Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2977 (12.6.1927)
- Date
- 1927-06-12
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seide 1 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitnng 12. Jmtt 1927 Nr. 2829 ‘Pen Qeo 'Cfiffotd. « „Hallo, Jungens, heute gibt es ein Meeting!" Der kleine Stone Lonnto kaum reden vor Lachen. ,Z>enkt euch: Baker kommt, der dicke Baker mit dem sagenhaften Lügenmaul! Der dicke Baker, der den Büffel mit den bloßen.Händen gefangen hat . . Diese Reminiszenz ,gonü>gte, um einen Sturm hemmungslofester Heiterkeit zu erwecken. Sie standen und saßen alle vor dem Holzgittcvwerk, hinter dem die Boxes der Pferde begannen. Saßen und standen uinher, sprachen von dem un-d jenem und schätzten ab, wieviel Stuck Rindvieh der Besitzer der Ranch nunmehr verkaufen iverde, nachdem er heute morgens von einer heißen Pokcrpartie bleich und verstört heimgekommen war. Es war nicht zum erstenmal geschehen, und die braven Jungens empfanden es jedesmal wie einen persönlichen AUron-t, wenn nach einer verlustreichen Nacht am Pokertisch ganze Herden zur Bahn wandertcn ... Aber alle Mutmaßungen und frommen Wünsche für den Besitzer der Ranch, die in sinnreicher Weise darauf hinausliefen, ihm das Pokerspielen durch ein paar gediegene Knochenbrüche in den nächsten Wochen unmöglich zu machen, verstioben vor der Wucht des Scherzwortes: Baker, der den Büffel mit den bloßen Händen gefangen hat ... Sie kannten ihn alle, . den rundlichen, untersetzten Burschen von der Farm da drüben jenseits der Schlucht, kannten seine unerhörte Frechheit, Lügen aufzutischen, und verdankten seinem dicken Latein manche fröhliche Stunde. Aber seit vier Wochen war er nicht mehr in die Nähe des Gehöftes gekommen. Genau seit vier Wochen; seit dieser Zeit war nämlich Lobby Tyndal auf der Ranch, der angeblich eibenisogut lugen konnte. Er hatte Beweise geliefert . . . Und seither mied der Lügenkönig die Ranch; er wollte sich offenbar keinem Vergleich aussetzen. Oder er war darüber beleidigt, daß jetzt ein anderer den Ruhm genoß, am besten lügen zu können. Denn lügen.ist nicht schwer. Aber so zu lügen, daß keiner der Zuhörer den Beweis für die Unwahrheit erbringen kann — das ist eine Wissenschaft, in der man es zu etwas bringen kann, wenn man Wochen- und monatelang nichts anderes zu sehen bekommt als riesige Steppen, waldige Höhen, Boxes, langgestreckte Holzgebäude und ein paar Kameraden, die gleichfalls Fellhosen anhaben, ihr Pferd für das beste der Ranch etffärm.imb in Stunden der Muße rein akademisch Martern ersinnen, die sie dem Erfinder des Moholverbotes in den Staaten zudcnken... Also Baker wollte sich wieder einmal sehen lassen: Einem Jungen hatte er es zugerufen, daß er aus eine kleine Abendunterhaltung herübersehen wolle . . . „Abendunterhaltung" — das war eine tzeraussorderrmg für Lobby Tyndal, bei Gott. . . In der Einsamkeit dieser schlummernden Weiten zeitigt der Ehrgeiz manchesmal absonderliche Blüten. Heute abends würde es keine Konkurrenz im Lassowerfen s in ® m i 0 0 n n 0 ® 0 @ 0 0 0 0 0 3 3 0 0 3 gl sJ m\ Die bestem «ler s 0 Jleuevsctkeimun&en jl L3 modernen Siteraiuri 0 13 stets vorrätig BBflBBBBBBBBBBBBBafliflflBBBBBflBBBflBBI FELIX SALTEN, Martin Overbeck, geb. . S 8.50 ROMAIN ROLLAND, Mutter und Sohn, geb. » 13.50 HEINRICH MANN, Mutter Marie, geb.. . » 9.60 ARTHUR SCHNITZLER, Spiel im Morgengrauen, geb.» 9.90 JEAN CASSOU, Schloß Esterhäzy, geb. . » 7.50 SOMERSET MAUGHAM, Der Besessene, geb. » 10.— GUSTAV MEYRINK, Der Engel vom westlichen Fenster, geb.» 15.30 JACK LONDON. Jerry, geb.» 8.00 LEO SLEZAK, Der Wortbruch, geb....» 12.00 STEFAN ZWEIG, Verwirrung der Gefühle, geb.12.00 BBBBBBBBBBBflBBBBaBBagBBBBBBBBBBflBI bei <3$^cfiJkcivi*8f’8arag (ft. £&wptt. Wien, 1. 