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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-12 · Heft 2977 (12.6.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2977 (12.6.1927)
Date
1927-06-12
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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, l-« ..'rtr*•■«/*'*?<.>i.-,1 •" «'»; . y's?! -;W'T'!v^:‘ . ^xt—^^yT^rww^IspsPi®1IS^53frr Nr. SR-7 Wien, Sonntag Wiener M-rgenzeitnng 12. Juni 1927 Seite 9 LITERATORBEIIAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG- Tagebuch eines jüdische« Müder. Edmond Fleg: „Der kleine Prophet". Aus dem Französischen von Mimi Zuckerkands. R. Piper n. Co., Verlag, München. Der kleine Claude Levy wird von einem geistlichen Herrn freundlich migcsprochen. Die Bonne sagt: „Cr ist ein kleiner Jude, Herr Pfarrer." — „Schade!" meint der gütige Herr und geht. Nun fragt sich der kleine Clcnlde: „Was ist das, ein kleiner Jude?" So fängt die Geschichte an, so fängt sie immer an. Längst erforschte Keimzelle der Krankheit „westliches Judenleid." Der oftjüdische „kranke Knabe" des Dichters Perez mutz sich nicht mit seinem Judentum abquälen. Der sehnt sich nach dem Mädchen mit den flarnmrotcn Haaren, das er in der Schustevgasse sah. Zweifellos ist die typisch westsüdische Krankheitserscheinung, beginnend mit dem Angstfieber: Ich gehöre einer Volks- und Religionsgemeinschaft an, von der man im Elternhause nichts Witzen will, von der Papa und Mama nur selten und sehr scheu sprechen (und ihr Gespräch von den „Israeliten" bricht sofort ab, so Ivie auch nur ein Dienstbote ins Zimmer tritt) — zweifellos ist diese Epidemie unter-den westjüdischen Kindern und Halbwüchsigcn seit dem Erscheinen von Herzls „Judenstaat" sehr stark zurückgogangen. Das Krankheitsbild hat sich gewandelt. Die neue Generation im Westen kriegt jetzt gemeiniglich das Bekenntnis zur jüdischen Gemeinschaft wieder in die Wiege, wcitz aber, iDeim sic zu denken beginnt, mit dem bloßen „Bekenntnis" nicht viel anzufangen. Man hatte von den assimilierten Vätern und Müttern nichts geerbt, was zu festigen, zu mehren wäre. Und alle Fäden, welche die Verbindung mit der jüdischen Vergangenheit herzustellen hätten, sind durch eine grausame Entwicklung und durch die Schuld der Väter längst abgerissen worden. Jude werden ist nicht schwer, Jude sein hingegen sehr. Zeitgemäß wäre eine Dichtung, welche dies e Not, diesen Zwiespalt der jüdischen Jugend behandelt. Aber dieser Kinderroman, im Problematischen Wohl überholt, ist doch eine sehr zarte, dankenswerte Schöpfung. Claude hat eine Spielgefährtin, die streng katholisch erzogen wird. Sohr fein, wie Mariette errät, daß ihr geliebter Kamerad ein Jude ist, also sehr bedauernswert ist. Wie sic ihm plötzlich beim Spiel den bevorzugten Part einräumt: „Nun, Herr Kutscher, Sie steigen nicht auf Ihren' Bock? Heute bin i ch das Pferd, wissen Sie?" ... Und wie Mariette, ohne die heikle Angelegenheit zu erörtern, den jüdischen Knaben tröstet: „Weißt du, wenn wir groß sind, will ich deine Frau lverden. Du bist zu unglücklich!" — Das Liebesverhältnis der beiden Kinder ist als große Passion mit nicht gewöhnlicher Kunst und sehr ergreifend geschildert. Gut gesehene Gestalten: der unmögliche Religionslehrer, den aber Claude nicht lviedcr erkennt, wenn er ihm einmal begegnet, gewandelt durch das heilige Glück der Sabbaihfreudc; der salbungsvolle, oberflächliche Reformrabbiner, der sich stets die Hände reibt „als ob er sie lvüsche" und