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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-12 · Heft 2977 (12.6.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2977 (12.6.1927)
Date
1927-06-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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r• wm*mwr^ : -5r?# Nr. 3977 Me», Smnrtag Wiener Dtorge«zer«mg is. Jmtt WZ- Gekbe^S 2« Erwartung der »Columbia". Sa, Programm für den Smttaug. Die Flieger, die heute nach Wien kommen, bringen auch Ln unsere vom Haß durchseuchte, von ZvkKnauern umgebene Welt den Atem einer neuen Zeit. Sie sind Vorboten einer Umwälzung der Kultur, die wir heute kaum nur ahnen können, einer Entlvicklung, die vielleicht trotz allem hinaufführt und eine neue Freiheit schafft. Neue Impulse der rvirtschastlichen und geistigen Arbeit zeigen, sich, von derselben Intensität, die der Fahrt des Kolumbus ihre Bedeutung gab, und es ist ein glückverheißende«) Zeichen, dah das Flugzeug, das heute in Aspern niedergehen wird, Columbia heißt. Der Ausbau der Frügtechnik wird doch die Schranken der Grenzpolttik sprengen und neue Voraussetzungen des Weltverkehrs bringen Die Bervollkommnung der Apparate schreitet rastlos fort, und diese erste Etappe, Ln der das Fliegen lvemg mehr ist als ein Sport, wird bald der Zeit des vollen Verkehrs weichen Das führt dann zur Schaffung einer neuen Ordnung, eines Flugrechtes, das den an der Scholle hastenden Doktrinarismus mit seinen nationalistischen Entartungen nicht wird gelten lassen. So wird das Flugzeug zur Verheißung eines über die Landgrenzen siegenden Gemeinschaftsgefühls. Das ist die große Bedeutung dieses Ereignisses, das sich heute auch bis nach Mitteleuropa fortpflanzt und uns alle in das Gefühl der Solidarität eürbezieht. Es gibt nichts zwischen darr Menschen, was sie trennt, als eben nur ihren eigene» Willen, und dieses Flugzeug, in dem der amerikanische Führer neben seinem jüdischen Fabrikanten und Förderer sitzt, die beiden, die die Gefahr der Reise geteilt haben, ist vielleicht die Gewähr für einen Erfolg der Vertun st * Das Programm für den Empfang in Wien ist nunmehr endgültig zusammengestellt und wird sich folgendermaßen gestalten: Vormittags fliegt ein Großflugzeug der Oesterreichischen Flugverkehrs A. G. mit dem Sektionschef Pöschmann als Vertreter der österreichischen Regierung «ach München, um dort die amerikanischen Flieger im Namen der österreichischen Bundesregierung zu begrüßen. Sodann wird ,,Miß Columbia", begleitet von einem Lufthansageschwader und dem österreichischen Flugzeug, nach Wien ssiegeü, woselbst sie gegen 5 Uhr nachmittags ankourmen: dürften. Die „Columbia" wird e^n^geMirirdfllüge um die Stadt absolvieren, um jene Einwohner Wiens zu begrüßen, die den Weg auf das so schiver erreichbare Flugfeld nach Aspern nicht machen korutten. Nachher wird die „Columbia" in Aspern landen, wo sich inzwischen die Festgaste und die Spitzen der Behörden eingefunden haben werden. BundeZministerDr. Schürff wird die Amerikcurer namens der Bundesregierung begrüßen. Sodann werden kurze Begrüßungsansprachen vor: dem amerikanischen Gesandten, bezw. fernem Stellvertreter, dem deutschen Gesandten Grafen Lerchenfeld, und vom Bürgermeister Sertz gehalten werden. Hierauf fahren die Flieger in dem Artto der Gesandtschaft in langsamem Tempo Historisches von den Juden in der StehvvmiaLk. Es mcvg vielleicht kleinlich Mngenr In den Kreis jener Arbeit, die geleistet werden muß, um das nationale Bewußtsein der Juden zu stärken,' gehört unbedingt eine methodische Erforschung und Verbreitung der Kenntnis der Lokalgeschichte jüdischer Siedlung an allen Orten, wo Juden je gewohnt haben und wohnen. Denn das Wissen um die eigene Geschichte