Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2976 (11.6.1927)
- Date
- 1927-06-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Ä« CBlBukaA ■*- --- 2a5TCTl; MMVNlVg! '^afrtrtrtrtü ffllAAMÜAAilAaiA wWIWp* Wlv»yiij%iHlwg 11. Juni 1927 Seite 7 Osr Tolu» 6ss IVIosss IVIautnsr km Wiener» Romo« Gop5^Stt^a»=>by R. IioWltTFejlng, Wien, --koiprig ,^Fch sitze hier seit täfäxm 8SS SWWks^ hier -auf dieser Stufe, uud ich muh Sie bitten, einen anderen Platz zu suchen." — „Mätze reservieren gibt's nicht," entschied d«S Fräulein. „Wer früher zur Vorlesung kommt, der hat einen Platz." -— „Oho!" rief Gustav, und die zweite Silbe des „Oho" stieg im Tone um eine Quint. „Oho! Da irren Sie, Fräulein." Das Fräulein schwieg, bliche in die Lust mrd dann — nach einigem Besinnen — kramte sie in ihrer Mappe. Es schien, als wolle sie gehen; aber es schien nur so, denn sie bibieb. „'Fräulein!" begann Gustav »weder, „»venn .Sie tsfßit Matz nicht räumen, werde ich den Diener rufen." „So?" rief die beharrliche Dame. ,/Jetzt bleib ich erst recht sitzen.. Ich Hab' schon aufstehen »vollen, aber »veil Sic drohen, geh' ich nicht »veg." Die Kollegen Gustavs hatten bisher .ihre Teilnahme gezügelt; bloß unartikulierte Laute wie: t'r§m, Mn, Ha," waren vernehmlich; ein energischerer Student hatte sogar „So" gerufen; aber nun traten sie aus.ihrer Reserve und es hagelte »ttrr so von Zurufen auf den .Emdmrrglmg,. tvie: ,Mso, das ist doch...! Da hört MH .alles auf! Unerhört! Wirklich unerhört! Eine Keckherbk" Da erhob sich die Störerin, gab Gustav eine»: Blick, tcher vernichtend Nick» den anderen Studierten auch erneu solchen Mck und daun — ging sie. „Also! Was sagt Ihr daM?" rief Gustav. Die Studenten sagten aber nichts mrd Wckten dem Fräulein nach. „Wenn sie »venigstens.hübsch gewesen wär!" rief ein Student, ein Herr Brandstätter. „Das is es ja-!" »Ueirrte Gustav. „Sv »nieß und s o air- Mttßend!"! ,M»s'.sind' die äußeriord^ntlvcheir Hörerinnen!" rief ein aUÄeöer. „Me protegiert der Hofrat. Lerirerr tun's nichts, aber die Plätze möchten sie eurem »vegnehmen!" — „Und warum?" ergänzte Brandstätter, ein bemoostes Haupt und großer Spaßvogel. „Warum? Damit sie beim „Jour" erzählen können: Wir waren heute bei Kleiirer! Sehr mtevGauk! Fabelhaft! Er liest entzückend!" — — „So, sock" ahmte er dann die Stimmen der andereir Dvörüm! nach und goE> dem Ton des „So, so!" bcn Neid, den die arMreu JMrdanren empfanden, »veil sie. den „fabelhaften" Kleiner noch nicht gehört hatte»». Alle Studentin: lachtw. — Nach einer Weile rückte Gustav gairz »mhe zu Brandstätter und fragte: „Was glaubst, Brandstätter? Bekomm' .ich heute enr Thema für 'die Dissertatio»r?" — „Ich versteh* dich nicht, Mautner," erwiderte Brandstätter, -„weshalb Pu so drängst?" Gustav hätte ruhig erwidern körmerr: „Weil ich um zehn Jahre älter bin als Ihr!" — Mer, »venn .mau über Dreißig ist, spricht nran nicht-gerne dar- Kber. Mso Unterdrückte Gustav den tvahren Grrmd seines Dräntzerks Und meinte: „Schau, Brandstätter! JH bin schou ziemlich iveit int Studium. Historische Grammatik habe ich beirvahe-fertig. Literaturgeschichte bin ich schon beim 17. Jahrhuudwt. lMetrik Hab' ich auch schon einen große»» Teil; also, es fehlt mir »richt mehr viel und ich möcht' gern fertig Werder:! Darum. -— Sag' mir: was glaubst du? Bekomm* ich heute ein Thema?" — > „Ich glaub' schon. Der Hofrat hat eben unten int SenÄUar gesagt, daß er heute einigen Hörern Arbeite»» gebe»» wird. — Hast du dich vorbereitet?" — „O ja. Ich Hab' Mir. In dem MstenNM' tvurde die vordere! Tür des kleinen WUaales geöffnet, hieratlf ein allgemeines Rücken der Mühle und alles erhob sich. Hofrat Kleiner betrat den SM. .Er ging zUm Podium, ivand sich durch deir die Stufen okkupierenden Studentenknäuel zun» Podimu hinauf, Nahm ober: vor dem Kathäwr Platz, öffnete seine AkterrkrKhe, entnahm daraüs einige Schriften, schöpfte tief Atem, MstMte und — begann zu sprechen. Seine Stimme »var Mht Mn. Cs »var eine Fistelstrnune Und klang zuweilen wie ieine Kindertronrpete; aber feilte Reden hatte»» immer jGchMt. .