Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-06-12 · Heft 2977 (12.6.1927) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2977 (12.6.1927)
Date
1927-06-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982065--30325-3018537
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2977 Men, Sonntag Wiener Morgenzettnng rs. Juni 1927 Seite 5 dar Fikiale der Ztvnostenska banka in Mäihrisch-Ostrau 300.000 tschechische Krouen ttad) der Schweig avbtrigternn und ist selbst ans Mährisch-Ostrau varschwundeu. Er wurde stcckbrieiffich verfolgt, und als er, ohne Ms zu wissen, nach Mährisch-Qstrau zurückkchrte, nmvde er verhütet. sw Löwenprozeß iu Rom. Anfang Juli wird vor «dem römischen Gerichtshof ein eigenartiger Prozeß zur Verhandlung kommen. Den Umständen, die ihn zu Grunde liegen, kann, trotz ihres eigentlich tief tragischen Charakters, ein gewisses Element der Komit nicht abgesprochen werden. Dar drei Jahren wurde in Rom ein Film aus >der Zeit der CHristenvcrsiolgttn'gen gedreht. Wie es der Stoff erforderte, wurde dabei, in einem eigens erbauten Zirkus, der das Kolosseum darstcllte, eine Gruppe gefangener Christen den wilden Tieren vor geworfen, fflibstverständlich in Gegenwart des Cäisars — es war Nero — der seinen Spleen durch das Mltige Schauspiel zu kurieren hoffte. Zu tbtcfcnt Zweck hatte die Fibmdirektion 18 Löwen und Löwinnen aus dem Zoologischen Garten von Rom „engagiert", die von den zwei dsuHch.'n Bändigern des Gartens, Schneider und M e r tz, unauffällig untcrgeibracht waren. Mer dadurch wurde das Unglück nicht verhütet. Eine der Löwinnen, die erst seit kurzer Zeit in Gefangenschaft war, vermochte es nämlich mit ihrem tierischen Intellekt nicht zu erfassen, wie die Menschen solche blutige Dinge nur zum Schein vovführen konnten, oder waren in ihr dunkle atavistische Erinnerungen an die gute alte Zeit erwacht, in der ihre Ahnen lebten; möglicherweise spürte sie einfach Hunger, was sich aber schwerlich Nachweisen lassen wird, da die -beiden Dompteure es energisch in Abrede stellen. Jedenfalls nahm sie ihre Rolle der blutrünstigen B-estio völlig ernst, legte aber dabei mehr Gerechtigkeitssinn als Geschichtskenntnis an den Tag, denn statt die schutzlosen unschuldigen Christen anzuyreifem, Uetteriie sie über die Brüstung der kaiserlichen Loge, wo sich Nero, von seinen Höflingen und Vertrauten umgeben, durch seinen historischen Smaragd am Anblick der Szene weidete und das Nahen der Löwin übersah. Sie fiel über den armen Cäsar her und begann ihn kunstgerecht zu verspeisen. Der Hofstaat machte sich schleimigst aus dem Stand. Die Löwin ging so energisch zu Werke, daß, bevor die Bändiger hinzu-Men, Nero nicht nur angesressen, sondern bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt und bereits tot war. Es war der in Rom nicht unbekannte FilKmlschauspieler August Palombi. Daraufhin haben die Angehörigen des Verunglückten alle diejenigen zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, denen sie den Tod des Schauspielers zur Last legen. Es sind dies die beiden deutschen Bändiger, die der Trägheit und Fahrlässigkeit beschuldigt werden, ferner die Inhaber des Filmunternehmens, Baratollo und Ambrosio, und schließlich der Direktor und künstlerische Leiter, der niemand anderer ist, als Gabriele d'Annunzio. Das Gerichtsverfahren hätte schon Anfang dieses Monats etngeleitet werden sollen, .da aber ein wichtiger Zeuge sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Nom einfindm konnte, wurde es auf den 6. Juli vertagt. Ursprünglich sollte auch die eigentliche Verbrecherin, die Löwin, vor das Tribunal