in jenem Kreis, wo der einzelne sein Leben lebt, ist in gewissem Sinne weit wichtiger für das Bewußtwerden jener Kontinuität, welches erst das nationale Empfinden weckt und festigt, als die allgemeine Volksgeschichte, die naturgemäß mehr die typischen, denn die besonderen Erscheinungen des geschichtlichen Ablaufes registriert und in der gerade die bisherige güsamtWische Geschichtsschreibung ein Beispiel für die Verengung des historischen Kontinuitätsbewußtseins ist, indem sie die Martyrologic am stärksten in den Vordergrurch gerückt hat. Es erscheint mir als ein Mangel der modernen jüdischen Er-- zichungsmcthodcn, daß zu wenig Wische Lokalgeschrchte getrieben wird. Die monographischen Werke dieser Art bleiben säst immer unbeachtet und doch bringen sie oft viel stärkere Eindri'lcke auf das für Tradition und lleberlieferung stets empfängliche Individuum als Volks- und Staatsgeschichte. Wer die Gefchichte des eigenen Hauses, der eigenen Stadt kennt, wird die Geschichte des eigenen BÄkes richtig verstehen. Dies festzustellen erscheint notwendig, um einer historischen Darstellung, in der Dr. Artur Rosen borg „Beiträge zur Geschichte der Irl den in Steiermark" geliefert hat (sic bilden den sechsten Band der im Vertage Wilhelm Vraumüller, Wien-Leipzig, erschienenen „Quellen und Forschlmgen zur Geschichte der Inden irr Deutlschösterreich", hcrausgegeben vorr der historischen Kommission der israelitischen Kulttisgemeinde in Wien, und sind im Jahre 1914 erschienen) zu ihrem Recht zu verhelfen, das ihr bisher nicht wurde. Die Steiermark ist, um den beliebten antisemitischen Ausdruck zu gebrauchen, im wesentlichen ein „judenreines" Land; wie die in der «Wiener Morgenzcttung" erschienene vorzügliche Arbeit des Präsidenten der Grazer Kultus - gerneinde Dr. Robert Som n-en w a ld, die einen guten übep die Rckchsbriicke, HSttkerp ratze, Aspernbrücke, Ring in das Hotel Imperial, wo sie Quartier nehmen. Sonntag abends haben sich die Flieger Ruhe ausgebeten, um sich von den vielen Empfängen in Berlin etwas ausruhen zu können. Montag mittags werden die Flieger vom Bundespräsidentcn Dr. Harnisch rmd sodann vom Bundeskanzler Dr. Seipel feierlich empfangen werden. Abends sind sie Gäste des Bürge rmeistars im Rathaus. Dienstag werden sie einer Z Herstellung in der Staatsoper beiwohnen. Ans dem Flugfeld selsist darf dLe AuWMrng des Flugfeldes echolegUi.. Aspern zu gelegenen Westfront des Flugfeldes erfolgen. Für die Zufahrt und den Zugang zum Flugfeld sind nur die Reichsbrücke, die Wagramerftraß-, Erzherzog - Karl- Straße und die Gvoß-Enzersdorferstraße zu benützen. Die Fuhrwerke dürfen nur bis zur Rettergaffe irr Aspern fahren, von wo aus die Besucher, sodann den Weg zu Fuß zurücklegen müssen. Die Straßenbahnznge werden in Aspern nur bis zum Siegesplatz führen. Die Passagiere müssen sodann weite rgche.n. Die Fahrbahn muß unbedingt für den Wagenverkehr frcigehalten lverden. Die Polizei, die umfangreich: Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat, warnt vor dom Mitnehmen von Kindern unter 14 Jahren. Auch Radfahrer und Motorradfahrer werden gewarnt, mit den Rädern zum Flugfeld zu kommen, da die Räder absolut nicht auf das Flugfeld gebracht werden dürfen. Der Verkehr vom MMHos. Wvim Wiener OstöialhinHo f werden oä> 13 Uhr Sonderzü-ge in Intervallen von zehn Mirmtlen bis zur Mgiweigiung Stadbcm verkehren, von wo aus der Flugplatz in M'gefähr zwariizsg Minuten zu erreichen ist. Nach Beendigung der EmipMgsfeieril-ichEM-en wenden von der Abzweigung wieder Sonde r^üge zur Rückfahrt nach Wien bereitistehen. Die Fahrzeit beiträgt in Leiden Richtungen je 23 Minuten, die kombinierte Hin- und Rückfahrkarte wird 1 Schilling 50 Groschen, die einifache Fahrt 1 SchÄ- Img kosten. Die Fah rkartenansgabe sowie die AHahrt wird .ausnahmsweise vvn^ der ^Stirnseite. d es Bahnhofes aus erfolgen. Levlne ins goldene Buch des Mschen Natlnrmlsonds - eingetragen. Am st and am, 11. Juni. (I. T. A.) Holländische Ziorristen haben beschlossen. Levine in das' goldene Buch des jüdischen Mationalfonds einzutragen. m GesprSch mit Levine. Berlin, 10. Juni. (I. T. A.) Dem I. T. A.