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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-14 · Heft 2979 (14.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2979 (14.6.1927)
Date
1927-06-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seide 2 Men, D^ns-tag Wiener Morgenzettnng 1^. Juni 1827 Rr. <*»79 Paris Md Wie«. —y, Wien, 14. Juni. Die Pariser Polizei hat rasch Ordnung gernacht. Lie hat Leon Daudet aus seinem Fort herausgeholt und zum Respekt vor dem Gesetz gezwungen. Tie Polizei rvar der Ansicht, daß drei Tage deo romantischen Trotzes genügen, und sie zog, als Daudet sich nicht zum Strafantriöt stellen wollte, die Feuerwehr heran. Die Polizei war der Ansicht, daß sie dem Gesetze unter allen Umständen Achtung verschaffen müsse und daß irr Frarrkreich nienrand, auch nicht der Führer einer lärmenden Camelottruppe, sich sein eigenes Recht schaffen dürfe. Die französische Regierung und der Bürgermeister von Paris hatten nichts zu der Sache zu bemerken. Es gibt für Paris keine Tradition, die der Behörde in den Arm fällt, und kein Asylrecht für Rauferei. Daudet ist rechtskräftig verurteilt morden und er hat seine Strafe abzusitzen. Er sah dies nach dreitägigem Märtyrertum in der versperrten Redaktion auch ein und wurde unpathetisch und bürgerlich verhaftet. In Paris hat man ein Gesetz und eine Exekutive. Auch in Wien verfügt man über diese Errungenschaften der Ordnung, aber hier besteht auch noch die akademische Freiheit. Tie Exekutive hatte Samstag nachmittags den Auftrag erhalten, die Ruhe an der Universität zu schützen. Da aber die Ruhestörer sich der Protektion ihrer alten Herren in Amt und Würden erfreuen, so blieb cs bei dem. Auftrag. In der Universität stürmten die völkischen Camelots die Bibliothek und brüllten ihr: „Juden hinaus!" Die Bibliothek wurde gesperrt. Die Polizei schritt nicht ein. Auf der Straße sah sie peinlich auf Gesetzlichkeit. Sie duldete keine Ansammlung. Die Camelots blieben freilich, da sie auf der Straße dem polizeilichen Schutz nicht recht trauten, irr der Aula. Wie gesagt, die Polizei rührte sich nicht. Das Rektorat auch nicht. Seine Magnifizenz hat dem Senat von der Verfügung des Landeshauptmannes noch nicht Kenntnis geben können und so bleibt inzwischen der alte Zustand in Geltung. Denn der Rektor und die hinter den Radaustudenten steckenden Elemente sind für die Autorität, für die starke Hand und für die Ordnung, vor allem aber fürtdie Freiheit, die sie meinen und die ihr Herz erfüllt. Wir leben nicht in Paris, sondern in Wien, und die Fremden, die sich zu den Festwochen in Wien eingefunden haben, können in diesen Tagen mancherlei Sensation erleben und daheim einiges erzählen. Sie sind im Herzen des Sanierungsstaates auf ein öffentliches Gebäude gestoßen, das der Forschung und Lehre gewidmet ist, in Wirklichkeit aber r Holzkomment beherrscht wird. Sie hören, daß in diesen: Gebäude für die wissenschaftliche Arbeit so wenig Raum ist, daß man nicht alle Hörer ausbilden kann. Diese Hörer sirrd immer nur Juden. Was die Fremden aber nicht hören, ist, daß in diesem unter Raummangel leidenden Gebäude eine kleine Minorität Kanzleien und Zimmer nur für sich besitzt und daß ihr sogar ein Untergeschoß für Schießübungen eingeräumt ist,' was sie nicht hören, ist, daß diese Minorität unter Wissenschaft nur Schlagring und Gummiknüppel versteht und daß sie diese Wissenschaft gegen die Hörer. ausübt, für die Raummangels halber eine Sperre angestrebt wird. Aber die Fremden sehen, wie es ans der Straße zugeht, und sie merken, daß hier eine Berfügnllg des Landeshauptmannes besteht, die erst interpretiert werden muß: ob das, was in dem Haus