0 0 s L0 0 0 0 0 0 0 0 0 (3 1 [7 oder Hind'ernisveiten geben, sondern einen Wettkampf im Stadion der Phantasie... Sie freuten sich alle, die Burschen, wio die kleinen Kinder. Das war einmal ein Festtag, von dem man sicher noch Monate lang auf der Ranch reden würde... „. . . Mer der Zug mußte aufgehalten werden, daran war nicht zu rütteln. Was tun? Da siel uns ein, daß vor Jahren auf der Hauptstrecke ein Flyer entgleist war, weil durch einen Blitzschlag etliche Rinder gefallen waren und das Geleise verlegt hatten. Nun, was damals pasiiert war, konnten wir ja auch mal künstlich Hervorrufen. Der Alte schimpfte zwar, weil ihm um jedes Stück Vieh leid tat, aber wir redeten ihm tüchtig zu, und da gab er denn nach. Siebzehn Stück taten wir ab und schleiften sie auf das Geleise. Dann warteten wir. Durch diesen Berg von Fleisch hätte sich nicht einmal der Südnordexpreß durchgepflügt . . Eine bleierne Pause trat ein, als Lobby Tyndal geendet hatte und mit unbeweglichem Gesicht verharrte... Jetzt galt es, ihn ,^ur Strecke zu bringen", ihm zu beweisen, daß alles erlogen war. Head war der Erste, der ihn mattzusetzen glaubte. „Wann soll das gewesen sein?" fragte er und kniff ein Auge zu. „Ich kann mach nicht erinnern, von dieser Elsenbahnkatastrophe was gehört zu haben . . ." „Wohl, kannst auch nichts gehört haben," meinte Tyndal seelenruhig. „Denn der Zug war etwa zwölf Meilen ostwärts entgleist und kam an diesem Abend gar nicht mehr. Und am nächsten Morgen schafften wir die Kadaver weg, weil der Vorsprung von zwölf Stunden ja ohnss unser Dazutun gewonnen war." Das war fein einge.südelt, alle Achtung. Dem Jungen war nicht beizukommen. Sie saßen alle und bemühten sich, möglichst harmlos dreinzuschen und nicht zu verraten, was sie dächten, denn daß hier eine bodenlose Aufschneidcrei vorlag, war ihnen allen klar; und scheinbar daran glauben und für naiv gelten wollte keiner. „Kalkuliere, daß nicht alle von der Wahrheit deiner Worte überzeugt sind," nahm jetzt der dicke Baker dciff Wort und streckte sich behaglich. „Sie sehen mir nicht darnach aus. Aber ich glaube dir. Denn unsereins, wir. Leutchen von der alten Zeit, wissen, was alles Vorkommen kann, und sind nicht so rasch bei der Hand mit dem Geschrei ,Lüge!' wie irgendein Greenhorn. . ." Wie sein er 'das .einleitete, der HallunD! Der Hieb sah und alle empfanden ihn wie eine persönliche Beleidigung. Warte, Baker, komm uns mit irgendeiner Lüge! Dir wollen wir den Weg nach Hause illuminieren . . . „Unsereiner hat manches mitgemacht," begann Baker wieder mit der Miene eines Säuglings. „Wenn ich so zurückdenke an die Zeit, da ich noch in den Bergen . . . da drüben in Wyoming war; da ist mir einmal auch so eine sonderbare Sache Passiert ..." Er betrachtete seine kurze Pfeife mit großem Interesse und alle anderen rückten auf ihren Plätzen umher. Jetzt kam sicher der Clou des Abends . . . „Ich hatte mein. Haus hübsch hoch oben an einer waldigen Lehne. Reichlich hoch über dem See. Die Gegend war wenig begangen, kein Wunder, daß sich allerhand Getier bis in die nächste Nähe der Ansiedlungen wagte. Da stand ich eines schönen Juli-Vormittags im Walde, gar nicht weit vom Mockhaus, und suchte mir Beeren. Es gelüftete mich nach etwas derartigem, denn die viele Fleischkost nebst den Konserven hatte ich reichlich über. Das war auch weiter kein Kunststück, denn der Wald war voll furchtüberladener Stväucher. Plötzlich — halbvoll dürste mein Kübel schon gewesen sein und ich freute mich aus den Genuß höre ich hinter mir eine Art Schnauben — ich blicke hin und weiß: jetzt kann es Knochensplitter geben! Denn da stand eine Bärin mit zwei Jungen, hob sich plötzlich auf die Hinterfüße, geradewegs aus mich zu. Ich reiße den Revolver heraus, drücke los — und habe Pech! Denn ich treffe statt der Bärin, diie gerade eine regelrechte Volte machte, das eine Junge und bemerke, wie es stürzt, daß es gerade vor dom andern Jungen gestanden hatte. So habe ich bas