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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-12 · Heft 2977 (12.6.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2977 (12.6.1927)
Date
1927-06-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seide 6 Wien, Sonntag Wiener Morgen-eilmrg 12. Juni W27 Nr. «77 Sin diese Ausfl'chrungen schlossen sich die Begrüßungen des DelegiertentageZ durch die Zionistische Ortsgruppe Graz, in deren Namen ihr Obmann Karl Schwarz sprach, sowie des Präsidenten der Grazer Kultusgemeindc Dr. Robert Sonnenwald. Hierauf wurde die Wahl des Bureaus vorgenormnem Morgen Sonntag vormittags tritt der Dcleziertentag in seine eigentliche Arbeit ein. Ae Wische Bottsschule. Bon Oborlehrsr Julius Stvinee, Graz. In dankensw'-crt'er Weise hat das gogeuüvärtigo Zionistische L-andeSkomit-ee die Fovdorung nach Errichtung einer jüdischen Volks sch ule durch die Wiener K u I t u s g c ut einde in sein Tätigkoilsgebiet mffgononnnen. Der Rcserent konnte mit Recht auf das Beispiel der Grazer Genieiwde Hinweisen, die seit ihren: Bestände, seit dem Jahre 1869, eine Schule für d^e Kinder ihrer Mitglieder erhält und in der intensiven Mischen Bildung und Erziehung der Jugend, die nur in einer jüdischen Dolkieschale möglich ist, eine der vorzüglichsten Aufgaben einer Kultus gemeinde erblickt. Die Grazer jüdische Volksschule besitzt d-a^ Recht der OefsdntOchkoit. Dadurch ist aber die Schule verpflichtet, sich strenge an alle für die öffentlichen Vol-kschnlen bestehenden gesetzlichen Maßnahmen zu halten. So hat die jüdische Schule die doppelte Ausgabe zu erfüllen, neben dem gesetzlichen Lehrziel den Kindern auch jüdische Erziehung und das Erwerben jüdischer Kenntnisse zu vermitteln. Der Kamps, der u>in die allgemeine Volksschule in Oesterreich seit dem Umstürze geführt wurde, ist nach einer fünfjährigen Probezeit der Schulreform Glöckels und nach den im vorigen Jahre zwischen den politischen Parteien geführten Verhandlungen mit einer endgültigen Fassung -des neuen Lehrplanes beendigt worden, der seil 1. September 1926 in Kraft ist und auch für die jüdischen Volksschulen bindend ist. Dank dem traurigen Umstande, daß die Juden O e st e r r e i ch s n i ch t einen einzigen V e rtrete-r ins Parlament entsendet u,nd trotz der hohen kul tu rollen und wirtschaftlichen Position in diesem Staate sich s e lib st z um p oli l isch e n Selbst«m o r d verurteilt Ha Pen, wurde ihre Stimme bei diesen Beratungen nicht gehört, und sie müssen das Gesetz bedingungslos annchmen. Die für die Neuordnung der Schulverhältnisse entscheidende Auffassung ist in den Bormmlkungen gegeben, iu denen es heißt, daß der neue Lehrplan rm Rahmen der Devsassungsgesetze den im § 1 des ReichsvoKsschulgesetzes vorgezeichneten Erziehungs- und iBildungszielen zu bienen und einen Unterricht zu sichern hat, der. durch fein Bilduugsgut und seine Methoden geeignet ist, die Kinder in ihrer Eigenart zu erfass «m, ihre geistigen und körperlichen Kräfte auszubilden und -sie zu sicherem Können und zum Handeln <r-mt G eist e sozial er, staatsbürgerlicher, d-^lklicher und sittlich-religiöser Erj-ichuu-g hänzüleiten, damit sic dereinst charakterfeste, tüchtige Menschen werden, die freudig ihre Pflicht erfüllen und sich zum Wohle der Gemeinschaften, denen sie angchören, namentlich zum Wchle von Voll und Vaterland, betätigen. Im Sinne dieser Grundsätze hat auch «die jüdische Schule zu wirken. An der Grazer jüdischen Volksschule wurde versucht, sie zum ersten Male mit Erfolg in die Tal muzufetzen. Im Rahmen dieses Aufsatzes seien nur die Punkte der Schulreform heramgehoben, die insbesondere die Möglichkeit bieten, den jü«bischen Charakter der Schule zu betonen. Nach dem Hauiptgedauken des „Naturgemäßheit"-Untorrichtes steht jetzt das Kind, nicht der Lchvstoff, im Mittelpunkte des Unterrichtes. Das Kind in seiner Eigenart. Schon der Hinweis ans diese Kardlnaffordevung des neuen Lehrplanes mußte genügen, auch dem jüdischen Kinde Gelegenheit zu bieten, sich'seiner Eigenart gemäß zu entfalten, was nur in einer jüdischen Schule möglich ist. Die methodische Gliederung, die die Arbeit des Lehrers zu dem angeführten Ziele, der Naturgemäßheit des Unterrichtes führen soll, enthält die Grundsätze vom einheitlichen Gesamtunterricht, von der Bodenständigkeit des Unterrichtes und von der Selbstbetätigung des Schülers. Der Lehrstoff soll nicht, wie bisher, nach Fachern und Stunden gegliedert, sondern in Ausschnitten aus dem Leben, in methodischen Unterrichtseinheiten, in Konzentrations-gobieten, die