geladen werden, aber nach einigem Ueberlegen zog man es vor, auf ihr persön-liches Erscheinen zu verzichten, möglicherweise aus Furcht, daß Üe Tragödie ein ebenso blutiges Nachspiel haben könnte. Der verbarrikadierte Daudet. Paris, 11. Juni. Leon Daudet empfing heute vor- und nachmittags eine große Zahl von Besuchen. Der Vormittag war in der „Action Francaise" vollkommen ruhig verlaufen. Nachmittags zeigte sich in der Umgebung des Zeitungsgebäudes dasselbe lebhafte Treiben wie gestern. Es wird bis jetzt kein Zwischenfall gemeldet. 'Abends kam es jedoch zu Zusammenstößen zwischen Anhünhängenk und Gegnern Leon DaudetS. 'Die Polizei mußte e i n g r e i f e n. Einige Polizeiagenten und Manifestanten wurden verwundet. Nach dem Eintreffen von Polizelverstärkungen wurde die Ruhe wieder hergestellt. Ungefähr 20 Personen wurden verhaftet. Sie werden jedoch wahrscheinlich wieder sreigelassen. JESIWOCHENr7 A T Tü UTY Zj/-\U O Eile Schaufenster stehen im Zeichen froher Feststimmung und zeigen eine reiche Auswahl der neuesten aparten Toiletten für KURORT, REISE und ABEND. - Wunderwerke von berauschender Pracht, die durch raffinierte Verwendung erlesenen Materials einen Schönheitsgenuß clarstellen und ihrer Trägerin eine vornehme persönliche Note verleihen Modenpalais JULIUS KRUPNIK VII., Kaiserstraße 111, 113, 115 Letzte Nachrichten. Gin ewiger Friedempakt zwischen Amerika «ad Frankreich. Die Behandlungen Men sofort beginnen. W ashingto n, 11. Juni. Das Staatsdepartement hat, einer amtlichen Verlautbarung zufolge, den amerikanischen Botschafter in Paris, H e r r e ck, ermächtigt, Briaud mitzuteilen, daß die amerikanische Regierung bereit ist, mit Frankreich, im Sinne des jüngsten' Vorschlages Briands, einen Pakt des ewigen Friedens abzuschtießen und hierüber unverzüglich in V erhandlun gen einzutreten. Las Arteil im zweiten Attentatsprozeß . Muffolini. Rom, 11. Juni. Heute abends hat der Sondergerichtshof von Rom das Urteil gegen Gino Luchetti, der das Attentat gegen den Ministerpräsidenten Mussolini bei der Porta Pia unternommen hatte, und die beiden Mitangeklagten Sorio und Vattcroni gefällt. Gino Luchetti wurde zu 30 Jahren, Sorio zu 20 Jahren und Vatteroni zu 18 Jahren Kerker, ferner zu dreijähriger Polizeiaufsicht und lebenslänglichem Verlust der Bürgerrechte verurteilt. Die Mawromatir-Komesfione». Haag, 11. Juni. (I. T. A.) Der am 15. Juui wieder im Haag zusammentretende Ständig e Internationale Gerichtshof wird sich abermals mit der Klage der griechischen Regierung gegen die englische Regierung in der Angelegenheit der dem Griechen Mawromatis seinerzeit von der türkischen Regierung verliehenen Konzessionen zur Versorgung Jerusalems mit Licht und Straßenbahnen zu befassen haben. Bekanntlich war Mawromatis außerstande, die Bedingungen, der Konzession zu erfüllen. Ile Kindesleiche in der MaggiwArfeldofe. Wie bereits berichtet, wurde am 2. Juni im Wiener-Neustädter Kanal in einer großen Maggi-Würfeldvsedio Leiche eines neugeborenen Kindes gesunden. Die Erhebungen ergaben, daß das in der Blechdose gefunden« Kind am 26. Mai *927 in Baden von der 18jährigen Schneiderin Anna Melzer lebend zur Welt gebracht worden war. Der mit der Kindesmntte.v bekannte Zahntechniker Wilhelm Schindler aus Baden und dessen Gattin waren bei der Geburt in einem eigeitS hiezu gemieteten! Zimmer am FranzenSring anwesend, legten sofort eine Bettdecke über das Kind, so daß es erstickte, und Schindler loarf sodann die Kindesleiche in eine Blechdose und dann in den Wiener-Neustüdter Kanal. Als der Kindesmörder durch die Zeitungen von dem Funde hörte, fuhr