sollte man archvecken, um bei ihm einen Knabenhut bis zum nächsten Morgen zu leche»? Doch aus dem Nachdenken tzmn nichts heraus und eS wurde sehr spät. Aus alle Fülle standen die Dinge sehr schie'cht, de« es war fün Hut da. Vater und Mutter waren außer sich vor Aerger, doch es half nichts, ohne Hut kann mim nutzt zur Hoheit gehen. So ging der Vater zmn ,Mech«t«n" und bat ihn, di« Hochzeit auf den nächsten Dag zu verschieben, da Mutter sich nicht wohl fühle. Der Vater lMeb ziemlich lauge auä, die Mltter konnte vor Ungeduld nicht stWsitzen. Endlich kam der Vater und sagte, die Hochzeit werde am näWen Taa um zehn Uhr abends stattfinden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.