ein gewisses Lächeln hat, das „Papa-Lächeln"; der palästinensische Mitschüler, die Knaben vom Pfadfinderbund. Sehr bezeichnend, wie den nervösen, daheim völlig unverstandenen, von den wohlhabenden, luxuriös lebenden Eltern in peinvollster Einsamkeit belassenen Judenknaben der Ehrgeiz kitzelt:,.Erster in Frwlzösisch,Erster inLatein— das genügt mir nicht mehr! Ich will alle Diplome, alle Bänder, alle Sterne haben! Ich werde der beste Schütze, der beste Signalgeber, der Beste in der Rettungsmannschaft sein! Ich werde Frankreichs erster Pfadfinder sein!" Erschütternd traurig die Altklugheit, die ihn befähigt, sich selbst zu beobachten und den Unterschied zwischen seiner Denkungsart und der eines christlichen Kameraden erschreckend deutlich zu kennzeichnen: . Er weiß nicht, ob er etwas eurpfiädet oder nicht. Und ich weiß, was ich empfinde, noch bevor i-ch es empfinde..." Was wird aus Claude Levy werden? Ein Führer des jüdischen Volkes? Ein Reformator der jüdischen Religion? Ein Judemnissionär? — Ein großer Erfolgsmensch, ein Zeitungskönig, Bankier, Politiker? — Oder verschwindet er frühzeitig in "einer Nervenheilanstalt, der kleine Prophet? Ich weiß es nicht, und Claude Levys Eltern ficht es nicht an. Oh, die Aufzeichnungen des kleinen Claude sind cjne Anklage gegen sie... O t t o A b e l e s. Moderne Klalsik. Wem der Propyläen-Vcrlag (Berlin) sich auftut — mit seinem herrlichen Goethe, Schiller, Hölderlin, feinen Griechen und Römern —, der ist wohl ausgenommen in das Schrifttum der Zetten. Und es bedeutet gewiß Hellsicht in die Zukunft, wenn jetzt Bert Brechts Werk in den Bezirk der Klassik verpflanzt lvtrd. Zwei seiner Dramen, „Im Dickicht der Städte" und „Mann ist Man n", nebst seiner ,„H a u s p o st i l l e" eröffnen es dort. Vielleicht ist kein Zweiter so berechtigt wie Brecht, als Dichter unseres Heute angesprochen zu lverden. Arnold Bronnen, in vielem liebenswerter als er, mehr von Herz durchsetzt, mehr von Phantastik erfüllt, ist vielleicht gerade darum lveniger Typus der Zeit; er ist noch Romantiker. Mer Brecht ist ganz von Gemüt befreit; wo es auftritt, hat es männlich« Härte, zynische Ironie, blasphemisches Lächeln. Nachdem er im „B a a l" noch gottnah gcloesen ist, Wirklichkeit zu Dichtung sublimierte, ist er in diesen drei großartigen Bänden nur noch Tat, Stoff, Sein: „Dichtung" gäbe hier eine falsche Vorstellung. Alle Tradition ist verlassen, aber hier beginnt eine neue Tradition. Tausend Schreiber dieses Jahrzehnts werden vergessen sein, wenn Brecht noch in den Schränken stehen wird, immer wieder gelesen, gespielt, geliebt. Seine Zstt: geliebt zu lverden, wird erst kommen. Er lebt heut nur für wenige und wird später vielen lebelr. Verstanden werden: kläglicher Zustand. Da sein, Sendung haben, sich gesetzt fühlen: höheres Glück. Ich bin gewiß: Brecht fühlt das höchste. Er darf! K. M. Tschechische Lyrik. Nun beginnen die dichterischen Produkt« auch der mittleren Völker dem allgemeinen Interesse näherzurücken, vor allem die Poesie der Tschechen nach ihrer nationalen Befreiung. Die Dramatiker sind auf diesem Wege vorangegangen. Rudolf Fuchs hat sich um die Verbreitung tschechischer Lyrik große Verdienste erworben. Er hat die stärksten. lyrischen Dichter übersetzt und unter dem Titel „Ein Erntenkranz aus hundert Jahren tschechischer Dichtung" im Kurl- Wolf s--Verlag, München, herausgegeben. Was zunächst auffällt, ist die Tatsache, daß die großen Dichter vom Land kommen, dort ihren geistigen Nährboden