er nach Wien und kauft« eine ähnliche Dose, um dieselbe bei einer eventuellen Einvernahme vorweisen zu können. Als er merkte, daß sich gegen ihn der Verdacht richtete, begab er sich zu Professor Wagnvr- Janregg, um seine rascheste Aufnahme in die Nervenheilanstalt Ani Steinhof zu ermöglichen. Inzwischen aber war die Gattin Schindlers bereits einvernommen worden und wurde'' sowohl diese als auch die Melzer «verhaftet. Schindler wudde zur Ueberprüfung seines Geisteszustandes ott die Irrenanstalt Gugging übergeben. Der Ausgleich 8mil Mareks. Dom Ehepaar verbleiben 90.000 Schilling. Der von Uns bereits in unserer gestrigen Nummer gemeldete iAusgleich Emil Mareks mit der Versicherungsgesellschaft!Anglo Danubian Lloyd wurde gestern perfektioniert. Gegen 10 Uhr vormittags erschienen die Anwälte des Ehepaares Marek Tr. K ras na, Tr. Silberknopf, Dr. Teirich und Dr. Riehl in der Villa Mareks in Mödling, wo sich auch die Vertreter der Versicherungsgesellschaft Professor Len ho ff und Dr. Buschmann sowie ein Richter des Bezirksgerichtes Mödling zum Abschluß eines gerichtlichen Vergleiches ejnge-- ftmden hatten. Emil Marek liegt nach einer Halsdrüsenoperation krank zu Bett und konnte die Herren daher nicht persönlich empfangen. Seine Frau und Schwägerin geleiteten die Gäste in das Krankenzimmer, wo durch Emil Marek die Unterzeichnung des Vertrages erfolgte. Die wesentlich n Vertragspunkte sind folgende: Der Danubian Lloyd erlegt zu Händen des Dr. Silberknopf 230.000 Schilling. 170.M0 Schilling stellen d ie Vergleichsquote auf den 14 Milliarden-Anspruch dar und 10.000 Schilling steuert die Versicherungsgesellschaft für G'richts- und iUnwaltskosten bei. 50.000 Schilling erhalten von diei ■ - Summe >: ic Anwälte des Ehepaares Marek. In dem Ververpflichtet sich Emil Marek, seine beim Handelsgericht .gängige Zivilklage gegen den Mnglo Danubian Lloyd auf nszahlnng von 14 Milliarden zurückznziehen, und keine ■Ac immer gearteten Ausprücke mehr zu stellen. Dagegen ,ieht die Versicherungsgesellschaft ihren Strafantrag zurück und wird in dem künftigen Straferfahren gegen das Ehepaar Marek, das durch die aufrechte .Pichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft bedingt ist, licht mehr als Privatbeteiligter auftretcn. Außerhalb dieses Vertrages hat der Danubian Lloyd dem Ehepaar noch änen Betrag von 10.000 Schilling zur Verfügung gestellt. 5mil Marek wird von der ihm zur Verfügung stehenden Summe 100.000 Schilling zur Bezahlung von fälligen Schulden verwenden müssen, so daß dem Ehepaar Marek 90.000 Schilling verbleiben werden. Der Zustand Emil Mareks hat sich in der letzten Zeit twas verschlechtert. Die Wunde an dem Fuß eitert wird r. Außerdem leidet Emil Marek an einer Drüsenschwellung und an einem knotigen Ausschlag. Emil Marek, der im Gerichtssaal eine unerschütterliche Ruhe gezeigt hatte, ist mm seelisch ganz zusammengebrochen und verfällt wiederholt in Weinkrämpfe. Er will sich in Hinkunst nur einen Erfindungen widmen. Das Ehepaar hat einen Antrag üner amerikanischen Filmgesellschaft, in einem Marek-Film uitzuwirken, .angenommen. Vorläufig will Emil Marek alles "aran setzen', um seine Gesundheit wiederzuerlangcn. Di Wohnung des Ehepaares Marek wurde von einer Wiener sirma kostenlos neu eingerichtet. Ner Zionistische Provimdelegiertentag in Graz. Die Eröffnung. Graz, 11. Juni. Heute um 8 Uhr abends wurde h'c Provinzdelegiertentag der österreichischen Zionisten, die r ste Tagung dieser Art in der österreichischen Republik, zierlich eröffnet. Der große Saal des Hotels Erzherzog .Johann war überfüllt, da die Jndenschaft von Graz