geschieht, für ein paar Leute lebensgefährlich ist oder, nicht, und wann der Augenblick eintritt, wo sich Lebensgefahr im posizei- und bürgermeister-technischen Sinne ergibt. In diesem Sanierungsstaat ist es nämlich so: Der BunoeScanzler ist der Chef einer antisemitischen Partei undi er wacht, tvA er ja während der Wahlen öffentlich ausgeführt hat, darüber, daß das Gesetz nicht verletzt wird. Allerdings wendet sich das Parteiprogramm gegen den zersetzenden jüdischen Einfluß und demgemäß verspottet das Regie? rungsorgan die Verordnung des Landeshauptmannes mü der Bemerkung, daß die akademischen Behörden jeweilig wissen, was sie nach Pflicht und Amt zu tun haben. Und weiter sagt das Organ des Bundeskanzlers, es sei wohl kaum zu erwarten, daß sich die Polizei zu einem voreiligen Einschreiten verleiten lassen wird. Dieses „Verleiten" spricht allein schon eine ganze Bibliothek für sich. Wenn in der Universität Sturmjünglinge auf Wehrlose mit Latten und Eisenstöcken losgehen, so findet das Regiecungsorgan, daß es kaum zu erwarten sei, und so weiter. Denn die Wehrlosen sind doch Juden und sie gehören zum zersetzenden Einfluß, den zu bekämpfen das Programm der Partei gebietet, der der Bundeskanzler angehört, der über dem Gesetz wacht. Für einen Ausländer ist das Ganze unverständlich, aber nicht für einen Oesterreicher. Es ist ihm auch unverständlich daß in Oesterreich Gemeindeoorftände die Verfassung außer Kraft setzen und ihren Ort kür Juden sperren. Für eine,: Ausländer ist es unverständlich, daß der Landeshauptmann die Weisung an die Polizei erst dann erläßt, wenn Angehörige seiner Partei geprügelt und beleidigt werden. M?r da diese Angehörigen »och wieder nur Juden sind, so weiß die Polizei, wie sie fcen Erlaß zu lesen Hat, und sie achtel die akademische Freiheit. Das versteht man draußen nicht, nwhl aber hier. Augenzwinkernd sagen sich alle, es sind doch Juden, deren Schutz kaum zu erwarten ist. Die Pariser sind riMändige Leute. DLe halten sich an das Gesetz. Sr. Straucher - Serent der Sreruowiber Katt«,gemeinde. Cze rnowitz, 13. Juni. Das „Czernowitzer Morgen- Zlatt" meldet: Ms wir von authentischer Sette erfahren, veröffentlicht der „Mvnitorul" die Ernennung M Doktor \ Straucher zum Gereuten der KultusgMeinde Czerl lwwitz. Die lieber nalune der Gerentschast durch Doktor ' Straucher wird anfangs nächster Woche erfolgen. Ae 45. Session des BAkerbuudrates. sine Tagesordnung von ZV Punkten. — Ge nf, 13. Juni. Houl-e wurde unter dem Vorsitz des britischen Delegierten, Sir Austen Ch amkba rlat n, tote 45. Session des Volke vl nick rotes eröffnet, aus deren Tagesordnung MH er zirka 90 Punkte stehen, darunter dey Bericht der vorbereitenden Kommission über die Abr ü st.it n g s >k o it f c r c lt z, der Bericht der We l t w 1 r ts ch a s t S? o ,u sercnz, Fragen betreffend die Anstedlung >der griechischen, bulgarischen und armenischen FI it ch 1 l i n g e, Ma iid a t s f rag e n, sowie eine Anleihe der Stadt Danzig. Der Tagung des Rates, die diesmal,in einer sehr bewegten politischen Athnwisphärs erfolgt, wird durch eine jugoslawische Note präludiert, die im Zusammenhang mit dem durch die Vevhaft'U'N-g des Dragomans der jugoslawischen Gesandtschast in Tirana, Djuraskowic, neu entlsialmirten ju-goflawisch-aGanischen Konflikt dem VMerbundsokretapiat zugeNomuren ist. Die 9-ote teilt unter anderem mit, daß der Präsident der albanischen Republik den verhafteten Dolmetsch nur unter der Bedingun-g freigcben wollte, daß die jugoslawische Gesandtschaft in Tirana ewesWscho Ausdrücke einer früheren Note zur-üchziehe. Das jugoslawische Ministerium 'des Aeußern verlamgte eine bodingstngstlose Freilassung