dem Leben entnommen sind, vom Kinde erarbeitet werden. Als beliebteste Unterrichtseinheiten werden natürlicherweise in den öffentlichen Schulen die religiösen Feste he ran gezogen, und dies mit Rocht. Denke man sich nun das jüdische Kind in diese Festbetrachtungen, die in der^ Schule einen breiten Raum einnehmen, hineinversetzt; wochenlang hört cs zun: Beispiel nur vom Weih nach tssost. Was den anderen Schülern als natürlich, selbstverständlich gilt, muß ihm unnatürlich, gezwungen erscheinen. Das Kind sieht sich in einem seelischen Konflikt, den es nicht lösen kann, es fühlt sich gedrückt, seine Erlebnisse und Erfahrungen weisen auf einen anderen Weg hin. Für diese seelischen Leiden findet es nur im Jude-fein den Grund. Da erwächst der jüdischen Schule die Aufgabe, dem Kinde Konzentrationsstoffe zu schaffen und zu bieten, die seiner Ei-genart angepaßt und seinem Leben entnommen sind. Ein gewaltiger Komplex ist es vor allem, auf den wir das ganze Lehrgebäude aüfbauen können, der den ganzen Unterricht erfüllen muß — das Judentum in all seinen vielgcstaltigen Erscheinungsformen. So wird zwischen dem Subjekt und Objekt des Unterrichtes eine Harmonie geschaffen, in der sich die Seele des Kindes glücklich fühlt, keine Konflikte bedrängen es, der gesamte Bildungs- Prozeß geht psychologisch richtig, organisch, naturgemäß vor sich. Dve Forderung nach derBodenständigkeit bezweckt die Liebe zur Heimat. Der Unterricht muß von der engeren Heimat ausgehen. Die Heimatkunde umfaßt 'daher nicht nur die geographischen Ortskenntnisse, sondern auch das Leben der Menschen, Ähre Sitten, Gebräuche, Beriffsarlen; ferner das Leben in der Natur, Tiere, Pflanzen. Es muß deshalb für jeden Ort iwch seinen Verhältnissen ein eigener Lehrplan ausgearbertet werden. Die jüdische Schule muß neben diesem allgemeinen Wissen auch das speziell Jüdische der Heimat bieten, so die Drschichte der Juden -in diesem Orte und Lande, die ältesten. Ansicdbungen, das Leben «der Juden in vergangener Zeit, hervorragende jüdische Männer, Gelehrte, Künstler, jüdische Denkmäler und Mtertümer. Es wird hieibei Gelegenheit sein, Beziehungen zu den Juden in anderen Ländern zu schaffen, das Gefühl der Zusammengehörig« beit zu wecken und zu stärken, die Mische Tradition schätzen zu lernen und zu pflegen. Natürlich ergeben sich auch hiebei Ausblicke und Vergleiche mit Palästina als unsewr Urheimat. HeinmUtiobe führt bei uns zur PMstnm« liebe, zur Liebe für seine «Sprache. Me Arbeit der Schule muß in Harmonie mit dem elterlichen Hause erfolgen, dies-es muß dem Kinde das Erleben schaffen. Die jüdischen Feiertage müssen wieder Familienfeste Werden, und tatsächlich hat die jüdische Schule aus das Mische Haus eingewirkt. Durch Elternabende wird das Band zwischen Schule und Haus immer enger geknüpft. So kommt der neue Lehrplan im weitesten Maße auch unseren Forderungen entgegen, wenn wir ihn richtig auszuwerten verstehen. Dazu sind Schulen n-okwendig, aber keine Schulen, die von Vereinen errichtet werden- und einem wechseLvollen Schicksal ausgesetzt sind, sondern Schulen, die aus. einer sicheren Grundlage ruhen und von Kultus gemein den erhalten werden, solange nicht die Bestimmungen über die Minderheitsrechte auch auf die Juden Anwendung finden. Die jüdische «Schule schafft -dem Kinde die reine Atmosphäre von Freiheit und Licht, von Freude und Wührhaft-igkeit, und sie schafft ihm «ine .goldene Jugendzeit. Lord Swatzthling gestorben. London, 11. Juni. (Rcuter.) Der Leiter des bekannten Bankhauses «Samuel Mvntagu u. Co., ^Lord Skxa-ytH'* ling, ist heute morgenS gestorben. > * ' ■■■■:.-‘v-■ Das Haus M on t ag u - <v w a y th li rtg hat im üfsentlicheu Leben der englischer Juden von jeher eine bedeutend«! 'Rolle gespielt. Konservativ orientiert, galt Lord .Slvay thl i n gl als das Haupt der konservativ-religiösen Juden in London, in welcher Eigenschaft er die Aktionen Mvntefivres im Interesse eines inhaltslosen, liberalen Judentums in Wort und Schrift offen bekämpfte. In den nationalen Fragen des Judentums ist Lord Swaythling niemals hervorgetreten, hingegen War er aus philanthropisch-sctzialem Gebiete eifrig tätig und war seinerze't bemüht, die Alien Bill, durch welche besonders Pie Jude» aus dem Osten schwer betroffen wurden, zu Verhindern. Re bebende 8rde. Guajaquil, 10. Juni. Ein mehr als ekM'e M»iuute dauerndes Erdbeben ist in der glmzen Republik Ecuador verspürt worden. f HM WEIiaaiMB f mmmmmmBmmmmmmmBmmmmmmmmBmcBmaammsaaKmmm 9 M*iU n „ „ mmoEmAÜmmvm .v- . 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