— Zunächst kündigte er an, daß er heute die schon lange versprochenen 'Aufklärungen »md Winke über Zweck irmid Mel des Studnmrs, über die prakttschen Aussichten Neben wolle, und er begann mit den „praktischen >Aus- Mytem „Es sind .sehr schkssDe. lAussichte»: für den Germanivierkündete er den erschreckenden Hörern. „Deftuitive Stellierr dürsten in de»» Mchste»: Jahren gar kerne frei werden; Md. fife Supplentetrstellcr» sind schorr jahrelarrg Anwärter hier. Es' haben sich »vohl..versuchte er den trüben ^Germanisterchimmel ein tvemg zU erhellen, „eiuige »reue Berufszweige für die Germanisten geboten, de»:»» »nehreve gpoße Verleger haben ewgefehen, daß es ohne literarisch gebildeten Mensche»: nicht geht und bei der: Dheatern tvurden Kuh einige Mitglieder des Semirmrs herairgezogen, aber —» Meine Herren! Das sind vereinzelte Stelle»: »rnd »Ar für besonders Begabte offen! Ich kam: sie deshalb Mr nochmals vor dem St»»di»»rm der Gernianistik »varnen. Die Aussichten mrf dem Gebiete der romanischen »md siawKschelr Philologie fiitb viel größer."! Nach diesen»! Kassandraruf ging er nur: zjur Webest sekb-st wie er sagte — über. „Hier an der Universität," sprach yc, „handelt es sich »mx,»»»»» die wisftnschaftliche Behand- Lmtz der Lstevatuvgeschichte, denn die Literaturgeschichte ist kein Mtwhaltungsstoff." „Da »nützte er zunächst die außerordentlichen Hörerinnen ausschließen!" flüsterte Gustav zu seine»»» Nachbar»». „Mein lieber Mautner!" ettviderbe Brandstätter ebenso leise. „Der Alte will, daß viele Leute bei feilten Vorlesungen sind!" — „Und das Material? Das ist ihm gleichgültig?"' fragte Güstav. — „Aber Mautimi Das verstehst du »richt. Das ist eine „GeMlsache!"- von l-sopc»Iri IMokis«. \w# UW rdfch rückte Vr — so »Mst es^die Reicht auf die ü»»- deren „Stufeurester" gestattete — zur Seite, aber nicht rasch ge»»ug, um eiirem kleinen Rippenstoß Gustavs für den „Witz" zu erstgchen. „Grobian," sagte er leise und Hofrat Klemer sägte laut : „Es hüben einige Herren um Thnneir für die Dissertatioiren ersucht." Gustav gab es einen Ruck. Wie das Reh nach dem M»»de, »vendete er sein Ohr zum Hosiat Kleiirer n»»d dieser rief: „Herr — Friedrich Seifert!" — „Also wieder »»ichts!" flüsterte Gustav enttäuscht zu seinem Nachbarn.. „Nur Geduld," erwiderte Brandstätter. „Er hat ja im Seminar gesagt, daß er einigen Herren' Themen geben wird, also..." Die »veiteren, vermutlich tröstende»» Worte Brandstätters ginge»» in den» St»»hlrückeir verloren uird aus dem Geräusch stieg ein blonder Jüngling, Herr Friedrich Seiscrt auf. Zagend, zögernd — als wär's eine Musterung — schritt er zum Podium uird stieg vorsichtig ztvischen den Leibern der „Stufenreiter" zum Katheder hinauf. — Ober», links von dem Getvaltige»» stand cin Sessel, von de»» Studenten der „Teli»»quentenstuhl" genannt. Dort »»ahn» Herr Seifert Platz. Hofrat Kleiner hatte indes einige Zettel herausgesucht uttb begann: „Ich gebe Ihne»» ei;» sehr interessautes Thema!" — „Du! Das sagt der Alte zu jeden»," flüsterte Gustav. „D a s Thema möcht' ich sehe»», das er iminteressant finbet!" Hosrat Kleiner aber, als fühlte er den Ziveifel seiner Hörer, »viederholte