Djuraslk-owic, die nicht erfolgte, weslhal'b der jugoslawische Geschäftsträger am 4. Juni abends Tirana verließ. Die Note bringt zum.Schluß zum Ausdrucke, daß nach Meinung des jugoslawischen Auißenministeriums der Artikel 12 >des BMerbundpaktes keine Anwendung finde, weshaM auch der BMkerbunidvat van Jugoslawien nicht mit der Prüfung dieser Frage besaßt wurde. Sollte indessen der BMevbundrat der Meinung sei.n., daß mit Rücksicht auf andere Umstände der Zwischenfall ernsten Charakter haben könnte, so stohjo düo jltAsslaooischo Nv^äattmg für eins Prüfung und Erövl'M'umg des ganzM Problems, dküs dgosm ZwbschrmfM m'nschließt, zur Verfügung. Punkt 11 Uhr waren die Ratsmitglieder bereits vollzählig im Ratsaale versammelt und kurz daraus begann unter dem Vorsitz Chamberlains die geheime Sitzung, in der die Tagesordnung genehmigt wurde. Gegen 12 Uhr begann die Hsentliche Sitzung, im Ae iogojlawtsche Rote an de« Völkerbund. . der bereits bekannten Zusammensetzung des Rates. Neu ist diesmal nur der holländische Außenminister Beel a-o r t s. Der Bericht über KoMWrvm« des in/.iumchoiMllk RochtÄs, der vom polnischen Außcmniuister Zalesiki erstattet wurde, sicht dic Einbernsu-ng einer Konferenz vor, die indessen aus Befürwortung Scialojais nicht direkt vom VMerbundrat, sondern von der ■ niederländischen Regierung cinborusen werden soll. Nach Erledigung weiterer formeller Angele ge nhe-it«s kam der Antrag Chamberlains aus BArtznindtzrungen der Ratstayungen z^r Btztzarung, der aber vertagt wurde. Argentinien tritt dem Völkerbund wieder bei? Paris, 13. Jum, Söajtz s»n«r Nalimim dar „Paivis k RompS" aus Butziros Aires, kvurde dort offtyM bak^mrt« tzjrMben, daß die ar^ml/mijsche Wj'Jmmt li.ischlosson habe, wieder ito den Bölkeirbund einzutreton. ArgidiSntlur wr.ttv sich bei dar nächsten, im September statt findilmd/Aa TaMmig drö VölkorbwndckZ durch sehnen Außonrninilstor vrrlwten.lassen. Ae Konferenz Strefemann—Briand. Gens, 13. Juni. Außenminister Briand stattete heute um 5 Uhr nachmittags D r. Strefemann einen längeren Besuch ab. Die Aussprache bezog sich nicht nur aus Fragen, die im Vordergrund des ge>meinsamen dcutsch4ranzö-sischen Interesses stehen, sondern auch aus die Mgemeinen weltpolitischen Probleme des gegenwärtigen Zeitpunktes. Die Aussprache wivd der Fortsetzung -bedürfen, die in Form ähnlicher Besprechungen Ml Lause der gegenwärtigen Tagung erfolgen wird. Anschließend an die Aussprache mit dem französischen Außenminister bkgab sich Dr. Strefemann zu Sir Austen Chamberlain, um eine ergänzende Besprechung der angedeutcten Fragen mit ihm zu haben; diese dauerte ebenfalls etwa eine halbe Stunde. Staattclsakretär v. Schubert hatte mit Band'erde! de eine längere Uttteredung, die sich wie man glaubt, aus die Räumung des 3cheInlands bezog. Leon Landet verhaftet „Er will keine» Bürgerkrieg." Paris, 13. Juni. Leon Daudet, der Führer der sianzösischen Monarchisten, ist heute früh 7 Uhr 30 Minuten verhaftet worden. Daudet hat wegen Verleumdung eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten Gefängnis abzubüßen mid war bereits vor einigen. Tagen anfgefordert worden, sie anzutreten. l§r weigerte sich jedoch und verbarrikadierte sich in der Redaktion des von ihm herausgbgebenen Blattes. Seine politischen Anhänger und Frerrnde bewachtet: ihn hier und es gab fortwährend zwischen ihnen Und der Wache Zusammenstöße, überdies eine Reiho yon DemonstrationeE Der Präfekt entschloß sich daher, den Vorgängen unmittelbar ein Ende zu bereiten. Eine große Zahl von Pvkizeitruppen -Und republikanischer Garde M Pferd wurde heute zeitlich früh zusanrmengezogen. Mch ein Zug der Feuerwehr wurde tnobilisiert, der