- Vertreter gelang es, Herrn Charles A. Levine einige Minuten zu sprechen und ihm mitzuteilen, daß seine unvergleichliche Tat besonders unter der Judenschaft Amerikas I Querschnitt durch die gegenwärtige Struktur der Juden in Steiermark liefert, anKhrt, leben heute in der Steiermark im ganzen zirka 2700 Juden, davon 2300 in Graz. Dies war nicht immer so. Bereits int frühen Mittelalter waren in der Steiermark .(in ihrer damaligen Ausdehnung) Ansiedlungen von Juden nachzrrtv,eisen. Schon mehrere Ortsnamen lassen darauf schließen, so die Orte I u d e n b u r g, dessen Name urkundlich für das Jahr 1080 nachgewiesen ist, Juden darf bei Graz, Judendorf bei Murau. > Ferner findet sich bereits sehr früh in verschiedenen Teilen" der Steiermark der Name „Juid", „Judmann" oder „Jubel" als Familienname von Christen, was aus zwei Gründen zu erklären sein mag: entweder haben sich die braven, sogenannten Ureinwohner mit mehr „Wischen" Geschäften, wie Handel oder Geldverleihung, befaßt, oder hat ihr Aussehen so deutlich.auf jüdische Abstammung, wenn auch nicht gerade ehelicher Geburt, hingowiefcn, daß ihnen der Spitzname, der ja vielfach zum Familiennamen wurde, ihre Abstammung anrechnete. Im 13. Jahrhundert kam den Juden in der Steiermark auf Wirtschaftlichem Gebiete bereits Bedeutung zu, die aus Urkunden und auch aus Zitaten zeitgenössischer Dichter hervovgeht. Im 13. und 14. Jahrhundert bestanden Ansiedlungen von Juden nachweisbar in dem schon erwähnten I u d c n b u r g, das anscheinend die Weste Gemeinde dieses Gebietes befaß, in Graz, wo sie ursprünglich das Stadtviertel zwischen Herren- und Schmiedgafse bewohnten, tn -Marburg, Rädker sburg, Boitsberg, Pcttau, Hartberg, Murau, Bru.ck, Cilli, Fr i e dau, Fürstenfeld, Windischgraz und W i n d ischf e ist ritz. Außer diesen vor: Dr. Rosenberg urkMdlich belegten Judensiedlungen, von denen die lneistcn Synagogen rurd eür sogenanntes Judengevicht hatten, also, -da Bet- und Gerichtsstand stets den Bedürfnissen einer größeren Zahl von Interessierten entsprechend eingerichtet werden, eine größere jüdische Bevöllemng gehabt haben müssen, fN)ren I. E. Scherer in seinem Buch „Die Rechtsverhältnisse der Juden in den deutschösterreichischen Ländern" (Leipzig 1901) und Tllbert von Muchar in seiner neunbändigen „Geschichte des Herzogtums Steiermark", allerdings unbelegt, als Wohnorte von Juden an: Leobe n, Rotte n-! mann, K i n d b e r g, K n i t t e l f c l d, M ü r z z ußchrlag, Bora», PubL-san- ' um IMMBIK 1 i SCHKA die Marke des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX.. Alserstraße 6 En thusiasmus geweckt hat und daß auch diö jüdische» Kreise in anderen Ländern sein stolzes Pioniertnm bewundern. Herr L e v r n e erwiderte, er sei glüMch, daß sei« Freunde mtt ihm zufrieden sind, und bitte, sie zu grüßet Der I. T. A.-Vettreter wies im wetteren Verlaufe deZ Gespräches darauf hin, daß unter den großen Seefahrer»: des Altertums und des Mtttelalters sowie unter den ersten, die die Weltmeere überquerten, Juden waren und daß ein spanisch-jüdischer Gelehrter die Navigationskmrde begründete und die ersten Seekarten zeichrrete, die den Seefahrern die Wege wiesen. Herr Lxvine erividerte, ihm seien diese Tatsachen bekannt und es seien ja auch unter den Pionieren der Luft Juden in nicht geringer Zahl. Lkndberghs feierlicher Empfang in Amerika. Washington, 11. Juni. Der Kreuzer'' „Mvmp h i s", mit dem ersten Tvansozeanflieger L i n >d b e r g.h an Bord, ist in der Chesapeake-Bai ein gelaufen. 