Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2979 (14.6.1927)
- Date
- 1927-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2979 Men, Dienstag Wiener Msrgrrrzett««g 14. Ami WB7 Seite s Aus ^nlaß des Prvvinzdelegiertentages fand in Graz' eiine Versammlnngder jüdis chen Fra uen statt, bei welcher Frau Sophie Löwen Herz (Wien) über die Arbeiten und Bestrebungen der Weltorganisation zionistischer Frauen („Wizo) berichtete und die Gründung einer ^Ortsgruppe in Graz vorbereitete. Am Schlüsse des zionistischen Meetings, welches gelegentlich des Delegiertentagcs abgehalten wurde und über dessen Verlaus wir bereits berichtet haben, beantragte Herr Schiller (Linz) eine Vertrauens kundgeibung für die zionistische Exekutive, insbesondere fttr Präsident W e i z m a n n, welche einstimmig angenommen wurde Zer öchwarzbarkK-Proreb erst im Moder. Ein GespM mit dem Berteldlger Toms. Herr Artur Roscnberg schreibt uns aus PariÄ unter dem 10. Jumr Ich hatte heute eine Unterredung init Henry Torres, dem Verteidiger Schtvarzbarths. Torres teilte mir mit. daß die VcrhaMung keinesfalls vor Oktober stattfindeu rverde. Schwarzbarth ist andauernd guter Stiinmuug und voll Zuversicht für den günstigen Ausgang seines Prozesses. Torres hofft, durch sein ungeheures Doknlnentenmaterial — zu bcm vor allem die Erhebungen Bernard Lecachs im Pogromgebiet gehören — und durch zahlreiche Zeugen die Geschworenen von der Schuld Petljuras an den Massenmorden zu überzeugen und dadurch die Zu-, hilligung der „seelischen Z w a n g s l a g e", also des Freispruches für Schwarzbarth zu erreichen. Freilich ----- betont Torres — onrf nicht übersehen iverden, daß das Ukrainische Bureau eine ungemein rege Propaganda g e g en de n Freispruch en'a'let. Dieses Bureau hat Zweigstellen in Paris, Berlin, Marschau und Preßburg und soll nach hiesiger Aufsassnng die Unterstützung der polnischen Neuerung genießen. Tie Agitation gegen Schwarzbarth leitet B az b a l ko, der lnnter P e t l j u r a ukrainischer M i n i st e r war Ta eine antiseuiitische Propaganda bei der öfsent ichen Meimii'.g Frankreichs nicht verfängt, ist das Ukrainische B.ireM bemüht, eine neutrale Haltung gegenüber dem I u d e n t u m zu betonen, dagegen beit Schwarzbarth als Werkzeug des Kommunismus hinzustcllen. Insbesondere will es glaubhaft machen, daß gelegentlich der Han.tdurchsnchung bei der russischen Handelsniissiou in Lönl on dies e ügliche Sch is st"-ck.' gesu d n twrden seien. Diese Taktik war gerade in der letzten Zeit nicht ganz ohne Erfolg. Die öffentliche Meinung in Cnstand und Frankreich ist augenblicklich in einer seit Jahren nicht mehr gekannten ErregnNg gegen den Kommunismus,von dem sie eine Unterminierung des gesamten Kolonialbesitzes befürchtet. „Ans dieser Nervosität erklärt es sich, daß einige Blätter wie „Figaro" und „Echo de Paris", die zwar rechtsstehend, aber sonst nicht antisemitisch sind, sich zum Werkzeug für die ukrainische Propaganda heraeben Lindberghs ßmvfang in Amerika. Ra« wailiiaiton in Ar» Jork. N e w y o x t, 13. Juni. Lindbergh uuö seine Mutter sind in Washington gestern von einein Empfange zum anderen gezerrt, worden. Ueberall wurde Lindbergh von begeisterten Mengen stürmisch bejubelt. Der Staatssekretär Kellogg stellte den Ozeanstieger auf einem Bankett der Minnesota-Gesellschaft vor, wo Lindbergh, dessen Vater einst Minnesota im Kongreß vertreten hatte, eine Rede hielt. Er prophezeite, daß der Transozean-Flugverkehr in etwa zehn Jahren regele mäßig funktionieren werde. Heute früh verließ Lindbergh in einem Militärflugzeug die Bundeshauptstadt, da sein eigenes Flugzeug, das inzwischen wieder zusammengcstellt worden war, infolge einer Motorstörung unbrauchbar war. Bei einer Zwischenlandung vertauschte