findend — in der Primitivität der Seelen und in der Einfalt der Natur. Erdens Naturreligion, Nerudas Weltleid, Sovas Wcltverlorenheit, Bezrucs soziale Kraft, Brezinas milde Ekstase werden 'bei aller Uebersetzungsproblematik in deutscher Sprache zu neuem, Leben erweckt. Besonders hinge-wicsen werden soll auf die Spezialausgabe der Gedichte des Schlesiers Petr Bezruc: „Lieder eines schlesischen Bergmanns", ebenfalls im Kurt-Wolff--Verlag, München, in der Serie „Neue Dichtungen" erschienen. Vor fast einem Vierteljahrhundert sind die „Slezske pisue" (Schlesische Lieder) als Gedichte eines Namenlosen, der sich Bezruc, d. h. Ohnehand, nennt, in Buchform erschienen, seither vertont, rezitiert, gepriesen, bewundert worden und heute vom einfachen Volk, das sein-Herz darin findet, geliebt. Vieles dieser tschechischen Lyrik wird in die -Weltliteratur cingehen. o. r. Die Duden Wiens EINE STATISTISCHE STUDIE VON DR. LEO GO LDH AMMER DIE GEGENWÄRTIGE SITUATION DER JUDENGEMEINDE WIEN UND IHRE ZUKUNFT ERÖFFNET DIESE. WRT- VOLLE BROSCHÜRE, DIE fGr Jܬ DISCH - POLITISCHE KREISE VON GROSSER BEDEUTUNG IST PREIS SOHILL ING 4-60 Dl« 1001 Nacht des Insel-Verlages. Die neue vollständige deutsche Ausgabe der „Erzählungen'aus den tausendundein Nächten" erscheint nach einer Ankiindigung des Insel-Verlages, Leipzig, um einen weiteren, den ö. Band, gefördert. Band 6 soll im. nächsten Jahr folgen und die Ausgabe avschlietzen. R. LOWIT VERLAG, WIEN i., fleischmarkt i ROTENTURMSTR. 22 VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. JustuS Gier: „Das alte Nürnberg in Anlage und Aufbau". Verlag Ernst Fromme u. Sohn, Nürnberg. Im Sinne des Zusammenwirkens aller im Laufe der Zeiten hinzugekommenen architektonischen Teile zu erner organischen Ganzheit bildet die Nürnberger Altstadt crn Kunstwerk des Städtebaues. Das, was die Stadt in ihrer heutigen Erscheinung darstellt, findet sein Bild tu dem angeführten von Justus Bier verfaßten und mit 80 Abbildungen versehenen Buch. Verwendet wurde nur das sinnlich Gegebene, nicht das Resultat aus der Geschichte gewonnener Erkenntnisse. Die begleitenden Erläuterungen bilden eine. Brücke zwischen der historischen Einleitung und den Photographien und vermögen durch ihre beschreibende Art den Leser zu städtebaulichem Sehen anzuleiten. or. Oberrabbincr D-r. Adolf Altmann, Trier: „Jüdische Welt- und Lebensperspekti-ven". (Abhandlungen über alte und neue Judentumsfragen. Verlag C. Angerm-aher, A. Alkalah u. Sohn Nachf., Preßburg.) Es gehört zur Zäunst des jüdischen geistigen Führers, gerade bei neu austauchendcn Problemen, die durch geistige Berührung mit der Umwelt erstehen, die konstante Gültigkeit des jüdischen Weltsystems durck) inmier tieferes Eindringen rn das Wesen des Judentums zu erfassen und in die Blickrichtung ferner Geführten zu stellen. Der Verfasser des vorliegenden Werkes behandelt in dieser Weise jüdische Probleme, und z-nmr solche, die auch im Mittelpunkt der jüdischen Geistigkeit von heute stehen, rein philosophische, kulturphilosoph-ische und jüdisch-politische Fragen. Hervorzuheben ist dre wissenschaftliche Gründlichkeit und mutige Konsequenz des Denkens, die sich in origineller und reizvoller Weife mit einem unbeirrbar klaren und intuitiv umfassenden jüdischen Blick — wie beispielsweise in»„Elia" — verbindet. Eine reine, unverfälschte jüdische Denkweise, wie in „Gut und Böse", gibt denr wissenschaftlichen Streben und Wägen feste Rrchlung. Durch das ganze Werk zieht sich dadurch eine Lime