andere ebenfalls getroffen; da lagen sie beide. . „Der .Schuß deines Revolvers ist den: jungen Bären durch und durch gegangen?" In Stones Stimme vibrierte etwas mit, man konnte nicht unterscheiden, war es maßlose Empörung über die Frechheit, den Jungensl solche Märchen zu erzählen, oder war es ein beginnendes, zwerchfellerschütterndes Gelächter. „Ich hatte immer Patronen mit verstärktem Stahlmantel in der Trommel," erklärte Baker mit einer ,Ün- I schuldsmiene, als wollte er zur Einsegnung gche« . „Na ccho, ich sah: diese famose DuMtte, die ich.da^ge-? schossen hatte, konnte mein Tod sein. Denn einer Bärin so ohne jede Förmlichkeit beide Kinder vor der Nase wegzuknallen, das mußte bei ihr böses Blut machen. Und machte cs auch. Im nächsten Augenblick war sie hinter mir her. Ich auf einem halbhohen Baum oben. Das Vieh klettert mir nach wie ein Asse. Ich springe zu einem andern Baum über. Das Dich hinter mir her. So turnten wir längere Zeit durch den Wald, immer. ein paar Fuß über dem Boden. Da nahm ich mir einen richtigen Schwung und sauste los — geradewegs vom Baum weg aus die freie Halde hinaus. Ich glaubte, die Bärin würde sich da weniger leicht tun, auf dem Steingeröll. Aber das Satansvich sprang auch von Etage zv Etage wie ein gelernter Goldgräber ... so ging das fort . . . Jungens, ich sage euch, es war ein inoffizielles Rennen um den Lebenspreis. Ich immer Erster seit dem Start, die Bärin knapp 5* «vite hinter mir . : . einmal Überschlag sich das Tier, fiel kopfüber hinab und kollerte an mir vorbei, der ich mich kaum an einem Felsbrvcke» festhatten konnte. Im Vorbei rutschen haschte das Satansvieh noch nach mir. Aber ich stieß ihr mit dem Fuße, weil ich doch die Hände zum Festhalten brauchte, in die Achselhöhle, und, weiß Gott, war das Tier an dieser Stelle besonders empfindlich, kurz, es ließ locker und rollte weiter. Da ließ auch ich los und schlug einen riesigen Haken durch den Wald und strebte der drübeven Lichtung , zu. Da ging es nämlich steil .hinunter zmn Devils-Lake. Das wußte ich und daraus baute ich meinen Plan . . . Richtig, wir kommen fast gleichzeitig beim See an und ich sause auch schon mit dem Aufgebotmeiner letzten Kräfte hinaus ans die spiegelglatte Fläche. Das Eis trug mich famos, denn es war grimmig halt, wie teil vielen Jahren int Dezember nicht mehr. Und ich hatte richtig kalkuliert. Die Bärin saust Mir nach, ich wende rasch nach links, sie will nach, stürzt, Überschläge sich und rutscht unaufhaltsam weiter, so viel Schwung hatte das Biest. Da hatte ich die Möglichkeit, meinen Re- -'volver wieder zu ziehen; und da kriegte sie dann den Schuß. Sie war sofort tot : . ." Da knallte Lobby Tyndal auf den Tisch, daß es dröhnte. „Weißt Lu, cld boy, lügen ist ja recht schön. Mer so dick...: Oben hast du Beeren gepflückt und' unten, war der See zugefroren, weil Dezember war?" Totenstille. Sie saßen alle wie angemauert> aber Baker lächelte milde. „Gewiß, mein Junge. Oben war es IM. Und unten Dezember. Denn bas verdammte Biest von einer Bärinhat mich geschlagene sechs Monate vor sich her gejagt., " ... Der dicke Baker behielt den Ehrentitel „Der Meisterlügner".; (Autorisierte liebe.-sttzu.ilg von Dr. Fritz Zores.) : WIR bitten unsere Leser u. Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants, Kaffeehäusern und Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen vMMÄM Är „Wiener ®ar?enzeitung“: Monatlich Wie» und Oesterreich .......... . 9 5 — Tschechoslowakische Republik. .......... K£ 22*— Jugoslawien ........... Dinar 60?— Holen........ . . . . . . . Zloty 6»— Deutschland.. ...t. Goldmark 4*— Frankreich, Belgien . .. . *,*i. ..Fks. 3£— Italien -f-. . . .tbe 20*— Rumänien ............. . . ... Lei 17V*— Bulgarien .. » . Lewa 100*— Amerika ... Dollar t*— Schweiz und das übrige Ausland . . . . . Franken S>— Oesterr. Postsoarkassenkonto 150.693*