Lindbergh das Militärflugzeug mit eiirem Wasserflugzeug - und ging dann, von 30 Militärapparaten bcgle itet, mittag, im Hafen von Newyork nieder. Alle Sirenen der im Hafen anwesenden Schiffe begannen ein fürchterliches Geheul. Ein Motorboot brachte Lindbergh ans Land, wo er von seiner ALutter und der Gattin des Ncwyorker Bürgermeisters sowie einem Begrüßungskomitee der Ncwyorker Bürgerschaft feierlich empfangen wurde. Huüderte von Polizisten bemühten sich, die begeisterte Menge vor einem Ansturm auf den Flieger zurückzuhaltcu. De Pinedo ln Barcelona. Rom, 13. Juni. De Pinedo ist heute früh in Lissabon ausgeftiegen und nach einem zehnstündigen Flug ln Barcelona glatt gelandet. Die Ankunft in Rom dürfte Donnerstag oder Freitag erfolgen. De Pinedo wird in Ostia, in unmittelbarer Nähr der Hauptstadt, niedergehen. Dem Flieger soll ein großartiger Empfang bereitet werden. -■ Byrds Lzeanflug. Berlin, 16. Juni. Das „Acht-Uhr-Abendblatt" berichtet: Wie der Pariser Vertreter Byrds der Presse mitteilt, soll Byrd dre Absicht haben, heute vormittags seinen Europaslug, der ihn nach Paris und zurück nach New York bringen soll, anzutrelen. Byrd wird von Leutnant Neville und Hauptm«nn A c o st a begleitet sein. Eine Bestätigung des Abfluges Byrds ist an hiesigen Stellen, die unterrichtet sein müßten, bisher nicht zu erlangen. Hingegen wird dem Blatt vom Sekretär Levines milgeteilt, daß die Ozeanflieger Chamberlin und L e v i tl e gestern an Byrd eiil Kabeltelegramm gesandt haben, worin sie ihm das Angebot machen, von Paris aus den Rückflng nach Amerika gemeinsam anzutreten. Eine Antwort Byrds ist bis zur Stunde noch nicht eingeiroffen. Möglicherweise hat ihn das Telegramm auch nicht mehr erreicht, falls Byrd wirklich heute früh gestartet sein sollte. Die AuLöessenmg der „ßoftimöir. Berlin, 13. Juni. Die Ausbesserung des Motordefektes der „Columbia", an der bekanntlich der Ventilstößel schadhaft geworden ist, ist nach einigen Schwierigkeiten heute früh beendet worden. Da in Deutschland keine Ersatzteile für den amerikanischen Motor Chamberlins vorhanden waren, wandte man sich au die Siemens-Werke, wo es gelang, einen passenden Stahl zu finden, der bezüg- I lich der Bruchfestigkeit und der Ausdehnungsfähigkeit dem j amerikanischen Material gleichwertig ist. Eine genaue Prüfung ergab keine anderen Schäden. Der Motor wird jetzt noch auf den Prüfstand kommen. Voraussichtlich kann sein Einbau am Dienstag oder Mittivoch erfolgen, so daß die „Columbia" dann wieder startbereit ist SttSttiftetter für Wohnungen. I« Budapest. Budapest, 13. Juni. Das Amtsblatt veröffentliche eine Verordnung, wonach für Wohnungen, die aus mehr als fünf Räumen bcstchen, eine Luxusstelner eingeführt wird, deren Ertrag den Städten und Gemeinden überlassen wird. Diesen ist es auheim-gestellt, diese Steuern auszuschreiben. Die Steuer,.welche bis zu 60 Prozent des Mietzinses, beziehungsweise des Nutz-nicßungswertes betragen kann, ist für solche Wohnungen zu entrichten, deren Größe den Bedarf der Bewohner übersteigt oder die mit Komfort uud Luxus gerichtet sind. zuviel Sinsentinnen in England. Aus London wird gemeldet: Die Universität Oxford wird Dienstag die Frage entscheiden, ob sie den Vorschlag betreffend Beschränkung der Anzahl der nicht, graduierten weiblichen Studenten auf h ö ch'st e n s 8 4 0 und die Verhinderung. der Gründung neuer Frauenkollegien zustimmen soll, Ivenn hiedurch das Verhältnis der weiblichen zu den männlichen Studenten größer würde als 1 : 4. Infolge der an der Cambridger Universität auferlegten Beschränkungen strömen viele!veibliche Studenten nach Oxford, i lvas zur Folge hat, daß die Gefahr besteht, daß die Oxforder Universität ihren Charakter als Universität für vorwieo-" I männliche Studenten