geistiger Einheit. Mit so manchem Gedanken, mit mancher „Perspektive." wird sich der Leser ernstlich ausernandersetzen müssen. Daß überlieferte Judentum hat. hier einen in seinen Bann zwingenden, starkgeistrgen Anwalt erhalten, das Parteiwesen hingegen in allen Lagern einen unckusweichbar scharfen Meisterer. Einen Höhepunkt origineller philosophischer Geschichtsauffassung stellt die Abhandlung „Die Epochen des Niedergangs und die Genien des Aufstiegs in der jüdischen Geschichte" dar. Besonders anzuerkennen sind die mutigen Bekenntnisse, z. B. rn „Energienlehre und Judentum", und überzeugungs-wüchtigen Wegweisungen betreffs der politischen Fragen, wie z. B. in „Gestalten und Probleme" und die neue GestchtspunWe eröffnende Arbeit „Minorität und Majorität". S. H. Dramen fürs Radio. Die italienische Zeitschrift ,,L' Jllustratione Centrale" hat eine Konkurrenz für ein „Radiodrama" ausgeschrieben- Der erste Preis beträgt 2500 -Lite. Die cingelaufenen Dramen werden durch die italienischen Radiostationen verbreitet und die Radioabonnenten sollen durch Abstimmung die Auswahl der mit Preisen zu bedenkenden Stücke treffen. Eine akademische Ausgabe der Werk« von Mendel« Mochev-Sforlm. In einer gemeinsamen Konferenz der Minsker jüdischen Abteilung des rveißrussifchcn Kultuvamtes und der Kieiver Abteilung für jüdische Kultur in der allukrainischen Akademie der Wissenschaften würde u. a. beschlossen, daß die beiden Institute gemeinsam eine akademische Ausgabe der Werke des ...Großvaters der jüdischen Literatur", des berühmten Mendele Mochcr-Sforim vorvereiten. Der erste Band dieser Ausgabe, die sorgfältig textkritisch behandelt sein soll, wird bereits im Laufe des Jahres 1928 erscheinen. Eine wohlfeile Ansg^ der „Weber". Zum „Wever"-- Film, der jetzt in Deutschland seine Uraufführung erlebt hat, läßt der Verlag S. Fischer eine wohlfeile BuchauZigabe! Gerhart Hauptmanns „Die Weber" erscheinen. MitsouS Erfolg. Der von uns bereits angekündigte Roman „M i t s o u" der Colette (einen: Pseudonym, unter denr sich eine Dame der Pariser Gesellschaft verbirgt) hatte gleich bei seinem Erscheinen so großen Erfolg, daß der Verlag Paul Zsolnah bereits das 11. bis 20. Tauserrd vorbereitet. Jakob Hegner tn Heklerau, Deutschlands bester Drucker und verantwortungsvollster Verleger, brachte Ende Mai in einer Fraktur von 1650 gedruckt, einen neuen Roman von Friedrich S ch n o cf „Beatus und Sabine". „Wald und Wild", ein neues großes Tierbuch von Paul V e t *■ "' mit über 200 Ticfdrnckbildern nach Natur- '' '-laichen Zeichnungen und 16 Farbtafeln nach Wilhelm Kuhnert, bereitet der Verlag Orell . vor. BÜCHEREINLAUF. Edmond Fleg: Der kleine Prophet. Verlag R. Piper L So.« Akünchen. Wolsgang Hein«: Die Buchhändler- und Druckerprvzesfe vor dem Reichsgericht. Verlag Dr. -Walther Rothschild, Berlin- Grunewald. Alfred Polgar: SÄchp^^-Lii. Verlag Ernst Rowohlt, Berlin. Jmre Revesz: Walther Rathenau und sein wirtschaftliche- Werk. Verlag Carl Reißner, Dresden. Rafael Sabatini: Der Seehabicht (ein Pi rate uro man). Verlag Grethlein & Co., Leipzig. .... Max Thälmann: Der Dom (10 Holzschnitte). Verlag Engen Diederichs, Jena. Max Thalmannr Amerika im Holzschnitt. Verlag Engen Diederichs, Jena. Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. (Herausgeber Dr. Heinrich Meng und Univ.-Pros. Dr. Ernst Schneider.) Sonderheft: Sexuelle Aufklärung. Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Men, 7.,

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