und zahlreichen anderen jüdischen Gemeinden Oesterreichs - ihr reges Interesse an dieser Tagung durch zahlreiche Beschickung zum Ausdruck brachte. Das zionistische Lcrndeskomitce war mit feinem Präsidenten Dr. Lleo Gold - Hammer an der Spitze vollständig erschienen, ferner waren der Präsident des zionistischen Parteirates Dr. Josef Löwenherz und die Präsidien und die Leiter des Keren Hajessod und des Keren KajemeH anwesend. Folgende zionistische Ortsgruppen Oesterreichs sind durch Delegiert! vertreten: Atzgersdorf-Liesing, Baden-Böslau, Deutsch-Kreuz, . Eisenstadt, Graz, Gussing, Innsbruck, Klagenfurt, Klosterneuburg, Krems, Leoben, Linz, Mödling, St. PöltÄr, Satz-! bürg, Wiener-Neustadt. .. . . . ... .. D r Delegiertentag wurde vom Präsidenten des Landes- komitees Dr. Goldhammer mit einer Ansprache eröffnet, in der er u. a. aussührte, die Provinztagyng> die von den Zionisten der Provinz schon lange gefordert wurde, ' sei einberufen worden, um die in den letzten Jahren nur lose Verbindung zwischen den Provinzorgamsatümen und der Zentrale in Wien straffer zu gestalten. Ms Ort der Tagung wurde Graz gewählt, da es die größte Judengemeinde der österreichischen Provinz und die einzige Kultusgemeinde Oesterreichs ist, die eine zionistische Kultusvorstandsmehrheit besitzt. Zweck der Tagung ist, die spezifischen Arbeitsmethoden zur Festigung und zum Ausbau der zionistischen Organisation zu finden, die den Verhältnissen, der besonderen Struktur und den besonderen Wünschen der Provinz entsprechen. „Das Landeskomitee" Mrte Redner weiter aus — „hält die sogenannte innerpolitische Betätigung oder, wie sie sonst genannt wird, die Gegenwartsärbeit, weniger für eine Frage der jeweiligen taktischen Methoden, als vielmehr für ein Problem der organischen Mischen Durchdringung der Individuen. Wir müssen daher auf die Arbeit unter den Juden und auf die Aufklärung Über alle die Regeneration des Jrckentums betreffenden Fragen besonderes Gewicht legen. Naturgemäß muß diese Arbeit anders in Wien und anders in der Provinz geartet sein; aber auch hier wird sich unsere politische Tätigkeit vor allem auf das Endziel, die Eroberung der Kultusgemeinde und« hre Umgestaltung zur Bolksgemei.nde, konzentrieren, auch hier werden wir unser Schulwesen, soweit es vorhanden ist, stärken, wo es nicht vorhanden ist, es schaffen müssen. Dabei ist die Umgestaltung des Religionsunterrichtes derart anzustreben, daß durch denselben unsere Jugend hebräisiert wird und ihr alle jene Wert" vermittelt werden, die das Judentum im Laufe der Tausende von Jahren im Lande unserer Väter und im Galuch geschaffen hat. Unsere Arbeit wird nur halb sein, wenn es uns nicht gelingt, die jüdische Frau heranzuziehen, die dem Kinde in Heim und Familie das zu geben in der Lage ist, was die Schule nicht bieten kann." „Die starke organisatorische Grundlage, die'auf dieser Tagung zu schaffen ist, wird der zionistischen Propaganda und unseren finanziellen Institutionen in weitem Maße dienlich sein. Es ist zu erwarten, daß infolge der verstärkten Tätigkeit und des dadurch hervvrgerufenen stärkeren organisatorischen Zusammenhanges die einzelnen Zionisten ihre finanziellen Verpflichtungen der Landes- und Weltorganisation gegenüber weit besser evMlen werden, als es bisher der Fall war. Die heutigo Tagung soll nicht die einzige, sondern bloß die erste sein. Wir wollen der Provinz jene Tribüne schaffen, auf der sie durch Gedankenaustausch die Wege ausfindig macht und die Mittel bereitstellt, die uns am sichersten unserem Endziel zuMpen." .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.