verlieren könnte. Palästina ans dem Kongreß des internatio- »ake« Frauenrat». Genf, 10. Juni. (I. T. -A.) Am. 9. Juni begann in Genf die Tagung des Kongresses des Jnternaticualen Frau- Franen aus 40 Ländern. Der: einzelnen Länderdelegationen enrates. Vertreten waren die Spitzenorgan isaltonen der gehören führende jüdische Frauenpersönlichkeiten an- Die palästinensische Franenorganisation ist durch Frau Helene B ent wich, die Gattin des Oberstaatsanwalts von Palästina Norman Bentwich, vertreten. In der Sitzung der Kommission für Wanderungsfragen des Kongresses erstattete Frau Äiberson, die die Weltorganisation jüdischer Frauen vertritt, Bericht über die Probleme der Emigration und der Staatenlosigkeit. ,Si^ brachte entsprechende Anträge ein und betonte insbesoridieve die Notwendigkeit einer freundschaftlichen Zusammenarbeit des internationalen Frauenrates mit den dem Völkerbund unterstellten Organisationen wie z. B. Nansen-Komitee und den privaten Organisationen für den Schutz der Muswcrndere* * und Einwanderer. Max Pallenberg. Von Alfred Polgar. Soeben erscheint als letzter (vierter) Band der kritischen Schriften Alfred Polgars, die er unter dem Gesamttltel „Ja und Nein" im Ernst- Rowohlt-Verlag, Berlin, herausgibt, das Buch „Stichproben", dem w'.r mit Erlaubnis des Verlages als Stichprobe Abschnitte der Studie über Pallenberg entnehmen. Die vorhergehenden drei Bände haben wir in unserem „Buch der Zeit" gewürdigt. Aus den nicht minder bemerkenswerten Schlußband kommen wir noch zurück. Er ist sicher der beste Stegreifspieler der deutschen Bühne. Es fällt ihm schrecklich viel ein, während er auf der Szene steht, und seine 'igebigkeit mit diesen Einfällen ist groß. Er kann und will nichts bei sich behalten. Er spricht den Text, Variation des Textes. Kritik des Textes, und was zwischen den Zeilen schweigt. Wahrlich, er schöpft die Situation aus! Und schöpft in die Situation hinein. Cr ist stets wie von hemmungsloser kindlicher Neugier geplagt, die sich auf den ganzen belebten wie unbelebten Bühnenraum erstreckt und plaudert mit herzlicher Entdeckerfrende aus, was seiner Neugier offenbar wurde. Wenn er sich ludendi causa mit einem Möbel, einem Gedanken, einer Bewegung, einem Wort (Wort-Spiel) eingelassen hat, führt ers auch zu Ende. Inzwischen können ihn die Komödie taub die Mitspieler . . . nun sie können ihn nicht abbringen von solcher Beschäftigung. Wenn er in Streit gerät mit den Dingen oder mit der Sprache oder mit den eigenen Gliedinaßen, wird der Streit ausgesuchten: was sonst auf der Szette, stößt für die Dauer solcher Pallenbergs chen Zweikampshandlung als ein auf der Bühne exponierter Teil versammelter Zuschauergemeinde zum Publikum. Pallenberg ist der beste Monologsprecher. Da hat er den ebenbürtigen Partner, der ihm die Stichworte bringt, wie er sie braucht, und den zugeworfenen, augenblicksgeborenen Einfall mit höchster Geschicklichkeit wieder in der Hand des Werfers landen läßt. Da ist er in seinem Element, in seinem Element. Wehe dem Wort, dessen Schwäche — sei es eine besondere Lautrkompliziertheit oder ein komischer Beiklang — van ibm erspäht ist! Cs ward augenblicks mitten aus dom Satz heraus arretier: und zur Rechenschaft gezogen. All , die Zicken, Marotten, Kinkerlitzchen wären bei einem Spaß-! macher minderen Geblüts unerträglich. Von Pallenberg läßt man sie sich gefallen, weil sie Nassezeichen einer Vollblutkomik sind, einer unbezähmbaren sprudelnden Harlekinskraft, eine ihren Besitzer tyrannisierenden Gabe, vor Gott und Menschen lächerlich zu machen. Und man wird der Sprünge und Launen, der Hartnäckigkeiten und Abseitigkeiten dieses nimmermüden Witzes froh, weil eS ein schöpferischer Witz ist, ein Witz, der gute Witze macht, ein rauflustiger