mit Nachdruck: „Ein sehr interessantes Thema! Ich gebe Ihnen: Bogumil Goltz. Ein Schriftsteller, der iir neuerer Zeit sehr zu Ehre»» geko»m»»e»» ist! — Sie kenne»» ja Bogu»nil Goltz?" Der blonde Seifert — kein Kind ist von Goltz so rem — nickte zustimnrend, »vorauf Hosrat Kleiner den Zeigefinger seiirer rechten Hand hob mrd bemerkte: „Keilt Geringerer als Gottfried Keller hat ihr: sehr gelobt!" — „Jetzt is mir leichter!" flüsterte Brandstätter. „Neuerdings," sprach der Hofrat tveiter, „hat dann Fra»rz Linhart, Stuttgart, 1905 eine Mistvahl aus seinen Schriften veranstaltet. — — Es wird sich darrin» sandeln, den Man»: schriftstellerisch zrr TAermoI- $arfc~ftrandbad Vöstau £ h O e s« 18 ° tm « Z: a o | 8 S (8 o V n A W, W Xty 2 cv £» er 2-2 *— b 93 2.oq ® a» ZS, ' < <v 2. 3 * CU a> s 31!- c U. Orößiie U5K3 in@dernsle IfiermalööderülllQdC Europas! Fassung-sraum 15.000 Personen. Pensionen und Hotels von erstrangigen Instituten bis zu den billigsten. — Prospekte und Auskünfte bereitwilligst durch die Kurkonimission Vöslau. bestimmen: Welchen» Kreise er angehört, von »ve»n beeinflußt..." U»rd »»un begann das übliche, gefürchtete Exame»»: „Welche Literatur werden Sie über den Mau-n benütze»»?" Der blonde Seifert starrte ahnungslos »rW — schwieg. Auch der Herr Hofrat; aber nicht lmrge, denn mit einen» »nißbilligenden Seitenblick auf Herrn Seifert sprach er zu»n Äuditorimn hinab und streirg — als hätte dieses nicht geantlvortet — ries er: „Mer so irnnt sollten doch schon die Herren int Studium sein, daß sie tvissen, wo die Literatur über eine»» Schriftsteller zu finden ist! — Es ist' sehr traurig, wenn Sie eine Mbeit beginnen und mit den:' Rüstzeug des Literar-Historikers noch »richt vertraut sind!"' (Fortsetzung fok-gt.) ' ' DOOOCCOQCOQCC:X©'X53a^fr>~ fOLKSWlRTSCBAinr Sine 6nqnete im Zallaurschuß ves Nationalrates. In die Generaldebatte über'die neue Zolltarifnovelle Ivurde gestern im Zollausschuß des Nationalrates eine Enquete erngcschoben, in der die österreichischen Experten bei der Genfer Weltwirtschaftskonferenz Bericht erstatteten. Der selbstverstärrdlrche Zusammenhang zlvischen der aktuellen Zollvorlage und den Beschlüssen von Genf ließ es Bundeskanzler Dr. Seipel ratsam erscheine»», in der Eröffnungsansprache vora»»szuschrcken, daß »vir — er meinte damit, wohl die schutzzöllnerisch eingestellte Regierungsmehrheit — selbstverstäi»dlich nicht die Meinung haben, aus den Verhandlungen der Weltwirtschaftskvnferenz alles he raus höre»: zu könne»:, was überhaupt fiir unsere Wirtschaftspolitik notivendrg sein werde. Jirsbesondere sei es ganz klar, daß bei aller Wichtigkeit, die den handelspolltischen Fragen zrrkommt, doch die Wirtschaftspolitik sich nicht in der Handelspolitik erschöpfen könne. Aus den Beschlüssen der Genfer Wirtschaftskonferenz hat man allerdings nicht heraushören könne»», daß die Zölle erhöht werden müssen, wozu sich eben jetzt Regierung und Mehrheit der österreichischen Volksvertretung anschickt. Von diesem Widerspruch ztvischien den Forderungen der Weltwirtschaftskonferenz, die da ben Mbau der Zollmauer»: empfohlen hat, und em ernlMliches Handelsvertrivtzssystenr hergesteilt »vcrdcn kan»». Die Handelsverträge solle»: langfristtg sein. Einurrd Ausfuhrverbote beseittgt, die Zollprozeduren vereinfacht werden. Hinsichtlich der K-a r tel'le begnügte mair sich zu sagen, die Staaten sollten im Prinzip Kartelle »richt verhindern. Der. Bölkerburrd habe nunmehr bestimmte Aufforderunge»: erhalte»», i»r einer geivissen Richtung zu arbeiten. Dr. Schüller zweifelt nicht, daß das zu' praktischen Ergebnissen führen