40 Flugzeuge umkreisten das Schiff und begleiteten cs bis Wajhimgtvn, wo die Mutter Lindberghs schon seit gesdern abends als Ehrengast des Präsidenten Coolidge aus ihren Sohn warbete. Ungeheure Menschenmengen aus allen Teilen der Vereinigte'N Staaten hatten sich zum Empfang Mndberghs eingefunden. Ein ganzes Infanterieregiment «mißte zur Ausrechterhaltung der O r d n um g ausgeboten werden, eine Militärfanitätsabteilung hatte Zelte gju eventueller KiMleistung aichgeschbageu. ' . Z < Der Flieger wurde von selivew Mutter em pfangem Dam» 'überreichte ihnr Präsident Coiolidge in Anwesenheit der KabinettsNrttglieder Unjdi der Vertreter des Obersten Gerichtshofes die goldene Mediarlle für Lustschiffahrt. Daräuf begleitete der Präsident Lmhibergh Und seine Mutter in das weiße Haus, wo er ihnen ihre reservierten iGemächer anwies.!Abends fand im Weißen zHMs ein Bankett zN Ehren Lrndberghs statt.. Die amerikanische ^Gesellschaft für Förderung der Luft-, schiffcchrt hat Lindbergh den Direktorsposten mit 100B00 Dollar Jahres ge halt angeboten. Die Juden in der Steiermark hatten in den durch reichhaltigeres Urkundenmaterial belegten Zeiten ihrer Ansiedlung (13., 14. und 16. Jahrhundert) den Uebergantz vom Warenztun Geldhandel bereits vollzogen. Es ist aber airzunehmen, daß sie sehr früh in der Steiermark ebenso tme überall den vermittelnden Großhandel, besonders mit dem Auslande betrieben und auch noch in der oben erwähnten Zeit, da sie fast ausschließlich als GeldverleÄher cmftreten, war das Warengeschäft bei ihnen noch im Gange. Sie betrieben von der Steiermark aus Zwischenhandel Mit Venedig (aus den Urkunden ist zu ersehen, daß besonders der Handel mit Tuch und mit Eisen ziemlich bedeutend war). ferner war der Weinhandel der steierrnärkischen Juden vor: Wichtigkeit» der sich auch noch in den späteren Jahrhunderten ihrer Ansässigkett ak notwendig ergab, da sie, wie Rosenberg anführt, durch den häusigen Heimftrll verpfändeter Weingärten, oft mit den Lagerbeständen . von Wein, zur Verwertung ihrer Pfänder hierauf gewiesen jvaren. In den Steuerbüchern von Marburg aus den Jahren 1460 bis 1468 finden sich die von Inden versteuerten Mengen vorr Wein unter den bedeutendsten. Der Geldhandel der Juden in der Steiermark vollzog sich in den in allen deutschsprachigen GMeten, wo Juden damäls siedelten, üblichen Formen, auch mtt den überall in deutschen Landen übNchen Schichter: der Kreditnehmer, Adel und GeisÄichkeit, später erst die niedrigeren Stände. Es war gerade die Zeit der allmählicher: Umgestaltung der Naturalin eine Geldjvirtschast, urrd zu dieser Umgestaltung trugen die Juden in der Steiermark, vielleicht gerade durch ihre Verbindung mit dem wirtschaftlich hoch entwickelten Jtalierr, besonders mit Venedig sehr viel bei. Adel und Geistlichkeit verwendeten den jüdischen Kredit als Produktivkredit, um ihre finwrziello Handlungsfähigkeit zu erhöhen und so ihren Besitz zu eriveitern. Ms sie sich später selbst der neuen Nutzung des Geldes zuwandten, konnten sie sich von der jüdischen Vermittlung in der Geldwirtschaft emanzipieren, taten es wohl mich gewaltsam, was wohl mit die Ursache der für den Verlauf des 14. Jahrhunderts von verschiedenen Chronisten gemeldetcrr blutigen Judcnvcrfolgrmgei' irr der Steiermark sein dürfte, wobei aber hervovgehoben iverdemuß, daß solche blrrtige Bevfolguiigerr irr der Steiermark nie so stark trxrren wie irr anderer: Gcgerrderr; dies dürfte auf das euergische Emtreten der LandeHerren für die Juden. Mrück-

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