Witz, ein Witz, der eine Fülle von Gesichtern und Gesichten hat, erschütternd spassige Visionen von der Schnurrigkeit und Possierlichkeit all dessen, was der! Schwerkraft unterliegt. Sein hinkender Witz noch ist gelungener Witz: gegen Den Witz. * Pallenberg ist Jude und ist Wiener. So Wiener wie die meisten Wiener Inden sind, in früher Jugend hereingeweht von der mährischen oder ungarischen Ebene oder vielleicht noch in der Mutter Schoß herübergeschafft aus diesen fruchtbaren Gegenden. Jedenfalls hat die besondere Luft der Stadt sein Wesen und seine Kunst so beeinflußt, daß beide die charakteristischen Wiener Züge tragen. Sein unbezähmbarer Spieltrieb, seine tiefe Liebs für den Wurstel, der Leichtsinn, mit dem er allen Zufällen der Eingebung vertraut, die lnstvolle Auflösung der Form — das alles ist wienerisch. Wienerisch das Tempo seiner Schauspielerei, das Verweilen auf dem guten Augenblick 5 wie das Ab irren ins Nebonsächliche, sein Mntterlvitz, seine Schlagfertigkeit, seine bodenlose Freude an der Schlväche und Mamage des Nächsten, seine unerschöpflichen Einfälle, um Dinge und Menschen zu foppen oder von ihnen gefoppt zu werden. Jüdisch ist die funkelnde und springende Leibhaftigkeit seines Geistes, seine Freude am gekräuselten, gedrehten, verwitzten Wort, seine Skepsis, die Beredsamkeit seiner Gliedmaßen, der im Seelentiefften begründete Hang, das Wissen um die Traurigkeit und Ohmnacht aller Menfchendinge durch ein Justament-Auchwissen um ihre Lächerlichkeit und Geringfügigkeit zu überdecken, gleichsam vor dem höchst Schauderbaren des Daseins in die Ironie zu flüchten und nie zu beantwortenden Fragen — so den Gram über , die Unfähigkeit zur Antwort gleich erstickend mit einet Gegenfrage zu evwidevn.! Warum machst du Lazzi? . . . Warum soll ich keine machen? * Der Versuch, die Fundamentalzüge des Phänomens Pallenberg aufzuzeigen und darzulegen, wie seine bezivmgende Wirkung auf den Hörer zustande kommt, stößt — gleich jedem Versuch, Kunst zu „erklären" — allzubald an ein Elementares, Gegebenes, Absolutes, das der Zergliederung spottet. So viel man an Pallenbergs Komik herumj analysieren, so genau, man ihre Ausdrucksmittel und -Methoden schildern mag, an ihr Wesensgeheimnis wird man nicht rühren. Sie ist da, ein mysteriöses Etwas, voraussetzungslas, unbedingt, unerklärlich. Warum du dich freust über sie, du weißt es nicht, aber du m u tz t dich freuen. Ein anderer täte genau wie er, und die heitere Wirkung wäre Null. Er tritt auf — und du hast halt die Sympathie! Er öffnet den Mund, flattert mit den Lidern, und schon verzieht sich dein Gesicht, anzeigend den van ihnen nahenden Gelächtersturm. Er beginnt greulichsten Unsinn — und du mußt ihm, indes dein Verstand „nein" sagt, aus voller Kehle Ermunterung, die Bitte um mehr, zubrüllen. Du leidest daran, wie töricht das ist. Pallenbergs Komik darf sich alles erlauben (und erlaubt sich's), jede Frechheit, jeden Mißbrauch, weil sie souverän ist, selbstherrlich. Das spüren beglückte Publikumsvölker und beugen sich willigstöhnend unter ein Szepter, das aussieht wie ein Feuerhaken, -in Spazierstöckchen, ein Regenschirm, und doch ein Szepter ist. Von diesem Szepter berührt, wird Zeichnung Krixel-Kraxel, Farbe Fleck, Sinn gewendeter Unsinn, das Herz ein. zweckloser Adnex des Darmes und das Doenment humain ein Papierwisch, zu anderm taugend als zum Lesen Der Mensch ist eine Würde von Menschen Gnaden — spricht Pallenberg — doch ein Gespött den ewigen Göttern. Und indem er aus deren Perspektive den Menschen sieht und zeigt, „erhebt" er den Zuschauer nicht minder als die Kunst des größten Tragöden es tut. Dieser Satz stünde Rechtens Aber Max Pallenbevgs darstellerischem Werk: Bmu Lächerlichen zum Erhabenen ist nur ein Schritt!