rverde. Allerdings twrmag nie»nand vorauszusagen, ob eine Wendung der Haridelspolitik in absehbarer Zeit eintreten werde. Vo»r den bevorstehe»rden Aktione»: des Vöikerbuirdes erwähnte der Redner die für den November in Aussicht geirommene Ver-> samrnlung der Regierungsvcrtreier, die eine internationale Konventio»: über die Abschaffung der Ein- und Ausfuhrverbote zu beschließe»: Haber: tvird. Gleichzeitig »vird der Vertrag über Äs Rechts- und Wirtschastsstellrmg im Ausländer vorbereitet werden. Drtttens »vird eine Sachvsrstä»»digenkommission eingesetzt, die die Zolltarifschemen veremheit-. licherr soll und schließlich soll noch der Völkerbrrndrat eine Aktion einleiten, »velche untersuchen »vird, wie ein einheit-, liches Handelsvertragssystem hergestellt und die Hindernisse beseitigt oder verringert »verden tonnen, »velche die ö°n z«l,p°litifq«n Wstchtm d« jetzt inOch-rreich ton. dem Handelsverkehr bereiten, angebenden Wirischastskrerst zeugt -me i-de R-d-, drge. Gesandter a. D. tttiedl berichtete über die Fragen. stern vmi ^en Experten gchalten wnü>e. die von den österreichischen Handelskammern schon bei Sektiorrschef Dr. Schüller erstattete den Generalbericht. Er betonte voriveg, daß in Genf einheitliche B-eschlüsse zustande käme»», hauptsächlich deshalb, »veil I Äs wirtschaftlichen SchrvirrLgWton der Nachkr^rgsM I in allen euwpäischen Staate»: so ziemlich dieselben sind. Der euwpäisrhe Außenhandel ist um 11 Prozent geringer als vor dem Krieg) in allen Staaten ist die Arbeitslosigkeit eine Dauererscheinrrng, allüberall ist der Steuerdruck erdrückend, die Kapttalsmenge und die Kapitalsanfammlung nngerrügerck. Metallindustrie und Schiffahrt können rmr 60 Prozent ihrer Kapazität ausnützen, uiü» die Landwirtschaft leidet unter der Disparität des Preises der Waren, die sie zu verkaufen bzw. zu kaufen hat. Die fi«a»M»in Lasten könnten erst nach Jahrzehnten in dasselbe Verhältnis zum Volkseinkomrnen treten, tvie es vor dem Kriege bestarrd. Bon den verschiedenen Resolutionen hob Dr. Schütter insbesondere diejenigen hervor, die sich gegen die handelspolitische Absperrung richten. Der Hauptbeschluß derWeltwirtschaftskönferenz ging schließlich dahin, daß der Völkerbu»rdrat eine Aktion einleiten möge, um die Hindemisse ju verringern, die zu hohe Zölle dem Verkehr bereiten. Er soll ferner untersuchen, wie der Tagung der internationalen Handelskamrner in Paris aufgetvorfen »vorden sind. Die Vorschläge der österreichischen Handelskammern begegneten so ziemlich allgemeiner Billigung, doch »var der Erfolg hinsichtlich des vorgeschlageiren Tarifplafvnds fein durchgreifender.Durch eine»: solchen Tarifplafond würden die Staate»» die Verpflichtungen übernehme»», schon »vährend der Handelsvertragsverharldlurrgen autonom die Tarife, die eine bestimmt' Obergrenze überschritten haben, e»»tsprechend herunterzusetzen. Gesandter Riedl teilte auch mit, daß sich die Konferenz dafür ausgesprochen habe, daß Vas FrsmldGnssecht internatiisnNl auf eimr Konfqrienz Mres-lt »verden sott. Die Harrdelstmnmern verlangter», daß die Ausländer hinsichtlich eines Gewerbebetriebes ihrer zivilrechtlichen Stellung den Inländern gleichgestellt »verden. Das nreitergehende Verlange»:, auch die Frage der A bschaffung des Z»vangsvisu»ns und der' Zulassung des Ausländers zum Aufenthalt durch einen internationalen Vertrag zu reget»:, war von. der^ Verhandlung auf der Konferenz schon durch die Tagesördlmng selbst ausgeschlossen. Ministerialrat Dr. B r e za teilte mit, daß die Frage der Ein- und Ausfuhrbeschränkungen schon in der »räch-^ -««Mit»'Ä » Ä jTMi-.MtM* 4 '«kV . . >>< f'iCfefc‘1-