mit Leitern und zwei Feuerspritzen vor den: HWs der ,Mption Francaife" vorfuhr, an dessen Poren die Camelyts du Roi Wache hielten. Der Polizeipräsekt hielt an Leon Daudet eine!A!nsprache, in der er ihn aufforderte, sjchi zr: ergeben, Er machte ihr: darauf aufmerksam, daß jeder Widerstand Blutvergießen verursachen würde. Leon Tmv» det antwortete, er wolle keinen Bürgerkrieg. Mit dein Ruf „Es lebe Frankreich!" gab er der: Camelots du Roi dm: Befehl, sich zu entfernen. Hierauf bestiegen er und der .Administrator der „Action Francaife", Dielest, den Wagen des Präfektm, in dem sie zur Polizei gebracht wurden. Heute vormittags wurden fünf der am Samstag bei derk Zusammenstößen vor der „Action francaife" verhafteten Mämfestanten, teils wegen Widerstandes gegen die Polizeibehörden, teils wegen verbotenen Waffentragenis verurteilt. Die Strafen lauteten durchwegs auf 14 Tage Gefängnis und 25 bis 50 Francs Geldstrafe. Der: meisten Verurteilten wurde Strafaufschub gewährt. KUJB RADIKALER ZIONISTEN. Morgen Mittwoch, 15. Juni 1927, am halb 9 Uhr abends, im Cafd Atlashof, Aspernplatz (Klublokal) Klubversammlung Tagesordnung: Die Krise in Palästina Wege zu ihrer Lösung* Referent: Willi Goldschmied (Palästina) freie Aussprache Gfiste willkommen 6lne bemerkenswerte Nachwahl in Frankreich. Paris, 13. Juni. Im Departement Aube fand gestern der zweite Wahlgang einer Nachwahl in die Kam- -mer statt, bei dem der kommunistische Kandidat und und der Kandidat der vereinigten Rechtsparteien für die Stichwahl einander gcgenüberstanden. Da die Radikalsozialisten und die Radikalen den Kandidaten der der einigten Rechten uu terstü tzten, so wurde er mit 28.000 Stimmen gewählt, während der kovnmuuistische KaMdat, der von den Sozialdemokraten untere stützt wurde, nur 26.000 Stimmen erhielt. Der Zionistische Provinzdelegierteu lag in Graz. Der Grazer Probinzdelegiertentag der östcc Zionisten, über dessen Verlauf wir in unserer Sonntags¬ und Myntagsausgabe berichtet haben, hat am Sonntag um 8 Uhr abends seine Beratungen beendet. Rachstehend die wichtigsten Beschlüsse dieser Tagung: Es wurde mn Ksviyu/istiiifM'k r PrWvin/zvierband Oestorreichs gebildet und zu dessen Leitern wurden die Herren Dr. So-nuenwald und Karl Schwarz (beide Graz) gervählt. In bezug auf die innerpolitische Betätigung wurde auch weüechin die Eroberung der Kultus gemeinden als einer der wichtigsten Programmpunkte der Innenpolitik erklärt. Die innerpolitische Betätigung in der Provinz^ soll womöglich im Einvernehmen Mit denlKultusgemeinden, bzw. dem GeMeindebunderfolgen. Die zionistische Landesorganisation wirb aufgefordert, mit ganzer Kraft dahin zu wirken, daß die auöschliiaßWch Vvusessionelle Richtung innevhalb der Kultusgemetnden aufhöre und die Gemeinde in gleicher WM die Repräsentanz der religiösen, politischen und kulturellen Interessen der Juden werde. Den in die Kultusgemeindevertretungen entsendete» zionistischen Mandataren wird ausgetragku, nach Möglichkeit für die Einfügung des zionistischen Programmes in den Rahmen der geltenden statutarischere Bestimmungen zu sorgen, um nicht nur die religiösen, sondern auch die nationalen Bedürfnisse der Gemetndeange hörigen zubefriedigen. Eine weitere Resolution lautet: „Infolge der 6* stehenden Wahlordnung für die Wahlen in den Nation atrat ist den Juden speziell der Provinz die Möglichkeit einer parlamentarischen Vertretung genommen. Wir > fordern daher die Wiedererrichtung eines gemeinschaftiichon Wahlkreises." Ms Vertreter der Forche, des Ker,n H'ajessod und Keren Kajemeth, hielten die Herren Dr. Golder und Dr. Dartakowor «ingchmde Restmte,

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